Ursprünglich sollte dieser Artikel „Demokratische Außenpolitik“ heißen. Das wäre allerdings ein Fehler gleich im Titel. Denn das Problem ist gerade: Es gibt keine „demokratische Außenpolitik“. Und das ist der zweite Umstand, an dem die attische Demokratie gescheitert und zugrunde gegangen ist.

Nach dem Sieg der Griechen über die Perser bei Salamis entwickelte die athenische Demokratie eine aggressives Agieren nicht nur gegenüber dem persischen Reich, sondern auch gegenüber den anderen griechischen Stadtstaaten. Man wurde zu einer „Hegemonialmacht“ im Rahmen des delisch-attischen Seebunds. Mit anderen Worten: Man wurde zu einer Bedrohung, gegen die sich über kurz oder lang andere zusammenschließen mussten, um ihre Unabhängigkeit zu wahren oder wiederzugewinnen. Der Versuch, politische Bindung durch reine Vorteile oder Abschreckung herzustellen (ganze Städte wurden ausgerottet oder in die Sklaverei verkauft und dann mit eigenen Leuten neu besiedelt), scheiterte.

Das alles ist aus heutiger Perspektive um so erstaunlicher, als man eigentlich innerhalb der attischen Polis die Erfahrung gemacht hatte, dass ein solches Vorgehen keine stabilen politischen Bindungen, keine stabile politische Gemeinschaft hervorbringen konnte. Die inner-attische Demokratie war das Ergebnis einer massiven Instabilitätserfahrung und die institutionelle Antwort auf diese Erfahrung. Man hatte großen Teilen der Bürgerschaft nicht deswegen aktive politische Beteiligung ermöglicht, weil man gar so menschenfreundlich oder idealistisch war. Sondern weil Stabilität anders nicht mehr zu erreichen war als eben durch aktive Involvierung aller Bürger in die Politik. Eine Involvierung, durch die „Politik“ im engeren Sinne des Wortes überhaupt erst entstand. Vor den inner-attischen Reformen von Solon und Kleisthenes waren die Griechen eigentlich ein ziemlich unpolitisches Völkchen gewesen, sehr auf ihre private Unabhängigkeit und ihren privaten Ehrgeiz bedacht.

Die attische Demokratie scheiterte an der Übertragung dieser Selbst-Erfahrung auf ihr Verhältnis über die Polisgrenzen hinaus. Oder anders gesagt: Sie schaffte es nicht, andere Stadtstaaten zum Teil ihrer Polis, ihrer Demokratie zu machen.

Daran hatte sicher auch seinen Anteil, dass man die eigentlichen positiven Wirk- und Bindungskräfte der Demokratie in der damaligen Zeit gar nicht wahrnehmen und daher auch nicht bewusst anwenden konnte. – Eine Übertragung der Prinzipien der kleisthenischen Reformen auf den delisch-attischen Seebund muss den attischen Demokraten absurd vorgekommen sein. Daher ist historisch gesehen die Kritik an der antiken Demokratie selbstverständlich ungerecht. Man hätte es damals gar nicht besser machen können. Die Auflösung der attischen Demokratie war nur eine Frage der Zeit, weil die Bedingungen noch nicht gegeben waren, die nötig sind, um hinreichend zu verstehen, worauf die Güter und Vorzüge einer demokratischen Ordnung überhaupt fußen. Hart gesagt: Man verstand eigentlich gar nicht, was man „in Wirklichkeit“ tat, wenn man „demokratisch agierte“. Der Beziehungsaspekt blieb unsichtbar, oder wurde zumindest unvollständig begriffen, ohne dass mehr Vollständigkeit damals schon möglich gewesen wäre.

Und obwohl die Gegeneinandersetzung von Gewalt und Politik, wie wir sie etwa bei Isokrates finden, ein weit verbreitetes, anerkanntes Gedankengut im demokratischen Athen gewesen sein muss, konnte man den Anspruch, mit den Mitgriechen politisch statt gewalttätig umzugehen, auf diese Weise nicht institutionell einlösen. Genauer: Es gab gar keine Bestrebungen, dafür geeignete demokratische Institutionen zu schaffen, die eine „Politik“ zwischen den verschiedenen griechischen Stadtstaaten etabliert hätte: Mit Losverfahren, Durchmischung, Rederecht (Isegorie) für alle Ausgelosten und absolute politische Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller ausgelosten „Bürger“, die jeweils nur für sich sprachen, nicht aber für eine „Partei“, also auch nicht für ihren spezifischen Stadtstaat.

Die attische Demokratie konnte also ihre sehr produktives und konstruktives Innenverhältnis (zumindest was die Vollbürger Athens anging) nicht auf ihr Verhältnis außerhalb Athens ausweiten. Es gab noch ein „politisches Außen“. Und außerhalb der Politik, das war eigentlich schon damals klar, gibt es nur Gewaltverhältnisse zwischen uns Menschen. Wir verhalten uns dann wie wechselseitig zerstörerische Naturgewalten gegeneinander, nicht wie Menschen, die einer Gemeinschaft angehören.

Eben das passierte im Peloponnesischen Krieg. Und das passierte auch später, als die attische Demokratie aus der Geschichte getilgt wurde, weil sie sich selbst nicht durch Ausweitung ihres demokratischen Innenverhältnisses stabilisieren konnte.

Das Bündnis mit anderen Poleis blieb ohne Demokratie, ohne Gleichwertigkeit, brüchig. Es wurde innerhalb Athens sogar häufig kritisiert, dass man den anderen Stadtstaaten zu viele Rechte und Freiheiten ließ, dass die Tyrannis‘ Athens über andere Städte zu milde, zu nachlässig sei, so dass viele Stadtstaaten (nachdem sie den perser-abwehrenden Sinn des delisch-attischen Seebunds nicht mehr einsahen) leicht dazu neigen konnten, „abzufallen“. – Auf diese Weise wurde das Verhalten Athens gegenüber den Mitgriechen mit der Zeit immer brutaler, gewalttätiger und unterdrückerischer. Es war eine unvermeidliche Gewaltdynamik, die sich durch das im Kern undemokratische Verhältnis Athens zu den anderen Stadtstaaten notwendigerweise entfalten musste. Es konnte gar nicht anders sein, ohne Demokratie.

Reckermann schreibt dazu in seiner Analyse der Grenzen des attischen Demokratieverständnisses im Anschluss an Thukydides:

„Da jeder Austritt aus dem Seebund seine Handlungsfähigkeit und die seiner Hegemonialmacht schwächt und die Peloponnesier [= Sparta als konkurrierende, aber nach außen weniger aggressive Hegemonialmacht] verstärkt, befinden sich die Athener dauerhaft in einer Situation, in der sie das Erleiden von Macht nur durch die kontinuierliche Ausübung ihrer Macht verhindern können. Sie folgten darin keinem menschlichen Nomos, sondern dem Gebot der Natur, das ’seit jeher bestimmt, dass der Schwächere vom Mächtigeren niedergehalten wird‘. […] Die Aufnahme einer rechtlich-politischen Komponente in ihre Politik ist als freiwillige und deshalb ‚künstliche‘ Abweichung vom Gesetz der Natur ein machtpolitischer Nachteil, weil sie die Bundesgenossen daran gewöhnt, mit der Hegemonialmacht von gleich zu gleich zu verkehren. […] Nach dieser Darstellung [des Thukydides] ist rechtliches Verhandeln im Machtinstrumentarium der Athener ein Fremdkörper, den sie jederzeit abstoßen können, wenn das ihr Streben nach Ehre und Nutzen behindert. Die ‚Ingebrauchnahme‘ ‚künstlich‘ vereinbarten Rechts liegt deshalb ganz im Ermessen eines Mächtigen, der weiß, dass derjenige, der alles gewaltsam regeln kann, sich auf rechtliche Regelungen nicht einlassen muss.

Dieses ungeschminkte Selbstportrait gewaltfundierter Machtpolitik legt die Vermutung nahe, dass die Politik des Themistokles, die die Athener ’nach vorne gebracht‘ und dadurch ganz Griechenland vor dem Zugriff Persiens gerettet hat, auch die mentale Grundlage für die thalassokratische Politik gewesen ist, mit der sie in der Zeit nach Salamis ganz Griechenland in den Kriegszustand versetzt und am Ende sogar tatsächlich, diesmal jedoch unfreiwillig und zu eigenem Schaden, am Rand des Nicht-Seins gestanden haben.“

(Alfons Reckermann: „Überzeugen“, S. 189 f.)

Wenn es – wie heute – deutlich ist, dass Demokratie gerade in der Institutionalisierung guter Beziehungen besteht, und dass zudem gute Beziehungen im bewussten Verzicht auf den Gebrauch von Macht und Gewalt bestehen, bzw. in Institutionen, die diesen Gebrauch unnötig machen, dann ist es kein großes Rätsel mehr, woran die attische Demokratie gescheitert ist: Sie hätte ihr Innenverhältnis auf die ganze damals lebende Menschheit ausdehnen müssen, um sich zu erhalten. – Das hat sie nicht institutionell in Angriff genommen. Und daher wurde sie in eine Gewaltdynamik hineingerissen, die dann auch irgendwann das demokratische Innenverhältnis zerstören musste und zu Jahrhunderten der tyrannischen Ordnung führte.

Die attische Demokratie wurde dabei auch ein Opfer ihrer historischen Nähe zur Aristokratie: Da sie sich nur aus einem Aristokratie-Willen breiterer Bevölkerungsschichten heraus entwickeln konnte, war ihr die politische Arroganz nach außen („wir sind etwas ganz Besonderes, wir Athener“) sozusagen eingeschrieben. Man konnte die aristokratische Wurzel nicht kappen, aus der Demokratie „Sinn machte“. Das hätte man aber tun können müssen, um den Gedanken fassen zu können, dass es vielleicht ein Gut oder vielleicht sogar eine Notwendigkeit ist, alle Welt zu einem „Vollbürger“ der eigenen Polis zu machen. Der Gedanke an einen „Weltstaat“ war noch zu weit weg. Erst die Römer brachten diesen Begriff in eine fassbare Nähe, mit einem völlig anderen politischen Selbstverständnis.

Es gibt eine faszinierende moderne Parallele zu dem, was sich hier als zwingend erforderlich zeigt, um Demokratie dauerhaft zu stabilisieren. Diese moderne Parallele tritt an einem überraschenden, unvermuteten Ort auf: Im Selbstverständnis eines heutigen Unternehmens. In Minute 24:20 des „Augenhöhe“-Films erläutert Uwe Lübbermann von der Firma „Premium Cola“, dass man eigentlich alle, die irgendwie mit dem Unternehmen zu tun haben, als „Teil des Unternehmens“ betrachtet und ihnen mit Vorsatz gleichwertige, demokratische Mitspracherechte im Unternehmen einräumt.

Diese Art von Selbstverständnis konnte die attische Demokratie nicht entwickeln. Sie hätte es aber entwickeln müssen, um über die Jahrhunderte weiter erhalten zu bleiben. Das Scheitern der antiken Demokratie war unvermeidlich.

Demokratie ist systematisch darauf angewiesen, global zu sein, wenn sie stabil sein will. Sie kann kein menschliches „Außen“ (= „andere Gesellschaften“) dulden, weil die Machtverhältnisse im Außen auf ihre internen Strukturen durchschlagen. Das undemokratische, unpolitische Außenverhältnis erzwingt dann ein hierarchisches, militaristisches Verhältnis auch im Inneren, das die dauerhafte interne Stabilität der Demokratie sabotiert.

Wir werden also auch heute erst dann stabile Demokratien sehen, wenn die heute bereits bestehende Weltgesellschaft sich die Institution eines wirklich demokratischen Weltstaats gibt. Unsere Chancen, das zu schaffen, sind weitaus besser als jene, die die attischen Demokraten zu ihrer Zeit hatten.

 

 

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