Unsere Körper gehören zum Verlässlichsten, das es überhaupt für uns gibt. Wir vergessen das gerne. Aber für einen philosophisch veranlagten Menschen, der ja stets auf der Suche nach „allgemeinen Prinzipien“ und „Gesetzmäßigkeiten“ ist, weil der Boden unter ihm sonst viel zu sehr schwankt, ist so etwas durchaus nicht ganz vernachlässigenswert. Ist Verlässlichkeit für uns eine wichtige Größe, sind die Gesetzmäßigkeiten menschlicher Körper nicht völlig zu verachten.

Was soll das aber heißen: „Unser Körper ist recht verlässlich.“? – Nach meinem Erleben: Eine ganze Menge:

  • Z.B. zeigt unser Körper immer die gleichen Reaktionen auf bestimmte Formen von Zuwendung und Vernächlässigung. Damit kann man fest rechnen. Verzichten wir z.B. länger auf Schlaf, können wir ziemlich sicher sagen, was passiert. Geben wir ihm die Bewegung, die er braucht: Nicht zu viel, nicht zu wenig, die richtige Art, so dass er uns mit „Spaß“ rückmeldet, dass das schon so passt, können wir auch ziemlich sicher sagen, was passiert. – Ein ziemlich kooperatives und treues „Ding“, so ein Körper.
  • Aber nicht nur in seinen Bedürfnissen, Gefühlen und Reaktionen auf Bedürfnisbefriedigung/Bedürfnisvernachlässigung ist so ein Körper eine ziemlich zuverlässige Sache. Sondern auch im Zwischenmenschlichen Bereich, den wir manchmal etwas verkürzend „Kommunikation“ nennen. – Während wir mit Worten und Gedanken ziemlich gut hinter dem Berg halten können, zeigt der Körper seine ganz eigenen Reaktionen. Und die sind wesentlich schlechter zu verbergen. Zumindest mir sind keine so guten Schauspieler bekannt, die sich hinsichtlich der Dinge, die für sie gerade ziemlich wichtig sind, so gut verstellen können, „dass man nicht dahinter käme“. Zumindest dann nicht, wenn man die Technik des „Den-Körper-Ansprechens“ beherrscht. – Aber vielleicht mache ich mir da was vor und hab da nur einen planetengroßen blinden Fleck mit meiner Illusion, dass man da dann einiges sehen, hören, fühlen und manchmal auch riechen kann. – Körpersprache schafft also Vertrauen, weil wir dadurch wissen, woran wir beim anderen sind. Und, noch wichtiger: Der andere weiß auch bei uns, woran er ist. Will man gelingende Kooperationen, ist das eine schöne Sache. – Virtuelle Kommunikation mittels reiner schöner Worte und Bilder zeichnet sich dagegen durch ein hohes Täuschungs- und Enttäuschungspotential aus. Solche Kommunikation verzichtet auf eine „natürliche Ressource“, wenn es um gelingende Interaktionen geht. Also um solche „Begegnungen“, nach denen sich hinterher beide beteiligten Menschen besser fühlen anstatt schlechter.
  • Körperreaktionen und Körperkommunikation in der Politik ungenutzt zu lassen, könnte daher, wenn man „verlässliche Politik“ wollte, eine richtiggehend fahrlässige Idee sein.
  • Und dann gibt es da noch die auch nicht ganz unwichtige „Verlässlichkeit“, dass wir alle wohl irgendwas über 99% unseres Genoms miteinander teilen. Auch das ist eine „körperliche Verlässlichkeit“, die beides erklärt: Warum wir so gut miteinander auskommen (warum menschliche Kooperation überhaupt möglich ist) und warum wir so große Schwierigkeiten haben, miteinander gut auszukommen (warum menschliche Konkurrenz recht wahrscheinlich ist und man sich wohl immer wieder in die Quere kommen wird, wenn man sich nicht abstimmt und koordiniert).

Ein menschlicher Körper dessen „Richtung“, dessen „Verhalten“, dessen zukünftige „Reaktion“ für uns nicht einschätzbar ist, ist für uns Menschen immer eine potentielle Bedrohung: Zu vielfältig sind die Möglichkeiten solcher Körper, „uns in die Quere zu kommen“, „uns zu verletzen“, oder einfach mit uns zu crashen. Gar nicht unbedingt „aus böser Absicht“, sondern aus reiner Unberrechenbarkeit, Unabgestimmtheit und Unkoordiniertheit.

Sehr schön ist in diese Körpertheorie des Politischen daher jenes Zitat von Reuel Howe einzubauen (wie es von Thomas Gordon wiedergegeben wird):

„Jeder Mann [und jede Frau; Einfügung von Gordon] ist ein potenzieller Feind, das gilt sogar für die Menschen, die wir lieben. Nur der Dialog kann uns von der Feindschaft erlösen, die jeder gegen jeden empfindet.“ („Gute Beziehungen“, Klett-Cotta 2013,  S. 68)

Eine Kommunikation, die ohne unsere menschlichen Körper auszukommen glaubt, kann uns nicht beruhigen. Denn intuitiv wissen wir, dass wir Menschen auf diese Weise, ohne die Kommunikation unserer Körper, über kurz oder lang „aneinander geraten werden“. Ungefähr so wie beim Autoscooter. Nur weniger vorhersehbar und weniger lustvoll.

Der heute viel verschrieene „Präsentismus“ hat daher im Gegensatz zum heutigen Lob des Virtuellen eine ganz entscheidende Sache für sich: Ohne ihn ist keine verlässliche, kooperative Politik zu machen. Wir wissen ohne unsere „Körper im Raum“ gar nicht, wie wir es vermeiden sollen, miteinander zu crashen. Und dass wir das dann nicht wissen können, das wissen wir im Grunde.

Daher sind wir heutzutage, ohne eine solche Politik, ja auch alle so aufgewühlt. Wir antizipieren: Das kann so nicht gut gehen mit uns. Wir machen uns Angst.

Dass diese wechselseitige, systematische Angsterzeugung ohne Not geschieht, dass das auch ganz anderes sein könnte, das steht auf einem anderen Blatt.

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