Unsere Beziehungsfähigkeit als Menschen ist eine bemerkenswerte Sache. Und oft scheinen wir mental nicht ganz auf der Höhe unserer eigenen Fähigkeiten und Grenzen zu sein. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Grenzen unserer Beziehungsfähigkeit

Unsere Beziehungsfähigkeit scheint begrenzt zu sein in mehrfacher Hinsicht:

  1. Anzahl: Wir können zwar im Laufe unseres Lebens tatsächlich beeindruckend viele Beziehungen zu anderen Menschen eingehen. Auch sehr verschiedenartige, die jeweils „andere Seiten in uns zum Klingen bringen“. Ja, wer wir sind, unsere ganze, eigenartige „Identität“ kann geradezu als dadurch bestimmt gesehen werden, mit wem wir in welchen Beziehungen stehen. – Aber es gibt dabei eben doch Grenzen, die wohl auch einfach den physikalischen, chemischen, biologischen Aspekten unseres Seins geschuldet sind. – Insbesondere erleben wir, dass wir die Qualität, Tiefe, Belastbarkeit jeder einzelner unserer zwischenmenschlichen Beziehungen mit jeder einzelnen weiteren Beziehung, die wir eingehen, schmälern. Ich weiß, ich weiß: jede neue Beziehung mag durchaus unseren Horizont erweitern und so vielleicht auch positiv in andere Beziehungen zurückwirken. Aber das ist eben eher eine geistige, mentale Kategorie. Unser Körper fordert sein Eigenrecht. Und das besagt: Du kannst nicht an mehreren Orten zur gleichen Zeit sein. Und: Dein affektives Bindungspotential ist begrenzt. Gefühle sind wie Geld und Zeit: Du kannst sie EINMAL investieren, und danach sind sie erst einmal „verbraucht“. Wir können daher auch „beziehungssatt“ sein. – Umgekehrt bedeutet die gleiche Beziehungslogik: Reduziert sich die Zahl unserer Beziehungen, wird jede einzelne verbleibende Beziehung für uns potentiell „emotional aufgeladener“, subjektiv bedeutsamer. Unsere emotionalen Bedürfnisse/Potentiale wollen beziehungstechnisch verräumt sein. Wenn nicht, „quellen sie über“. Ein Mangel an Beziehungsalternativen auf der einen Seite einer zwischenmenschlichen Beziehung führt daher direktgehend zu einer Machtasymmetrie. Gemäß dem allgemeinen Gesetz, dass derjenige Macht über den anderen hat, der den anderen deutlich weniger braucht (weil er selbst im Gegensatz zum anderen Beziehungsalternativen hat). Glücklich die Beziehung, in der man sich gleich viel oder gleich wenig braucht.
  2. Körperlichkeit / Medialität: Aufgrund der Bedeutsamkeit körperlicher Aspekte für menschliche Beziehungen sind Beziehungen nur sehr begrenzt „medialisierbar“ oder „virtualisierbar“. Dieser Umstand ist aufgrund des noch frischen, neuen Ausmaßes virtueller Kommunikation heutzutage oft noch zu wenig bewusst. Virtuelle Kommunikation kann vieles. Beziehungen stiften und erhalten kann sie nur in sehr engen Grenzen. Das hat viel mit unserer psycho-biologischen Verfasstheit zu tun: Wir fühlen uns von anderen Menschen schnell angegriffen, leicht bedroht, wenn körperliche Signale nicht gleichzeitig signalisieren: „Ich mag Dich. Du bist mir wichtig. Ich nehme Rücksicht auf Dich.“ – Sobald in der virtuellen Kommunikation eine „Meinungsverschiedenheit“ auftaucht, die bei einem der bieden Beziehungspartner emotional geladenere Bereiche berührt, wird die Beziehung zwischen uns über die Maßen belastet. Wir erleben das dann eben als Angriff auf unsere innere Ordnung anstatt als Bereicherung unseres Kosmos. Daher kann man im virtuellen Raum gut „Gleichgesinnte“ versammeln, aber diese themenzentrierte Form der Kommunikation lässt gerade die Beziehungsebene verarmen: Man sagt besser nichts Falsches, wenn man diese „Beziehung“ erhalten will. Dieser Aspekt der virtuellen Kommukation ist für alle beteiligten Menschen immer auch frustrierend.
  3. Stressbedingungen: Selbst wenn wir die Anzahl unserer Beziehungen nicht überdehnen und unsere Körperlichkeit in der Kommunikation miteinbezogen ist, stoßen wir in unserer Beziehungsfähigkeit mit anderen Menschen oft an unsere Grenzen: Löst das Zusammensein mit anderen Menschen in uns v.a. Stress aus, dann können wir beinahe mit jedem aneinandergeraten. Und geschieht das zu oft, wird sich diese Beziehung über kurz oder lang auflösen (außer äußere Zwänge halten sie künstlich zusammen, das sind dann allerdings äußerst „unglückliche Beziehungen“). Solche Stressauslöser sind: Traumatisierungen; Übertragungen von Traumatisierungen, die wir mit anderen Menschen erlitten haben, an die uns dieser Mensch erinnert; ständiger Zeitdruck, verbunden mit fehlendem Raum für die Offenbarung eigener Gefühle und Bedürfnisse; hierarchische Beziehungen oder andere Form von Machtungleichheit in der Beziehung; ständige Konkurrenz um für uns wichtige und zugleich knappe Güter. Der gemeinsame Nenner all solchen „Beziehungsstress'“ ist die fehlende Möglichkeit, „Freundlichkeit“ zu kultivieren. Dabei reicht „innere Haltung“ oder „prinzipielle Wohlgesonnenheit“ nicht aus: Es braucht das für beide Seiten wahrnehmbare Interesse und Wohlwollen, damit gute Beziehungen nicht zu Stressbeziehungen werden, die zur Selbstauflösung tendieren und nur noch widerwillig aufrecht erhalten werden.

All diese Phänomene, all dieses Erleben der Begrenztheiten unserer Beziehungsfähigkeiten kann dazu führen, dass wir Beziehungen für etwas „Schwieriges“ oder „Zerbrechliches“ halten. Das aber ist ein Fehlschluss. Obwohl unserer Beziehungsfähigkeit die genannten Grenzen gesetzt sind, ist sie in anderer Hinsicht unbegrenzt und erstaunlich robust.

Unbegrenztheit unserer Beziehungsfähigkeit

Unsere Beziehungsfähigkeit ist scheint unbegrenzt zu sein in folgenden Hinsichten:

  1. Menschlich: Entgegen dem äußeren Anschein können wir unter geeigneten Bedingungen mit nahezu jedem Menschen Beziehungen eingehen. Nicht alle Arten von Beziehung. Aber in der Regel sind sogar mit jedem anderen Menschen mehrere Arten von Beziehungen möglich. Dass wir uns in der Realität auf keine oder eine bestimmte Form von Beziehung zu einem bestimmten anderen Menschen begrenzen, hat mit den oben genannten Grenzen unserer Beziehungsfähigkeit zu tun. – Prinzipiell, d.h. unter veränderten Umständen werden aber mit nahezu jedem Menschen sofort wieder neue Beziehungen für uns möglich. D.h. die Beziehungsrealität verdeckt das Beziehungspotential, das zwischen uns besteht. Wir verkennen regelmäßig, was zwischen uns möglich wäre. Möglicherweise ist dieses „nicht für möglich halten“ von Beziehung durchaus funktional: Es zu realisieren, würde uns verwirren und kognitiv überfordern.
  2. Geschwindigkeit: Oft glauben wir, es bräuchte „sehr lange Zeit“, um eine gute Beziehung aufzubauen. Daran ist so viel wahr, dass Beziehungen, die bereits zahlreichen Belastungen ausgesetzt waren und die sich zugleich mit schönen Momenten für beide Beteiligten angereichert haben, eine deutlich andere Qualität annehmen und auch in Bezug auf neue Herausforderungen „belastbarer“ sind. Über diese Wahrheit wird aber häufig übersehen, wie leicht wir untereinander neue Beziehungen aufbauen können (und wie schnell bislang gute Beziehungen bei Vernachlässigung sich wandeln und auflösen). – Regelmäßig sind wir überrascht von unserer eigenen zwischenmenschlichen „Konnektivtität“. Möglicherweise weil viele von uns in ihrem Alltag die meiste Zeit den gleichen Menschen begegnen und daher mit ihrer eigenen „Schnellverbindbarkeit“ einfach wenig Erfahrung haben. Menschen, die viel reisen, Menschen im Dienstleistungssektor (wenn dieser nicht so sehr unter Druck steht, dass keine Beziehungen entstehen können) und – in Teilen – Jugendliche und junge Erwachsene in Großstädten kennen ihre eigene Beziehungsfähigkeit etwas besser.
  3. Tiefe: Wir können vorhandene Beziehungen immer noch weiter emotional vertiefen. Das Problem wie überall mit dem Potential von Beziehungen ist hier: Das ist Arbeit, es ist anstrengend, und oftmals ist es auch beängstigend. – Und um so tiefer eine Beziehung bereits ist, um so mehr glauben wir zu verlieren zu haben, wenn wir „mehr riskieren“, also z.B. andere Seiten von uns in dieser Beziehung zeigen, unsere Verletzlichkeit offenlegen, etwas vollkommen Neues vorschlagen, usw. – Das ist der Grund, warum oft gerade unsere besonders bedeutsamen Beziehungen mit der Zeit dazu tendieren, „langweilig“, „fad“ oder „grau“ zu werden. Auch hier ist wieder eine „Beziehungsillusion“ naheliegend: Wir glauben dann oft, „das ist einfach so“, oder in der Beziehung mit diesem bestimmten Menschen, „ist eben nicht mehr möglich“. – In der Regel liegen wir damit falsch: Wir haben nur – aus guten Gründen! – Angst, das zu tun, was wir tun könnten, um einen vollkommen anderen, neuen Eindruck von dieser Beziehung zu gewinnen. Diesen Mut haben wir am Anfang einer Beziehung, „wenn wir noch nicht so viel zu verlieren haben“, eher. Dass wir am Anfang von Beziehungen eher „grenzüberschreitend“ sind, macht viel von der besonderen Qualität neuer Beziehungen aus. Bleiben auch dauerhafte Beziehungen „frisch“ und „jung“, dann haben die Beziehungspartner in der Regel die Angewohnheit, regelmäßig gemeinsam Neues auszuprobieren und sich nicht im „Mehr vom Selben“ oder im „Gleichen in Grün“ zu verstricken. Glücklicherweise findet das Leben durch unseren Frust und unsere Findigkeit meist seine Wege, um uns nicht an unseren eigenen Gewohnheiten ersticken zu lassen.
  4. Vielfalt: Einer der größten Irrtümer über uns selbst besteht wohl in dem, was wir „Identität“ nennen und was selbstverständlich auch unser Beziehungsverständnis betrifft. Der gleiche Mensch ist in der Lage, „völlig Verschiedene zu sein“, d.h. in verschiedenen Beziehungen (und mitunter eben auch in der gleichen) völlig verschiedene Seiten von sich zu zeigen. Das geht soweit, dass man das Konzept der „Identität“ überhaupt in Frage stellen kann. Es sind gerade unsere verschiedenen Beziehungen, die uns die Tore zu verschiedensten Identitäten öffnen. Man könnte sagen: Jeder andere Mensch hat das Potential, uns Tore zu völlig neuen Welten zu öffnen. Und alle diese Welten gehören gewissermaßen „auch uns“.