Ein weiterer interessanter Aspekt, den man an der Entwicklung der antiken Demokratie beobachten kann: Sie bestand darin, alle anderen „raufzuziehen“, nicht darin, die Oberschicht jener Gesellschaft „runterzuziehen“.

Es wäre also eigentlich falsch zu sagen, dass die schrittweise Einführung der Demokratie in die attische Gesellschaft darin bestanden hätte, „politische Privilegien“ abzuschaffen. Und das sogar in doppelter Hinsicht:

Im Grunde waren die Privilegien, die der antike Adel durchaus hatte, im strengen Sinne des Wortes „unpolitisch“. Denn eine Politik im Sinne einer die gesamten Bürgerschaft umfassenden Entität gab es eigentlich nicht. In der Tat war diese „Unpolitizität“ oder allgemeine „Privatheit“ sogar die Voraussetzung dafür, dass so etwas wie Demokratie überhaupt entstehen konnte.

Noch wichtiger aber: Nicht nur wurde das Politische mit der Demokratie zusammen überhaupt „geboren“. Die vormalige private Privilegiertheit des antiken Adels war auch Vorbild für das neue „Bürgerideal“ und mehr noch für die neue gemeinschaftliche bürgerliche Praxis.

Denn die (unpolitische) Herrschaft des Adels wurde eben dadurch gerechtfertig, dass der Adel „gebildeter“ war als der Rest der antiken Bevölkerung. Die ganze griechischen Antike ist wie besessen von dem Gedanken der „Bildung“, und das Problem der besonnenen Herrschaft wird in ihr daher oft so gedacht, dass man die Herrscher richtig ausbilden müsse. Lediglich die Frage ist dann strittig, wie denn jene „richtige Ausbildung“ des Adels auszusehen habe und was ihre Voraussetzungen seien.

Reckermann schreibt über die Kleisthenischen Reformen, die der wohl entscheidende Schritt zur Entstehung der antiken Demokratie waren:

„Da der Areopag und die Archonten weiterhin für die wichtigsten politischen Angelegenheiten zuständig waren, verschaffte die Prytanie den nicht-adligen Bürgern, die politisch primär im [gelosten] Rat der Fünfhundert aktiv waren, eine neuartige Nähe zum Zentrum der Macht. In der verfassungsmäßig vorgeschriebenen Zusammenarbeit ‚mit den Amtsträgern bei der Erledigung der meisten politischen Angelegenheiten‘ konnten sie informell Kenntnisse und Erfahrungen erwerben, die jeder Bürger benötigt, wenn er seiner Polis ‚mit gutem Rat dienen will‘. Die Kooperation zwischen Adel und Demos – das Markenzeichen der Politik des Kleisthenes – fand damit eine besondere Institution, die darauf berechnet war, das Erfahrungs- und Bildungsgefälle zwischen diesen beiden Bürgergruppen nach und nach abzubauen, und zwar nicht durch Anpassung der ‚Besseren‘ an das Volk, sondern umgekehrt durch eine Aristokratisierung des Demos.“ (Reckermann, Überzeugen, S. 162 f.)

Die kleisthenischen Reformen erschufen also das Paradox eines „demokratischen Adels“ und luden den neu entstandenen Raum des Politischen mit jener „Ausgezeichnetheit“ auf, die vordem für den privaten Adelsehrgeiz und Adelsstreben nach besonderen Leistungen reserviert gewesen war. – Das erklärt zu großen Teilen die heute oft schwer nachvollziehbare Begeisterung der attischen Bürger für das Politische, ihre Meinung, andere Gemeinwesen, die nichts ähnliches kannten, seien bemitleidenswert, und ihre Meinung, dass man erst durch seine aktive Teilnahme an der Politik wahrhaft frei werde.

Christian Meier schreibt zum gleichen Sachverhalt:

„Burckhardt spricht vom ‚völligen Egoismus des jetzigen Privatmenschen, welcher als Individuum exisitieren will, von der Allgemeinheit nur möglichste Sicherung für seine Person und Habe verlangt‘. ‚In der jetzigen Manier des Verbandes zwischen dem Einzelnen und dem Staat‘ habe man keine Ahnung davon, in welchem Grade das ‚vollendete Individuum im Alterthum‘ vor allem Bürger sein wollte. Wo heute die Bürger ihre wirtschaftlichen und andern Interessen in die Politik hineintragen , politisierten die Bürger zur Zeit des Kleisthenes sich selbst.

Deswegen waren die Mittleren damals bereit, die häusliche Sphäre, ihre Höfe, ihre Werkstätten, ihre Familien wenn nicht zu vernachlässigen, so doch mit wenig Kraft und Aufmerksamkeit zu besorgen. Vermutlich haben sie auch ihren Frauen und Sklaven mehr überlassen. Es blieb ihnen keine andere Wahl, wenn Politik für sie einmal zu einer existentiellen Angelegenheit geworden war. Gewiss, manch einer widmete sich sehr stark dem Erwerb, und Reichtum hätten sie alle zu schätzen gewusst. Aber die Politik war letztlich wichtiger als privat erwirtschaftete Güter und Luxus. Der Preis, den man dafür zu zahlen gehabt hätte, die weitgehende Absentierung von der gemeinsam erlebten Gegenwärtigkeit, war hoch, für viele zu hoch.

[…]

Wenn jetzt in Athen große Teile der Bürgerschaft bereit waren, für die Stadt zu sorgen, so bedeutete ihnen das nicht so sehr Verpflichtung, vielmehr bewegte sie vor allem der Anspruch auf den eigenen Rang, die eigene politische Rolle. Nur dass beides im Effekt auf gleiche, aufs politische Engagement hinauslief. Sie werden grundsätzlich nicht anders gedacht haben als der weise Solon, der sich ja auch nach dem Wettbewerbethos gerichtet hatte, alle anderen übertreffen wollte, nur eben nach neuen Maßstäben.“

(Christian Meier, „Athen“, S. 204 f.)

Wollte man jemand sein im politisierten Athen, so musste man sich ins Politische einbringen. Politisches Engagement, Engagement für das Gemeinwesen war derart emotional aufgeladen, wurde als derart erstrebenswert gesehen, dass es auch die privat erreichbaren Ehren „verteuerte“ (im Sinne von Opportunitätskosten): Weil es im Politischen für alle so viel zu erreichen gab, wurde „egoistische“, private Selbstsorge vergleichsweise unattraktiver. – Diese ganze Entwicklung wurde, wie Meier auch klar macht, davon getragen, dass es gerade für die nicht-adligen Bürger im Privaten weitaus weniger zu gewinnen gab als im Politischen. Im Privaten waren sie der Oberschicht so stark unterlegen, dass sie sich auf’s Politische verlegen mussten, „um jemand zu sein“, „um als jemand zu gelten“. Es war die Sehnsucht nach der eigenen Aristokratie, die im Privaten unerreichbar blieb, gemeinschaftlich aber, im Politischen plötzlich für alle erreichbar war. Zumindest für alle, die damals als „Vollbürger“ galten.

Es gibt eine interessante Parallele dazu in unserer heutigen Gesellschaft: Wie die soziologische Elitenforschung zeigt, hat die politische Elite unserer heutigen Gesellschaft die höchste „soziale Durchlässigkeit“ von allen Eliten. Nirgendwo sonst ist es faktisch so vergleichsweise „leicht“ gesellschaftlich aufzusteigen für Kinder unserer Mittelschicht, wie im Politischen. Gerade die Wirtschaftselite präsentiert sich heute als weitgehend nach unten abgeschlossener „Club“, in den untere und mittlere Schichten kaum Hoffnung haben können aufzusteigen. Man ist exklusiv. Man ist unter sich. Man ist privat. Die in unserer Gesellschaft so beliebten Geschichten vom „erfolgreichen Unternehmensgründer“ kaschieren das soziologische, statistische Hard Fact, dass in der Wirtschaft gesellschaftlicher Aufstieg nur für eine verschwindend geringe Zahl von Menschen erreichbar ist. Lottospiel hat wahrscheinlich höhere Erfolgschancen.

Aber zurück ins antike Athen: Zusammen mit der „Aristokratisierung des Demos“ wurde auch das vormalige, hauptsächlich aristokratische „Bildungsideal“ auf alle Bürger übertragen. Nur war das dann eine ganz besondere Art von Bildung: Bildung durch aktive Teilnahme am Politischen. „Demokratische Bildung“ sozusagen. Bildung „on the job“, wie wir heute sagen würden.

Mit der Herausbildung der Demokratie verabschiedete man sich also in Athen nicht von der Vorstellung, dass „gebildet sein müsse“, wer herrschen darf. Es war eher so, dass man plötzlich der Masse der Bürger zutraute, sich im direkten Austausch miteinander hinreichend bilden zu können. Das war die Voraussetzung dafür, in der „Bürgerherrschaft“ keine Gefahr für das Gemeinwesen zu sehen.

„Politische Bildung“ hieß für sie daher auch nicht, dass man die Bürger belehrte und mit theoretischem Wissen vollstopfte, sondern dass man sie eigene Erfahrung mit dem Hören und Sagen von Meinungen machen ließ, dass sie von anderen Bürgern darauf unmittelbare Rückmeldungen bekamen, und dass man sie echte politische Verantwortung tragen und auf diese Weise Verantwortung tragen lernen ließ.

Die Einsicht, dass die pure Teilnahme am gemeinsamen Beraten und Entscheiden, alle Menschen verändern könne, um keine Gefahr für die Allgemeinheit darzustellen, wenn man politische Macht auf sie überträgt, scheint eine anthropologische Grundannahme zu sein, ohne die man Demokratie immer eher fürchten als herbeisehnen wird.

Wenn wir uns also für einen Moment von der Vorstellung lösen, dass Aristokraten einfach nur ein Haufen von Arschlöchern sind, die sich auf Kosten aller anderen gegenseitig die Schädel einschlagen (oft auch alle anderen dazu bringen, sich als ihre „Gefolgsleute“ an ihrer statt die Schädel einzuschlagen), dann können wir sagen: Demokratie ist Adel für alle.

In der athenischen Demokratie wurde jedenfalls nicht der Adel herabgezogen, sondern alle gemeinsam wurden an einer neuen, großartigen Sache namens „Politik“ beteiligt, in der es für alle dadurch „Meriten“ zu gewinnen gab, indem sie großartige Beträge zur gemeinsamen Sache leisteten, die es mit der Entstehung des Politischen plötzlich gab.

Wer der Polis nützte, wer zum Gemeinwesen beitrug, war ein guter Bürger. Der Weg zum gesellschaftlichen Adel stand plötzlich jedem offen. Indem aber politische „Last und Lust“ durch die Kleisthenischen Reformen weitaus gleichförmiger auf alle Bürger verteilt wurde als in allen anderen Gesellschaften danach, war demokratischer Adel möglich. Für einen kurzen 150-jährigen Moment in der Zeit.

 

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