Das Erleben und Kultivieren von Selbstwirksamkeit ist wichtig für uns Menschen. Behauptet zumindest die heutige Psychologie.

Vielleicht weniger bekannt ist, dass es für uns Menschen zwei Ebenen der Selbstwirksamkeit gibt, zwischen denen wir ganz pragmatisch hin- und her-switchen können, je nachdem, wo eine Handlung gerade besser aufgehoben ist. Wo wir also mehr Wirkung entfalten:

Die Ich-Wirksamkeit und die Wir-Wirksamkeit. Ethik und Politik können ein sehr pragmatisches Verhältnis zueinander einnehmen, ohne den geringsten Widerspruch. Es ist dann eine rein pragmatische Frage, wo wir einen akuten Handlungsbedarf, ein „Problem“ gerade hinschieben. Weil wir DAS DORT besser, wirkungsvoller angehen können.

Ich-Wirksamkeit

Unser Handeln entfaltet sich immer unter gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Und das heißt: Wir können immer erst mal schauen, was wir unter den gegebenen Rahmenbedingungen so alles selber machen können. Damit es uns gut geht. Damit es anderen gut geht.

Dazu gehören dann alle bekannten Praktiken guter Selbstsorge, von denen unsere Gesellschaft ja so einige Formen und Möglichkeiten angesammelt hat und munter weiter tradiert – was manchmal ziemlich verwirrend sein kann, aber auch auf wunderbare Weise aufregend, bis man sortiert hat, was für einen selber besonders gut funktioniert. Der Aufbau seiner eigenen „Haltung“ oder „Individualethik“ ist also ein ziemlich spannendes und oftmals hochbefriedigendes Unternehmen.

Manchmal führt uns die Frage, was wir für uns selbst wie für andere gutes tun können, jedoch hinein in sogenannte „Dilemma-Strukturen“. Das heißt: Die gegebenen Rahmenbedingungen verschaffen uns nur Handlungsoptionen, in denen wir uns bei unserem eigenen Handeln entweder für uns Wohlergehen oder für das anderer Menschen entscheiden können. „Tragisch“.

„Ethik“ oder „Haltung“ führt uns dann nicht weiter. Denn wir schaden dann mit unserem Handeln immer irgendwem, wir können uns nur noch aussuchen wer das ist. Und entscheiden wir uns für die „heroische Wahl“, also dafür, uns aufzuopfern, es uns schlecht gehen zu lassen, damit es anderen gut geht, dann können wir sicher sein: Jemand anderer zahlt den Preis auch dafür, für unser „Heldentum“. Heroismus funktioniert immer nur kurzfristig. Sobald wir unter unserem eigenen heroischen Märtyrertum zu leiden beginnen (was in der Natur der Sache liegt), bricht sich unser Leiden seine eigenen Bahnen. Und dann ist Zahltag. Deswegen machen oft „die besten Menschen die größten Dummheiten“. Psychische Ökonomie. Menschliches Naturgesetz.

Aber so tragisch ist die menschliche Existenz dann doch nicht, denn glücklicherweise ist Ethik ja nicht alles. Es gibt auch noch die

Wir-Wirksamkeit

Politik kommt ins Spiel, wenn es um die Auflösung genau solcher Dilemma-Strukturen geht, denen gegenüber unsere Ich-Wirksamkeit machtlos ist.

Es geht in der Politik um die Gestaltung der Rahmenbedingungen so, dass wir uns durch unser ethisches Handeln nicht automatisch selbst schaden. Oder umgekehrt: Dass wir uns durch unetisches Handeln nicht automatisch selbst nutzten.

In der Politik, auf der Wir-Ebene, geht es also um die Gestaltung des Spiels, das wir sonst, „im Privaten“, die ganze Zeit über miteinander spielen: Welche Spielzüge sind zugelassen? Wie gestalten wir die gesellschaftlichen Spielregeln?

Das Erleben von Wir-Wirksamkeit ist allerdings nur in Demokratien möglich: Wenn alle Bürger aktiv an Politik beteiligt werden. Wenn wir als Bürger „vor Ort“ sind, wenn die Spielregeln gemacht oder verändert werden. Wenn wir bei der Gestaltung unserer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen mithören, mitsprechen, mitberaten, mitentscheiden.

Ansonsten kommt durch die Politik Fremdbestimmung in unser Leben: Wir sind dann Spielregeln ausgesetzt (in unserem Alltag), „die wir nicht selbst gemacht haben“.

Politik ist Gemeinschaftshandeln eines demokratischen Wir. Und – wie man hört – führt das zu einem sehr beeindruckenden Erleben von Wir-Wirksamkeit.

Ethisch-Politischer Pragmatismus

Wir haben also die Wahl, wenn wir vor einem Problem stehen: Gehört das in unsere kollektive Politik? Oder in unsere individuelle Ethik? Können wir das gut so lösen, dass wir uns bei der „Lösung“ selbst nicht schaden, aber auch keinen anderen Menschen? Oder macht es hier gerade mehr Sinn, auf die politische Ebene zu gehen? Also für dieses Problem einen gelosten Bürgerrat einzuberufen?

Es macht einen großen Unterschied für uns Menschen, ob dieses demokratische Element überhaupt zur Verfügung steht. Das Selbstwirksamkeitserleben des politischen, des demokratischen Menschen ist größer: Denn zur Not, wenn die Individualethik versagt, kann er die Ebene wechseln und die Gesellschaft gemeinsam mit seinen Mitbürgern neugestalten.

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