Es wird zwar immer eine unbeweisbare Hypothese bleiben, aber die Anzeichen in der sowohl historischen als auch vergleichenden Anthropologie deuten sehr stark darauf hin, auch, was wir heute selbst in unserer eigenen Gesellschaft erleben, deutet darauf hin:

Hierarchisch organisierte menschliche Gesellschaften sind Gesellschaften, die sich selbst nicht mäßigen und steuern können und die sich über kurz oder lang selbst zerstören, weil dort die Oberschicht „unbeherrscht“ ist und sich selbst nicht mäßigen kann. Demokratie ist – wie man an der antiken griechischen Gesellschaft sehen kann – die einzige Antwort auf dieses Problem, die erkennbar funktioniert. In der Demokratie sorgen alle gemeinsam dafür, dass sich alle gemeinsam mäßigen. Vor allem aber sorgt demokratische Institutionen dafür, dass die Oberschicht nicht „durchknallt“ und in ihrem Ehrgeiz die Grundlagen der Gesellschaft vernichtet.

Die klassisch versuchten „Lösungen“ für das gleiche Problem funktionieren erkennbar nicht. Zumindest ist mir keine historische menschliche Gesellschaft bekannt, in der sie funktioniert hätten:

Das Problem ist menschheitsgeschichtlich gesehen eigentlich immer das Gleiche: Die Oberschicht von der Illusion zu befreien, in der sie lebt: dass sie sich selbst beherrschen könne. Ist man selbst Teil einer gesellschaftlichen Oberschicht, will man die Problematik nämlich nur selten wahr haben. Man hat den Anspruch, „sich selbst beherrschen zu können“. Es ist sozusagen (neben dem „richtigen“ Erbe) die gesellschaftliche Eintrittskarte in die Oberschicht einer Gesellschaft. Das stoische Selbstbild der Oberschicht (manchmal, aber weitaus seltener: auch der unteren Schichten von der Oberschicht), macht es für die Oberschicht überaus schwer zu begreifen, dass sie selbst Demokratie braucht, um nicht die ganze Gesellschaft an die Wand zu fahren. Dass politische Korrektur aller durch alle nötig ist, damit vernünftige gesellschaftliche Selbststeuerung entstehen kann. Dass es nicht ausreicht, „dass einfach die Richtigen aus der Oberschicht ans politische Ruder kommen“, weil die Oberschicht als Oberschicht ohne Demokratie immer unbeherrscht bleibt, ganz gleich wie sie sich individuell, persönlich aufstellt. Dass das private Meinen nicht nur der vermeintlich ach so „ungebildeten“ Unterschicht, sondern auch ihr eigenes privates Meinen in beziehungsgesättigten kommunikativen Prozessen in politisches Urteilsvermögen transformiert werden muss, damit keine Politik entsteht, mit der sich eine Gesellschaft selbst zerstört.

Die Illusion, dass es für gute gesellschaftliche Selbststeuerung nur darum ginge, dass „gute Könige“ an die Macht kommen und dass politische Prozesse hauptsächlich darauf ausgerichtet sein sollten, muss an Kraft verloren haben. Politikverdrossenheit ist daher ein großer Freund der Demokratie, wenn sie sich selbst aus der Form befreit, sich gegen einzelne Politiker oder bestimmte Parteien zu richten, sondern gegen das ganze politische „Spiel“, mit dem die Oberschicht einer Gesellschaft sicherstellen will, dass innerhalb von ihr „die Richtigen“ die Regierungsmacht haben. Die Politikverdrossenheit muss dazu ihre Zielrichtung ändern: Nicht gegen diesen oder jenen Politiker sein, nicht gegen diese oder jene Partei, ja überhaupt gegen keine Personen im Speziellen. Sondern gegen ein politisches Spiel, in dem die Oberschicht weitgehend ungebunden und unverbunden bleibt, in der es also keine Bürgerschaftlichkeit gibt, die politische Gleichheit zwischen allen Menschen als Bürgern stiftet.

Demokratische Politikverdrossenheit kann nur dann produktiv werden, wenn sie aufhört, sich an einzelnen Personen und Parteien zu stören, sondern sich gezielt gegen unsinnige politische Institutionen richtet, die schlicht und offensichtlich nicht leisten, was sie versprechen.

Wie gesagt: Das alles ist nur schwer zu begreifen. Es ist im Grunde die ganz besondere Leistung der attischen Oberschicht gewesen, ihren eigenen Bedarf an demokratischer Korrektur zu erkennen und institutionell konsequent umzusetzen, indem sie alle Bürger gezielt in die Politik holte: Als Ebenbürtige, nicht als gönnerhaften Gnadenakt. Man hatte einfach das Problem verstanden, das man anders nicht lösen kann.

Dass Demokratie auch die Oberschicht freier macht, dass sie, wenn sie auf diese Weise institutionell umgesetzt wird und sich zu einer echten „Verfassung“ verfestigt, gewissermaßen „die Oberschicht ein Stück weit von sich selbst befreit“, hat man vermutlich erst im Nachhinein bemerkt. Es muss eine schöne, wahrscheinlich auch unerwartete Erfahrung für den damaligen Adel gewesen sein, dass die institutionelle, politische Bindung an die Mitbürger sein Leben freier machte und nicht – wie intuitiv vielleicht zu erwarten gewesen wäre – unfreier.

 

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