Wann lassen wir uns bewegen? Wann ändern wir unsere Meinung? – Die traditionelle Politik schwankt in dieser Frage zwischen zwei Vorstellungen:

1) Der platonischen Vorstellung, dass das bessere Argument im unmittelbaren Gespräch siegen kann, in der öffentlichen Rede aber untergeht, weswegen man „vernünftige“ Herrscher ausbilden müsse, die dann top-down durchregieren. Dieser – man könnte sagen – „geistesaristokratische“ Standpunkt hat in der Moderne durch Popper und Co. viel Widerspruch erfahren, obwohl er nach wie vor ein überaus lebendiger Bestandteil unserer heutigen Sichtweisen und Reden über Politik ist. Auch in der Art und Weise wie wir in der Moderne „Demokratie“ ganz konkret, verfahrenstechnisch institutionalisiert haben, ist von der platonischen Einschätzung durchdrungen. Gewissermaßen sind wir, zumindest teilweise, auch heute noch alle miteinander „politische Platoniker“. Wir folgen wir in unseren Institutionen einer platonischen Vorstellung von Politik, einer platonischen Vorstellung von Handlungskoordination und einer platonischen Vorstellung davon, wie wir Menschen angeblich funktionieren.

2) Der andere traditionelle Pol wird verkörpert durch die „politisch-rhetorische Vernunft“. Er ist weniger bekannt und in unseren heutigen öffentlichen Diskursen weniger deutlich verankert und aufspürbar. Gleichwohl ist auch er ein fester Bestandteil abendländischen Denkens über Politik. Dieser Politikbegriff ist eng gekoppelt an die politische Alltagspraxis im antiken Athen, also an die athenische Demokratie. Exemplarisch kann man diese Vorstellung von Politik z.B. festmachen an den ausformulierten Positionen des antiken Rhetorik-Lehrers Gorgias oder an der „vorbildlichen“ Gestalt des antiken Politikers Perikles.

Die politisch-rhetorische Vernunft besagt, dass der Mensch und damit auch gesamte menschliche Gemeinwesen („die Polis“, der Staat) auch durch eine andere Macht als die reine Polizeigewalt bewegt werden kann, nämlich durch die Eindrücke der geschickt gebauten Rede. Indem der gebildete Rhetor (eine ganz andere Bildung als die akademisch-platonische ist hier gemeint) die Sprache auf eine ganz bestimmte Weise handhabt, ist er in der Lage, die Bürger zu vereinen und zu einem veränderten Handeln zu bewegen. Dies sei die eigentlich „politische“ Art, im Unterschied zur unpolitischen Bewegung der Menschen durch Gewalt. Gewaltfreiheit ist in dieser Auffassung ein, wenn nicht das zentrale Merkmal von „Politik“. Und das ist eine politische Grundauffassung, die man prominent in der Moderne von Hannah Arendt aufgegriffen findet, die sich auf die gleichen Quellen bezieht, wie wir das hier gerade tun.

Um diese Grundauffassung, diesen Standpunkt zu verstehen, muss man vielleicht wissen, dass die athenische Volksversammlung oft aus mehr als 6000 teilnehmenden athenischen Bürgern bestand, vor denen und von denen jeder seine Stimme erheben und politische Beiträge leisten konnte. „Rhetorik“ hat in diesem Kontext eine ganz andere Bedeutung, eine strukturelle und struktur-gebende nämlich, als sie es im Rahmen unserer heutigen Gesellschaft und heutigen politischen Institutionen hat. Heute ist Rhetorik mehr ein persönliches Karriere-Attribut Einzelner, ein Attribut unter anderen, denn man muss heute kein „bewegender Redner“ sein, um politische Karriere zu machen. Und schon gleich gar nicht, muss man heute „die Massen bewegen können“, um politischen Einfluss geltend zu machen. Zahlreiche überaus einflussreiche Politiker beweisen heute, dass es auch ganz andere persönliche Qualitäten sein können, über die politische Ämter in unserer derzeitigen Form von Demokratie erlangt werden können. – Gerade in Deutschland hat man die verfassungsmäßige Grundstruktur aus historischer Erfahrung heraus „an der Rhetorik vorbei gebaut“.

Wenn wir also Hitler- oder Goebbels-ähnliche Gestalten vor Augen haben, wenn wir an die großen Rhetoren der antiken Polis denken, dann liegen wir damit zu einem Drittel richtig und zu zwei Dritteln verkehrt. Richtig liegen wir damit, dass es genau so eine Situation ist, wie wir sie dann vor unserem geistigen Auge haben, wenn wir an die Bedeutung von Reden im Nationalsozialismus denken: Hier der Redner, dort die Masse. Falsch liegen wir mit dieser intuitiven Vorstellung in Bezug auf die athenische Demokratie, weil dort eben alle ihre Stimme erheben konnten und auch erhoben haben, und nicht nur einige sehr wenige, ganz allein diktatorisch Tonangebende. Und weiterhin falsch liegen wir auch, weil die Antike zwar ebenfalls „Verführer der Massen“ kannte, aber eben zugleich genauso „Perikles-Gestalten“. Letztere kann man sich vorstellen wie „gute Könige“ die ihre Macht aber eben aus der „Gabe der Rede“ bezogen und nicht aus anderen Quellen. Der ehemalige us-amerikanische Präsident Barack Obama kommt in unserer Zeit dieser „Form“ recht nahe.

Dass die Gestalt solcher „guten Rhetoren“, guten Anleitern der Volksmasse, die ihre Leidenschaften geschickt und zum Wohle Aller anleiten („Psychagogie“) in sich hochproblematisch ist, ist aber auch schon der Antike selbst irgendwann aufgegangen. Spätestens mit den mehrfachen politischen Katastrophen des Peloponnesischen Krieges, der für die griechische Polis-Kultur einen tiefen Einschnitt bedeutete. Politische Erkenntnis aus leidvoller Erfahrung also. Die Nachwirkungen der seelisch-geistigen Erschütterungen dieses Krieges und was er v.a. für die athenischen Bürger bedeutete, sind in der ganzen abendländischen Geschichte nachzuverfolgen, bis auf den heutigen Tag. D(ies)er Krieg war die eigentliche Geburtsstätte und der Auslöser der Philosophie im engeren Sinne, wie sie durch Platon prägend begründet wurde.

Platon reagiert mit seinem „rationalistischen“ politischen Standpunkt („wir müssen die Herrscher seelisch erziehen, und niemand darf Herrschen, der nicht philosophisch erzogen wurde“) auf eine tiefe Krise der Polis und ihr Selbstverständnis im Sinne der politisch-rhetorischen Vernunft. Diese schwere politische Krise mit tausenden Toten, Chaos und ausufernden Grausamkeiten bildet den politischen Hintergrund zu seiner vernichtenden Kritik an der von ihm polemisch als „Sophistik“ bezeichneten politisch-rhetorischen Vernunft. Dass es zur rhetorischen Sichtweise auf das Politische aber um einiges mehr zu sagen gibt als nur das, was Platon als erklärter Todfeind dieses Standpunkts zu ihm überliefert hat, dürfte intuitiv klar sein. Wer eine runde Gesamt-Einschätzung zur Frage nach der Förderung von erneuerbaren Energien haben will, sollte vielleicht nicht nur die Ölkonzerne fragen.

Moderne Verwirrungen

Zwischen diesen beiden Standpunkten, was und wie Politik soll, schwankt die moderne Gesellschaft nun seit grob 200 Jahren hin und her, und kann den inneren Widerspruch zwischen beiden nicht auflösen. Einerseits hat sie durchaus den platonischen Standpunkt zur Politik instutionalisiert, nachdem eine gebildete, quasi-aristokratische Klasse den Rest der Bürger mittels staatlicher Gewalt anleiten, lenken und beherrschen soll. Andererseits hat sie auch den (deutlich demokratischen) Anspruch der politisch-rhetorischen Vernunft in sich aufgenommen, dass alle sich durch die freie Rede an der Politik beteiligen sollen, als „Freie und Gleiche“.

Über den hobbesianischen Standpunkt zur Politik: Dass es für einen guten politischen Zustand allein schon ausreiche, dass es überhaupt eine einheitliche Staatsgewalt, ein staatliches Gewaltmonopol gibt, will ich an dieser Stelle nicht all zu viele Worte verlieren, obwohl gerade dieser Standpunkt für die moderne Auffassung von Politik prägend war wie kein zweiter. Hobbes‘ „Kontraktualismus“ ist aus einer unmittelbar anomischen Erfahrung des Bürgerkriegs hervorgegangen und hatte – anders als Platon – aber keine entwickelte politische Kultur als unmittelbar anschaulichen Kontrapunkt. Man findet also bei Hobbes ein ähnliches politisches Trauma wie bei Platon, aber ohne Auseinandersetzung mit der entwickelten Polis-Kultur, an der alle Bürger hochaktiv und regelmäßig teilnahmen. Daher vernachlässige ich diesen Standpunkt hier. Er ist im Grunde im Platonischen miteingeschlossen. Oder anders: Platon ist Hobbes + „philosophischer“ Erziehung der Herrscher. Das politisch Ideal einer „weise geführten Tyrannis“, geleitet von systematisch dafür herbeigezüchteten „guten Königen“. Spätere Kontraktualisten haben dann Elemente der politisch-rhetorischen Vernunft in die Hobbes’sche Politikkonzeption einzuführen versucht und sind – zumindest nach meiner Einschätzung – damit allesamt gescheiter. Dieses Scheitern lässt sich auch sehr deutlich an den politischen Institutionen und Verfahren ablesen, die wir heute haben.

Dass wir heute beispielsweise Demokratie über Parteien zu organisieren versuchen, in denen diejenigen Menschen bestimmend sind, die sich zunächst langwierig in einer Parteihierachie hochkämpfen und dann auch noch Wahlen gewinnen müssen, ist ein Element eines aristokratischen Politikverständnisses. Dass wir zugleich großen Wert auf Parlamentarismus legen, auf die Rede und verbale Auseinandersetzung vor einer Quasi-Volksversammlung, gehört genauso zu den politisch-rhetorischen Elementen unseres heutigen Politikverständnisses, wie die medialen oder sozial-medialen Auseinandersetzungen unserer Tage via twitter und Co. – Den philosophischen Grundkonflikt zwischen beiden Auffassungen ignorieren wir dabei und tun so als ob es ihn gar nicht gäbe. Wir sind sozusagen „politisch Unentschiedene“, was vielleicht gar nicht das Schlechteste ist, wenn man keine Alternative kennt, kein Drittes, das den Widerspruch zwischen beiden Formen auflöst und die ursprüngliche Frage der Politik anders zu beantworten weiß.

Diese eigentliche Frage der Politik ist die eingangs in diesem Artikel erwähnte: Wie bewegt man Menschen? Und in-sich-ausdifferenziert lautet die Frage: Wie ändert man ihre Meinung, ihr Verhalten? Wie bewegt man ganze Mengen von Menschen, die in einem Gemeinwesen einigermaßen geordnet zusammenleben? Wie bewegt man Menschen zu ihrem eigenen Besten? Wie verhindert man selbstschädigendes Verhalten in einem Geweinwesen?

Während wir also nun – mit Platon – teilweise glauben, dass politisch nur Zwang hilft, glauben wir zugleich – mit den antiken Rhetoren – teilweise, dass Gut-Zureden in ganz bestimmen Formen unsere politische Koordination leisten kann und muss.

Hinzu kommt das spezifisch moderne „Problem“ des viel größeren Flächenstaats, mit einer viel größeren Menge an Bürgern und einer in-sich weitaus verschiedeneren Bevölkerung, die ein Gemeinwesen bildet. Wir versuchen einer völlig neuartigen Gesellschaftsform mit der Unentschiedenheit zwischen zwei antiken Politikverständnissen beizukommen, die beide für sich selbst genommen jeweils schon große Pferdefüße mitbringen und zudem untereinander spinnefeind sind.- Dass unsere moderne Politik bisher zum Abgewöhnen ist, sollte uns daher nicht überraschen.

Unsere therapeutische Erfahrung

Will man diese politischen Widersprüche auflösen, muss man möglicherweise auf eine außer-politische Erfahrung Bezug nehmen. Auf eine spezifisch moderne noch dazu, die sich erst im 20. Jahrhundert allmählich herausgebildet hat und genuin „unsere“ ist.

Denn zur ursprünglichen politischen Frage haben wir eben unsere ganz eigenen Erfahrungen machen dürfen. Wir wissen heute deutlich besser, „wie man einen Menschen bewegt“, zumindest unter modernen Bedingungen. Denn die antike politische Gesellschaft war nicht nur ein chauvinistischer Club von Männern über 30, auch die ganze antik-griechische Gesellschaft war in sich weitaus homogener als unsere heutige. Den damaligen „Adel“ trennte nicht wirklich viel vom „Normalbürger“, wie wir heute sagen würden. Auch dieser hatte ein eigenes Haus (oikos). Auch dieser strebte – mit vergleichsweise geringeren Mitteln und Chancen – dem Adelsideal des Sich-Öffentlich-Hervortuns und Glänzens nach. Man lebte eng verbunden, mit intensiven persönlichen Kontakten untereinander. Im Grunde handelte es sich um eine expansive Agrargesellschaft mit raubbeuterischen Elementen. Diese gesellschaftliche Homogenität mag der Grund sein, warum der Antike die eigentlichen „Beweggründe“ von uns Menschen verborgen blieben: Die Voraussetzungen, einen Menschen zu bewegen, waren zu selbstverständlich gegeben, um ins Bewusstsein zu treten. Wie unbewegte Luft, die einen Raum füllt, erst dann wahrgenommen wird, wenn man den Raum verlässt und neu betritt.

Nachdem in der modernen Gesellschaft einiges nicht mehr ganz so selbstverständlich ist, was in der Antike noch völlig allgemein gegeben war, wird aber klarer, was sowohl an der platonischen als auch an der politisch-rhetorischen Auffassung von Politik hochproblematisch ist. Und warum wir also, solange wir einer dieser beiden Verständnisse verpflichtet sind (oder zwischen beiden Schwanken) immer große Probleme haben, unsere politischen Gemeinweisen befriedigend zu organisieren.

In modernen Formen der Psychotherapie hat sich im 20. Jahrhundert viel praktische Erfahrung zu der auch politisch relevanten Frage angesammelt, wie wir Menschen zu unserem Besten zu bewegen sind. Im Therapiejargon spricht man sogar offen von „Interventionen in selbst-schädigendes Verhalten“. Und es fordert nur wenig Nachdenken, um zu verstehen, dass wir von unserer Politik exakt das Gleiche erwarten, nur eben auf einer kollektiven Ebene.

Rückblickend erscheint nun der philosophisch gebildete platonische gute König als eine solche „Intervention“. Und genauso der gebildete, wohlmeinende Rhetor der politisch-rhetorischen Vernunft. – Wir können aber mit dem psychologischen Mehr-Wissen der Moderne heute genauer sagen, warum beide Formen niemals so wirklich überzeugend funktioniert haben, und wenn doch, unter äußerst spezifischen Bedingungen und für eine äußerst begrenzte Dauer:

Wenn die politische Grundfrage ist, wie wir Menschen uns zur Aufgabe von Meinungen und Verhaltensweisen bewegen lassen, mittels derer wir uns selbst zu schädigen beginnen, so ist der entscheidende Faktor, den die moderne Therapie herausgearbeitet hat und anwendet: Die therapeutische Beziehung. Da wir Menschen Angriffe auf unser Meinen und unser Verhalten psychologisch ähnlich auffassen wie körperliche Angriffe und Verletzungen, ist es die Beziehungs-Sicherheit, dass der, der uns da so angeht, es wohl mit uns meint, dass er sich wirklich nachhaltig für uns interessiert, der uns über diese „Interventionen“ psychologisch hinweghilft und sie produktiv aufgreifbar für uns macht.

Ein Therapeut also, den wir über seine Interveniererei rein als „unfreundlich“ erleben, ist völlig wirkungslos, oft sogar schädlich, denn er verfestigt oft sogar noch unser selbstschädigendes Meinen und Verhalten. „Backfire effect“ nennt man das in der Psychologie.

Wir können aus heutiger, moderner Sicht deutlich erkennen, dass dieser für erfolgreiche Therapieprozesse notwendige Beziehungsaspekt in der attischen Demokratie einfach gegeben war: Dass Beziehungs-Unmittelbarkeit untereinander für die athener Bürger völlig selbstverständlich und allgemein gegeben war. Und dass genau das die „unsichtbare“ Voraussetzung für die Wirksamkeit sowohl platonischer Rationalität als auch der rhetorischen Rede war. Man war untereinander verbunden, um nicht zu sagen: Man war miteinander befreundet. Und das war so selbstverständlich „da“, dass es für die antiken Griechen selbst nicht zum Thema werden konnte.

Zugleich erkennen wir heute damit aber auch die politische Beziehungsarmut unserer eigenen, heutigen Gesellschaft. Es fehlt das, was man „Bürgerfreundschaft“ nennen könnte. Und unsere quasi-aristokratischen Politiker haben es gleich doppelt schwer, sich mit „ihren“ Bürger anzufreunden. Erfolgreiche politische „Therapie“ ist auf diese Weise nicht möglich. Das können wir aufgrund unserer modernen Erfahrung mit therapeutischen Prozesse mit großer Sicherheit sagen.

Die Summe bisheriger psychotherpeutischer Erfahrung wird in einem Kongresstitel gut zusammengefasst: „Reden reicht nicht“.

Diese Erfahrung ist in der Psychotherapie eine sehr unmittelbare: Man kann an einen Menschen rhetorisch hinreden wie an ein krankes Pferd. Allein, man wird auf diesem Weg nur die wenigsten Menschen dazu bewegen können, ein von ihnen aus guten Gründen liebgewonnenes selbst-schädigendes Verhalten aufzugeben.

Wichtiger ist daher noch der zweite Titel des Kongresses: „Würde in der Psychotherapie“. Denn nachhaltig erfolgreich sind nur Psychotherapien, die sehr gezielt und aufmerksam darauf achten, die Würde des „Patienten“ nicht durch die Therapie selbst zu mindern oder zu schädigen. Therapie auf Augenhöhe ist daher ein ganz eigenes Thema und eine ganz eigene Herausforderung.

Die therapeutische Erfahrung der Moderne zeigt uns daher: Es ist die systematische Achtung und Nutzung der Beziehung, mit der wir zu neuem Denken und Verhalten zu bewegen sind. Die Vorstellung Platons wie der Rhetorik von der Veränderbarkeit menschlichen Verhaltensweise erscheinen demgegenüber vergleichsweise naiv und unterkomplex.

Moderner Ausgang aus der unverschuldeten, allgemeinen Feindseligkeit

Wenn es aber „mehr gute Beziehung“ ist, was wir in der Politik brauchen und bislang auf so fatale Weise vermissen, stellen sich sofort die nächsten Fragen:

Wie soll das in einer modernen Massengesellschaft praktisch-institutionell umsetzbar sein?

Es können ja nicht wenige Politiker überall umherreisen und die Beziehungs-Brücken zwischen allen, allen Bürgern bilden – Was freilich Politiker derzeit nicht davon abhält, genau diese Unmöglichkeit zu versuchen, vor allem vor Wahlen.

Wenn Beziehung das ist, was uns unsere Meinungen verändern lässt, und wenn die Veränderbarkeit unseres Meinens das ist, worauf Politik fundamental angewiesen ist, so gibt es logischerweise nur eine Lösung:

Man muss Politik auf viel entschiedenere Weise demokratisieren als wir das bisher gemacht haben. Es kann dann nicht mehr um den wohlmeinenden Rhetor oder Philosophenkönig gehen, sondern es muss dann darum gehen, dass die Bürger untereinander selbst in eine Beziehung treten und aneinander reiben können. Schmerzvoll mitunter, lustvoll meist.

Die vermittelnde Beziehungsarbeit, die in therapeutischen Veränderungen vom Therapeuten getragen wird, muss auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene von den Bürgern selbst übernommen werden. Nur wenige Menschen, z.B. gewählte Berufspolitiker können diese Arbeit nicht leisten. Nicht nur rein praktisch nicht. Sondern auch beziehungsdynamisch nicht, weil es immer eine „ungute Beziehung“ bleibt, die von einer fundamentalen Machtasymmetrie geprägt ist, die produktive Formen der Meinungsveränderung unmöglich macht. Die modernen therapeutische Erfahrungen sind in dieser Hinsicht sehr eindeutig.

Ignoriert man in der Politik das angesammelte moderne therapeutische Wissen über menschliche Veränderbarkeit, gelangt man automatisch entweder zur platonischen Position: „Wir wissen es besser, daher werden wir Euch jetzt zu Eurem Besten zwingen!“ oder zur heute ziemlich ohnmächtigen bzw. nur in negativer Hinsicht wirksamen rhetorischen Position: „Wir reden an Euch von allen Seiten penetrant hin! Wir machen Euch Angst, bis Ihr das aus unserer Sicht Richtige tut. Buh!“ – Auf diese Weise muss Politik heute zu einer einzigen großen Enttäuschung werden. Für Beteiligte auf allen Seiten. Für Berufspolitiker genauso wie für „einfache“, politisch passiv bleibende Bürger. – Negativ ist die rhetorische Position heute v.a. deswegen, weil Angst über die mediale Vermittlung nachweislich stärker wirkt als andere rhetorisch hervorrufbare Emotionen. Über die Negativität des tyrannisch-diktatorischen Standpunkts muss man wahrscheinlich nicht viele Worte verlieren.

Institutionell bedeutet die Einsicht in die Notwendigkeit von freundlichen Beziehungen für die Politik vor allem Zweierlei:

1.) Das demokratische Losverfahren, das auch die antike Demokratie im Kern bestimmte, ist auch heute unverzichtbar. Nur durch Losen bringen wir wirklich alle unterschiedlichen Bürger – in eben dieser ihrer Unterschiedlichkeit – in einem politischen Raum zusammen. Nur so kann die Beziehungsarbeit vonstatten gehen, die für Politik die unbedingt notwendige Voraussetzung ist.

Unter den Bedingungen moderner Großgesellschaften repräsentieren geloste Mini-Bürgerschaften die Gesellschaft bestmöglich. Und in diesen, vergleichsweise kleinen Gruppen wird die antike Volksversammlung optimal nachgestellt. Allerdings mit einem deutlich heterogeneren und friedliebenderen „Völkchen“.

2.) Die politische Auseinandersetzung darf nicht im „Plenum“ erfolgen, sondern so, wie es heute auf beinahe allen gelosten Bürgerkonventen üblich ist: In Kleingruppen. Es ist das Gespräch in der Kleingruppe, das die Beziehung möglich und die Rhetorik unnötig macht. Es ist dann nicht eben der großartige, wohlmeinende Rhetor, der über Wohl und Wehe eines Gemeinwesens bestimmt, in seinem Vorhandensein oder in seinem Fehlen.

Dadurch dass das Wesentliche der Politik im Gespräch der wenigen, sich zufällig immer wieder neu durchmischenden Bürger stattfindet, ändern sich die Meinungen der Bürger. Kein anderes Politikformat ist in dieser Hinsicht ähnlich leistungsstark.

Durch diese beiden Elemente bekommen wir nicht nur eine wesentlich beweglichere, verständigere Politik. Wir kommen auch aus den paternalistischen Aporien heraus, unter denen wir mit unserer Teil-Zustimmung zur platonischen und zur rhetorischen Position feststecken: Dass Wenige den Vielen sagen, was für sie politisch gut ist. Stattdessen sagen sich nun die Vielen selbst, was für sie jeweils gut ist und finden unmittelbar zusammen. Ohne Vermittlung über einen mathematischen Ideenhimmel oder einen begnadeten Rhetor, der auch noch konkurrenzlos und wohlmeinend sein muss.

Politik in kleinen Gruppen

Politik in kleinen Gruppen hat heute einen schlechten Ruf, weil wir dabei unmittelbar an „Hinterzimmerpolitik“ denken müssen, an geheime Absprachen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, unter Ausschluss der allermeisten Bürger, an unsaubere Deals also, zulasten des Gemeinwohls.

Wenn aber jene kleinen Gruppen die Allgemeinheit selbst repräsentieren, sieht die Sache völlig anders aus: Wir sehen dann, dass Beziehungen nun kein Problem mehr sind, sondern die dabei spontan entstehenden „Beziehungssysteme“ (erneut: Therapeuten-Jargon) genau die Brücke sind, über die die sinnvolle, konstruktive und auch innovative politische Veränderung läuft.

Eine Brücke die in „unserer“ Politik seit nunmehr 2400 Jahren schmerzlich fehlt.

Ein Fehlen das unendlich viel überflüssiges politisches Leid verursacht hat und auch weiterhin verursachen wird, solange wir nicht beherzt zu den heute notwendigen politischen Verfahren und Institutionen greifen.

Das Los garantiert, dass wir alle fair in der Politik vertreten sind.

Das politische Gespräch in Kleingruppen garantiert, dass wir keine politischen „Führer“ mehr brauchen, um sinnvolle Veränderungen zu beschließen.

Beides zusammen garantiert, dass unsere Politik wirklich demokratisch ist.

 

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