Ein zweites menschliches Beziehungsnetz

Angeblich kommunizieren ja sogar Bäume, Pflanzen und Pilze miteinander und bilden auf diese Weise ein erdumspannendes „Wood-Wide-Web“.

Für uns Menschen gilt ähnliches: Wir haben so ziemlich jeden irdischen Flecken unseres Planeten besiedelt und bilden ein weltumspannendes Netz mit Namen „Menschheit“. – Allerdings ist unser menschliches Beziehungs-Netz ein wenig unausgeglichen: Es gibt Knotenpunkte und lose Enden, übertrieben dünne Teile in jenem Netz und andere Teile, die fast schon wie Geschwüre wuchern. Würde man unser menschliches Beziehungsnetz auf der Erde grafisch darstellen, sähe es wahrscheinlich recht ähnlich aus wie eine dieser Social-Media-Darstellungen, wer dort mit wem verbunden ist.

Das zeigt auch, dass Social Media im Grunde ein Duplikat der Beziehungsungleichheit im „realen Leben“ ist: Wer dort wichtig ist, ist auch in social media ein dicker Knotenpunkt. Umgekehrt gilt das hingegen nicht immer. Social Media erzeugt – vereinzelt – ein ganz eigenes „soziales Kapital“. Einige von uns, die das vorher im realen Leben nicht waren, können sich allein über Social Media „wichtig machen“.

Was Social Media aber nicht erschafft, ist das, was wir im realen Leben bisher auch nicht hervorgebracht haben: Dass wir über ein weltumspannendes, zweites Beziehungsnetz verfügen, das auf Beziehungsgleichheit beruht, ein Beziehungsnetz, in dem wir (ungleiche) Macht durch (gleichen) Einfluss ersetzen.

Nach meiner Auffassung ist es keineswegs „technisch unmöglich“ für uns, so ein zweites Beziehungsnetz zwischen uns aufzuspannen, in dem Beziehungen und Bedeutsamkeit zwischen uns „gleicher verteilt“ sind. – Alles, was wir dafür brauchen, ist eine weltweite Praxis regelmäßig durchgeführter Bürgerkonvente unter Einsatz des Losverfahrens. Auf allen politischen Ebenen. In allen regionalen und überregionalen Reichweiten. Über die Zufallsauswahl können wir unsere ungleichen privaten Beziehungsnetze durch ein zweites, demokratisches Beziehungsnetz ergänzen. Potentiell jeder kommt dadurch mit potentiell jedem in Kontakt. In jenem zweiten Netz gäbe es keine Privilegien, nur allgemeine Teilnahme auf Augenhöhe.

Und das wäre dann eine echte Bereicherung unserer menschlichen Leben und unseres Zusammenlebens auf dem Planeten: Nicht unsere privaten Trennungen und Ungleichgewichte noch einmal zu spiegeln (und damit einfach nur zu verdoppeln), sondern ein zweites, politisches Beziehungnetz zu schaffen, das uns alle gleichermaßen einschließt und verbindet.

Denn es ist ja fast ein Witz, dass wir bisher nicht mal versuchen hervorzubringen, was sich die Pflanzen unserer Erde längst geschaffen haben.

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Sich verletzen lassen

Wenn wir Menschen uns angegriffen fühlen, neigen wir dazu „zurückzuschlagen“. Das ist beinahe ein „Reflex“. Und es ist ein durchaus sinnvoller Reflex, denn wir zeigen dadurch einem anderen Menschen, dass er bei uns gerade „eine Grenze überschritten“, „eine Grenze verletzt“ hat. Dass wir uns deutlich mehr Beachtung dieser unserer Grenze von ihm wünschen.

Über diesen natürlichen Nutzen von Wut und Aggression hinaus gibt es aber noch etwas anderes, das von dieser natürlichen Aggression bei Grenzverletzungen unterschieden werden kann: Den Imperativ der Unverletzlichkeit.

Bei Björn Süfke findet man diesen Imperativ gut auf den Punkt gebracht als Bestandteil des „Gesetzes der Traditionellen Männlichkeit (Lex TM)“, und zwar als § 2.5 dieses Gesetzes:

„Es ist verboten, eine Überschreitung der eigenen Grenzen zuzulassen“.

Dieses Gesetz ein Untergesetz des allgemeineren Verbotsparagraphen § 2 der Lex TM, der da lautet: „Es ist verboten zu versagen“. – Süfke schreibt zum § 2.5, zum Verbot des Zulassens von Grenzüberschreitungen, Angriffen und Verletzungen:

„Es ist in diesem Land verboten, die Grenzen eines anderen Menschen ohne dessen Einwilligung zu überschreiten. Das gilt selbst für verbale Übergriffe. Das Gesetz der Traditionellen Männlichkeit beinhaltet aber noch eine weitere Einschränkung: Männern ist es nämlich auch nicht gestattet, Grenzüberschreitungen jeglicher Art hinzunehmen. Opfer zu sein, ist ebenso verboten. Und zwar in jeder Form. Das hat übrigens in jüngster Zeit schon Einzug in den Jugendjargon gefunden: „Du Opfer!“ scheint mittlerweile eine ähnlich ehrabschneidende Beleidigung zu sein wie die zu meiner Jugend geläufige und nicht nur biologisch zweifelhafte Wortverbindung von männlicher Homosexualität und einem weiblichen Schwein.

Nun ist ja schon häufig beschrieben worden, dass Frauen in einem Zustand hoher Verletzbarkeit durch die Welt gehen, da sie den Handlungen und Kommentaren (sexuell) übergriffiger Männer grundsätzlich ausgesetzt sind. Dass solche Übergriffe mittlerweile längst gesellschaftlich geächtet sind und strafrechtlich verfolgt werden, mag die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens verringern, ändert aber nichts an dem Prinzip. (So ist auch zumindest die Anzahl angezeigter Vergewaltigungen in Schweden, dem Vorreiterland der Geschlechtergerechtigkeit in Europa, nicht geringer als im Rest Europas.) Und selbst wenn die Frau den Übergriff erfolgreich abzuwehren in der Lage ist, kann auch das nicht rückgängig machen, dass eine Grenzverletzung erfolgt ist.

Bislang kaum betrachtet worden ist die Tatsache, dass auch die häufig demonstrativ zur Schau getragene Unverletzlichkeit von Männern eine sehr fragile ist. Damit meine ich nicht allein die zahlreichen männlichen Opfer physischer Gewalt sowie die sexuellen Übergriffe, denen auch Männer und Jungen ausgesetzt sind, wie in den letzten Jahren ja immer mehr in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Es geht mir an dieser Stelle eher darum, dass Männer, wenn jede Überschreitung ihrer persönlichen Grenze einen Angriff auf ihre Männlichkeit darstellt, permanent dem Risiko einer Identitätsbeschädigung hilflos ausgesetzt sind.

Es kann jederzeit irgendein dahergelaufener Typ mit einem dummen oder unbedachten, auf alle Fälle aber ausreichend herabsetzenden Spruch meiner männlichen Identität einen heftigen Schlag versetzen. Und dann ist es im Eifer des Gefechts nicht immer ganz einfach, eine Reaktion zu zeigen, die erstens meine männliche Identität voll bewahrt, und zweitens die Angelegenheit abschließend regelt, also keine erneute verbale oder physische Überschreitung meiner Grenze hervorruft, drittens nicht zu einem Ansehensverlust bei meinen Begleitern beziehungsweise meiner Begleiterin führt, und dann auch noch viertens auf dem Boden des Gesetzes (nicht der Lex TM, sondern des Strafgesetzes) bleibt. Diese ganze Auflistung wird selbstverständlich erst dann relevant, wenn man in solch einer Situation überhaupt dazu kommt, eine Reaktion zeigen zu können.

Die Recht- oder Unrechtmäßigkeit eines erlittenen Übergriffs ist dabei grundsätzlich irrelevant: Ein berechtigtes In-die-Schranken-verwiesen-Werden, etwa nach einem eigenen Übergriff, einem fundamentalen Fehler oder einem Irrtum, kann nicht geduldet werden, da es einen Verstoß gegen einen der vorangegangenen Paragrafen [der Lex TM] ans Licht bringen würde. Widerstand in Form von Leugnen des Fehlers oder Beharren auf der irrtümlichen Position ist daher in solchen Fällen erste Männerpflicht.

Aber auch eine unrechtmäßige Grenzüberschreitung ohne Gegenwehr zuzulassen, ist >>unmännlich<<. Denn es bedeutet, dass man nicht >>Manns genug<< ist, sich zu schützen, dass man >>klein beigibt<<, den >>Schwanz einzieht<<. Und das, obwohl man doch offensichtlich im Recht ist. Der Autofahrer, der einen aus dem Wagen nebenan beschimpft, der Krawallbruder in der Kneipe oder Disko, der die körperliche Auseinandersetzung sucht, ja, selbst die Kellnerin, die einen unhöflich bedient, können somit unter keinen Umständen einfach geduldet werden. Irgendeine Form der Abwehr des Angriffs muss erfolgen.

Entsprechend groß ist auch die Scham des Jungen oder Mannes, der sich gegen einen Übergriff nicht gewehrt hat. Dabei spielt wiederum keine Rolle, ob er sich in der spezifischen Situation faktisch hätte wehren können oder nicht. Denn sich nicht wehren zu können, wäre ein Verstoß gegen § 2.2: Es ist verboten, unterlegen zu sein. Das wäre also ebenfalls nicht hinnehmbar.

So erzählen es gerade Jungen sehr selten, wenn sei Opfer sexueller oder auch physischer Gewalttaten werden. Entsprechend groß ist seit ewigen Zeiten das Dunkelfeld der Gewalt gegenüber Jungen. […] Und wenn doch einmal ein Fall öffentlich wird, so wie vor einigen Jahren die Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs von Jungen in katholischen Institutionen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, reagiert die Öffentlichkeit mit erschrockener Ungläubigkeit: >>Dass es so etwas auch bei Jungen gibt …?<<

Für einen Männertherapeuten ist die Begegnung mit dieser extrem großen Scham angesichts des eigenen Opferseins eine fast alltägliche Erfahrung – sofern man um die Allgegenwart von Gewalterfahrungen von Jungen und Männern überhaupt weiß und diese somit erkennen kann, wenn sie relativ versteckt geäußert werden.

Wohlgemerkt: Von Jungen und Männern! Denn auch erwachsene Männer werden immer wieder Opfer vielfältiger Formen physischer Gewalt, in kriegerischen Auseinandersetzungen wie auch in Zivilberufen, auf der Straße, in der Disko und nicht zuletzt in der Partnerschaft. Und diese Gewalterfahrungen werden zumeist totgeschwiegen, da ein Sprechen darüber ein Eingeständnis der eigenen >>Unmännlichkeit<< wäre: >>Wiese lässt der als Mann das zu, dass er geschlagen wird?<< Die Antwort auf diese Frage ist relativ simpel: Für viele Männer wäre die Verletzung ihrer männlichen Identität durch eine Offenlegung erlittenen Gewalt schlichtweg deutlich schmerzhafter als die körperlichen und seelischen Wunden einer anhaltenden Opferschaft. …“

(Björn Süfke: Männer. Erfindet. Euch. Neu, S. 100 ff.)

Wir Männer sind nicht unverletzlich, wir schauspielern unverletzlich. Unsere Coolness ist ein zwanghaftes Versteckspiel mit unserer eigenen Verletzlichkeit, nicht nur vor anderen. Auch vor uns selbst. Wer sich sein Schauspiel irgendwann selber abkauft, wer seine Maske irgendwann für sein Gesicht hält und sie kaum mehr abbekommt, der ist ein „echter Mann“. Der ist safe. Dem kann nichts mehr passieren, männlichkeitstechnisch.

Echte menschliche Souveränität ist nur um den Preis zu erwerben, dass mann sich immer wieder auch verletzbar zeigt. Dass mann die eigene Verletzlichkeit offen zulassen und aussprechen kann. Ohne zwanghaft-ängstlich zurückzuschlagen. Mensch darf sich verletzen lassen. Und Menschlichkeit hat es wohl auch ganz generell und fundamental mit Verletzlichkeit zu tun. Wer sich verletzen lassen kann (nicht: wer sich verletzen lassen muss), ist als Mensch stärker als ein Mensch, für den jede Hinnahme von Verletzungen den Kern des eigenen Selbst zu beschädigen scheint.

Das ist sicher kein „Dürfen“ und „Können“, das solche Menschen weiterbringt, die sich schon ihr ganzes Leben herumschubsen lassen und – ebenfalls aus Gründen – alle natürliche Wut und Aggression unterdrücken, obwohl offen geäußerte Wut und entschiedenes Grenzen-Setzen situativ absolut angebracht und angemessen wären.

Für uns Männer aber, die der Lex TM schon seit langer Zeit ausgesetzt sind und die wir uns an sie angepasst haben, ist Sich-verletzen-lassen ein Fortschritt zurück in die eigene Menschlichkeit, eine Emanzipation von der Knute des Gesetzes der Traditionellen Männlichkeit, einer Männlichkeit, die im Kern aus lauter Verboten besteht, wie Björns Süfke das sehr umfassend und treffend herausgearbeitet hat. – Insgesamt sind es 12 Verbote, die man als Mensch strikt befolgen muss, um vor der Lex TM als „echter Mann“ zu gelten, und mensch darf darin natürlich niemals auch nur im Geringsten nachlassen, sonst droht sofortiger Männlichkeitsverlust. „Männlichkeit“ im traditionellen Verständnis ist überaus „fragil“, sie muss sich ständig behaupten und kann jederzeit „entzogen“ werden. Sie ist alles andere als souverän. Und Süfke ist ja nicht der einzige Mensch, dem das auffällt.

Sich niemals mehr berühren lassen, sich völlig unverletzlich machen, sich selber zu panzern ist bei uns Menschen also keine sonderlich gute Idee. Denn dadurch verurteilen wir uns zu einem dauerhaften Kriegszustand. Und dauerhaft im Krieg will kein Mensch leben. Selbst die Menschen nicht, die selber glauben oder äußerlich den Eindruck erwecken, dass sie das wollten. – Ich behaupte: Diese Menschen haben keinen Krieg als Dauerzustand erlebt. Sie leben in einem Zustand vergleichsweise friedlicher Naivität, aus dem heraus sich dauerhafter Krieg immer leicht verklären und verherrlichen lässt. Wer dauerhaften Krieg erlebt hat, will nichts anderes, als die eigenen Panzer und Waffen endlich dauerhaft niederlegen zu können. Krieg und Furcht, Krieg und Gefürchtet-Werden gehen Hand in Hand. Und beides: Das Fürchten-Müssen anderer und das Gefürchtet-Werden durch andere sind auf Dauer für uns Menschen überaus unangenehme Zustände, die uns den Zugang zu zahlreichen menschlichen Ressourcen schmerzhaft versperren. Zumindest habe ich noch keinen Menschen getroffen, der aus einem Krieg kam und mir diesen Krieg als überaus erfüllenden Zustand geschildert hat. Stattdessen schaue ich regelmäßig in die Augen von „müden Kriegern“, die große Probleme haben „zurück ins Leben zu finden“. – Das Wieder-Einlassen auf die eigene Verletzlichkeit ist voraussetzungsreich. Gerade dann, wenn man viel Krieg hinter sich hat.

Empathie: Der kleine Unterschied

Es macht einen kleinen Unterschied, ob wir über Empathie sprechen, sie uns wünschen, sie predigen, sie fordern, etc. (was ich auf diesen Seiten hier oft genug tue), oder ob wir sie praktizieren.

Bei der von mir so bewunderten Unternehmensberaterin Marie Miyashiro etwa findet man die Haltung: „Wenn ich in Unternehmen gehe, spreche ich bewusst nicht über Empathie. Stattdessen praktiziere ich sie. Und erst wenn die Menschen dort auf Probleme treffen, bei denen sie nicht weiter kommen und von sich aus Fragen stellen, mache ich Angebote und tausche mich mit ihnen über die Fruchtbarkeit empathischer Praxis für diese Probleme aus.“

Wie bei vielen anderen fruchtbaren Praktiken auch, ist es hilfreich, sie zunächst unmittelbar praktisch erfahren zu haben, „am eigenen Leib“ sozusagen, bevor man über jene sonst böhmisch bleibenden Dörfer spricht.

Spricht man hingegen zu Menschen ohne Erfahrung mit dem Gegenstand über den Gegenstand, darf man sich nicht wundern, wenn das Gespräch anstrengend oder unkonstruktiv wird. Das ist bei alltäglicher, individueller Empathie nicht anders als bei der allgemeinen Institutionalisierung von Empathie: Bei Politik. Mit Menschen, die Politik (aus Gründen) noch nie am eigenen Leib erlebt haben, macht es wenig Sinn über Politik zu sprechen. Für sinnvolle Gespräche über Politik müsste Politik zunächst von uns erfahren worden sein. Das kann heute kaum vorausgesetzt werden.

Darum schweigt man besser vom Politischen und treibt stattdessen die Verallgemeinerung praktischer politischer Erfahrung voran. – Und hernach können wir gemeinsam schauen, was für Gespräche über Politik uns mit dieser allgemeinen Erfahrung möglich sind.

Gefühle: Der informationstheoretische Ansatz

Gefühle und Bedürfnisse können beinahe als Synonyme verstanden werden, mindestens aber als Hendiadyoin.

Darüber wird man sich v.a. bei einem informationstheoretischen Verständnis unserer Gefühle klar: Die einzige Weise, in der unsere Bedürfnisse uns (= unserem Bewusstsein) zugänglich sind, besteht darin, dass wir uns unsere vorhandene Gefühle bewusst wahrnehmen. Ohne Gefühle wahrzunehmen, haben wir nicht die geringste Ahnung darüber, was wir brauchen und was nicht, was uns gut tut und was nicht. Wir sind dann desinformiert genau darüber, was für uns wesentlich ist. Wir mögen dann alles mögliche kennen und wissen, aber gerade über das für uns Wichtigste wissen wir dann erschreckend wenig Bescheid. Das kann dramatische Folgen für uns haben. Oder auch ziemlich lustige.

Es ist in unserer derzeitigen Kultur allerdings eher etwas unüblich, unsere Gefühle derart nüchtern, informationstheoretisch aufzufassen.

Das Jahrhunderte-, wenn nicht Jahrtausende-lange Gefühls-Bashing, das man in der abendländischen Tradition finden kann, hat indirekt zu einer ziemlichen Verklärung „des Gefühls“ geführt: Entweder werden unsere gegebenen Gefühle verteufelt oder verengelt, nur in den seltensten Fällen werden unsere gegebenen Gefühle rein funktional verstanden und schlichtweg benutzt.

Möglicherweise haben wir aber heute mit einer Phase der menschlichen Geschichte begonnen, in der sich das allmählich zu ändern beginnt. In der sich also ein funktionales, informationstheoretisches Verständnis unserer Gefühle immer mehr ausbreitet und auch institutionelle Konsequenzen nach sich zieht.

Denn möglicherweise haben wir allmählich einfach genug davon, immer noch weiterhin im reinen Blindflug unterwegs zu sein, in einem bedürfnistechnisch uninformierten Nowhere Land.

Konsum

Konsum wirft viele sehr interessante Fragen auf, u.a. die Frage nach echten und nur vermeintlichen Bedürfnissen, die Frage nach dem Sinn und Zweck von Unternehmen, die Frage danach, wie wir unsere Aktivitäten zur Befriedigung ganz unterschiedlicher Bedürfnissen, die gleichzeitig vorhanden sind, aufeinander abstimmen können, sowie die Frage nach der eigentlichen Quelle menschlicher Koordinationsfähigkeit, angesichts einer praktisch unbegrenzten Anzahl an Handlungsmöglichkeiten.

Am leichtesten und spielerischsten nähert man sich all diesen Fragen des Konsums „mit Gefühl“.

Und das führt uns erstaunlich schnell zur Konstruktion einiger recht überraschender Institutionen. Institutionen, die es uns ermöglichen, mit uns selbst freundlicher umzugehen. Institutionen, mittels derer wir zu einem Konsum gelangen, den wir als „sinnvoll“ empfinden. Und uns dabei erstaunlich frei fühlen.

Unser „Konsum“ bietet uns also ein unverhofftes Potential. Wer hätte das gedacht?

Ich jedenfalls nicht. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, in der jemand an die Wand eines zentralen Platzes den Spruch gesprayt hatte:

„Konsum bringt uns um!“

Mal abgesehen vom leicht ūnreinen Reim war das eigentlich Bemerkenswerte, dass dieser denkwürdige Wandschmuck über viele Jahre hinweg stehen gelassen wurde, obwohl die Stadt sonst oft bemüht war, Ähnliches schnell wieder zu entfernen.

Anscheinend hatte man in Sachen Konsum irgendwie ein schlechtes Gewissen in jener Stadt, die eine Zeit lang eines der „der bedeutendsten Handels- und Wirtschaftszentren der Welt“ war.

 

Ein Missverständnis von Emanzipation

Es gibt da dieses eine, häufig wiederholte Missverständnis, nachdem „Emanzipation“ darin bestünde, das nun auch Frauen Kriege führen, morden, foltern und verletzen sollen. Teilhabe von Frauen an einem „Privileg“, das in manchen Gesellschaften über lange Zeit exklusiv uns Männern vorbehalten war.

Viele neuere Filme und Serien fassen „Emanzipation“ z.B. so auf: Eingliederung aller Menschen, nicht mehr nur von Männern, in eine Kriegerkultur, die selbst dabei nicht in Frage gestellt wird. Eintrittskarte: Abtrainieren von Eigenempathie genauso wie von Empathie mit anderen Menschen. Erwerb der Fähigkeit, sich selbst und andere Menschen schlecht zu behandeln – und das auch noch gut und richtig zu finden.

Worin besteht Emanzipation? Worin gesellschaftlicher Fortschritt?

Mir fällt es schwer darin einen gesellschaftlichen Fortschritt zu erkennen, dass nun Menschen gewalttätig werden, die es vorher nicht oder weniger waren.

Gesellschaftlicher Fortschritt besteht für mich im systematischen Rückgang zwischenmenschlicher Gewalt, darin, dass immer mehr Menschen einander immer weniger schlimme Dinge antun.

Fasst man „Männlichkeit“ als ein universelles Konzept auf, das prinzipiell allen Menschen (sogar: allem intelligentem Leben) offen steht, als ein Konzept, das in einem vorsätzlich betriebenen Anti-Empathie-Training besteht, das der Gesellschaft hinreichend viele hinreichend unempathische Mitglieder zur Verfügung stellt, dann kann man sich im Grunde nur den Rückgang von „Männlichkeit“ als Fortschritt vorstellen. Und nicht ihre Zunahme.

Das bedeutet nicht, dass wir nun alle XY-Chromosom-Träger verteufeln (einschließlich meiner Wenigkeit) oder die Segnungen und Flüche des Testosteron. Es bedeutet auch nicht, dass Frauen „die besseren Menschen sind“. Das wäre allein schon deswegen absurd zu denken, weil in der traditionellen Geschlechterzurichtung ja auch die Menschen, die als Frauen angesehen werden, ihren ganz besonderen Hau weg kriegen.

Es bedeutet nur, dass es nichts zu bejubeln gibt, wenn Menschen mit XX-Chromosom in das Konzept der Männlichkeit einsteigen und sich nun ebenfalls ihre Empathieneigungen austreiben lassen. Wir brauchen nicht NOCH mehr kriegerische „Amazonen“. Denn die gab es ja schon in der überaus kriegerisch aufgestellten Antike.

Wenn hingegen immer weniger Menschen Lust auf offene oder rituelle Kriege haben, wenn wir unsere Institutionen so wandeln, dass unsere Gewalt mit diesen Veränderungen immer weiter abnimmt, und das gilt auch für strukturelle Gewalt, dann können wir das als deutlichen gesellschaftlichen Fortschritt wahrnehmen.

Das Problem ist dabei auch, dass wir eine Gesellschaft geschaffen haben, in der wir es uns leicht machen, unsere eigene Gewalttätigkeit auszublenden. Und das auf allen 3 gesellschaftlichen Ebenen: Die Normalisierung von Gewalt im Umgang mit uns selber, die Normalisierung von Gewalt in unserem alltäglichen Umgang miteinander und der Normalisierung der Gewalt auf der politischen, gesetzgeberischen, institutionellen Ebene. Wie viel Gewalt uns und unseren Alltag bestimmt, ist für uns gewissermaßen „unsichtbar“. Wir können das sehr gut verdrängen oder – wenn’s hochkommt – in andere hineinprojizieren. Wir selbst halten uns „normalerweise“ für friedfertig. Schlimme Dinge tun andere. Zugleich gibt es Anzeichen dafür, dass es uns immer schwerer fällt, diese Illusionen über uns selbst und unsere Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Die Spiegelfunktion, die Beziehungen für uns Menschen haben, sorgt dafür, dass wir uns selbst mit der Verbesserung unserer Beziehungen immer besser selbst wahrnehmen können. Und dadurch gewinnen wir auch immer mehr an Gefühl für unsere eigene, „normale“ Gewalttätigkeit. Unsere soziale, mitmenschliche Welt ist ein immer noch besserer Spiegel für uns selbst, dem wir immer noch weniger ausweichen können. Viele Menschen sind heute immer weniger mehr bereit, Gewalt als „normal“ oder „notwendig“ zu verklären. Weder bei anderen, noch bei sich selbst.

Es mag Menschen geben, die diesen Wandel der Welt in Richtung mehr Verbundenheit und angemessenerer Reaktionen auf gegebene Gefühle und Bedürfnisse als nicht wünschenswert empfinden. – Ich denke dennoch, dass traditionelle Männlichkeit nach und nach aussterben wird, schlicht, weil sie ihre gesellschaftliche Funktion verliert, ihren „Sinn“. Vorübergehende „Flashbacks“ eingeschlossen. Die Gesamtentwicklung menschlicher Gesellschaft deutet jedoch in eine ganz andere Richtung.

Natürliche Aggression, künstliche Kriegerzucht

Zugleich kann mann leicht nachvollziehen, dass eine Rückaneignung natürlicher, offener Aggressivität für traditionell zurechtgestutzte Frauen ein emanzipativer Akt sein kann. Ein wichtiger Akt. Ein zentraler Akt der Rückgewinnung der eigenen Menschlichkeit. – Der Unterschied zwischen männlichem, weiblichem und menschlichem Verhältnis zu Aggressionsverhalten ist exakt der Unterschied zwischen aggressiv sein müssen, nicht aggressiv sein dürfen und aggressiv sein können. Nur im letzteren Fall, in der Menschlichkeit bleibt beides intakt: Die eigene Fähigkeit zu aggressivem Verhalten und die eigene Fähigkeit zu empathischem Verhalten.

So hatte natürliche, alltägliche Aggression noch nie etwas mit künstlich gezüchteter Aggression zu tun, wie man sie allein dafür braucht, gegeneinander erbarmungslose Vernichtungskriege zu führen. Alltägliche Aggression und Empathie stehen in keinerlei Widerspruch zueinander. Aggressionsverhalten kann sogar aus einem empathischen Impuls heraus erfolgen.

Jene künstliche Aggressivität, um die „Männlichkeit“ kreist, hatte hingegen von Anfang bis Ende etwas mit der systematischen Eindämmung unserer universellen menschlichen Empathiefähigkeiten zu tun. Menschliche Gesellschaften brauchten Krieger.

In einer Welt, in der wir miteinander nicht in konstruktiven Austausch treten können, mag das zwar traurig, aber zugleich auch nachvollziehbar und sinnvoll sein. Glücklicherweise leben wir immer weniger in einer solchen Welt. Die Vernetzung unter uns nimmt immer weiter zu und kann durch sinnvolle Institutionen zusätzlich angeschoben und unterstützt werden.

Und das bringt uns ganz zwangsläufig zu der Frage, wozu genau wir eine künstlich herbeierzogene Männlichkeit heutzutage noch brauchen? – Vor allem da die „Kollateralschäden“ traditioneller Männlichkeit heute immer mehr wahrgenommen werden. Und wir immer weniger bereit sind, diese Schädigungen von Menschen einfach so hinzunehmen, weil sie ja immer noch „notwendig“ seien. Jene Nöte, auf die künstliche Männlichkeit Antwort war, gehen immer noch weiter zurück. Die Probleme, die künstliche Männlichkeit in einer Gesellschaft erzeugt, bleiben hingegen bestehen und werden zunehmend als eine Belastung für alle empfunden.

Die Frage nach der „Männlichkeitserziehung“ hat auch schon die erste Demokratie der Menschheitsgeschichte erkennbar beschäftigt. – Also eine Gesellschaftsform, die nicht zuletzt an ihrer unvollständigen politischen Emanzipation gescheitert ist.

Fortschritte in Sachen Demokratie und ungebrochenes Kultivieren menschlicher Gewalttätigkeit vertragen sich auf die Dauer einfach schlecht. Eine Gesellschaft, die in Kriege investiert, wird am Ende immer zurück zur Aristokratie tendieren. Zwischen Kriegerkulturen und Aristokratie als Verfassungsform besteht ein struktureller Zusammenhang. „Männliche“ Zurichtung zur Kriegsfähigkeit und Aristokratie als Grundordnung der Gesellschaft stützen sich gegenseitig.

Und das ist zugleich der Grund, aus dem heraus unser Verständnis von „Emanzipation“ eine so große Bedeutung für gesellschaftliche Entwicklungen hat. Je nachdem, wie wir Emanzipation verstehen, ist uns mehr oder weniger Demokratie möglich.

 

 

Männlicher Selbstmord

„Nicht an ihren Worten, an ihren Taten sollt ihr sie erkennen“, heißt es ja so schön. In diesem Sinne lohnt es sich manchmal, näher hinzuschauen. Frauen begehen statistisch gesehen mehr Selbstmordversuche, Männer verüben in Deutschland ca. 3x so viele Selbstmorde, in Russland angeblich sogar 5x so viele Selbstmorde wie Frauen. Dabei ist die wahrscheinlich nicht ganz niedrige Dunkelziffer von als „Unfällen“ getarnten Selbstmorden noch nicht mal eingerechnet. Auch hier dürfen wir davon ausgehen, dass die Rate bei Männern höher ist als bei Frauen, weil Männer statistisch häufiger durch Unfälle zu Tode kommen als Frauen. (Vgl. auch die Zahlen des Statistischen Bundesamts).

Interessant sind aber auch die statistischen Lebensumstände und vermuteten Gründe für Selbstmorde bei diesen beiden Geschlechtern:

„Männer, die sich das Leben nehmen, sind in den allermeisten Fällen unfreiwillig Single: verwitwet, geschieden, getrennt. „Die Ehe schützt die Männer vor einem Suizid, die Frauen aber treibt die Ehe erst dorthin“, sagt Lindner. „Das klingt plakativ, ist aber die statistische Wahrheit.“ Männer leiden häufiger unter einer Trennung oder dem Tod des Partners, Frauen dagegen leiden häufiger unter dysfunktionalen Beziehungen.“

Der Wissenschaftler meint vor allem Beziehungen, in denen Frauen Opfer häuslicher Gewalt werden, wo sie geschlagen, gequält oder vergewaltigt werden. Früher gab es für solche Frauen kaum eine Möglichkeit, dem Partner zu entkommen. Heute trennen sich Frauen eher. Das schützt sie – und macht mehr Männer zu verlassenen Männern.“ (Die Welt, 27.04.2015)

Nach der Grundregel, dass derjenige in einer Beziehung die Macht hat, der weniger bedürftig ist, müssen wir mit Blick auf die Statistik sagen: Männer sind in ihren Intimbeziehungen zu Frauen allem Anschein nach eindeutig das bedürftigere Geschlecht. Und um die männliche Bedürftigkeit, emotionale Haltlosigkeit und Bezieungslosigkeit macht-technisch auszugleichen, haben Gesellschaften lange Zeit auf „Zwangsmaßnahmen“ gesetzt, indem sie es Frauen so schwer wie möglich gemacht haben, „ihre Männer zu verlassen“. Frauen wurden durch Institutionen systematisch entmachtet, weil sonst das Machtpendel innerhalb von Beziehungen eindeutig in ihre Richtung zu schwingen drohte. Mittlerweile hat sich einiges in diese Richtung getan, aber nach wie vor gibt es institutionelle Mechanismen, über die Frauen in ihren Beziehungen in relativen Ohnmachtspositionen gebracht werden.

Denkt man die laufende Entwicklung weiter in die Zukunft, ist daher – bei fehlender Entwicklung auf männlicher Seite – mit einer weiteren Abnahme weiblicher Selbstmorde zu rechnen und einer weiteren Zunahme von männlichen Selbstmorden.

Was aber genau macht uns Männer überhaupt so „bedürftig“, so „abhängig“ von Frauen? Männertherapeuten hören ja angeblich von verlassenen oder verwitweten Männern oft den Satz: „Meine Frau war igendwie zugleich auch mein bester (oder einziger) Freund!“. Mit dem therapeutischen Kommentar: „Das klingt zwar unheimlich romantisch, ist in Wahrheit aber ziemlich traurig bzw. eher Besorgnis erregend.“ Unter dem Strich scheinen wie Männer uns relativ schlecht um uns selbst zu kümmern. Und sind mitunter auch noch ziemlich stolz auf diese „Sorglosigkeit“ im Umgang mit uns selbst. Oder werden genau dafür bewundert.

In der Tat zeichnet es ja jeden „echten Helden“ aus, dass er wenig um sein eigenes Wohlergehen besorgt ist. Dass er wenig an sich selber denkt und was aus ihm selber wird, wenn er sich so oder so oder so entscheidet (ganz anders, wenn Männer über ihren Status, ihren Ruf und ihren Ruhm nachdenken). Und auch wenn es einen entsprechenden Heroismus auf weiblicher Seite gibt, der dann verbunden ist mit einer der vielen „Krankheiten“, die statistisch bei Frauen deutlich häufiger auftreten als bei Männern, so ist die Lebenserwartung von Frauen eben nicht ohne sozialen Grund deutlich höher. – Nach heutigem Stand der Forschung gibt es dafür nämlich keinen  biologischen Grund.

Wir können also sagen: Was auch immer Frauen mit sich selber alles Schlimmes anstellen (und das ist: eine Menge), wir Männer gehen nochmal deutlich schlechter mit uns selbst um. – Und darauf sind wir eben sogar noch häufig stolz. Es macht uns „besonders männlich“.

Unter der Hand scheinen wir fest mit einer Frau in unserem Leben zu rechnen, die sich bitteschön an unserer statt um uns kümmern möge. In diesem Sinne sind beinahe alle Männer auch heute noch verkappte „Muttersöhnchen“. Gibt es diese Frau dann – aus welchen Gründen auch immer – im Leben eines Mannes nicht „mehr“, ist es eben auch vorbei mit der guten Selbstsorge, für die mann ja nie gelernt hat, sich verantwortlich zu fühlen.

Verantwortlich fühlen wir Männer uns für anderes. Meist für etwas, das mit unserem „Status“ (und seiner Maximierung) zu tun hat. Wir werden also gesellschaftlich in erster Linie verantwortlich gemacht für unseren guten/schlechten Ruf, nicht für unser Wohlergehen.

Emanzipation wird aber erst dann weitere Fortschritte, über das Erreichte hinaus, machen, wenn Männer lernen können, „gut für sich selbst zu sorgen“. Wenn Männer also unbedürftiger werden, als sie heute unter der Hand sind (wie die Selbstmordraten und ihre Anlässe recht eindeutig zeigen).

Das Problem dabei: Männer haben bereits traditionell „unbedürftig“ zu sein. Genauer: Unbedürftigkeit darzustellen. Das Nicht-Realisieren, das Ausblenden der eigenen Bedürftigkeit ist sozusagen eine Eintrittskarte in die heiligen Hallen der Maskulinität.

Mit Appellen à la „Männer, sorgt doch alle mal besser für Euch!“ wird man daher nicht weiterkommen. Denn jeder gestandene Mann, der eine klassische, traditionelle männliche Sozialisation erfolgreich (unter zahlreichen unterdrückten Tränen) absolviert hat, kann darauf eigentlich nur antworten mit einem herzhaften „Häääääh? Was soll DAS denn?“

Wir dürfen also getrost davon ausgehen, dass wir Männer von unserer eigenen Bedürftigkeit nur geringe Ahnung haben, und dass uns u.a. die Gründe für unsere „selbstmörderische Ader“ selber überraschend ereilen. In unserem Selbstbild sind wir „wild und unabhängig“, was uns beim Verlust von weiblichen Lebenspartnern um so offener dafür macht, damit so überhaupt gar nicht klar zu kommen. Kurz: Die allermeisten Männer haben von sich selber nicht die geringste Ahnung. Wovon wir dagegen sehr viel Ahnung haben, sind die Techniken, Tricks und Trainings zur Aufrechterhaltung eines standhaften und gut vorzeigbaren maskulinen Selbstbilds.

Will man wirklich Männer, die gut für sich selber sorgen können, die v.a. emotional deutlich weniger bedürftig sind als bisher, wird man anfangen müssen, die angeborene Selbstempathie bei Jungen intakt zu lassen. Und das Ergebnis sind dann: „Weiblichere“ Männer. Ob solche Männer dann aber „für Frauen noch sexuell attraktiv sind“ ist vermutlich eine Frage, die zu pauschal ist, um sie sinnvoll beantworten zu können.

Stand heute können wir sagen: Die Anreize zu einer traditionell maskulinen Selbstentwicklung sind nach wie vor weitgehend intakt. – Das „Geheimnis“ des traditionell sozialisierten männlichen Menschen ist ja: Er braucht Frauen deutlich mehr als ein Mensch, der sich dem Nachhecheln nach all dem verschrieben hat, wodurch man sich „als wahrer Mann erweist“. Er kann deutlich schlechter für sich selber sorgen. Sein Deal mit dem Leben ist: „Ich strebe danach, mich in Ausscheidungskämpfen (unter Männern) als möglichst gut zu erweisen und möglichst viele andere Männer auszustechen. – Und dafür werde ich dann mit möglichst vielen, möglichst guten Frauen belohnt. Und DIE kümmern sich dann um mich. DIE kümmern sich dann um meine emotionalen Bedürfnisse, die ich ja eigentlich auch gar nicht so wirklich habe, ähem…“

Dieser Deal geht zunehmend seltener auf, weil Frauen in Beziehungen zu solchen Männern regelmäßig eine Entwicklung nehmen (können), die darauf hinausläuft, dass sie ihren dazu passenden eigenen Deal „kündigen“: „Nimm Dich selbst zugunsten der Karriere Deines Mannes zurück. Nimm Dich selbst nicht so wichtig. Stell Deine Bedürfnisse zurück. Denk an Dich als letztes, denk lieber an den hohen Status Deines Mannes (und Deiner Kinder)!“

Einer ganzen Reihe von Frauen, die den Deal mit der klassischen Rollenverteilung in einer sexuellen Mann-Frau-Beziehung gekündigt haben, stehen nicht ganz so viele Männer gegenüber, die gelernt haben, auch sehr gut ohne Frauen auszukommen: die erfüllte Beziehungen mit emotionalem Tiefgang auch jenseits ihrer vorhandenen oder nicht-vorhandenen Intimbeziehung zu einer Frau haben. Die ein Gefühl der persönlichen Wichtigkeit und Wertigkeit aus etwas anderem ziehen als aus ihrer „Sorge für Frau und Kinder“. – Und nein: „Großartige Dinge vollbringen“ ist kein adäquater Ersatz DAFÜR.

Das ist ja gerade der Witz der Männlichkeit: „Großartige Taten“ gehörten schon immer dazu. Und TROTZDEM bringen sich Männer reihenweise um, wenn sie Frau und Familie „verloren“ haben.

Dass Männer sich derart verloren fühlen (trotz toller Karriere, hervorragenden Leistungen und großartigem Ruf) zeigt, wie viel „persönliche Erfüllung“ wir in Wirklichkeit in unserem braven Erfüllen der Männlichkeitsvorgaben empfinden.

Männliche Emanzipation besteht in einem erfüllten Beziehungsleben jenseits von Karriere, Frau und Kindern. Beziehungen, in denen für uns Wichtiges zur Sprache kommt. Beziehungen, in denen die Maske fallen darf und wir die Rüstung ablegen können. Beziehungen, in denen wir uns als auch dann als wertvoll erleben, wenn unsere eigene Verletzlichkeit durchscheint oder offen ausgesprochen wird. – Aber wer von uns erwachsenen Männern nimmt sich schon wirklich Zeit DAFÜR? Für SOLCHE Beziehungen? – Ganz ehrlich: Ich kenne nur wenige Männer jenseits der 25, die gezielt in solche Beziehungen investieren.

In größere Spielzeuge? Ja. In Renommee? Ja. In Karriere? Ja. In Leistungssteigerung? Ja. (Pro-Tipp: Ab 40 lässt das Testosteron bei den meisten von uns Männern drastisch nach). In Skills? Ja. In Wissen? Ja. In ihr berufliches Netzwerk? Ja. In Macht? Ja. Aber in gute Beziehungen? – Nein, nein, das wäre ja wirklich völliger Unsinn! – Das handlungstechnische, an Taten abzulesende Ergebnis solcher erlernter Präferenzen sollte uns nicht wirklich überraschen.

Die meisten von uns Männern haben wahrscheinlich keine oder eine nur sehr sehr leise Ahnung, was das überhaupt bedeutet, was das für sie heißen könnte, was dabei für sie drin ist: „Gute Beziehungen“.

Unzurechenbarkeit

Die systemische Brille kann einem Test ausgesetzt werden, ob sie in einer pragmatischen oder in einer dogmatischen Form vorliegt: Der Test besteht darin, zu fragen, ob sie aus einer Vermeidung heraus aufgesetzt wird, um sich auf die interaktionstheoretischen Details gar nicht erst einzulassen, aus einem Unverständnis und Unwillen gegenüber Interaktionstheorie. – Oder ob der systemische Blick, die systemische Theorie sich in völligem Frieden mit der Interaktionstheorie befindet, sie als Erweiterung und Bereicherung ihres eigenen Tuns empfindet.

In dem, was uns begegnet, wenn wir einem anderen Menschen begegnen, liegt ein Moment letztendlicher Unzurechenbarkeit: Wir können niemals mit absoluter Gewissheit sicher sein, ob wir das, was uns da begegnet, besser uns selbst oder besser dem anderen Menschen zurechnen sollten.

Für beides gibt es starke „Argumente“: Da wir ja nicht vollkommen verrückt sind, können unsere Wahrnehmungen dessen, was sich in dieser Begegnung ereignet, nicht vollständig falsch sein. Auch, dass uns das, was uns da mit dem anderen begegnet, nicht bei jedem anderen Menschen begegnet, gibt uns Gründe zur Annahme, dass es „etwas mit ihm zu tun hat“.

Zugleich gilt aber auch in jeder Begegnung das Gesetz der grundlegenden Subjektivität allen Wahrnehmens, Kategorisierens, Nicht-Sehens-Was-man-Nicht-Sieht, Weiterverarbeitens und Sich-Selber-Bestätigens: Alles was, uns begegnet mit dem Anderen, „gehört“ gewissermaßen „uns“. Es ist durch unsere Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfilter gelaufen und nur in dieser unseren Form unserem Bewusstsein zugänglich. – Daher begegnet anderen „mit dem gleichen Menschen“ anderes in ihren Begegnungen mit ihm. Diese unsere Subjektivität in der Begegnung geht weit über das pure Wahrnehmen und Bewerten hinaus. Es formt vielmehr die Möglichkeiten und Grenzen der Begegnung mit: Was wir vom Anderen (und zugleich von uns selbst) überhaupt zu sehen, zu hören, zu fühlen bekommen, und was – bedingt durch unser eigenes Erscheinungsbild/Auftreten/Verhalten – in dieser Begegnung im Verborgenen bleibt. Was wir vielleicht niemals wahrzunehmen bekommen, obwohl es einem anderen Menschen der diesem einen, gleichen Menschen begegnet, ganz leicht zugänglich ist.

Ein hochdiplomatischer (aber eben darum auch höchst langweiliger) Standpunkt könnte mit einigem Recht sagen: Alles, was sich in einer Begegnung zwischen Dir und mir ereignet, gehört weder Dir noch gehört es mir, es gehört vielmehr uns.

Eine andere Frage ist wiederum die rein praktische, welche Annahme uns in unserem Verhalten anderen Menschen gegenüber wohin bringt:

Rechnen wir (um bewusst einen Extremfall zu nehmen) in einer Begegnung ALLES auf DEN ANDEREN zu, so können wir sagen: „Wahrscheinlich erleben alle anderen Menschen ganz ähnliches mit diesem Menschen wie das, was ich mit ihm hier jetzt gerade erlebe. Gelingt es mir, ihm das auf eine freundliche, für ihn annehmbare Weise zu spiegeln, so dass er an diesem Spiegel nicht ganz so einfach vorbeikommt, so dürfte das für ihn auch in vielen anderen seiner Begegnungen und Beziehungen ziemlich nützlich sein. – Außerdem habe ich selber dann an dieser unseren Begegnung ziemlich großen Spaß…“

Rechnen wir hingegen in einer Begegnung ALLES auf UNS SELBER zu, so können wir sagen: „Diese Begegnung hier und jetzt mit diesem Menschen ist wie ein Spiegel für mich. Sie ermöglicht mir, mich selbst besser wahrzunehmen, mich selbst an mir reiben zu können, mich selbst weiterzuentwickeln. Das hat zwar auch einige hochnotpeinliche, unangenehme und beängstigende Momente, aber summa summarum: Danke Dir, lieber Anderer, dass Du mir das ermöglichst. Denn ohne Dich könnte ich das niemals nicht. Ich Danke dem lieben Gott für jeden verdammten Tag, an dem ich Dir Arschengel begegnen durfte…“

Rechnen wir hingegen ALLES, was uns in dieser Begegnung begegnet auf UNS GEMEINSAM zu, dann bleibt alles zwischen uns im hier und jetzt, es verweist nicht über sich hinaus. Das muss dann wohl Liebe sein. Oder Krieg. Oder sonst ein göttlicher Zustand. In jedem Fall wird es dann sehr intim, die Begegnung wird zu etwas „ganz Besonderem“. Jeder Moment dieser Beziehung ist uns dann eine ganz eigene, unverwechselbare Welt, die wir durch unser Zusammensein, in unserer Begegnung überhaupt erst erschaffen, in einem Co-Creativen Akt.

Vielleicht sollte man daher für diesen Zusammenhang auch gar nicht von „Unzurechenbarkeit“ sprechen, sondern von „Überzurechenbarkeit“, weil einfach zu viele Möglichkeiten bestehen, die Ereignisse innerhalb einer zwischenmenschlichen Begegnung zuzurechnen. – Und dabei haben wir eine der produktivsten, beide interagierenden Menschen massiv entlastenden Zurechnungen noch ganz außen vor gelassen: Die Zurechnung auf „die Umstände“.

Globalisieren

Nein, in diesem Artikel geht es mal ausnahmsweise nicht um Politik und um Wirtschaft, sondern um Psychologie. Der Ausdruck „Globalisieren“ bezeichnet eine von uns sehr gern genutzte Weise, uns verrückt zu machen und ist auch unter den Bezeichnungen „unzulässiges Verallgemeinern“ oder „Übertreiben“ bekannt. Auch als „jumping to conclusions“ habe ich es schon gehört.

In der Tat ist das „Globalisieren“ so verbreitet, dass man davon sprechen muss, dass wir alle immer wieder mal ziemlich verrückt sind (bzw.: uns verrückt machen), wenn man Überverallgemeinerungen als typisches Merkmal menschlicher Verrücktheit gelten lassen will.

Auch die Philosophie, die sich ja auf vorsätzlich auf das Finden des „Allgemeinen im Individuellen“ gepolt hat, kann als Ausdruck vorsätzlicher Verrücktheit verstanden werden und hat dieses Selbstverständnis ja dann auch von Anfang an ganz offen mitkommuniziert.

Andere Philosophen (oder waren es die Gleichen?) stellten sich als Verrücktheits-Abwehr-Verrückte auf, indem sie behaupteten, sie selber verfügten über die Fähigkeit zulässige Verallgemeinerungen von unzulässigen Verallgemeinerungen zu unterscheiden und einer jeden Verallgemeinerung (= Verrücktheit) den ihr zustehenden Platz zuzuweisen.

Mich selber hat das alles derart verrückt gemacht (bzw. genauer: ich selber habe mich mithilfe von all dem gerne so verrückt gemacht), dass ich aus Angst vor meinen eigenen Überverallgemeinerungen lange Zeit im Coaching übervorsichtig agiert habe: Frei nach der Devise: „Jeder Mensch ist ja völlig verschieden, hat seine völlig eigene Welt, so dass jede meiner Wahrnehmungen von ihm ja wahrscheinlich eine Projektion meinerseits darstellt.“ – Ich traute also meinen eigenen Wahrnehmungen der Selbstpräsentation und Kommunikation meiner lieben Kunden nicht, weil jede meiner Wahrnehmungen für mich unter Projektions- bzw. Überverallgemeinerungsverdacht stand. Beziehungstechnisch lief das darauf hinaus, dass ich meine Kunden wie rohe Eier behandelte und die Kommunikation im Coaching für ein Minenfeld hielt, in dem man sich äußerst behutsam zu bewegen habe. „Nur keine falschen Annahmen machen! Nur keine falschen Annahmen erkennen lassen! Nur keine falsche Emotion auslösen!“ war meine Maxime. Ziemlich anstrengend, kann ich Ihnen sagen. Aber ich bin halt auch jemand, der sich gerade bei sowas oftmals sehr gerne anstrengt. 😉

Anders gesagt: Von der Philosophie her kommend habe ich gefühlte Ewigkeiten gebraucht um mitzukriegen, dass Klischees im Coaching überaus nützlich sein können, wenn man auf ganz bestimmte Weise mit ihnen umgeht.

Denn die eigentlich interessante Frage ist ja, wie man einen Menschen von einer Globalisierung wieder runter holt, in die er sich verliebt und verstiegen hat. Wie man also einen anderen erfolgreich „abschießt“ von seinen kontrolllustigen „X ist immer Y“-Höhenflügen. Gegenbeispiele, „Falsifikationen“, Argumente – das ganze (philosophie-)übliche Tralala bringt einen ja sofort in eine Frontstellung zu seinem menschlichen Gegenüber, das man eigentlich überzeugen will. Und in einem argumentativen Grabenkrieg, von einem gefühlten „Feind“ nehmen wir Menschen eben nur höchst ungern wohlmeinende Ratschläge und Berichtigungen unserer globalisierten Weltsicht an. Lieber bunkern wir uns ein in unser Denkgehäuse und beschießen den Gegner mit eigenen Schlauheiten und Argumentationsbomben. Scheint so eine Art menschliches Naturgesetz zu sein, das relativ zeit- und kulturstabil ist.

Erkenntnis macht Spaß. Wenn wir gerade mal wieder glauben, auf einer Wahrheit zu sitzen und mit ihr nun unbesiegbar ins Feld reiten zu können, wissen wir es komischerweise irgendwie so gar nicht zu schätzen, dass uns jemand unser Reittier unterm Hintern wegschießt…

Viel wirksamer als aller Kriegskram ist es daher – wahrscheinlich „schon immer“ -, sich mit dem anderen auf sein Wahrheitspferd zu setzen und dem Tier nochmal deutlich kräftiger die Sporen in die Flanken zu hacken und auf diese Weise mit dem anderen eine Zeit lang im wilden Galopp dahin zu reiten. Den allermeisten Menschen wird dann – bei aller Wahrheitsliebe – nach einer Zeit so schwindelig und speiübel, dass sie ganz von alleine absteigen und dankend auf diese „Wahrheit“ verzichten.

Wo Globalisierung war, kann Differenzierung werden. Aber nicht, indem man die Globalisierung mit Differenzierungen konfrontiert. Sondern indem man selbst soweit globalisiert, dass den anderen – für alle überraschend – eine plötzliche Lust zu Differenzierung überkommt. Und oft muss man dazu wirklich SEHR weit gehen. So weit, dass man selber dabei gehöriges Muffensausen bekommt.

Um diesen Effekt zu erzielen, darf man also selber nicht zu viel Angst vor dem „Rausch der Geschwindigkeit“ haben, in den einen die übergroße Wahrheitsliebe versetzen kann. Denn das Spiel, das man dann betreibt, besteht darin, derjenige zu sein, der um keinen Preis der Welt von jener Wahrheit des anderen wieder herunterkommt. Es geht dann, kurz gesagt, darum, „länger im Sattel zu bleiben als der andere“. Und auch noch eine Weile, nach der der andere längst abgestiegen ist, noch auf seiner Wahrheit herumzureiten. Mit sichtbar, hörbar, fühlbar übergroßer Freude an diesem wilden Ritt! 😀

Globale Wahrheiten lustvoll zu kapern ist – praktisch gesehen – weitaus wirksamer als das feindselige und ungeduldige Beschießen des armen Tieres, das ja „in Wahrheit“ nichts dafür kann, dass wir uns derart in es verschossen haben, dass wir gar nie nie wieder von ihm heruntersteigen wollen.

Dieses Vorgehen muss man nicht, aber könnte man durchaus „philosophisch adeln“. Denn nichts anderes haben ja jene krummrückigen, kurzsichtigen und naseweisen Menschen seit jeher getan, die in jeden ihnen sich bietenden Wahrheitssumpf beherzt hineingestapft sind, um „die ganze Wahrheit“ zu finden.


Warnhinweis: Don’t try this via internet. It doesn’t work there. – Die Nutzung von NOCH pauschaleren Globalisierungen, um andere vom Globalisieren runterzubringen, braucht wahrnehmbares Wohlwollen und liebevolle Präsenz. „Aus der Ferne“ funktioniert es daher nicht. Es braucht „unsere Körper in einem Raum“, es braucht Unmittelbarkeit, damit es wirken kann. – Und wahrscheinlich braucht es auch einen intimen, geschützten Raum der „Nicht-Öffentlichkeit“, damit die Gäule aber mal so wirklich ungehemmt durchgehen können. SO sehr, dass sie mal richtigen Auslauf haben, sich emotional völlig verausgaben, sich darüber dann wieder gut beruhigen, „ganz von alleine“ einkriegen und neu justieren können.

Zweiter Warnhinweis: Auch das Motiv, aus dem heraus man diese „Technik“ anwendet, spielt nach meinem Erleben eine große Rolle. Dabei gibt es zwei „Negativindikationen“: 1) Wenn man es allein für sich selber tut. Das ist meist dann der Fall, wenn wir die Globalisierungen anderer Menschen nicht aushalten (m.E. eine recht „gesunde Reaktion“), aber uns darüber der andere völlig egal ist. Es geht uns dann allein darum, „dass er mit seinen Globalisierungen aufhören möge“, aber es geht uns nicht mehr um sein Wohlergehen. Wir sind dann bereits im Vernichtender-Kampf-Modus. Und in diesem Modus wirken unsere Über-Übertreibungen zynisch, verletzend und zerstörerisch. Vor aller Aufs-Pferd-Schwingerei müssen wir erst wieder unsere eigene, innere gute Beziehung zum anderen herstellen. Das erfordert etwas Selbstliebe und Achtung vor unserer Beziehung zum Anderen. 2) Wenn man es allein für den anderen tut. Das ist meist dann der Fall, wenn wir einem rein rationalen „Heilungskalkül“ folgen. Wir wollen ernsthaft dem anderen Helfen „runterzukommen“. Aber eben auch ein wenig zu ernsthaft. Denn jede gute Beziehung zeichnet sich dadurch aus, dass beide auf die Bedürfnisse beider achten. Und wenn ich es mit einem Menschen zu tun habe, der gerade nicht gut auf meine (und seine eigenen) Bedürfnisse achtet, wird es um so wichtiger, dass ich selber unser beider Bedürfnisse im Blick behalte und auseinanderhalte. Retter tun gerne mal so als hätten sie selber in der Situation überhaupt keine Bedürfnisse. Aus einer abgehobenen „Retter“- oder „Heiler“-Haltung heraus ist das liebevolle Moment verloren, die gute Beziehung als Basis aller produktiven Interaktionen zwischen uns ermöglicht. Gesunder Egoismus ist also paradoxerweise ebenfalls notwendig, damit das Über-Überglobalisieren etwas ist, dass wir beide gemeinsam als hilfreich erleben.

Das, was uns als manchmal als „highway to hell“ erscheint: Das Wahrnehmen, Aussprechen und Ansprechen unserer doppelten Bedürftigkeit in der Situation: Deiner Bedürftigkeit und meiner Bedürftigkeit, gerade diese ganz wahnsinnige Bejahung unserer gemeinsamen Verletzlichkeit schafft die Grundlage dafür, dass vorsätzliches Globalisieren nicht nur ein Problem sein muss, sondern zugleich auch eine Lösung sein kann.

Mit dieser guten Grundlage, aus einer doppelten Zugewandtheit (zu Dir, zu mir) heraus leistet Globalisieren wirklich Großartiges.

Die Macht des Gesprächs

„Gespräche ändern nichts.“

„Vielleicht haben Sie ja einfach noch nie ein richtiges Gespräch geführt?“

„Was soll denn das bitteschön sein, ein richtiges Gespräch?“

„Ein Gespräch, indem sich etwas bewegt. Ein Gespräch, in dem man von etwas, was dort passiert, bewegt wird.“

„Und wie soll das vor sich gehen? In den Gesprächen, die ich habe, tut sich rein gar nichts! X-Mal habe ich mit … geredet, und immer der gleiche Mist…!“

„Bewegung in Gesprächen hat etwas mit Berührung zu tun. Die meisten von uns haben aus guten Gründen Angst davor, zu berühren und berührt zu werden. Aber ohne Berührung bewegt sich eben auch einfach nichts in Gesprächen. – Ich kann es nur von mir sagen: Die meiste Zeit in Gesprächen versuche ich, Berührungen zu vermeiden. Nur sind das dann eben immer auch fruchtlose Gespräche. Reine Zeitverschwendung…“

„Berührung? Du meinst jetzt mit Anfassen oder was? Oder im übertragenen Sinne…?“

„Beides. Wer Berührungen vermeidet, vermeidet sie ja nicht ohne Grund…“

„Ich weiß immer noch nicht, ob ich wirklich verstehe, wovon Du da redest.“

„Na, mir kommt es eben so vor, als würden wir in den allermeisten unserer Gespräche vorsätzlich verhindern, dass was in Bewegung kommen kann. Und eben auch Berührtheit. Wir machen die Berührtheit weg. Indem wir zu viel reden. Zu wenig. Zu laut. Zu leise. – Es kann im Grunde alles sein, durch das man die Berührung weg macht, mit der ganz zwangsläufig etwas in Bewegung kommen würde…“

„Es geht also gar nicht darum, irgendetwas bestimmtes zu tun oder nicht zu tun?“

„Nicht ganz. Es geht durchaus darum etwas bestimmtes zu tun oder zu lassen. Aber nicht darum, etwas bestimmtes immer zu tun oder zu lassen. Sondern dann, wenn es dran ist. Es geht sozusagen um ‚Gesprächsachtsamkeit‘, um Achtung vor dem Gespräch an sich, um Achtung vor dem und auf das, was sich hier und jetzt gerade zwischen uns ereignet. Und welche Reaktionen eben grade einfach ‚dran‘ sind. Es geht beim Sich-Berühren-lassen-und-berühren also eigentlich darum, nicht dann zu laut zu sein, wenn leise dran wäre, und nicht dann laut zu sein, wenn leise dran wäre, nicht schweigen mit reden zu vertauschen und reden mit schweigen. Es geht darum, sich vom Gespräch lenken zu lassen, statt das Gespräch mittels Gespräch wegzumachen…“

„Da komm ich glaub ich jetzt nicht mehr ganz mit.“

„Na machtvolle, wirkungsvolle Gespräche bekommen wir halt einfach, wenn wir dem Gespräch selbst den Raum geben, den es sich grade nehmen will…“

„Ganz so als ob ‚das Gespräch‘ ein eigenes lebendes Wesen wäre?‘

„Ganz so. – Und alle beteiligten Gesprächspartner ordnen sich dem unter. Tauchen ein ins Gespräch, gehen auf im Gespräch. Verändern sich im Gespräch.“

„Und was ist, wenn jemand das eben so überhaupt gar nicht will? Wenn jemand das Gespräch sabotiert? Wenn jemand das Gespräch und seine Wirkung zerstört? Wenn jemand Berührtheit aktiv verhinder?“

„Dafür gibt es Lösungen.“

„Man kann also jemanden aktiv ins Gespräch holen, der sich aktiv dem Gespräch verweigert? – Ist das dann nicht übergriffig? Ich meine: Derjenige will sich ja dann offensichtlich gar nicht berühren lassen! Oder am Gespräch beteiligen!“

„Die Frage ist dann, warum er überhaupt da ist. – Kann man ihn dann ja auch einfach mal fragen. Oder ihn freundlich bitten zu gehen, wenn er nichts beizutragen hat und offenbar auch nichts an jenem Gespräch findet oder mitnimmt.“

„Das kommt mir alles ziemlich naiv vor. Irgendwie ZU einfach.“

„Einfach ist es nicht. Zumindest nicht in dem Sinne, dass uns das immer leicht fallen würde, das zu tun, was nötig ist, damit ein gutes, bewegendes Gespräch zustande kommt. Einfach ist es höchstens in dem Sinne, dass es keine superkomplizierten, hochgeistigen Dinge sind, die dafür getan werden können.“

„Und warum fällt uns das dann so schwer?“

„Weil wir uns wohl ungern selber berühren lassen. Bewegen kann man ja nur Menschen, von denen man sich ebenfalls bewegen lässt. In Gesprächen herrscht eine höhere Form von ‚Demokratie‘, eine allgemeine Gesetzmäßigkeit, die einseitige Wirkung ausschließt.“

„Von manchen Menschen möchte ich mich tatsächlich nicht berühren lassen!“ 😀 😉

„Jep. Verständlich. Und in Gesprächen mit solchen Menschen bewegen wir dann halt eben auch nichts.“

„Irgendwie fast schon gerecht!“

„Ja, finde ich auch.“

„Du traust dem Gespräch ja tatsächlich ne ganze Menge zu!“

„Ja, das tue ich. Gespräche können uns überraschen und bewegen. Aber nicht notwendig auf eine Weise, die uns unangenehm berührt. Oder hast Du Dich jetzt hier von diesem Gespräch unangenehm berührt gefühlt?“

„Nö.“

„Und bewegt?“

„Schau mer mal…“ 😉

„Ich befürchte, Dein Zweifel an der Macht des Gesprächs hat mich mehr bewegt, als umgekeht mein Glaube an die Macht des Gesprächs Dich.“

„Jetzt fühl ich mich von Dir verstanden!“

„Verdammt!“