Das Schicksal des Themistokles veranschaulicht eine Strukturproblem isonomer Ordnung, nämlich die Spannung zwischen der qualitativen Exzellenz eines Einzelnen und der Norm bürgerlicher Gleichheit. Eine Bürger-Polis kann ihre Gleichheit dadurch sichern, dass sie Ungleiches aus sich entfernt. Wenn das Ungleiche jedoch in überragender politischer Urteils- und Handlungsfähigkeit besteht, schwächt sie sich damit selbst.“ (A. Reckermann: „Überzeugen“, S. 192)

Dieser Mythos ist auch heute noch weit verbreitet. Und man muss zugeben, dass gerade die Philosophie auf unrühmliche Weise ganz entscheidend dazu beigetragen hat, ihn am Leben zu halten. Sie hat jene Kultur „der großen, prägenden Individuen“, aus der sie selbst hervorgegangen ist, in sich aufgenommen und weitertradiert. Auf diese Weise war die Philosophie über Jahrhunderte hinweg ein zentraler Grund für die Schwierigkeit, durch die sich keine erneuten demokratischen Verfassungen herausbilden konnten. Man war fixiert auf die prägenden Einzelnen, auf umfassende personale Exzellenz, man war hypnotisiert vom Gedanken, diese Exzellenz „zur Herrschaft zu bringen“. – Darüber entging der menschlichen Gesellschaft die Einsicht in die universale menschliche Exzellenz und die Möglichkeit, deutlich bessere politische Institutionen zu entwickeln, die „politische Helden“ völlig überflüssig machen. Oder genauer: Von deren Bestehen aus man rückblickend erkennen kann, dass politische Helden sogar eine überaus schädliche Wirkung auf ihre Gesellschaften haben.

Zentral für das von Reckermann wiedergegebene Theorem die die Annahme der Möglichkeit einer völligen Ungleichartigkeit zwischen den Menschen. D.h. um den historischen Irrtum erkennbar zu machen, ist es keineswegs nötig die Existenz individueller Exzellenz in einzelnen Aspekten des menschlichen Daseins in Abrede zu stellen. Um demokratischen Institutionen gedanklich den Weg zu bahnen, muss man also keinesweg die Augen davor schließen, dass einzelne von uns bestimmte Dinge sehr viel besser können als die meisten von uns. – Das wäre ja auch völlig absurd und provozierte ebenso unnötig wie völlig zu Recht eifrigen Widerspruch, weil jeder von uns innere Bilder solcher „Exzellenz“ hat, v.a. in unserer heutigen, Superhelden-süchtigen Gesellschaft.

Es reicht für die Vorbereitung von Demokratie völlig hin zu zeigen, dass Menschen, und zwar ausnahmslos alle, zugleich gleichartig und ungleichartig sind, und dass es eine Frage unseres bewusst wählbaren Wahrnehmungsfokus‘ ist, was davon wir besonders herausstreichen und worauf wir uns in unseren politischen Verfahren auf welche Weise konzentrieren wollen. – Solange wir Aspekte von Exzellenz (die sich bei ausnahmslos jedem Menschen finden) nicht hyperverallgemeinern und zur alles entscheidenden Größe verklären (= alleinige Quelle des Guten), können wir weiterhin wahrnehmen, dass die Teil-Exzellenz des einen von uns die Teil-Exzellenz des anderen von uns keineswegs schmälert und dass eine Gesellschaft geradezu bescheuert ist, die sich nicht alle Formen menschlicher Größe zunutze macht, sondern nur einige wenige davon.

Wir können die Sache also durchaus so konstruieren, dass in dieser unseren Konstruktion „Retterfiguren“: politische „Superhelden“ entstehen. – Und mit diesem Denken ensteht immer zugleich auch der Bedarf an solchen Erlösergestalten. Es geht dann zunächst gedanklich nicht mehr ohne und dann in der Folge auch praktisch nicht mehr. Die politischen Institutionen werden dann auf die vermeintliche Existenz solcher Gestalten zugeschnitten und versuchen diese Figuren durch irgendwelche Verfahren, die sich als „politische“ missverstehen, „in die richtige Position zu bekommen“, in die des Regierenden, Herrschenden, Tonangebenden, usw. – Man glaubt, dass es an „guten Königen“ mangele und man diese irgendwie finden und inthronisieren müsse, damit „gute Politik“ enstünde.

Wir können aber auch beziehungsdynamisch erkennen, was dann im Zuge des universal-menschlichen „diametralen Auslebens“  mit allen anderen Menschen passiert, wenn wir solche politischen Institutionen erschaffen, die strukturell auf politische Retterfiguren zugeschnitten sind: Alle anderen Menschen einer Gesellschaft werden dann in die Illusion der eigenen Hilf- und Ratlosigkeit gedrückt. Das gesamt-menschliche Potential wird also durch unseren Fokus auf die (durchaus vorhandene) teilweise Exzellenz Einzelner niedergehalten und wirksam an seiner Entfaltung gehindert. Politische Helden und vor allem politische Systeme, die auf die Existenz politischer Helden ausgerichtet sind, sind im Effekt menschliches Selbstdumping. Die ganze Gesellschaft hält sich dadurch selbst klein und kann kein authentisches Selbstbewusstsein entwickeln.

Auch jenen Einzelnen wird aber durch ihre Heroisierung kein Gefallen getan. Indem über die Aspekte ihres Verhaltens, in denen sie tatsächlich weit über viele andere Menschen hinausragen, alle anderen Aspekte ihres menschlichen Seins übersehen und in die Unzeigbarkeit gedrückt werden, wird ihre Menschlichkeit vernichtet. – Dass das mit viel individuellem Leiden einhergeht, das vollkommen überflüssig ist, braucht man heute nicht mehr im Detail zu zeigen. Intuitiv wissen wir das heute alle. Dieses gut verbreitete Wissen ist auch der Grund, warum heute viele Menschen keinerlei Ambition entwickeln, „Führungskraft zu werden“.

Es geht in der Demokratie also darum, die individuelle Exzellenz aller genauso aktiv zu nutzen wie die universelle menschliche Bedürftigkeit wahrzunehmen und institutionell anzuerkennen. Wir alle sin den physischen Naturgesetzen ausgesetzt. Und wir alle teilen einen so großen Anteil unserer „individuellen“ Hardware, dass die Heroisierung und Vergötterung Einzelner von uns mit etwas Abstand betrachtet doch eher sehr komisch und lächerlich wirkt. Solche Menschenvergötterung blendet derart viel aus, dass man sie in einem philosophischen Sinn als „unwahr“ bezeichnen kann.

An dieser Unwahrheit ist die antike Demokratie gescheitert. Sie hat keine politischen Institutionen geschaffen, die die Fähigkeit aller Menschen anerkennt, sich auf der Grundlage eines hinreichend ähnlichen Genoms beziehungsmäßig zu verbinden und dadurch sinnvoll miteinander abzustimmen. Die heute bekannten (Sozial-)Techniken des „Verbundenen Entscheidens“ waren der antiken Demokratie ebenso unbekannt wie der gewaltige Unterschied, den das demokratische Gespräch in Kleingruppen gegenüber den polemischen Debatten im nur vermeintlich demokratischen Plenum macht.

Demokratie besteht ganz wesentlich in der gemeinschaftliche gesetzten Anerkennung der Exzellenz jedes einzelnen Menschen; und das auch gerade in den Momenten der Unwahrnehmbarkeit jener Exzellenz bei bestimmten von uns.

Diese Setzung ist eine Fokussetzung: Wir suchen die Exzellenz in jedem von uns. Aber wir suchen sie nicht, um einsame Helden zu finden (= zu erschaffen), die uns dann retten sollen. Sondern wir geben dem Herausragenden an uns allen gleichermaßen politischen Raum. Wir können punktuelle Exzellenz sehr gut anerkennen, wenn wir institutionell sicherstellen, dass diese punktuelle, sachbezogene Exzellenz nicht „aus Versehen“ zu einem exklusiven politischen Machtanspruch überverallgemeinert wird. Wenn nicht punktuelle Exzellenz sich zu einer „Exzellenz überhaupt“ verklärt und darüber andere Exzellenz aus dem Raum des Politischen verbannt. Denn das Betriebssystem der Demokratie läuft auf folgenden Annahmen:

„Deine Größe macht mich nicht klein. Ich selbst bin ebenso ‚groß‘, auf meine eigene Weise. Lass uns einander daher als Erwachsene begegnen: In völliger Anerkennung unserer Grenzen und Bedürfnisse. Und genauso in uneingeschränkter Anerkennung unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten, auch derjenigen, die immer versteckt bleiben würden, würden wir Hierarchien zwischen uns einführen, weil wir aus Angst und Schwäche heraus Einzelaspekte des menschlichen Seins verabsolutieren und auf einen Sockel stellen.“

 

 

 

 

 

 

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