Man sagt, nichts bringt uns Menschen so sehr wieder zusammen wie eine gemeinsame Aufgabe. Dazu gibt es sogar wissenschaftliche Forschung, die systematisch untersucht hat, wie feindselige, verfeindete Lager zusammenfinden können. Dabei ist die sogenannte „erweiterte Kontakthypothese“ mittlerweile gut erforscht und bringt situationsübergreifend regelmäßig überraschende Ergebnisse.

Auf den Punkt gebracht hat zeigt diese Forschung als stabiles Ergebnis: Getrennte, wechselseitig Vorurteils-beladene, verfeindete Gruppen von Menschen finden zusammen und entwickeln eine deutlich positive Einstellung zueinander, wenn sie an einem gemeinamen Problem arbeiten und das Problem nur gemeinsam lösen können.

Es braucht also eine gemeinsame Aufgabe, um Feindschaft zwischen uns aufzulösen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Oder in der Umkehrung: Ohne gemeinsame Aufgabe leben wir uns „auf ganz natürliche Weise“ auseinander und finden uns plötzlich als Feinde wieder, die füreinander überhaupt kein Verständnis haben. – Wir Menschen sind nicht für das Leben in einer nebeneinander her lebenden Zweck-WG gemacht.

Häufig in der Menschheitsgeschichte wurde diese „gemeinsame Aufgabe“ gerade im Konflikt gegen andere Menschengruppen gesucht und gefunden. So hat z.B. der Konflikt gegen „die Perser“ und „gegen Sparta“ bei der Herausbildung der ersten Demokratie der Menschheitsgeschichte: im Zusammenschluss der athenischen Bürgerschaft eine ganz entscheidende Rolle gespielt.

Unsere heutige Situation ist jedoch eine andere: Wir leben in einer Gesellschaft ohne Außen, der allerdings noch die politischen Formen und Verfahren fehlen, um damit auch aktiv umgehen zu können, dass wir als Menschen alle in einer einzigen Gesellschaft leben.

Das ist Krise und Chance zugleich. – Es macht die Frage sinnvoll, was denn „das gemeinsame Projekt“ dieser neuartigen Weltgesellschaft sein könnte, die sich erstmals in der menschlichen Geschichte herausgebildet hat.

Die von mir derzeit bevorzugte Antwort ist: Die gemeinsame Aufgabe, die wir uns stellen können, um uns trotz unser endlosen Unterschiede und Konflikte anzunähern und Einigkeit zwischen uns herzustellen, ist unsere Gesellschaft selbst.

Das mag ein wenig abstrakt klingen. Auch nach selbstbezüglichem Mindfuck. Es ist aber – neben dem gemeinsamen Umgang mit den Herausforderungen, Grenzen und Möglichkeiten der Natur – die sinnvollste Aufgabe, die wir uns heute stellen können.

Glücklicherweise müssen wir dieses Projekt nicht völlig neu erfinden. Es existiert bereits in Ansätzen und nennt sich „Politik“. Politik ist ursprünglich gedacht als bewusste Intervention der Gesellschaft in sich selbst. Und ist diese Politik wirklich demokratisch, beteiligt sie also wirklich alle Bürger als Gleichranginge und Gleichwichtige, dann ist sie auch überaus handlungsfähig und erarbeitet neuartige Lösungen für neuartige Konstellationen in ihrer Gesellschaft. Demokratie ist diejenige Form der Politik, in der die Gesellschaft sich aktiv selbst gestaltet.

Um das plausibel zu finden: Dass unsere Gesellschaft unser gemeinsames Projekt wird, das uns alle einschließt und vereint, muss man sich allerdings vorstellen können, dass wir uns als Gesellschaft viel stärker politisieren als wir das bisher gewohnt waren. Dass wir also Formen finden, die uns alle zu aktiven Politikern machen und die Delegation der Politik an einige wenige unter uns aufheben.

Kommen wir heute lebenden Menschen auf diese Weise überaus regelmäßig zusammen: Als Bürger, als Freie und Gleiche, um an unserer Gesellschaft zu bauen, zu tüfteln, zu schrauben, anzupassen, zu verändern und neu zu erfinden, haben wir eine Gesellschaft, in der wir alle einvernehmlich miteinander leben können.

Unser Projekt sind dann wir selbst. Aber eben nicht als Einzelne und Zerstreute, nicht als voneinander Getrennte und sich feindselig Gegenüberstehende. Sondern auf einer höheren, politischen Ebene: Es ist ein Gemeinschaftsprojekt und keine Projekt für einsame Helden, die uns alle von uns selbst erlösen sollen. Demokratie, wenn sie gut institutionalisiert ist, braucht keine Helden. Sie ist Teamwork. Nur das dieses „Team“ die ganze Menschheit ist.

Dieses Menschheitsteam muss überhaupt erst erschaffen werden. Und das geht heute nur noch institutionell. Wiederum: Nicht als Leistung einer weniger „Führer“. Wir müssen als Weltbürger zusammen kommen, in politischen Räumen, die so konstruiert sind, dass sich in ihnen wirksam und einvernehmlich zusammenarbeiten lässt. „Zusammenkommen“ ist dabei im Wortsinne zu verstehen: Es braucht auch auf Weltebene Institutionen wie das G1000, die uns als Bürger losen und in einen gemeinsamen Raum einladen.

Die Form solcher Institutionen gibt es also längst, auch wenn man das angesichts des unvollkommenen, auch: unvollkommen politischen Zustands unserer Gesellschaft oft nicht glauben mag.

Es ist wie wir sehen weitaus weniger schwer als wir bisher geglaubt haben, Menschen mit völlig verschiedenen Situationen ( = uns selbst) in einen Raum zusammenzubringen und auf konstruktive Weise darüber beraten und entscheiden zu lassen, was hinsichtlich der Dinge geschehen soll, die gemeinsam beschlossen werden müssen. Ohne das die einen von uns die anderen von uns dabei „über den Tisch ziehen“ oder „unterbuttern“, oder dass nur faule Kompromisse dabei herauskommen, die jeden von uns unbefriedigt lassen.

Es ist gewissermaßen „zirkulär“, wovon ich hier spreche: Durch die gemeinsame Arbeit an der gemeinsamen Sache werden wir ein Team. Indem wir uns Formen geben, in denen wir uns als Team sehen, wird gemeinsame, konstruktive Arbeit möglich.

Politik und Demokratie wird also nicht allmählich, sondern „schlagartig“ möglich, wenn wir ein Setting schaffen, in dem wir alle als Gleichwertige zusammenarbeiten und jeder von uns dabei gleiches Gewicht hat.

Die konkreten Inhalte dieses „Projekts“ gehen ebenfalls von uns aus: Von unseren Ängsten, Hoffnungen, Wünschen, Gefühlen und Bedürfnissen. Die „Arbeit“ des Menschheitsteams besteht darin, sie mit den Ängsten, Hoffnungen, Wünschen, Gefülen und Bedürfnissen aller anderen zusammenzubringen und immer wieder neu zu koppeln, je nach momentanem Bedarf. Es ist also gerade die Gleichwertigkeit der Bedürfnisse aller Menschen, die uns in einer solchen Weltdemokratie Arbeit macht. Weil wir nicht einfach die Bedürfnisse einiger von uns für nachrangig oder „unwichtiger“ erklären können, gibt es Bedarf an der Erarbeitung neuartiger gesellschaftlicher Lösungen.

Der Konflikt zwischen uns ist die Arbeit zwischen uns. Nur dass wir diese Arbeit selbst auf einer höheren Ebene (in der Politik) konstruktiv gestalten, indem die Gleichwertigkeit aller von vornherein gesetzt ist. Politik kommt in einen arbeitsfähigen Modus, wenn sie institutionell sicherstellt, dass wirklich alle als absolut gleichwertig behandelt werden, dass es im Raum des Politischen keine versteckten Privilegien und Machtasymmetrien gibt. Kurz: Politik wird produktiv und ein „Erfolgsprojekt“, eine ganze Serie niemals endender Erfolgsprojekte, wenn sie wirklich demokratisch wird.

Denn das ist die Voraussetzung dafür, ein Team sein zu können. Demokratie ist die Voraussetzung für gute Beziehungen zwischen uns.

 

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