Das politische Denken in Europa wurde ganz entscheidend geprägt von zwei Theorien des Politischen, die bemerkenswert „körperorientiert“ sind:

Von Thukydides‘ philosophischer Rekonstruktion der Ereignisse, die zum Peloponnesischen Krieg geführt haben und der Prinzipien, die in diesem Krieg erkennbar wurden. Und am Beginn der Neuzeit von Thomas Hobbes, der seinen mechanistischen Atomismus und die damit verbundene Körpertheorie offen thematisiert.

Thukydides‘ Körpertheorie des Politischen liest man am Besten bei Alfons Reckermann nach. Thomas Hobbes‘ Körperpolitik scheint mir am Besten im Original zugänglich zu sein, auch wenn ich zugeben muss, dass es mich ein ganzes Jahr meines Lebens gekostet hat, den „Leviathan“ und seine vermeintlichen Widersprüchlichkeiten und Merkwürdigkeiten für mich aufzulösen. Also bis sich ein Gefühl des „vollständigen Verstehens“ eingestellt hat. Ein Gefühl, von dem manche sagen, dass es das gar nicht gibt, wieder andere, dass es eine Illusion ist, und wieder andere, dass es fatal ist. Was man verstanden zu haben glaubt, sei tot. – Ich erlebe das etwas anders. Nach dem „vollständig Nachvollzogen-Haben“ geht das eigentliche Leben erst los. Aber das ist wohl ein Problem für Philosophen mit starkem Hang zur Hermeneutik.

Beide Theorien des Verhaltens politischer Körper – die antike und die moderne – sind eng miteinander verknüpft. Denn es ist kein Zufall, dass Hobbes Thukydides ins Englische übersetzt hat.

Beide Theorien schildern das Verhalten von (menschlichen) Körpern im Raum aus der Vogelperspektive, aus der Übersicht, von Außen. – Es sind also keine „Erlebnisberichte“, sondern Reflexionen auf’s Erlebte aus vermeintlicher Unbeteiligtheit. „God view“ nennt man das auch manchmal. Dass beide, Thukydides wie Hobbes, auf’s Engste in das involviert waren, was sie theoretisierend beschreiben, muss man sich immer dazu denken. Dass es sich um Versuche einer Distanznahme, einer Rückgewinnung eigener Handlungsfähigkeit handelt, angesichts erlebter Ohnmachten in Konfliktdynamiken, die die Möglichkeiten und Fähigkeiten individuellen Handelns übersteigen.

Bei Hobbes finden wir auch Anlagen zu einer psychischen Betrachtungsweise (in den ersten Kapiteln des Leviathans): Er beschreibt auch die angenommenen „Innenbewegungen“ von Körpern, also das, was die äußere Bewegung und das Aufeinandertreffen von Körpern in menschlichen Körpern auslöst. Heute nennen wir das eben: „Psychologie“.

Wenn wir den Impuls aufnehmen, dass „Politische Theorie“ eine ganz bestimmte Form der „Theorie vom Verhalten menschlicher Körper im Raum“ ist, nämlich diejenige, die danach fragt, ob und wie diese Körper ihr Verhalten im Raum durch kollektives Handeln bewusst koordinieren, gestalten, formen, bahnen, ordnen können, dann gewinnen geloste Bürgerversammlungen einen eigenartigen, neuen Zug:

Denn durch das Losverfahren bringen wir ja zuallererst die „Körper der Bürger“ in einem gemeinsamem Raum zusammen, den wir als „politisch“ insofern kennzeichnen, als in ihm über Dinge beraten und entschieden werden soll, die danach „im Privaten“ wiederum alle beeinflussen und betreffen.

Es scheint sich um den Aufbau des Potentials zu einem Selbstordnungsprozess zu handeln, ähnlich der individuellen Reflexion auf eigene Aktivität. Also ähnlich dem Vorgang, wenn wir uns zurückziehen und „darüber nachdenken“, wie wir weiter verfahren wollen. – Nur eben als kollektives Geschehen.

Wenn wir das Körperbild aufnehmen, das Hobbes als Titelbild zum „Leviathan“ gewählt hat, dann haben wir in gelosten Bürgerversammlungen ein sich immer wieder ereignendes (anstatt einmaliges) „Zusammenkommen des Souveräns“ vor uns, eine Anordnung von Körpern, die die Körper anordnen. Oder ihnen zumindest in „Gesetzen“ und „staatlichen Maßnahmen“ die Wege für ihre weitere Fortbewegung verstellen oder bahnen.

„Selbststeuerung der Gesellschaft“ kann man das nennen. – Wie das auf Dauer gestellt werden kann, solche Selbstkoordination der Bürger durch die Bürger, hat vor kurzem der polnische Politologe Marcin Gerwin sehr schön beschrieben, auf S. 88 f. dieser Anregung zur Durchführung von gelosten Bürgerversammlungen.

Da ich selbst sehr psychologisch orientiert bin, d.h. das Politische von dem her zu verstehen versuche, was mir als „die menschliche Seele“ erscheint, glaube ich, dass wir heute insofern über Hobbes hinaus gehen können, als wir den Innenvorgängen der Bürger bei solchen Bürgerversammlungen mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn die Frage, wie sich menschliche Körper im Raum mehr harmonisch und lustvoll und weniger konflikthaft und schmerzhaft bewegen können, ist getragen von den Möglichkeiten wechselseitiger menschlicher Wahrnehmung und Kommunikation. Insbesondere von der Kommunkation unserer Körper, also derjenigen Kommunikation, die wir heute, im virtuellen Zeitalter, schärfer wahrnehmen als jedes Zeitalter zuvor, in dem Körperlichkeit noch fragloser und selbstverständlicher war. Auf gewisse Weise sind wir heute die „vergeistigteste“ Gesellschaft, die jemals auf diesem Planeten gelebt hat.

Und daher wird unsere Körperlichkeit, ihre Grenzen und ihre Möglichkeiten, für uns interessanter. Auch im Politischen. Die Bürger erleben sich auf Bürgerversammlungen in ihrer Körperlichkeit. Und von diesen – institutionell herstellbaren – Erfahrungen her, ist politische Koordination höchstwahrscheinlich besser möglich als in einer Politik, die rein virtuell oder medial bleibt, die also auf solches Körpererleben vollständig verzichtet.

Gewissermaßen träumt unsere momentane Politik unsere menschlichen Körper nur. Sie hat leere Vorstellungen von den Auswirkungen staatlicher Maßnahmen und Gesetze auf die verschiedenen Körper in ihrer verschiedenen Lage, Bewegung und Anordnung. Aber sie hat keine Erfahrung mit ihnen. Sie erhält keine körperlichen Rückmeldungen, kein Körperfeedback. Eine solche „körperlose“ Politik muss auf diese Weise ganz zwangsläufig falsche Vorstellungen von den Auswirkungen ihrer selbst entwickeln. Denn ihre Auswirkungen sind selbstverständlich körperlicher Art. Nur weiß sie eben nichts darüber. Sie träumt ihre eigenen Auswirkungen – und ist dann überrascht von den wirklichen Auswirkungen.

Dass auf diese Weise – ohne geloste Bürgerversammlungen – eine katastrophale Politik entstehen muss, hätten m.E. sowohl Thukydides als auch Hobbes unmittelbar verstanden.

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