Jetzt, da die Partei der Grünen gerade Umfragewerte um die 20% der abstimmenden Wähler einfährt, kann man es spüren und raunen hören: „Sind die Grünen vielleicht die neue Volkspartei?“

Es ist eine Sehnsucht in uns, nach der guten alten Zeit, nach dem 2-3, na von mir aus auch 4-Parteien-System, nach stabilen politischen Verhältnissen, handlungsfähigen Koalitionen, die nicht von politischer Konkurrenz von allen Seiten so sehr bedrängt werden, dass sie sich entweder politisch komplett entkernen müssen oder so eifersüchtig über ihren Parteimarkenkern wachen, dass sie im Grunde völlig koalitionsunfähig werden. Nur führen heutzutage leider BEIDE Strategien dazu, dass Parteien immer mehr verzwergen.

Das gabe es früher nicht! Da konnte man als eine von vier Parteien mit beidem erfolgreich sein! Entweder als „Partei der Mitte“ oder als „radikale Randpartei“ mit klar erkennbarem „Parteiprofil“. Es waren einfach genug Wählerstimmen für alle da! Und wenn man es vielleicht auch bei einer Wahl mal nicht so ganz schaffte: Bei der nächsten war man dann zuverlässig wieder mit von der Partie und wahrscheinlich sogar in der Regierung! Der Kuchen war stets gut genug. Das Tortendiagramm überschaubar. Aber die Torte ist nunmal leider nicht größer geworden, nun, da sich immer mehr Parteien eine Wahlparty leisten können, weil sie doch tatsächlich genug Wählerstimmen dafür gewinnen. Nur zur Volkspartei reicht es halt bei keiner.

Vielleicht sollten wir wirklich daran gehen, die Torte zur vergrößern: z.B. 120% Stimmen bei der nächsten Wahl! Vielleicht hilft das ja bei der Wiedergeburt der Volksparteien? – Machen wir ja auch in der Wirtschaft so: „Wenn die Wirtschaft immer weiter wächst, dann ist stets genug für alle da, auch wenn nicht alle gleich viel haben!“ Vielleicht sollten wir mal über ein Politwachstum, über ein Wahlstimmenwachstum nachdenken!? Ja, warum denn nicht? Wenn wir auf diese Weise unsere Volksparteien zurück bekommen! Hallo? Das sollte uns schon das eine oder andere mathematische Opfer wert sein!

Ja, was waren das aber auch für glückselige politische Zeiten! Es gab klare Schichten, klare „Wählermilieus“. Waren wir „bürgerlich“, so wählten wir eine C-Partei. Waren wir „Arbeiter“, dann die SPD. Waren wir „Unternehmer oder Freiberufler“, dann die FDP. Und waren wir sozialliberale Beamte und Lehrer, dann leisteten wir uns heimlich ein grünes Kreuzchen. Das durfte dann aber niemand wissen! Nur die völlig Durchgeknallten unter uns wählten damals nicht oder etwas anderes als diese staatstragenden Säulen unseres politischen Systems.

Und heute? Wo soll das enden? Bald hat jeder von uns seine eigene Partei!

Wir wünschen uns also zurück ins goldene Zeitalter der frühen Bundesrepublik. Als die politische Welt noch in Ordnung war. Dafür muss eine Partei – einfach nur irgendeine! – so groß und stabil werden, so „souverän“, dass wir nichts an unseren demokratischen Verfahren reformieren müssen, um wieder politische Stabilität zu erhalten.

Ach, das wäre schön!

Nun aber kommen gefühlt täglich neue Parteien hinzu! Und die alten, die wollen einfach nicht wegsterben. Die schrumpfen nur! – Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis wir die 5%-Hürde zum Einzug in unsere Parlamente kippen müssen, weil einfach gar keine Partei diese Marke mehr realistischerweise überspringen kann. Und alles nur, weil das Volk neuerdings so unglaublich eigensinnig ist, dass es sich keine Partei mehr en masse zu ihrer ureigenen erwählt! Zu ihrer vorbestimmten, fraglosen, ewigen. „Bis dass die Politikverdrossenheit sie scheidet“, das gilt heute einfach nichts mehr, in dieser so polit-egoistischen, bitteren Zeit!

Es war wirklich herrlich mit diesen guten alten Volksparteien. Wie dumm von uns, uns als Gesellschaft weiter zu entwickeln! Hätten wir das nicht vorhersehen können? Hätten wir uns da nicht einfach etwas zurückhalten können! Mit etwas mehr Respekt vor unserem politischen System, das solche Veränderungen leider nicht verdauen kann? Mussten wir denn unbedingt die Differenzierung der Gesellschaft auf Splitterpartei komm raus vorantreiben?

Doch jetzt ist es zu spät. Die guten alten Zeiten sind vorbei. Für immer perdu die Glückseligkeit der Elefantenrunden.

Da sich die Parteien par tout nicht mehr einen wollen, sondern sich immer nur noch spalten und weiter spalten, müssen das Geschäft der politischen Einigung wohl doch tatsächlich DIE BÜRGER an ihrer Stelle verrichten. Soweit ist es also schon gekommen! Wir müssen jetzt also echte Demokratie zulassen! Nur wegen der politischen Stabilität! Nur weil die Parteien sich zerfleischen und gar nicht mehr zusammen kommen! Wenn FJS das noch miterleben müsste, er würde sich…

…aber lassen wir das.

Eins ist jedenfalls sicher: „Die Volksparteien“ – sie kehren nicht mehr zurück.

Ich an dieser Stelle kann nur hoffen, dass dieser allzu frühe Nachruf auf sie wertschätzend und liebevoll genug ausgefallen ist. Ich Danke Ihnen für Ihre Anteilnahme. Sie müssen die Tränen nicht länger zurückhalten und dürfen jetzt die Blume in den Farben Ihrer Wahl hineinwerfen…

Advertisements