Okay, ich gebe zu: der Titel ist ein fake. Mein Englisch ist viel zu schlecht für einen guten englischen Text über das entsprechende Thema. Zu meiner Rechtfertigung: „Die verbundene Gesellschaft“ klingt einfach – vorsichtig ausgedrückt – „anders“ als die englische Entsprechung.

Meine Frage dahinter bleibt aber die gleiche: Was wäre wenn wir den Raum des Politischen nicht als Ort für die Schlacht zwischen Meinungen, als einen ritualisierten Kampfplatz um Sieg oder Niederlage auffassen würden, sondern als einen Ort gesellschaftlicher Verbindung?

Immerhin fehlt so ein Ort, so ein „Forum“, in unserer Gesellschaft auf eine sehr schmerzhafte Weise. Man muss für diese Erkenntnis nicht diesen einen berühmten Part im kommunistischen Manifest bemühen oder Hegel oder den Hobbesianischen Kampf aller gegen alle, der ungewollt eine Blaupause für unsere heutige Gesellschaft geworden ist. Wir erleben unsere Unverbundenheit heute alle auf einer täglichen Basis. Wir brauchen keine Theorie, um zu verstehen, dass uns Verbindung fehlt. Wir können die Summe all unserer unbefriedigenden, schmerzhaften, zerstörerischen Alltagssituationen auf die einfache Formel bringen: We live in a disconnected society.

Uns fehlt die Möglichkeit, notwendiges Feedback zu geben und zu erhalten, in dem Moment, wo wir es dringend brauchen, und auf die Weise, in der wir es dringend brauchen. Auf eine wirkungsvolle Weise. Und gleichzeitig so, „dass wir uns danach noch in die Augen schauen können“. Oder pathetischer, aber auch treffender: So, dass wir danach noch Freunde sind. Oder sogar mehr Freunde geworden sind als wir vorher waren. Denn in bestimmten Formen des „Konflikts“ liegt das Potential für mehr Verbundenheit zwischen uns, nicht für NOCH mehr Entzweiung. Aber auf die Formen, auf die kommt es eben an. Und da ist unsere Gesellschaft derzeit leider sehr kläglich aufgestellt.

Unserer Gesellschaft fehlt auf sehr systematische, institutionelle Art „Verbindung“/“connection“.

Sobald wir Politik nicht mehr als Ort der Auseinandersetzung verstehen, sondern als Ort der Zusammenkunft der ansonsten unverbunden Bleibenden, gewinnen wir einen Impuls zur Reform unserer politischen Institutionen. Dann können wir nicht einfach so weitermachen wie wir es „gewohnt sind“. Wir können dann nicht weiter in den herkömmlichen Formen „Politik zu machen“. Denn dann sehen wir, dass unsere politischen Institutionen alles mögliche leisten mögen, aber sie stellen keine Verbindung her zwischen uns als Bürgern.

Möchte man aus dem Kampfplatz einen Ort des Verstehens und „verbundenen Entscheidens“ machen, ist die recht philosophisch klingende Frage hilfreich, wofür Politik unter modernen Bedingungen „eigentlich da ist“. Da sein muss. Da sein kann.

Viele politische Aufgeregtheit löst sich jedenfalls unmittelbar auf, wenn Menschen unmittelbar zusammen kommen und sich beim Vortrag ihrer Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche wechselseitig in die Augen schauen können. Und müssen.

Vielleicht sind wir ja einfach verliebt in jene künstliche Aufgeregtheit, in die wir geraten, wenn wir Probleme miteinander zu verhandeln versuchen, während wir eigentlich, beziehungsmäßig dabei völlig unverbunden sind? – So wie ein Ehepaar, das sich scheiden lassen will und nur noch vermittelt über ein „Medium“ miteinander kommuniziert: Über seine verschiedenen Anwälte.

Vielleicht lieben wir das „Drama“ viel zu sehr, um eine vernünftige Politik aus der Taufe zu heben. Eine vernünftige Institutionalisierung von Politik. Eine Politik, die nicht auf ein Forum verzichtet, in dem wir uns als Bürger unmittelbar begegnen, austauschen, beraten und uns dabei „nebenher“ verstehen lernen. Und bei der wir erst dann, auf der Grundlage dieses freundlich-hartnäckig erarbeiteten Verständnis‘ gemeinsam entscheiden, was uns alle angeht. Das Politische tut gut daran, die res publica nicht in einer unverbundenen Weise zu entscheiden. „Never decide disconnected“ oder „connection before decision“ könnte das Motto der modernen Demokratie sein.

 

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