Dass es bereits in der Antike ausführliche Reflexionen über „Vorteile und Grenzen von Entscheidungen auf Augenhöhe“ vs. „Vorteile und Grenzen von top-down-Entscheidungen“ gab ist möglicherweise nicht all zu bekannt.

Aber da das menschliche Genom schon eine ganze Weile in der irdischen Gegend rumsteht, können wir durchaus davon ausgehen: Auch die Menschen damals waren nicht ganz blöd und machten sich so ihre Gedanken darüber, was sie miteinander erlebten.

Wenn man – anders als ich – keinen Griechische-Antike-Spleen pflegt, muss man sich wahrscheinlich beim Folgenden in ein paar Sachen erst mal reindenken, um die überdeutlichen Parallelen zu unseren heutigen Gesprächen rund um die Demokratisierung unserer Gesellschaft wahrzunehmen. Nach diesem Reindenken wird aber möglicherweise klar: Die Frage nach den Vorteilen und Nachteilen von Diktatur/Demokratie ist eine menschlich universelle Frage. Solange es Menschen gibt, stellt sie sich immer und immer wieder auf’s Neue. Gesellschaftlich-institutionelle Fortschritte nicht ausgeschlossen.

Beim folgenden Text wird diese Frage vom antiken Geschichtsschreiber Herodot in einem verschärften Kontext gestellt: In der Situation des Krieges. Es geht also darum, wie sich Diktatur und Demokratie jeweils unter verschärftem Handlungszwang machen, wenn zudem viele anderen, die mitmachen sollen, an diesem Handlungszwang beteiligt sind. Es geht also um Kollektivhandeln unter extremen Drucksituationen, in denen von „richtigen Entscheidungen“ einiges abhängt, während unklar ist, was die richtige Entscheidung überhaupt ist ( = Situationen, in denen es kein erkennbares richtig/falsch gibt, die durch epistemisches Wissen nicht beherrschbar sind, vgl. Reckermann, S. 186):

„Herodot versteht die Auseinandersetzung zwischen Griechen und Persern als Machtprobe zwischen einer Politik, die sich auf die Praxis der Isegorie stützt, und einer Politik, die diese Praxis zwar kennt, aber letztlich vom autoritativen Spruch eines einzigen königlichen Entscheidungsträgers abhängt.Die Praxis der Isegorie ist im persischen Raum ein Fremdkörper und wird deshalb nur ‚in Gebrauch genommen‘, wenn der König das will und auch dann nur zu dem Zweck, seine Meinung zu unterstützen. Wer dabei nicht mitspielt und ihm widerspricht, muss mit schwersten Strafen rechnen. Herodot veranschaulicht die monarchische Verzerrung dieser Praxis exemplarisch an der von Xerxes nach Phaleron einberufenen Versammlung der persischen Heerführer, die in etwa zeitgleich mit der Beratung des Hellenenbundes auf Salamis stattfindet und nach der Zerstörung Athens das weitere Vorgehen klären soll. Dabei weist der König den ‚Fürsten‘ der verschiedenen Vöker und den Admiralen‘ seiner Schiffsverbände in der Reihenfolge ihre Sitze zu, die dem Maß der ‚Ehre‘ entspricht, das er ihnen zuteilt. Damit die Distanz zwischen ihm und seinen engsten Beratern gewahrt bleibt, ordnet er an, dass die Versammelten ihre Meinungen nicht ihm, sondern Mardonios mitteilen sollen, der als verantwortlicher Leiter des Griechenlandzuges ‚alle der Sitzordnung nach‘ zu fragen hat, ‚ob der König eine Seeschlacht liefern solle‘. Da Xerxes dazu bereits entschlossen ist, wird die Versammlung zu einer ritualisierten Loyalitätsprobe. Während alle anderen sich an diese Vorgabe halten und ‚der Reihe nach‘ für die Seeschlacht plädieren, weicht die einzige Frau unter den Anwesenden, die Königig Artemesia aus Herodots Heimatstadt Halikarnass, von ihr ab. Gegen die in Persien übliche Regel erklärt sie die Versammlung zum Ort freimütiger Meinungsäußerung und empfiehlt, da sie die gegenwärtige Situation mit derselben Kompetenz wie Themistokles beurteilt, von persischer Seite aus das [aus rückblickender, historischer Sicht] einzig Richtige, nämlich keine Seeschlacht zu liefern, sondern mit dem Heer ‚auf dem Lande zu bleiben oder nach der Peloponnes vorzurücken‘. Daraufhin fürchten ihre Freunde, dass ‚ihr der könig Böses antun könnte‘, während ihre Feinde sich über ihre Worte freuen, ‚als wären sie ihr Verderben‘. Die Reaktion des Xerxes ist jedoch in sich gespalten. Obwohl er sich entgegen der allgemeinen Erwartung über ihre Worte ‚freut‘ und sie für ihre Tapferkeit lobt, ‚befiehlt‘ er, ‚dem Rat der Mehrheit zu folgen‘, und zwar nicht, weil dieser entscheidend wäre, sondern weil er glaubt, die jedermann sichtbare Anwesenheit seines königlichen Körpers am Ort der Schlacht werde den Kampfesmut seiner Soldaten so weit anstacheln, dass sie die Griechen besiegen.

In der Sicht Herodots kann monarchisch-tyrannische Politik weder eine allgemein verteilte noch eine in sich geordnete Tapferkeit generieren, weil sie ihr Zentrum allein in der Tüchtigkeit eines Königs hat, dem per deinitionem nichts Gleichwertiges zur Seite steht. Seine Mitkämpfer sind aber auch deshalb ’schlechte Diener‘, weil ihre Tapferkeit lediglich auf einer sekundären Motivation beruht, nämlich auf ‚Furcht‘ vor dem Zorn des Königs oder auf dem Bestreben, in der Skala der royalen Ehrverteilung weiter nach oben zu rücken und andere auszustechen. Eine monarchisch zentrierte Ordnung hat deshalb viele ‚Teile‘, die nur mit Gewalt in sie hineingezwungen sind und deshalb die ihnen zugeteilten Aufgaben nicht zuverlässig erfüllen. Dagegen hat die isonome Ordnung“ das Problem, dass die Einheit ihrer originär freien ‚Teile‘ nur durch Freiheit hergestellt werden kann, also durch überzeugende Rede oder ein gemeinsam beschlossenes Gesetz. Eine kommunikativ begründete Einheit hat zwar gegenüber einer monarchisch fundierten den Vorteil, dass in ihr die ‚Tüchtigkeit‘ gleichmäßig verteilt und deshalb von jedem ihrer Teile aus wirksam ist. Sie ist aber zugleich dadurch bedroht, dass die ‚Teile‘ ihre Freiheit behalten und sich deshalb aus ihrem Verbund auch wieder lösen können, wenn sie etwa glauben, dass dort nur die Interessen anderer und nicht ihre eigenen zum Zuge kommen.“

(Alfons Reckermann: „Überzeugen“, S. 176 ff.)

Wenn man den Kontext dieser Reflexionen Herodots über Diktatur und Demokratie bewusst verkürzend wieder geben will: Die demokratischen Athener hatten faktisch in der Seeschlacht von Salamis die Diktatur der Perser militärisch vernichtend geschlagen. Die geschilderte Fiktion Herodots spielt unmittelbar vor diesem historischen Ereignis. Auf beiden Seiten gab es wohl auch wirklich Zweifel, ob es für die eigene Sache „klug“ sei, sich auf eine Seeschlacht einzulassen. Doch nur auf der griechischen Seite traf man unter Führung der athenischen Demokratie diejenige Entscheidung, die sich rückblickend gesehen als die „einzig Richtige“ erwies. Mit sehr weitreichenden Folgen für alle Seiten. Möglicherweise auch für die ganze Weltgeschichte.

„Welthistorisch“ schien die Demokratie damit nicht nur ihre moralische, sondern auch ihre machttechnische Überlegenheit über dikatorische Formen der Herrschaft erwiesen zu haben. Aber das war noch nicht „das Ende der Geschichte“. Denn die athenische Demokratie war keine friedliche Demokratie, sondern die Erfindung einer recht kriegslüsternen Gesellschaft.

 

 

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