Nach dem Sieg der Griechen über die Perser bei Salamis rückte das demokratische Athen allmählich immer mehr in eine beherrschende Stellung gegenüber anderen griechischen Stadtstaaten. Warum das so war, erläutert Christian Meier sehr treffend: Man hatte in Athen erstmals das aristokratische Prinzip des „Besser-Als-Andere-Sein-Wollens“ auf die Politik übertragen. Im engeren Sinne des Wortes gab es in anderen Poleis eigentlich gar keine Politik. Die athenische Demokratie war sozusagen eine „Aristokratie mit anderen Mitteln“, mit politischen Mitteln nämlich. Vor dem internen Wandel Athens hatte sich die Aristokratie vor allem „privat“ ausgetobt. Christian Meier schreibt dazu:

„Wichtiger als Macht war den Griechen im allgemeinen das Leben selbst, die Geselligkeit, die Öffentlichkeit, auch der Sport. Und der Ehrgeiz der Bundesgenossen war nicht groß, die Kraft der vielen kleinen Städte nicht leicht zusammenzufassen.“ (Christian Meier: Athen, S. 355)

Wenn man „Ehrgeiz“ hatte, so hatte er sich vor der Demokratisierung Athens unter den Griechen nicht oder kaum auf die Politik gerichtet. Es war ein privater Ehrgeiz, mit dem man sich ganz persönlich vor anderen hervortun wollte. Das wird auch der tiefere Grund gewesen sein, warum all jene „Tyranneien“, die es durchaus gegeben hatte, nie stabilisieren konnten. Man bildete keinen stabilen Machtapparat aus, sondern war auf anderes fixiert und konzentriert. Man war zu lässlich (oder soll man sagen: „lebensfroh“?), um sich den Anstrengungen des Machterhalts oder Machtausbaus zu widmen. Sich allein oder vor allem im Politischen zu verwirklichen kam den Griechen allem Anschein nach eher „unrund“ oder „unfrei“ vor.

Von dieser Ausgangslage aus wurden die Athener nach ihrer Demokratisierung unter den Griechen direktgehend „verhaltensauffällig“. Sie entwickelten eine Betriebsamkeit und einen politischen Aktionismus, den man so nicht kannte und der auch Misstrauen weckte in der damaligen griechischen Welt. Die Athener waren unruhig und machten alle anderen unruhig. Sie müssen ähnliche Gefühle bei ihren Mitgriechen ausgelöst haben, wie sie Stadtmenschen heute manchmal bei Landbewohnern auslösen. In der zeitgenössischen Darstellung bei Thukydides liest sich das folgendermaßen:

„Sie sind die ewigen Neuerer, scharf im Planen und rasch im Ausführen dessen, was sie einmal beschlossen haben… Sind gewohnt, auch über das Maß ihrer Kräfte hinaus zu wagen und wider vernünftige Einsicht die Gefahr zu suchen, noch in gefährlicher Lage guter Zuversicht… Kennen kein Zaudern, während Ihr ewig zögert, und gerne lassen sie sich auf Unternehmungen in weiter Ferne ein, während ihr zu Hause hockt… Wenn sie die Feinde bewältigen, so stoßen sie so weit nur immer möglich nach, und werden sie besiegt, so fallen sie so wenig nur immer möglich zurück. … Sie setzen Leib und Leben für die Polis ein, als hätten sie damit nichts zu tun, als gehörten sie ihnen nicht; ihren Verstand aber gebrauchen sie ganz selbständig, jeder als einen eigensten Besitz und Beitrag, wenn es gilt, etwas für die Stadt zu tun. Und was sie von ihren Anschlägen nicht bis zu Ende verfolgen können, das ist ihnen, als würde ihnen genommen, was sie bereits haben; was sie im Angriff gewinnen, das ist für sie, verglichen mit dem, was noch kommen soll, als hätten sie nur eine Kleinigkeit bei Wege vollbracht. Sind sie aber bei einem Versuch gescheitert, so setzen sie der Hoffnung ein neues Ziel und füllen so den Mangel aus. Denn sie sind die einzigen, für die Haben und Hoffen bei allem, was sie planen, eins ist, weil sie geschwind anpacken, was immer sie beschließen. All dies treiben sie unter Gefahr und Mühe ihr ganzes Leben hindurch mit Anstrengung aller Kräfte, und sie verweilen am wenigsten im Genuß ihres Besitzes, weil sie immer mit dem Erwerben beschäftigt sind und kein anderes Fest kennen, als das Notwendige ins Werk zu setzen, und tatlose Ruhe für ein schwereres Los halten als mühselige Unmuße.“ (zitiert nach Christian Meier, Athen, S. 352 f.)

Diese ganze Haltung und dieses ganze Treiben war den Griechen ursprünglich suspekt, die ja gerade auf ihre Freiheit von Arbeit stolz waren. Müßiggang war ein Privileg des Adels; Arbeit ein Attribut der Sklaverei. Vor diesem Hintergrund, vor der gewohnten Idealisierung der „Wahrung des Maßes“ schienen die Athener mit der Demokratie „aus dem Lot“ geraten zu sein: Eine Gesellschaft von kollektiv Überpacenden, eine Gesellschaft von Durchdrehenden, eine verrückte Gesellschaft.

Wir können uns die athenischen Demokraten wie aggressive politische Unternehmer vorstellen. Sie hätten Donald Trump vermutlich gut gefallen. Und diesem aggressiven Unternehmergeist war in der damaligen Zeit nichts gewachsen. Zunächst.

Hätte die Demokratie dabei keine ganz besondere Rolle gespielt, wäre das antike Athen nur eine sehr gewöhnliche, unbedeutende Episode in der Menschheitsgeschichte gewesen. Nur ein weiterer Fall davon, was bis zur Herausbildung der Weltgesellschaft in der Moderne der Standardfall war: Dass aggressivere, kriegerische Gesellschaften friedlichere, lebenszugewandte Gesellschaften unterwarfen, versklavten, verdrängten und ermordeten.

Dass das Innenverhältnis der athenischen Bürger – ihr demokratischer Umgang untereinander – in der Moderne noch einmal so wichtig geworden ist, ist daher fast ein Treppenwitz der Geschichte. Wir wollen heute mit jenen Mitteln, die die Athener nach Außen hin zu einer Art Krebsgeschwür für ihre Mitmenschen gemacht haben, untereinander ein friedlicheres und kooperativeres Verhältnis stiften. Ganz so wie es eben in Athen mit der Demokratisierung tatsächlich der Fall war.

Das ist nicht unbedingt auf Anhieb zu begreifen. Man muss „Athen“ für sich durchaus erst einmal sortieren, um seine Anregungen für die Moderne bekömmlich und fruchtbar zu machen. Denn das Kriegerische, das Aggressive, das zwanghaft Unternehmerische an Athen ist im Grunde nichts Besonderes. Nicht für uns. Das können wir selbst ganz gut. Dazu brauchen wir heute keine Anregung aus der Antike.

Was jedoch das Innenverhältnis angeht, die Art und Weise wie man in einer aggressiven Gemengelage und in einer ständigen instabilen Aufgeheiztheit dauerhafte Verbundenheit und Stabilität stiftete, daraus können wir heute sehr viel ziehen.

Und vermutlich können wir das heute sogar noch ein klein wenig besser machen.