Im Folgenden möchte ich noch einmal von einer anderen Seite her erläutern, inwiefern geloste Bürgergremien Orte und Quellen der Freiheit sind.

Gegebene Bedürfnisse, gegebene Erwartungen, gegebene Unfreiheit

In unseren beruflichen wie persönlichen Beziehungen haben wir aus guten Gründen Erwartungen an unsere Mitmenschen. Zwar wird immer wieder mal postuliert, es sei gut, sich aus einer inneren Haltung heraus von Erwartungen an seine Nahbeziehungen frei zu machen. Doch wir alle wissen, dass uns das faktisch niemals über einen längeren Zeitraum gelingt, wenn überhaupt. – Und was für einen Sinn macht es, Erwartungen an sich selbst zu formulieren, denen man ohnehin nicht gerecht werden kann?

Erwartungen machen uns unfrei. Aber dennoch haben wir sie aus einem guten Grund: In Beziehungen geht es immer auch ein Stück weit um Verlässlichkeit. Das Ideal des göttlichen, bedürfnislosen Menschen, der seinen Mitmenschen völlig erwartungsfrei gegenübertritt, hat lange genug viel Leid unter uns angerichtet.

Wer Bedürfnisse hat, ist in seinem Handeln immer auch ein Stück weit an Strategien zur Bedürfniserfüllung gebunden. Wir mögen die Strategien auswechseln können, dass wir bedürftig sind – und das ständig und in vielfacher Hinsicht – das können wir nicht ändern. Das „sind wir“.

Da wir zudem soziale Wesen sind, die von Geburt an in Gemeinschaft leben, ist es völlig normal und selbstverständlich, dass wir uns wechselseitig Bedürfnisse erfüllen und dass wir auch Erwartungen daran ausbilden, dass andere das tun. Und genauso, dass wir selbst mit Erwartungen von anderen konfrontiert sind, uns ihren Bedürfnissen zuzuwenden und auf sie einzugehen. Und eben so normal ist es für Menschen, dass uns solche Erwartungen anderer an uns nicht kalt lassen, nicht unberührt. Wenn wir uns abschotten oder „abgrenzen“ wie es heutzutage so schön euphemistisch heißt, zahlen wir einen hohen psychischen Preis, der unser eigenes Wohlergehen unmittelbar beeinträchtigt.

Wir können zwar sagen: „Wenn man erwachsen ist, ist man voll für die Erfüllung seiner Bedürfnisse selbst verantwortlich!“, aber bei solchen Aussagen wir die Gemeinschaft, in der man immer schon lebt, „gedanklich weg gemacht“. Im Grunde hat eine solche gedankliche Vereinzelung von Menschen eine starke absurde Note.

Erwartungen und Enttäuschungen gehören zusammen. Und der Ausweg aus diesen ständigen wechselseitigen Abhängigkeiten, die für uns Menschen normal sind, ist kein absurdes Eremiten-Dogma inmitten eines regen Gemeinschaftslebens, sondern ständige gute Kommunikation über vorhandene menschliche Bedürfnisse. Ständige Neuaushandlung, wer gerade für welches Bedürfnis von wem verantwortlich ist. So dass es allen zusammen gut geht. Dazu gehört auch Neugier darauf, um welche Bedürfnisse genau es jeweils eigentlich gerade überhaupt geht. Beim anderen. Bei einem selber. Was also überhaupt gerade im gemeinsamen Topf ist, was überhaupt jeweils gerade zwischen uns besprochen und von uns verhandelt werden muss.

Der Mensch kann zwar mit menschlicher Bedürftigkeit umgehen, wie er will. Aber er kann nicht wollen, unbedürftig zu sein (- frei nach Schopenhauer).

Der Mensch kann zwar mit menschlicher Bezogenheit umgehen, wie er will. Aber kann nicht darüber verfügen, ein Beziehungswesen zu sein.

Ein Teil unserer Menschlichkeit unterliegt nicht unseren willkürlichen Entscheidungen, sondern er „ist“. Mit anderen Worten: Sartre liegt falsch.

Freie Beziehungen – Möglichkeiten

Nun gibt es dennoch ein Bedürfnis in uns, „freie Beziehungen“ miteinander zu erleben. Feste sind manchmal Orte, das zu leben. Oder „die Jugendphase“. Oder manchmal auch „die zweite Jugend“ (wenn die Kinder aus dem Haus sind und auch berufsmäßig/geldmäßig alles in trockenen Tüchern ist).

Es gibt jedoch noch einen weiteren Weg, freie menschliche Beziehungen zu erleben. Und dieser Weg ist weniger „exklusiv“, d.h. er steht nicht nur wenigen selten, sondern allen immer offen.

Im Grunde haben die ollen Griechen diesen Weg des Freiheitserlebens erfunden: Sie konzipierten ihre Gesellschaft so, dass es eine Sphäre der Bedürftigkeit gab: Den oikos, den Haushalt, den Raum des Privatlebens.

Das ist anders gedacht und anders gemacht als wir das heute tun: Wenn wir von „Privatleben“ sprechen, so meinen wir häufig unsere Beziehungen und Tätigkeiten abseits von Erwerbsarbeit. – In der antik-griechischen Konzeption war aber all das zusammen „privat“. Und es stand dem Raum des Politischen gegenüber, den man gemeinsam betrat, nachdem alle Bedürftigkeit im Privaten bereits verräumt und abgefrühstückt war.

An dieser Stelle wird oft eingewendet, dass die griechische Gesellschaft Sklaven hielt, und im Grunde durch diese Ordnung auch alle Frauen und andere Menschen ohne „politische Bürgerrechte“ unfrei gemacht wurden. – Das ist völlig zutreffend.

Aber es spricht keineswegs dagegen, die Konzeption so zu übernehmen, dass man sie auf alle Menschen ausweitet, also nicht mehr exklusiv gestaltet, wie das eben die Griechen taten.

Denn „unsere“ Lösung für das Bedürfnis nach freien Beziehungen zwischen uns ist ja bisher ähnlich exklusiv wie die der Griechen: Eine sehr kleine Zahl von uns kommt bisher in ihren Genuss.

Freiheitserleben im Politischen

Um zu verstehen, warum wir uns im Politischen als Freie, auch: Als Erwartungsfreie begegnen können, hilft es vielleicht, einen Seitenverweis zu benutzen.

Ich selber habe einige Jahre lang an vielen Barcamps teilgenommen. Dort konnte man ständig glücklichen, begeisterten Menschen begegnen. Sie waren glücklich über die Begegnungen, die sie in solchen Formaten hatten. Sie waren begeistert davon, was ihnen dort begegnete:

Erwartungsfreie Beziehungen nämlich.

Und oft wurde geklagt, wenn dort Menschen mit „Business-Absichten“ aufkreuzten. Weil nämlich deren Bedürftigkeit die ganze Veranstaltung „unfrei“ zu machen drohte, weil plötzlich Menschen da waren, die „etwas von den anderen wollten“.

Aber auch Barcamp-Teilnahmen muss man sich leisten können: Zeitlich wie finanziell wie emotional. Wer keine Barcamps kennt oder sich keine ständigen Teilnahmen an solchen Veranstaltungen leisten kann, muss sich heute einen guten Therapeuten suchen, um zur Abwechslung gelegentlich auch einmal eine erwartungsfreie Beziehung zu erleben.

Es ist jedoch möglich, dass wir sehr ähnliche Effekte auch durch ein ganz anderes Instrument bekommen und sogar allgemein auf unsere ganze Gesellschaft ausweiten können: Dieses Instrument ist der Zufall. Die Zufallsauswahl im Politischen.

Indem wir das Losverfahren anwenden, begegnen sich im Raum des Politischen Menschen ohne Erwartungen aneinander. Zwar mag es einen „Auftrag“ der Allgemeinheit an diese zufällig ausgewählten Menschen geben. Doch dieser Auftrag ist keine „Erwartung“ an diese Menschen über die Vorgabe hinaus, sich mit einem bestimmten politischen Thema auseinanderzusetzen und sich zu ihm zu äußern.

Aneinander, und das ist das Entscheidende, haben zufällig ausgewählte Menschen keinerlei Erwartungen.

Denn man geht im Politischen eben gerade keine dauerhafte Beziehung miteinander ein, sondern eine situative, die im Moment des gemeinsamen Beratens und Entscheidens bleibt. Nach der Veranstaltung geht man einfach wieder auseinander. Ein jeder in sein Privatleben, das gut mit Beziehungen und Erwartungen bestückt ist. Man sieht sich nicht in der gleichen Konstellation wieder. Und daher entstehen in gelosten Bürgergremien Beziehungen die gewissermaßen keine Beziehungen sind. Sie nutzen zwar das Momentum, das Beziehungen zwischen uns Menschen entwickeln können, aber eben ohne gleichzeitige Erwartungsausbildung.

Und genau das macht politische Beziehungen so befriedigend, so frei, wenn der Raum des Politischen zentral über den Zufall aufgespannt wird. Wir werden, wenn wir das Losverfahren systematisch nutzen, lauter glückliche Bürger sehen: Bürger, denen das Geschenk freier Beziehungen gemacht wurde. Die sich wechselseitig selbst das Geschenk freier Beziehungen machen.

Das Losverfahren als Verfahren, das bewusst den Zufall nutzt, ist das einzige Verfahren, dass menschliches Freiheitserleben institutionalisieren und allgemein machen kann. So dass wir alle Zugang zu einem Raum der Erwartungsfreiheit erhalten. Und aus dieser realen Freiheit heraus unsere Gemeinwesen mitgestalten.

„Der Bürger“ ist deswegen ein „freier Mensch“, weil er a) das Private hat, das das Politische bedürfnismäßig sehr entlastet (also weil er nicht NUR Bürger ist) und b) weil er seine eigene Gesellschaft aktiv gestaltet, also an der Gestaltung der Gesetze, denen er als Privatmensch unterliegt, immer wieder aktiv mit beteiligt ist.

Diese Konzeption der Antike scheint mir überaus klug und menschenfreundlich zu sein. Und ich kann bislang keinen Grund erkennen, warum wir sie nicht unter modernen Bedingungen übernehmen sollten. V.a. wenn wir die moderne Ausweitung auf alle heute lebenden Menschen für völlig selbstverständlich halten: Ein jeder Mensch sollte gelegentlich von seinem Privatleben „erlöst“ und in den Raum des Politischen aufgenommen werden. Ein jeder Mensch sollte ausgelost werden können, Politik mitzugestalten.

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