Hat man einen klaren Machtbegriff, kommt man nicht umhin wahrzunehmen, dass unsere Gesellschaft ein starkes, stabiles Machtungleichgewicht zwischen uns als Männern und uns als Frauen institutionalisiert.

Woran sich diese Machtungleichheit in Wirklichkeit festmacht, wird oft übersehen und oft verklärt: Sie entfaltet sich an der Art und Weise, wie wir die Verantwortung für das Wohlergehen unserer Kinder in unserer Gesellschaft momentan regeln.

Faktisch ist es nach wie vor das höchste Armutsrisiko für Frauen, die nicht sehr reich geboren sind, dass sie schwanger und dann vom Vater des Kindes / der Kinder verlassen werden.

Ich habe die letzten Jahre mit vielen hundert Frauen (genauso wie mit Männern) Gespräche führen dürfen: über ihre Partnerschaften, ihre Berufs- und Familienplanung und über die Erfahrungen, die sie damit in verschiedenen Altersstufen gemacht haben. Ich kann hier nur meinen höchst subjektiven Eindruck aus diesen Gesprächen wiedergeben: Es sind mehr als 9 von 10 Frauen, die sich der gestellten Problematik bewusst sind. Die ihre Risiken kennen und daher zu mir sagen: „Herr Ibrahim, ich möchte finanziell unabhängig sein , ich will mein eigenes Geld verdienen. Die Abhängigkeit vom Vater meiner Kinder ist mir zu riskant. Und dann noch die Sache mit der Rente später mal…“

Die Lösung für das Machtproblem in der Beziehung heterosexueller Paare wird also in der Berufstätigkeit und Karriere von Frauen gesucht. Auch und vor allem von den Frauen selbst.

Ernüchterung der Zahlen, ernüchternde Erfahrungen

Nun gibt es dazu Studien. Und ich muss sagen: Mich haben sie sehr beeindruckt. Es sind Studien zum Thema „Dual Career Couples“. Mit diesem Begriff werden nicht Paare bezeichnet, „in denen auch die Frau arbeitet“. Das ist heute weit verbreitet. Sondern das sind Paare, „in denen auch die Frau Karriere macht.“ – Das Beeindruckende ist – wenn man diesen Studien glauben will: Weltweit verläuft die Karrierkurve von Männern und Frauen in solchen Paaren mittlerweile weitgehend parallel. Und zwar ganz genau bis zu jenem Zeitpunkt, „an dem die Frauen Kinder bekommen“. Ab diesem Zeitpunkt schnellt die Kurve bei uns Männern noch steiler nach oben, während die Kurve der Frauen abflacht, wenn nicht abstürzt. Und das ist wie erwähnt kein deutsches, das ist globales Phänomen, das sich überall ähnlich abspielt.

Selbst wenn wir in Rechnung stellen, dass jene „Dual career couples“ bereits eine ganz spezielle Gruppe aus der Gesamtbevölkerung darstellen (meist Akademikerpaare) müssen wir doch aufgrund der Datenlage annehmen: Der Plan, Machtgleichheit zwischen Frauen und Männern mittels „Karriere“ herzustellen, funktioniert schlichtweg nicht. Er funktioniert schlicht aufgrund des biologischen Faktums nicht, dass Frauen eine Gebärmutter haben, dass sie unsere Kinder säugen können, und dass wir Männer uns deutlich leichter aus unserer Elternverantwortung vertschüssen können.

Die sicherste Art und Weise, wie eine Frau heute, beim momentanen Stand unserer Institutionen, Machtgleichheit in der Beziehung zu einem Mann herstellen kann, ist, wenn sie auf Kinder verzichtet oder wenn sie rein physisch keine Kinder bekommen kann. Entsprechend reagieren auch viele studierte Frauen gerade in sehr konservativen Ländern mit sehr traditionalen Geschlechterrollen auf die gegebenen Strukturen: Sie bekommen rationalerweise keine Kinder. Es ist einfach zu riskant.

Durch unsere Institutionen polen wir Frauen, die nicht auf Kinder verzichten wollen, auf folgende Lebensstrategie: Einen möglichst vermögenden, mächtigen Mann zu „erobern“ und ihn dann möglichst an sich zu binden. Mindestens für die „Reproduktionsphase“, also bis „die Kinder aus dem Gröbsten raus sind“, am besten aber für den Rest des Lebens.

It’s a mad men’s world

Rein machtdynamisch gesehen bringen wir Frauen mit Kinderwunsch auf diese Weise in eine sehr ungünstige Position gegenüber ihren Männern: Sie brauchen diese Männer nämlich deutlich mehr als umgekehrt diese Männer sie. – Nun werden Männerpsychologen aus gutem Grund einwenden, dass das vielleicht in monetärer, materieller Hinsicht der Fall sein mag, in emotionaler, psychologischer Hinsicht jedoch auch ganz anders gesehen werden kann („Pantoffelheldensyndrom“: Nach außen der große Zampano, in der Partnerschaft das erwachsene Kind mit hoher emotionaler Bedürftigkeit). Für Frauen mit Kinderwunsch spielt das in der internen Machtdynamik heterosexueller Paarbeziehungen jedoch keine wirkliche Rolle: Denn der Mann kann sich, eine „machtvolle“ gesellschaftliche Position vorausgesetzt, leicht „eine neue Frau“ suchen, während das umgekehrte für eine Frau, die von ihrem Partner mit den Kindern „sitzen gelassen wurde“ nicht im gleichen Ausmaß gilt und zudem das vorhandene berufliche Kapital bereits reduziert wurde. Im nüchternen machtdynamischen Blick hat bei einem Paar mit Kindern ein karrieretechnisch halbwegs gut aufgestellter Mann mehr Alternativen als die Frau – und sitzt daher in der Beziehung am längeren Hebel. Das gilt um so mehr, um so mehr der Mann Karriere macht. Und zwar nicht nur deswegen, weil dann seine Attraktivität für andere Frauen steigt, sondern auch, weil das seine Bindung an die Kinder reduziert: Wer kaum Zeit mit seinen Kindern verbracht hat, gibt weniger auf, wenn er „seine Familie aufgibt“. In seiner subjektiven psychischen Ökonomie ist ein Karrieremann eines der beziehungsmäßig freischwebendsten Wesen, die man sich nur denken kann. Das dicke Ende für uns Männer kommt dann spätestens „nach der Karriere“. Wenn die Macht und die Business nicht mehr verdeckt, was uns schon die ganze Zeit über gefehlt hat.

Für Frauen mit Kinderwunsch heißt das, dass sie im Grunde gar keine guten Optionen haben. Wollte man ihnen einen Ratschlag nach nüchternem Machtkalkül geben, müsste man ihnen raten, sich einen Mann zu suchen, bei dem die Aussicht auf eine erfolgreiche berufliche Karriere nicht ganz so hoch ist, weil das die Machtdynamik in der Beziehung reduziert. – Die Zahlen aus den meisten Ländern der heutigen Welt sprechen aber nicht dafür, dass das „die Lösung“ ist. Da das traditionale Konzept der Männlichkeit einem „Anti-Empathie-Training“ gleich kommt, können wir Männer unseren erlebten Verlust beim Verlassen der von uns mitgegründeten Familie leicht senken, indem wir von Anfang an weniger Emotionen in diese Familie investieren. Und nicht wenige Männer stürzen sich gerade nach der Geburt ihres ersten Kindes vermehrt „in die Arbeit“. Die freundliche Interpretation der entsprechenden Statistiken ist: Weil sie „endlich erwachsen und sich ihrer Verantwortung bewusst werden“. Die unfreundliche: Weil sie aus der Care-Arbeit fliehen, die sie zu Hause erwartet, und weil sie den subjektiv erlebten „Liebesentzug“ nicht aushalten, nachdem sie die Aufmerksamkeit ihrer Partnerin nun mit neuen Lebensmitbewohnern teilen müssen. Wie auch anders? Nach erfolgreichem absolviertem Anti-Empathie-Training, nach erfolgreicher Sozialisation „zum Mann“ kann das kaum anders sein. Der „erfolgreiche Mann“ taugt schlecht für Care-Arbeit. Und er taugt auch schlecht für emotionale Unbedürftigkeit. Denn beim Anti-Empathie-Training, das nahezu alle Jungen in unserer Gesellschaft durchlaufen, wird ja nicht nur die Empathiefähigkeit in Bezug auf andere Menschen abtrainiert, sondern an allererster Stelle die Selbstempathie.

Frauen mit Kindern sind, wenn sie nicht selbst in eine reiche, ressourcenstarke Familie geboren wurden, in unserer momentanen gesellschaftlichen Ordnung extrem von ihrem Partner abhängig. Und das ist, wie wir heute aus der systematischen Erforschung von Beziehungsdynamiken wissen, guten Beziehungen keineswegs zuträglich. Stabile Machtasymmetrien machen gute Beziehungen beinahe unmöglich für uns Menschen.

Was tun?

Was könnte man also tun? Wie baut man so eine „biologisch fundierte“ Machtungleichheit gesellschaftlich ab? Wie können wir gute Beziehungen ermöglichen?

Offen gesprochen fällt mir dazu kaum etwas Gutes ein. Neben meiner Standardidee, das Feld des Politischen ganz anders zu gestalten (nämlich so, dass Frauen den exakt gleichen Zugriff auf Politik, Gesetzgebung und Staat bekommen wie Männer), neben der Idee also, großflächig das Losverfahren in unsere Verfassung einzuführen, kann ich im Grunde nur sagen:

Welche institutionelle Lösung wir auch immer suchen, um ein Machtgleichgewicht zwischen Männern und Frauen herzustellen, sie müsste das Wohlergehen von Frauen und vor allem von Kindern weitgehend unabhängig davon machen, welchen sozialen Status der Vater des Kindes zufällig hat, wie sehr er Karriere macht, was er besitzt, wieviel gesellschaftliche Macht er „ergattern“ kann. Und vor allem auch unabhängig davon, ob er nun bei „seiner“ Familie bleibt oder nicht. Erst in der ökonomischen Unabhängigkeit voneinander können freie, gute Beziehungen entstehen. Nicht emotional, wohl aber finanziell ist es sinnvoll, Müttern und Kindern die Sicherheit zu verschaffen, dass es ihnen ganz unabhängig vom Vater der Kinder gut gehen wird. Väter dürfen nicht finanziell benötigt oder gebraucht werden.

Nur Lösungen, die Sexualität und Reproduktion systematisch voneinander trennen, haben das Potential wirkliche Emanzipation von Frauen wie Männern zu ermöglichen. Wenn Frauen sich in Beziehungen zu Männern nicht mehr aus gutem Grund davor „fürchten“ müssen, schwanger zu werden, weil sie das machtdynamisch in eine abhängige Position bringt, nimmt der Druck auf Menschen jeden Geschlechts systematisch ab. Übrigens auch auf Menschen, die selbst gar keine Kinder haben. Denn auch sie sind mittelbar vom Machtungleichgewicht zwischen Männern und Frauen betroffen, das durch die „Schwangerschaftsmöglichkeit“ der meisten Frauen entsteht. Gesellschaftliche Machtdynamiken, die so weit verbreitet und so zeitstabil sind, strahlen aus auf die gesamte Gesellschaft, so dass keiner von ihnen frei ist. Von einem institutionell hergestellten Machtgleichgewicht zwischen heterosexuellen Paaren mit Kindern würden also alle Menschen unserer Gesellschaft profitieren.

Und wir armen reichen Männer?

Und ganz selbstverständlich haben auch wir Männer, wir Väter dabei viel zu gewinnen (muss man das wirklich eigens erwähnen und ausführen?): Unsere Beziehungen zu unseren Frauen und unseren Kindern würden deutlich freier, wenn diese unsere Beziehungen nicht mehr von „Versorgungserwartungen“ befrachtet wären, wenn wir nicht mehr in materieller Hinsicht „gebraucht“ würden. Denn erst dann können wir uns auf andere Weise einbringen. Z.B. emotional. Dass wir Männer unter der gegenwärtigen Verfassung nicht leiden würden, halte zumindest ich für eine der größten Lügen, die unsere Gesellschaft derzeit beseelen. Leider sind es derzeit nur die paar wenigen Männertherapeuten, die es in unserer Gesellschaft gibt, die diese Auffassung teilen. Also diejenigen Menschen, die uns Männer zu Gesicht bekommen, wenn unsere Rüstung zerbröselt und die Maske der Männlichkeit gefallen ist.

Den meisten von uns Männern würde einiges andere einfallen, was sie mit ihrer Lebenszeit Lustvolleres und Sinnvolleres anfangen könnten, würden sie nicht von fehlgebauten Institutionen dazu gezwungen, „Versorgermann“ zu spielen. Die Lust auf Karriere unter Männern ist in Wahrheit viel geringer als viele glauben. Es ist ein idiotisches Verantwortungsgefühl, das die meisten Männer bei der Karrierestange hält. Und das uns in ein Leiden führt, für das wir uns – oftmals unbewusst – an unseren Frauen und Kindern rächen, „wegen denen wir das alles getan haben“ und „für die wir so viel aushalten mussten“. Wir sind schon großartige Selbst-Opferlämmer, wir heutigen Männer.

Notwendigkeit politischer Lösungen

Insgesamt „riecht“ das ganz nach einem Problem, das eine „staatliche Lösung“ erfordert: Dass wir also alle gemeinsam, nicht als Einzelne dafür sorgen, dass Mütter und Kinder „safe“ sind, dass Mutterwerden für Frauen kein Abhängigkeits- und Armutsrisiko mehr ist und dass das Wohlergehen und die Zukunftschancen von Kindern nicht vom zufälligen Karrierestatus und der zufälligen Familientreue ihres jeweiligen Vaters abhängen. – Es braucht eine Enkoppelung, die nur politisch, nur gesetzesmäßig erfolgen kann. Wie auch immer das dann konkret aussieht und ausgestaltet wird. Auch unsere Politik ist ja auf das Prinzip „trial and error“ angewiesen und generiert nur selten gleich beim ersten Anlauf „die perfekte Lösung“, falls man überhaupt denken will, dass es so etwas gibt.

Alle anderen emanzipatorischen Bemühungen erscheinen mir angesichts unserer heutigen täglichen Erfahrungen miteinander (und auch mit Blick auf die wissenschaftliche Datenlage) wie Augenwischerei. Ohne eine Loslösung des Wohlergehens von Kindern und Frauen vom gesellschaftlichen Status und vom Verbleib der Väter haben wir im Grunde gar keine Emanzipation, sondern reden nur darüber. Und das ist ein Gespräch, das aufgrund seiner fortgesetzten institutionellen Folgenlosigkeit zunehmend ermüdend wird für alle Beteiligten. Wird über ein Problem zu lange geredet, ohne dass es gelöst würde, wenden wir uns nach und nach von diesem Problem ab. Zu aussichtslos, zu ernüchternd, zu frustrierend ist es dann, dort weiter hinzuschauen. Man würde wohl depressiv, würde man nicht beginnen, das Problem selbst auszublenden, und stattdessen mit einem Schulterzucken zu sagen: „Das ist halt so. Das kann man nunmal nicht ändern. Und so schlimm ist das ja auch gar nicht.“ Bagatellisierung von realem Leiden als Überlebensstrategie unserer Psyche.

Hinschauen ist aber die Voraussetzung dafür, dass man institutionellen, politischen Handlungsbedarf überhaupt erkennt. Und ein solches Hinschauen setzt unsere erfahrungsbasierte Hoffnung voraus, dass wir auf politischem Wege etwas ändern können. Dafür müssten wir den derzeit herrschenden Politikstau beenden. Mit einer Verfassungsreform, die unserer Politik wieder Wege bahnt, die uns wieder kollektiv handlungsfähig macht.

 

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