Diese Schwäche der attischen Demokratie ist im Grunde diejenige, die heute am Bekanntesten ist: Dass sie nur in etwa 10% der Gesamtbevölkerung einschloss, was übrigens in unseren heutigen „Demokratien“ nicht viel besser ist. Eher schlechter.

Frauen, Nicht-von-Athenern-Abstammende, Männer unter 30, Sklaven waren von der Politik ausgeschlossen.

Weniger bekannt ist vielleicht, dass diese Schwäche der attischen Demokratie mit den anderen beiden unmittelbar zusammenhängt:

Politische Exklusivität und Beziehungsverkennung

Wie bereits geschildert, konnte sich die attische Demokratie selbst in ihren eigenen Stärken nicht vollständig begreifen. Man entwickelte ein rhetorisches Selbstverständnis.

Auf gewisse Weise war man dem alten Adelsideal einfach noch zu nah: Die attische Demokratie hatte große/kleine (je nachdem wie man hinschaut, es ist ein Vexierbild) Teile der Bevölkerung in die Verantwortung für das Gemeinwesen genommen und so überhaupt „das Politische“ geschaffen, indem sie das in der Gesellschaft vorhandene Adelsideal auch auf sie übertrug.

Das Streben danach „die Besten“ oder „die Ersten“ zu sein, war das, was nun nicht mehr einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung beseelte. Sondern dieses Streben griff nun auf 10 -15% der Bevölkerung über: Auf männliche, autochthone Menschen über 30. – Man kann von einer „Demokratie durch Aristokratisierung“ sprechen. Und die Entstehung des Politischen war das Medium dieser Aristokratisierung.

Das bedeutete aber zugleich auch, dass die attische Demokratie überaus homogen blieb. Nicht nur im Vergleich zu unserer heutigen, modernen Gesellschaft. Sondern auch „im Vergleich zu sich selbst“: Sie war im Grunde ein Verbund von raubbeuterischen, kriegsfixierten Männern, die sich durch die Demokratisierung von ihrer bäuerlichen Herkunft und Lebensweise emanzipierten.

Wie wir in Teil 1 dieser Artikelreihe gesehen haben, ist es aber in einer homogenen Gesellschaft kaum nötig und möglich, sich der Beziehungsbande bewusst zu werden, die die Grundlage wirksamer Rhetorik und der politischen Praxis der „Isegorie“ ist, die eine von zwei Kernbestandteilen der attischen Demokratie bildete.

Die zentrale Wichtigkeit guter Beziehungen für die Staatsform Demokratie blieb für die attischen Demokraten selber unsichtbar, weil sie bereits „in Beziehung waren“. Dazu hatten bereits die Solonschen und Kleisthenischen Reformen in Athen beigetragen. Aber mit dem Aristokratie-Ideal im Nacken konnte man nicht auf die Idee kommen, die demokratischen Prinzipien und Verfahren auf die Gesamtbevölkerung auszuweiten. Man blieb ein elitärer Club, weil Demokratie unter aristokratischem Vorzeichen entstand, vom Streben nach „auch-aristokratisch-Sein“ beseelt war.

Es war für die athenischen Männer von entscheidender Wichtigkeit, exklusiv zu bleiben, damit „Demokratie“ für sie Sinn machte.

Im Grunde ist es ein Teufelskreis: Weil man sich ähnlich war, verkannte man die Bedeutung guter Beziehungen für die Demokratie. Weil man die Bedeutung guter Beziehungen für die Demokratie verkannte, blieb man unter sich. Auf diese Weise blieb die Demokratie eine Ähnlichkeits-Geschichte, die das Verschiedene (entgegen ihrem eigenen Selbstbild) nicht in sich aufnehmen konnte.

Denn das war eigentlich das Ideal der attischen Demokratie: „Einheit des Verschiedenen“ sein zu können. Das war ihr Stolz im Gegensatz zu anderen Verfassungen. – Nur dass „das Verschiedene“ in Wahrheit so verschieden eben gar nicht war.

Als mehr Verschiedenheit in die Demokratie hätte eintreten müssen, um ihren Erhalt zu gewährleisten, scheiterte die attische Demokratie daher an diesem Selbstwiderspruch, an diesem blinden Fleck, an dieser Selbstillusion. Ihre politische Bindungskraft blieb gering, weil sie gar nicht darauf ausgerichtet war, integrativer zu sein; weil sie nicht zu den institutionellen Reformen bereit war, die sie befähigt hätten, mehr und verschiedenere Menschen ins Politische aufnehmen zu können.

Es macht daher durchaus Sinn zu sagen, dass die attische Demokratie auch an ihrer demokratischen Exklusivität nach Innen zugrunde gegangen ist.

Politische Exklusivität und begrenzte Reichweite („Außenpolitik“)

Das gleiche Prinzip spiegelt sich auch im „außenpolitischen“ Scheitern der attischen Demokratie.

Es wird zwar immer hochspekulativ und historisch besserwisserisch bleiben, aber es erscheint mit Bezug auf unsere heutige Situation nicht vermessen zu sagen, dass das athenische Verhalten gegenüber den anderen Poleis wohl etwas anders ausgesehen hätte, wenn nicht gerade die Kriegerkaste allein die „Vollbürger“ der attischen Demokratie gebildet hätte.

Nicht nur, dass eine Ausweitung der Demokratie nach innen auch eine Ausweitung der Demokratie nach außen nahegelegt hätte – die eben real nie stattgefunden hat, man blieb eine mit zunehmender Macht zunehmend aggressive Raubbeuter-Macht -, sondern die einseitige Aggressivität und der „Bürgerstolz“ der Athener wäre wohl auch unmittelbar eingedämmt worden, hätten auch die aus der Politik ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen intern, bei der politischen Willensbildung eine aktive und gleich gewichtige Rolle gespielt.

So aber, mit einer Krieger-Demokratie, die aus einem Willen „breiterer Massen“ an Männern hervorging, am aristokratischen Besser-Als-Andere-Sein teilzuhaben, konnte die attische Demokratie keine wirkliche Bindungskraft nach außen entwickeln. Jedenfalls keine, die über eine Angst- und Schreckensherrschaft hinausging. Es war eine Verbindung mit den anderen Stadtstaaten, die in sich zusammenbrach, sobald die Kräfte Athens auch nur ein klein wenig nachließen, sobald Athen nicht mehr in der Lage war, seine Terrorherrschaft über andere griechische Poleis mit erbarmungsloser, lückenloser Konsequenz auszuüben. Wer sich nur auf eigene Stärke verlässt, darf dann eben nie schwach sein.

Nachdem Athen nach der Schlacht von Salamis zur beherrschenden Seemacht geworden war, verhielt man sich im Grunde ähnlich wie die offene Kriegerkultur Spartas, deren politischer Einfluss sich aus dem gleichen Grund niemals weit über die Peloponnes ausdehnen konnte. Man tat zur See das, was Sparta zu Lande tat: Man unterwarf und unterdrückte die anderen Griechen. Doch diese Art von „Politik“ war reichweitenmäßig begrenzt: Die Spartaner konnten sich mit ihrer zahlenmäßig eng begrenzten Kriegerkaste nie lange weit weg von zuhause aufhalten. Sie mussten beständig Aufstände der aus dem Politischen ausgegrenzten Bevölkerungsanteile fürchten. Nur mit äußerster Zucht und Ordnung konnte man die eigene Dominanzstellung eine Zeit lang aufrecht erhalten. Bis eben auch Sparta nach und nach von der politischen Landkarte getilgt wurde.

Spannend wird der athenische „Fehler“ eigentlich nur dadurch, dass man sich im Grunde eines anderen Wegs, einer anderen Möglichkeit bewusst war. Zumindest legt man dem athenischen Demokratie-Verkörperer Perikles Worte in den Mund, die diese Selbst-Abgrenzung gegenüber Sparta bewusst machen: Man ist stolz auf die eigene Verspieltheit, auf die eigene größere Freiheit, auf die „natürlichere“ Entwicklung der athenischen Männer im Vergleich zu der der Spartaner.

Nach meiner Spekulation ist es die selbstverständliche Ausgrenzung großer Teile der Bevölkerung aus der Politik, die die attische Demokratie daran gehindert hat, die naheliegenden institutionellen Konsequenzen aus diesem Selbstverständnis zu ziehen. Man setzte das, was man „eigentlich“ wusste, nicht konsequent um, weil es völlig undenkbar war, auch Frauen, Migranten und Sklaven an der Demokratie zu beteiligen.

Hinter all dem steht wie gesagt immer noch ein aristokratisches Ideal, das bei der Entwicklung Athens zur Demokratie eine entscheidende Rolle gespielt hat. Ohne dieses Adels-Versprechen an die größere Masse der eingeborenen Männer Athens hätte es die Demokratie wahrscheinlich nie gegeben. Daher konnte die attische Demokratie sich nicht über ihre erreichte Form hinaus entwickeln. Das, was sie zustande brachte, begrenzte sie zugleich in ihrer Entwicklungsfähigkeit. Und das auch dann, als sie auf dem Spiel stand. – Den Schritt zu größerer interner Beteiligung konnte sie von ihren All-zu-Selbstverständlichkeiten her nicht machen. Es hätte „den Sinn der Demokratie“, so wie er sich den in die Politik „eingebürgerten“ Männern darstellte, zunichte gemacht. Es ging der attischen Demokratie von Anfang an darum, „etwas Besonderes zu sein“, etwas „ganz besonders Gutes“. Genauer: „Das Beste Leben“ zu realisieren. Das Aristokratie-Versprechen war der attischen Demokratie so zentral, dass sie es nicht abstreifen konnte.

Das hätte sie aber gemusst, um andere Poleis mit in die eigene Demokratie hinein zu nehmen und aus kriegerischen Außenverhältnissen Politik im engeren Sinne machen zu können. Wäre der athenischen Demokratie dieses politische Kunststück möglich gewesen, wäre etwas völlig neuartiges entstanden: Ein demokratisches Gebilde, das sich über mehrere Poleis hinweg erstreckt hätte. Eine „Mega-Polis“, die nicht mehr örtlich gebunden gewesen wäre, sondern sich über den gesamten Ägäis-Raum bis nach Kleinasien erstreckt hätte. Man hätte sozusagen die Römer vorweggenommen, allerdings durch eine dezidiert demokratische Form von territorialer Staatenbildung.

Ohne diese Möglichkeit blieb Athen aber begrenzt in seinen Möglichkeiten. Es blieb schwach, so stark es innerhalb der griechischen Welt für einen kurzen Moment in der Zeit auch geschienen haben mag, als es im perikleischen Zeitalter alle anderen griechischen Stadtstaaten übertraf und überstrahlte.

Doch Athen musste herausfinden, was es eigentlich „intern“ schon wusste: dass soziale Bindungen, die auf Gewalt beruhen, immer instabil sind. Dass sie nicht zu dauerhafter Ordnung und einem gesunden politischen Organismus führen können. Aus solchen Instabilitäts-Erfahrungen heraus hatte sich auf attischem Boden ja gerade die Demokratie herausgebildet.

Wie gesagt: Dieser äußeren Begrenztheit der attischen Demokratie korrespondiert ihre innere Begrenztheit. Weder konnte sie Augenhöhe zu anderen Poleis zulassen, noch bürgerschaftliche Augenhöhe zu all jenen Menschen in ihrer eigenen Polis, die sie in vollem Bewusstsein und voller Stolz aus dem Politischen ausgrenzte. Es war ein exklusives Politikverständnis, das sich in der antiken Demokratie begründete und in dieser Exklusivität seine Stabilitätsgrenze fand.

Undemokratische Gewalttätigkeit nach außen und undemokratische Gewalttätigkeit nach innen gingen in der antiken Demokratie Hand in Hand. Aus dieser gewaltvollen Handreichung heraus, an ihrem Willen zur Hierarchie ist die attische Demokratie gescheitert. Sie konnte auf diese Weise keinen Bestand haben. Ihr Auflösung war aufgrund ihrer geringen sozialen Bindungskraft nur eine Frage der Zeit.

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