Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

unsere Nationalstaaten sind eine komische Sache: Sie täuschen eine Einheit vor, die längst nicht mehr besteht. Und sie verhindern Einheiten, die wir längst bräuchten, die aber heute immer noch nicht bestehen, obwohl sie eben längst überfällig sind.

Wir alle, ohne Ausnahme, haben einen langen Weg hinter uns, um dahin zu gelangen, wo wir heute sind. Und auch schon unsere Eltern und Großeltern und deren Eltern haben jeweils einen langen Weg hinter sich, so dass wir heute dort sein können, wo wir zusammen leben. Auf diesem Weg gab es Irrwege und Katastrophen, auch Verbrechen. Doch das ändert nichts daran, dass wir heute weitgehend friedlich zusammen leben. Und die allermeisten von uns wollen das: Friedliche Formen des Zusammenlebens kultivieren – und auch neue entdecken. Dafür brauchen wir: geregelte, regelnde politische Formen. Formen, die uns (noch) fehlen.

Es ist heute völlig normal, dass ein Mensch, dessen Großeltern noch am Stadtrand von Bremen lebten, und dessen Eltern die ganze Welt bereist haben, weswegen dieser Mensch selbst in Venezuela geboren wurde, seit mehr als einem Jahrzehnt „bei uns in Bayern“ lebt, zusammen mit zwei Kindern und einem mexikanischen Partner, der seinerseits als hochspezialisierter Ingenieur für ein Unternehmen tätig ist, das wiederum andere Unternehmen weltweit beliefert. Oder dass ein nigerianischer Unternehmer seine in mehreren Ländern (auch in Deutschland) erworbene Expertise in Nigeria einbringt, in dem er dort neuartige landwirtschaftliche Betriebe gründet. Oder dass ein Mensch in Kolumbien geboren ist, in Portugal und Frankreich gelebt hat und heute hier bei uns Kinder hat und sich in einem mittelständischen Betrieb einbringt. Oder dass eine alte sibirische Dame mitten unter uns lebt, die als „Russlanddeutsche“ unter Stalin nach Sibirien verschleppt wurde, fast ihr ganzes Leben dort verbracht hat und erst seit wenigen  Jahren hier lebt, aber den neuen Ort ihres Aufenthalts mit ihrer ganz unglaublichen Gelassenheit bereichert. Oder dass man hier eine indische Betriebswirtin mit großem Organisationstalent trifft, die wegen ihrem Mann, der in Deutschland eine Arbeit gefunden hat, „zu Hause“ alles aufgegeben hat, obwohl sie eine tragende Säule in ihrem indischen Energiekonzern war – und nun hier eine neue berufliche Perspektive auch für sich selbst sucht, nachdem ihre beiden Kinder nicht mehr ganz klein sind. Oder dass das eigene Kind eine Spielplatzbekanntschaft mit einem anderen Kind macht, dessen gefühlter Vater ein us-amerikanischer Regisseur ist, ein Mann, der sich um jenes Kind von Geburt an gekümmert hat, „obwohl es nicht von ihm ist“. Oder dass man hierzulande einen ägyptischen Lagerleiter kennen lernen kann, der es heute, in seinen späten 50ern bereut, sämtliche Beziehungen in den Sand gesetzt zu haben, der aber zugleich auf all seinen Arbeitsstellen stets geschätzt und beliebt war, weil er tolle Umgangsformen hat und sich bei der Arbeit nie für irgendwas zu schade war. Oder dass ein chinesischer Mathematiker sich alle möglichen Mühen aufgehalst hat, um nach München zu kommen und irgendwann für BMW zu arbeiten, weil das sein Lebenstraum ist, den er seit seiner Jugend verfolgt. Oder dass eine indianische Buchhalterin, die bereits in ihrer Heimat für eine Furcht-Export-Firma gearbeitet hat, seit Jahren ihre Talente hierzulande einbringt. Oder dass eine innsbrucker Restaurantbesitzerinnen-Tochter einen Vater in Südafrika hat, selbst über Jahre ganz Afrika mit dem Motorrad bereist hat und seit Jahren in Deutschland lebt. Oder dass ein studierter teheraner Kindertherapeut seit langem in Deiner Stadt als Busfahrer tätig ist, weil seine Qualifikation hierzulande nicht anerkannt wurde und er keine Mittel hatte, sein Studium noch ein zweites Mal in seiner neuen Heimat durchzuziehen. Oder dass ein deutscher Entwickler die Automobilindustrie weltweit mitbegleitet hat, sich in seinem Berufsleben auf den verschiedensten Kontinenten aufgehalten hat und heute auf ein recht erfülltes und stolzes Berufsleben zurückblickt, weil er eben Teil einer „weltweiten Entwicklung“ war. Oder dass der Ziehsohn eines irakischen Kurden seit Jahren hier tausende Menschen bei der Berufswahl und Arbeitssuche begleitet, ein Mann, der eine Dresdner Großmutter hat, einen Großvater aus dem Hunsrück, eine bosnisch-serbische Halbschwester, eine ungarische Exfrau und einen Sohn, den er gemeinsam mit einer frankophilen katholischen Niederbayerin großzieht, die selbst zwei Jahre in Paris gelebt hat. Überraschend harmonisch das Ganze. – Solche Menschen sind heute keine Ausnahme, sie sind die Regel. Es mag noch „ländliche Regionen“ geben, an denen wir noch „mit der Scholle fest verbunden“ sind. Doch diese Regionen, diese Lebensform stirbt aus. Das Weltbürgertum ist längst der Normalfall, für manche von uns ist es bereits selbstverständlicher, anderen ist es noch fremder, andere von uns lehnen es rundherum ab und erklären es für lächerlich oder gar zum Grund allen Übels. Das ändert jedoch nichts daran, dass der allgemeine, weltweite Trend unter uns zur „Verstädterung“ geht und zu einer Form von planetarer Menschheitsgemeinschaft, für die nationalstaatliche Grenzen absurd sind und immer noch mehr absurd werden.

Unsere Ressourcen für unsere Waren und unsere Gebrauchsgegenstände beziehen wir schon lange aus der ganzen Erde. Unseren Müll schicken wir seit geraumer Zeit an alle möglichen Orte der Erde, auch unseren unbrauchbaren Schrott und unseren giftigen und strahlenden Sondermüll. Und auch fertige Produkte oder vorbearbeitete Komponenten kommen schon seit einiger Zeit von überall her: Von unseren Mitmenschen, mit denen wir gemeinsam diesen einen, einzigen, menschentauglichen Planeten bewohnen und beackern. Die Weltgesellschaft ist ein Kooperationszusammenhang. Wir brauchen einander und wir profitieren voneinander. Und oft, allzu oft noch, schädigen wir einander, weil wir uns nicht absprechen, nicht koordinieren.

Was wir über all die Zeit, in der wir bereits faktisch zusammen leben und zusammen wirtschaften, nicht geschaffen haben, sind politische Institutionen, die uns helfen, unsere Zusammenleben und Zusammenarbeiten gemeinsam zu regeln. Wohl gibt es ein paar globale Konventionen und ein paar Institutionen wie die Uno. Doch beide sind ohne Macht. Und schlimmer noch: Dort sitzen nicht wir als Bürger dieser einen Welt, dort sitzen „wir“ als Nationen. Wir werden dort voneinander getrennt und gegeneinander ausgespielt, aber wir sind dort nicht vereint und wir können uns dort auch über nichts einigen.

Dieser unbefriedigende Zustand entspricht dem in unseren Ländern, wo wir uns mittels Parteien unsere Bedürfnisse mehr um die Ohren hauen als dass wir uns dazu befähigen würden, einander zuzuhören. – das aber: Das Zuhören ist eine menschliche Notwendigkeit in einer so großen, so vielfältigen und so weltläufigen Gesellschaft. Niemand kann heute für uns wissen, was wir brauchen und wollen. Wir selbst, wir alle müssen in unseren Parlamenten zu Wort kommen, unsere Stimme erheben können und Gehör finden.

Was wir daher brauchen, wir Weltbürger wider oder mit Willen, sind geloste Bürgerversammlungen, und das überall. Wir brauchen sie in unseren Städten und Regionen. Wir brauchen sie in unseren Ländern. Wir brauchen in unseren Kontintenten und wir brauchen sie global, als Ratsversammlung der Weltbevölkerung, die wir bereits faktisch sind.

Dass wir solche Bürgergremien heute immer noch nicht haben, das ist die wahre Absurdität, die wir uns leisten. Wie wollen wir unser Weltbürgertum, wenn wir gar nicht zusammen kommen? Wie wollen wir uns koordinieren, ohne einander gehört, gesehen und gefühlt zu haben, was uns jeweils wirklich bewegt?

Längst leben wir zusammen und berühren und beeinflussen uns auf tausenderlei Weisen wechselseitig. Nur politisch: Da bleiben wir getrennt. Was soll das? Wohin soll uns diese künstliche Trennung bringen? – Das Los hätte uns längst schon zusammen bringen können. Und damit eine so viel bessere „Weltpolitik“ als wir sie bislang haben. Keine perfekte wohlgemerkt. Keine konfliktlose. Aber eben eine deutlich bessere. Die Welt sehnt sich längst nach ihrer Befriedung. Die Welt sehnt sich längst nach einer Weltpolitik, die diesen Namen auch verdient hat, die keine Partikularpolitik einiger weniger ist, sondern ein Ergebnis der Zusammenkunft aller. Zufällig ausgeloste Bürger können uns: die Weltbevölkerung repräsentieren. Und keine andere Repräsentanz kann für sich in Anspruch nehmen „für uns zu sprechen“. Denn jenes „wir“, das wäre unvollständig, wenn in einem Gremium der Weltbürger manche mehr, manche weniger vertreten wären als sie unter uns vorkommen. Der Zufall, die politische Zufallsauswahl, das demokratische Losverfahren bringt uns also jene politische Gerechtigkeit und Einheit, die wir heute brauchen, um gut miteinander umgehen zu können. In der Politik. Und durch die Politik dann auch außerhalb der Politik, in unserem privaten Umgang miteinander als Mitbürger einer tausendfach verbundenen und in-sich-vernetzten Welt.

 

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