Ein System kann sich nie aus sich selbst heraus verändern: Aus sich selbst heraus macht ein System genau das, was es immer schon gemacht hat. Genau diese „Stabilität“ zeichnet Systeme als Systeme ja gerade aus.

Besser als ich konnte das Peter Kruse erklären:

Darum brauchen Systeme massive Irritationen von außen, um sich verändern zu können. Auch nicht Irritationen, nach denen sie sich leicht wieder fangen, sondern „echte Erschütterungen“: Das heißt Ereignisse in ihrer „Umwelt“, die auf eine Weise Repräsentation im System finden, nach denen das System nicht einfach weiter vor sich hin prozessieren kann wie bisher. Das System wird sozusagen „arbeitsunfähig“ durch solche Irritationen. Das System entsystemisiert sich. – Nur so werden „Systemveränderungen“ möglich.

Systemveränderungen sind daher streng genommen niemals „Veränderungen des Systems“, sondern vielmehr „Sprünge von einem System zum anderen“. Wo eben noch System1 war ist plötzlich, nach einem Bruch, System2 am Werk.

Wenn sich ein System wirklich verändert nach solchen Erschütterungen von Außen, ist es nicht mehr mit sich selbst identisch. Ein anderes, neues System ist entstanden und das alte System existiert nicht mehr. – Das gilt, btw auch für Beziehungssysteme. „Fremdgehen“ ist dafür ein häufiges, uns wohlbekanntes Beispiel. Wobei – interessanterweise – eben nicht jedes Fremdgehen jedes Beziehungssystem sprengt. Es kommt darauf an, welche Bedeutung dem Fremdgehen innerhalb des ursprünglichen Beziehungssystems zugeschrieben wird, ob dieses „Ereignis“ das System sprengt oder ob das System erhalten bleibt.

Auch psychische Systeme kennen das Phänomen des System-Sprungs. Die für sie unverarbeitbaren Irritationen von außen kommen in diesem Fall häufig von „anderen psychischen Systemen“ (verkürzt: von anderen Menschen). Häufig sind das entweder völlig neue Menschen, die „plötzlich in unser Leben treten“. Oder uns nahestehende, emotional für uns bedeutsame, auch für unsere Systemstabilität wichtige Menschen fangen an, „sich plötzlich ganz anders zu verhalten“.

Die „Krisen“, in die wir stürzen, den „Systemzusammenbruch“, den wir in solchen Fällen erleben können, können wir als Menschen nur überstehen, wenn wir andere Menschen um uns haben, die es uns ermöglichen, ein neues System aufzubauen. – Es werden sozusagen andere Menschen zur Garantie der Systemstabilität oder der „Identität des sich verändernden Systems“, wo beides: Stabilität und Identität ( = Selbstähnlichkeit) im Grunde gerade eben gar nicht mehr gegeben ist.

Kurz: Menschen irritieren uns so, dass wir in tiefe Krisen stürzen können. Und es sind zugleich Menschen, die für uns solche Krisen aushaltbar, überlebbar und auch produktiv nutzbar machen.

Alle Formen von Coaching und auch alle Formen von Therapie beruhen auf diesen beiden Aspekten von „Krisenerleben“ in psychischen Systemen: Auf der menschlichen Hervorrufbarkeit und auf der menschlichen Auffangbarkeit von psychischen „Systemkrisen“.

Bei ganzen Gesellschaften gestaltet sich die Sache mangels eines liebevollen und dennoch fordernden Außens als etwas „interessanter“.

Dass sich Gesellschaften – wie es bereits einige Gesellschaftssysteme in der Menschheitsgeschichte erfolgreich nachgewiesen haben – tatsächlich erfolgreich selbst therapieren, selbst verändern können, und zwar ohne komplette Systemzusammenbrüche, gehört zu den ganz großen Wundern des systemischen Denkens.

Denn eigentlich sollte das gar nicht möglich sein. Solche System-Selbstveränderungen widersprechen scheinbar mehreren Grundannahmen des systemischen Denkens. Gleichwohl sind sie faktisch möglich, denn sie haben sich faktisch bereits ereignet. Nur sind sie bisher eben eher selten geblieben in der Menschheitsgeschichte. Und das deutet darauf hin, dass Systemselbstveränderungen bei ganzen Gesellschaften einigermaßen voraussetzungsreich sind.

Der Normalfall der Gesellschaftsveränderung, die stásis, läuft anders ab.

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