Eine moderne Demokratie, die die beiden zentralen politischen Institutionen der antiken Demokratie aufgreift und in sich einführt: Das demokratische Losverfahren und die politische Praxis der Isegorie, dürfte deutlich demokratischer werden als es die antike Demokratie jemals war.

Diese überlegene Möglichkeit der modernen Demokratie hat eine ganze Reihe von Gründen:

Willensbildung in gelosten Kleingruppen

Einer dieser Gründe ist rein praktischer Natur: Es haben sich in unserer Gesellschaft bereits politische Praktiken herausgebildet, die die demokratische Willensbildung gezielt in Kleingruppen verlagern. Es wird also nicht „im Plenum“ diskutiert und auch nicht – nach alter aristokratischer Art – in Hinternzimmern ausgeknobelt, was dann „die Volksversammlung“ nur noch absegnen darf, sondern es findet unmittelbar zwischen ganz normalen Bürgern sowohl die Auftragserteilung und auch die wechselseitige Beratung über politische Dinge statt.

Dadurch ist, anders als in der antiken Demokratie, kein Raum für „große Rhetoren“, die die Masse der Bürger lenken und bestimmen. Vielmehr bestimmen und lenken sich die Bürger wechselseitig und wachsen in solchen Prozessen zusammen. Wo vorher nur lauter unverbundene „Ich“ waren, entsteht ganz automatisch ein „Wir“. Es ist der unmittelbare Austausch und die gemeinsam getragene Verantwortung, der ein Verbundenheitsgefühl zwischen den Bürgern entstehen lässt.

Die Quelle der Verbundenheit ist dann nicht, wie im rhetorischen Selbstverständnis der antiken Demokratie, eine von allen Bürgern geteilte Meinung, die prominent von einem großen, populären Redner vertreten wird. Weswegen dann auch der Zweitpopulärste am besten aus dem Gemeinwesen oder aus der Politik verbannt wird, da sonst die Bürgerschaft in ihrem Willen gespalten würde.

Die Bindung der Bürger beruht in den modernen politischen Anwendungen des Losverfahrens vielmehr auf unmittelbarer Beziehung und dem unmittelbaren Erleben von gemeinsamer Arbeit für die gemeinsame Sache. Rhetorik spielt darin keine herausgehobene Rolle. Auch als schüchterner oder rhetorisch völlig unbegabter Mensch spiele ich in gelosten Bürgerräten eine wichtige Rolle.

Moderne Psychologie, modernes Menschenbild

Dieser institutionelle Unterschied hat seine Gründe auch in der veränderten Psychologie der Moderne: Wir haben uns gelöst von einer Psychologie, wie sie typisch ist für aristokratische Kriegergesellschaften. Einer Psychologie, die glauben musste, dass die „Vernunft“ ihre Aufgabe darin hätte, die „Emotionen“ und „Bedürfnisse“ niederzuzwingen, und die Zucht und Disziplin für erstrebenswerte Alltagstugenden hält. Für spartanische Krieger ist das auch völlig zutreffend. Wir brauchen heute nur einfach keine Krieger mehr. Wir haben gar keine Verwendung mehr für sie. Die Kriegergesellschaften, aus denen auch wir kommen, verlieren zunehmend ihre Plausibilität für uns. Damit einher geht ein ganz anderer psychologischer Blick auf uns selbst. Ein Blick, der Empathie nicht mehr für einen potentiell tödlichen Fehler hält, weil Empathieverhalten im Krieg strategische Nachteile bedeutet, sondern der Empathie zu einem wichtigen Erfordernis guter Kooperationsverhältnisse macht.

Daher haben wir heute eine Psychologie, die es als „vernünftig“ einschätzt, mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen in möglichst umfassenden, möglichst wenig „abspaltendem“ Kontakt zu sein. Denn das ist psychologisch gesehen eine gute Voraussetzung dafür, mit Gefühlen und Bedürfnissen unserer Mitbürger in sinnvollen Kontakt treten zu können. Der antike Gegensatz von Altruismus und Egoismus macht in den Kategorien der modernen Psychologie keinen Sinn mehr. Für uns geht es heute vielmehr darum, institutionelle Formen zu finden, die es uns erleichtern, in sinnvolle Beziehungen miteinander zu treten – auf der Grundlage der natürlichen menschlichen Empathiefähigkeit, die immer schon das war, was sinnvolle Handlungskopplung zwischen uns überhaupt ermöglicht hat. Aber das wissen wir eben erst heute.

Politische Inklusivität

Der Inklusivität auf der psychologischen Ebene korrespondiert eine Inklusivität auf der politischen Ebene: Wir empfinden es heute als einen Skandal, dass sich eine Gesellschaft „Demokratie“ nennt, in der ein Großteil der Menschen vom Politischen ausgeschlossen ist. – Auch darin erweist sich die moderne Demokratie der antiken als überlegen. Zumindest von ihrem Anspruch her.

Das Faktum der Weltgesellschaft und das Faktum des Weltbürgertums

Ein weiterer Grund, aus dem uns die Einführung von Losverfahren und gleichem politischen Rederecht für alle anderes bringt als das, was diese Institutionen den antiken griechischen Stadtstaaten gebracht haben, besteht im Faktum der heute bereits vorhandenen Weltgesellschaft. Wir sind heute auf andere, „dichtere“ Weise miteinander verbunden als es die Menschen in der Antike sein konnten.

Während die antike Demokratie keine Chance hatte, sich zu einer weit über die Polis hinausgreifenden Institutionen zu entwickeln, sind die politischen Voraussetzungen heute ganz andere. Ob wir es durch offizielle Institutionen anerkennen oder ob wir dem Faktum unsere Anerkennung verweigern: Es gibt heute bereits ein „Weltbürgertum“ und wir sind alle unweigerlich ein Teil davon. Wir mögen uns an unserer eingeborenen Scholle festhalten, wir mögen die alten politischen Einheiten beschwören: Das alles ändert nichts daran, dass alles, was die einen von uns Menschen heute tun, zugleich den Handlungsspielraum ganz anderer Menschen von uns in der Zukunft erweitert oder einschränkt. Die menschliche Interdependenz auf dem Planeten ist heute absolut. Und sie liegt deutlich erkennbar vor unser aller Augen. Wir sind gar nicht mehr in der Lage unsere Augen vor diesem Faktum universeller wechselseitiger menschlicher Abhängigkeit zu schließen. Daher ist ein demokratischer Weltstaat völlig unausweichlich. Sein Entstehen ist eine reine Frage der Zeit.

Wie wir aber aus unserer Analyse des Scheiterns der antiken Demokratie wissen, ist es gerade diese „Globalität“ der Demokratie, die darüber entscheidet, ob sie sich politisch dauerhaft stabilisieren kann. Und genau dafür stehen die Chancen heute unendlich viel besser als in der Antike.

Philosophische Konsistenz

Momentan leben wir mit der Paradoxie, dass wir zwar einen weitaus demokratischeren Geist und Anspruch haben als die Menschen der Antike, zugleich aber die deutlich undemokratischeren politischen Institutionen. – Für einen Teilzeit-Hegelianer wie mich ist das ein handfester Skandal, auch wenn so ein philosophisches Ärgernis die Allermeisten kaum kümmern wird. Und auch kaum kümmern sollte.

Institutionenethik

Denn die Frage kann heute immer nur sein, was wir bekommen, wenn wir welche Institutionen wählen. Welche Institutionen wir durch unser Engagement in ihnen am Leben erhalten. Und auf welche Art und Weise wir unsere Institutionen verändern.

Advertisements