Um nachzuvollziehen, wie Wahlen das Empathie-Niveau in einer Gesellschaft nach und nach immer weiter absenken, ist es wahrscheinlich gut, sich konkreten Situationen zuzuwenden. Ich nehme im Folgenden irgendeine Situation, wie sie immer wieder einmal vorkommt in unserer Gesellschaft.

Angenommen, es geht um die politische Entscheidung über den Bau einer weiteren Flughafen-Startbahn. An diesem Bau docken verschiedene menschliche Bedürfnisse an. Z.B. mag es Menschen geben, die sich davon Aufträge für ihr Unternehmen erhoffen, denen der Ausbau also Sicherheit verschafft. Das gleiche kann für einige Menschen gelten, die gern am Flughafen arbeiten, in den verschiedensten beruflichen Rollen. Und es mag Menschen geben, die in der Nähe des Flughafens wohnen, vielleicht dort gebaut haben, zu einem Zeitpunkt, als der Fluglärm noch geringer war und von einem weiteren Ausbau nie die Rede. Und es mag Menschen geben, die sich um die langfristige gesamtwirtschaftliche Entwicklung der Region sorgen, und die sich vom Ausbau versprechen, dass die Region dann an die zentralen, weltweiten Ströme von Kapital, Know-How und auch kultureller Attraktivität besser angebunden ist oder bleibt. Und es mag Menschen geben, die sehen, dass ein weiteres Stück Wald oder Land verloren geht, mit kurzfristigen wie langfristigen Folgen für Tier- und Pflanzenarten. Vielleicht geht es auch um den Erhalt eine Naherholungsgebietet, das einige sehr schätzen. Oder um Straßen, die neue Wege nehmen müssen, was für Pendler wiederum…

Damit sind wir in unsere kleinen, konstruierten Szenario immer noch grob unterkomplex unterwegs, weil die menschliche Vielfalt in unserer Gesellschaft in jedem Fall viel größer ist als alles was wir uns ausdenken können. D.h. es sind immer noch viele weitere menschliche Bedürfnisse im Spiel. Bedürfnisse, die wir uns aufgrund der unglaublichen Vielfalt unserer Gesellschaft nicht einfach „denken“ oder „erschließen“, sondern die wir nur durch das Zuhören und Nachfagen in unmittelbarer Begegnung mit jenen Menschen erfahren können. Es handelt sich stets um sehr konkrete und hochgradig nachvollziehbare Bedürfnisse, die zugleich für die jeweilige Einstellung eines Menschen zu dieser politischen Entscheidung eine ganz entscheidende Rolle spielen. – Und das: Diese Vielfalt und diese Unausdenkbarkeit dürfen wir heute bei jeder politschen Entscheidung voraussetzen.

Was ist nun die natürliche Reaktion auf ein geäußertes oder spürbares Bedürfnis bei einem anderen Menschen? Wenn wir selber entspannt sind, wenn wir uns sicher fühlen? Wenn wir glauben, dass auch auf unsere eigenen Bedürfnisse eingegangen werden wird?

Wenn wir selber nicht massive psychische oder physische Schädigungen erlitten haben, Schädigungen in einem Ausmaß, wie sie in der Gesamtbevölkerung nur verschwindend selten vorkommt, dann werden wir uns in solchen Fällen dem Bedürfnis des anderen freundlich – und auch ein bisschen neugierig – zuwenden. Wir wollen dann wissen, wie es dem anderen geht. Wir wollen verstehen, worum es ihm genau geht. Vielleicht auch, wie wir ihm helfen oder auf ihn eingehen können. Was wir selbst zu seinem Wohlergehen beitragen können. Wir hören ihm zu.

Empathische Reaktionen sind ganz natürlich für uns als „hypersoziale Spezies“. Wir hätten uns niemals so weit entwickeln können und wir hätten niemals so komplexe Kooperationsformen ausbilden können, hätten wir alle nicht diese komischen „Empathie-Buchsen“, die uns „wie gemacht“ erscheinen lassen dafür, aneinander empathisch anzudocken und uns sinnvoll miteinander zu verbinden. – Manche sagen auch „Indeed without empathy democracy would not be possible“:

Die systematische Kultivierung und Nutzung von Empathie ist also entscheidend für die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft. Vielleicht sind stabile Empathiepraktiken für die moderne, in sich stark differenzierte Gesellschaft sogar bedeutsamer als für jede andere menschliche Gesellschaft zuvor.

Wichtig für unser Thema ist nun, was passiert, wenn wir solche politischen Entscheidungen wie die über eine neue Flughafen-Startbahn mittels der Institution „Wahlen von Parteien“ miteinander verhandeln:

Es bilden sich dann unmittelbar „Fronten“: Parteien dafür und dagegen, die sofort anfangen, sich Argumente um die Ohren zu hauen. Das Zuhören wird unmittelbar beendet. – Beide Seiten, die für den Bau und die gegen den Bau wollen zwar weiterhin dass man ihnen zuhört, speziell: Dass die Staatsmacht und vielleicht auch „die andere Seite“ ihnen zuhört. Doch das eigene Zuhören ist damit beendet.

Insbesondere tritt eine ganz bestimmte, empathische Form des Zuhörens nun nicht mehr auf: Die Form des Zuhörens nämlich, die auf die Bedürfnisse „dahinter“ lauscht, die darauf hört, was jemand eigentlich will, wenn er sich z.B. für oder gegen den Bau der Startbahn stark macht und in einer ganz speziellen Form „öffentlich Gehör verschafft“.

Denn weil wir – in einem Parteienwahlsystem gefangen – alle miteinander bereits antizipieren, dass uns ja nicht zugehört werden wird, wird in allen politischen Sachfragen nicht nur die Sachfrage selbst verhandelt, sondern jedes Thema wird für uns sozusagen „zum Symbol“. Entweder zum Symbol, „sich hier einmal durchgesetzt zu haben“ (= „politischer Sieg“). Oder zum Symbol, „wieder einmal nicht gehört geworden zu sein (= „politische Niederlage“). – Dass es in der Demokratie möglicherweise darum geht, dass sich gar niemand „niedergeschlagen“ oder „besiegt“ fühlen muss, verschwindet auf diese Weise vom Tisch der Möglichkeiten.

Es ist so, als würden wir mit dem Parteinwahlsystem, das wir uns als Verfassung gewählt haben, unsere Empathieschaltkreise im Hirn systematisch abschalten. Und dabei aber dann immer nur mit dem Finger auf die jeweils andere „Partei“ zeigen, die mit uns ach so unempathisch ist, völlig verbohrt, und überhaupt gar nicht offen für unsere „gewichtigen Argumente“. (Was ja durchaus auch alles stimmt, das ist ja das Schlimme). – Was dabei untergeht und nicht mehr auftaucht ist nur a) dass wir selbst um keinen Deut empathischer sind. Und b) dass der andere sehr wohl viel empathischer mit uns sein könnte und sein würde, würden wir in anderen politischen Verfahren aufeinander treffen. In Formen, in denen Begegnung wirklich stattfindet. In Formen, die Zuhören und Empathie triggern, anstatt sie zu verunmöglichen und zu dumpen.

Was Parteienwahlsysteme mit uns anrichten, geht aber noch weit über diesen unmittelbaren Schaden für unsere bürgerschaftlichen Beziehungen miteinander hinaus:

Wenn wir nicht auf die Bedürfnisse hinter den Äußerungen hören und keinen Zugang zum Wesentlichen im Anliegen unserer Mitbürger finden (und oft auch nicht mehr zum Wesentlichen in unseren eigenen Anliegen), dann ist der Weg zu innovativen politischen Lösungen und Entscheidungen verstellt. Man merkt das gar nicht mehr, weil man es in einem Parteienwahlsystem so selten erlebt und gar nicht mehr kennt. So als gäbe es die Option gar nicht, dass im Zuge von politischen Prozessen Neues entdeckt wird: Neue Wege, neue Lösungen, neue VorgehensweisenPolitische Innovationen, die gerade dadurch „erzwungen“ (besser: ermöglicht) werden, dass wir uns weigern, „einem von uns“ mit unserem gemeinsamen Entscheiden weh zu tun. Dass wir uns demokratisch auf Gewaltfreiheit gegeneinander gepolt haben. Dass wir aus dem Konflikt- und Bekämpfungsmodus prozessual ausgestiegen sind.

Auf gelosten Bürgerkonventen erlebt man so etwas aber ständig: Da sitzen in kleinen Gruppen höchst unterschiedliche Mitbürger zusammen, mit höchst unterschiedlichen „Interessen“ (oder Desinteresse) am Thema, das verhandelt werden soll. Und sie „brainstormen“ erst einmal, was Antworten auf das erarbeitete Problem sein könnten. Sie sammeln also erst einmal – völlig entspannt, es geht ja noch nicht ans Entscheiden – verschiedenste Lösungen. Dann einigen sie sich in ihren Kleingruppen z.B. auf 3 davon, die ihnen als die relativ Besten erscheinen. Auch dies geschieht immer noch entspannt und damit potentiell empathisch. Denn erstens ist die Pluralität der Lösungen ein Trigger für Entspannung. Es gibt kein „Entweder-oder“, sondern verschiedenste Antworten, die alle jeweils Vor- und Nachteile haben, nur halt eben für verschiedene Bürger verschiedene Vor- und Nachteile. Und zweitens wird dann erst im Plenum abgestimmt, nachdem alle Kleingruppen ihre besten 3 Lösungen vorgestellt haben, so dass schon im Zuge des Prozesses der Lösungsvorstellung eine Art weitere „demokratische Willensbildung“ in der Gesamtgruppe der gelosten Bürger stattfindet.

All das bleibt während des gesamten Prozessen entspannt, zugewandt, freundlich und empathisch. Selbst dann, wenn Bedürfnisse einzelner stark betroffen sind, also mit starker emotionaler Ladung zu rechnen ist. Und auch selbst dann, wenn außerhalb des Bürgerkonvents, „in der Öffentlichkeit“, unerbittliche Debatten und polarisierende Konfliktlinien gefahren werden. – Es ist so, als ob die Unmittelbarkeit der Beziehung in solchen gelosten Bürgerkonventen sich über all das hinwegsetzen kann, weil sie sozuagen spontan eine eigengesetzliche, konstruktivere und empathischere Beziehungsdynamik freisetzt. Und da die personelle Besetzung solcher Bürgerkonvente per Losverfahren geschieht, ist eben auch keine Gruppe systematisch ausgeschlossen. „Alle sind da“. „Die Gesellschaft ist da“, wenn man es pathetisch ausdrücken will. Und innerhalb dieser nahezu repräsentativen Mini-Gesellschaft werden nun unmittelbare Empathieprozesse freigesetzt und gezielt für die gemeinsame Willensbildung und das gemeinsame Entscheiden genutzt. – Das ist der Grund, warum die Entscheidungen solcher Bürgerkonvente so viel besser, so viel versöhnlicher und auch so viel innovativer sind als alles, was wir außerhalb solcher Konvente „politisch“ hören und sehen.

Bei Wahlen von Parteien sehen wir von all dem nichts. Wir sehen vielmehr eine zunehmende Errosion von Empathie, die sich nach und nach in allen Gesellschaften Bahn bricht, die seit einem längeren Zeitraum versuchen, Demokratie mittels Wahlen von Parteien zu organisieren. – Diesen Prozess der Empathierrosion durch Parteien verstehen v.a. diejenigen von uns nur schwer, die selbst noch auf einem hohen Empathiesockel sitzen, in vergleichsweise privilegierten gesellschaftlichen Situationen. – Denn die meisten von uns haben schon erlebt, wie sich das Parteienwahlsystem als Verfassung für sie in ihrem persönlichen Leben immer wieder fatal auswirkt. Für sie ist es nicht unverständlich, dass sich als Antwort darauf nun „Anti-Empathie-Parteien“ herausgebildet haben. Denn das ist die logische Antwort auf ein System, das Empathie systematisch dumpt: „Blablabla first“. – Jeder ist sich selbst der nächste. Jeder muss selbst schauen wo er bleibt. Mit Empathie der Mitbürger wird gar nicht mehr gerechnet, weil mit ihr eben auch gar nicht gerechnet werden kann. Das ist in Parteienwahlsystemen kein Mindfuck. Das ist eine regelmäßig gemachte Erfahrung, aus der nun Schlüsse gezogen werden.

Dass Parteien nebenher dazu führen, dass man auch mit sich selbst unempathisch wird, mit eigenen Bedürfnissen, die man durchaus hat, wird ebenfalls ins Unbewusste abgedrängt. Hat man sich einmal in ein „parteiisierbares“ Thema verbissen, vergisst man im Zuge der rituellen Kriegsführung schnell, dass man auch noch viele andere Bedürfnisse hat, die empathische Verbindungen zu Menschen „anderer Partei“ ermöglichen. Es geht dann nur noch darum, „sich durchzusetzen“, „den politischen Kampf zu gewinnen“.

Es ist ein ausgesprochen empathiearmes System, das wir uns da geschaffen haben. Eines, das unsere natürliche Empathiefähigkeit nicht nur unbeachtet und ungenutzt lässt. Sondern ein System, das unsere Empathiefähigkeit systematisch zerstört und uns so in zunehmende Konfliktdynamiken hineinreisst wie in einen sich immer schneller drehenden Strudel.

Parteien sind Organisationen des Krieges. Dass sie intern hierarchisch organisiert sind, ist kein Zufall oder kein „Fehler“. So muss man es eben machen, wenn man gesellschaftliche Kriege führt und gewinnen will.

Nur können wir uns die Frage stellen, ob wir unter „Demokratie“ wirklich das verstehen: Dass wir uns wechselseitig bekämpfen, runtermachen, ins Hintertreffen bringen wollen? Dass wir zu unseren privaten, wirtschaftlichen Kämpfen gegeneinander zusätzlich auch noch eine politische Front gegeneinander eröffnen?

Im Grunde haben wir gerade in einer so vielfältigen und kompetitiven Gesellschaft wie der unseren Bedarf an einem Ort der gesellschaftlichen Beruhigung und Versöhnung. Nicht als einmaligem Vorgang, sondern als „ongoing process“, als ständiges Geschehen. Zu diesem Zweck sind Politik und Demokratie eigentlich einmal erfunden worden.

Was wir daraus gemacht haben, erscheint mir dagegen ziemlich absurd. Eine Politik, die für Empathie keine Verwendung hat und die uns in einem permanenten Kampfmodus versetzt, scheint mir freundlich gesagt überflüssig. Solche politische Institutionen und Verfahren brauchen wir sicher nicht. Denn bekämpfen und uns in ein gesellschaftliches Chaos hineinreiten, in dem der Stärkere, Skrupellosere, Empathielosere „gewinnt“, das können wir auch ganz ohne Politik und Demokratie ganz gut. Das ist keine Politik und keine Demokratie. Das ist ein kompletter Ausfall von Politik und Demokratie. – Und ein System, das zentral in der Wahl von Parteien besteht, ist ein nachhaltig wirksamer Beitrag zu diesem Empathieausfall, zu diesem Empathiedumping, zu dieser Empathieerrosion.

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