Heutzutage werden immer wieder mal Quoten für die Besetzung politischer Ämter gefordert. Für Frauen z.B. Oder für jüngere Menschen. Oder für ältere Menschen. Oder für ostdeutsche Menschen. Oder für Menschen mit Behinderungen. Oder für alleinerziehende Menschen. Oder für Menschen ohne Studium, ohne Abitur, etc. – Die demokratische Repräsentationslücke ist ja für Menschen all dieser gesellschaftlicher Gruppen gegeben.

Das Dumme ist nur: Gerade wegen dieser vielfältigen Ausgrenzung und vielfältigen Privilegierung werden diese Quoten niemals umgesetzt. „Da könnte ja dann jeder kommen“. Sie werden also immer nur postuliert, aber niemals verwirklicht. Oder nur halbseiden und unvollständig. Die verschiedenen Gerechtigkeitsdebatten blockieren sich wechselseitig, und darum lässt man es dann gleich ganz bleiben mit der gerechten politischen Beteiligung an der Politik.

Dadurch bleiben viele Menschen aus der aktiven Politik ausgeschlossen und nur ganz bestimmte Menschen aus ganz bestimmen gesellschaftlichen Gruppen bestimmen die Politik. In Deutschland sind das derzeit: studierte westdeutsche mittelalte Männer. Das sind die Menschen, die in unserer Politik derzeit grob überrepräsentiert sind. Die größte Repräsentationslücke tut sich bei Menschen mit Mittelschulabschluss oder ohne Schulabschluss auf: Sie haben so gut wie gar keinen aktiven Einfluss auf die Politik. Ihre Repräsentationslücke z.B. im Bundestag ist noch skandalöser (244 ehemalige Mittelschüler mehr müssten im Bundestag sitzen) als das ohnehin schon skandalöse Fehlen von Frauen (140 Frauen mehr müssten im Bundestag sitzen).

All diese Quotenfragen ließen sich aber sehr gut auf einen Schlag lösen, mit einem einzigen Akt, der sofort alle Repräsentationslücken in unserer Politik schließen würde: Die Nutzung des demokratischen Losverfahrens in der Politik. Wenn wir bestimmte politische Gremien losen, anstatt sie wählen zu lassen, sind alle gesellschaftliche Gruppen in ziemlich genau der Stärke vertreten, in der sie auch in der Gesellschaft vorkommen. Wir hätten dann z.B. in Deutschland in solchen gelosten Gremien immer etwas über 50% Frauen und zugleich auch immer genügend junge, alte, behinderte, ostdeutsche, migrierte oder was auch immer Menschen.

Eine Quote bräuchten wir dann nicht mehr. Das Los, vor allem, wenn es nicht einmal, sondern regelmäßig angewandt wird, sorgt für jene Repräsentativität in der Politik, die eine Demokratie eigentlich zwingend verlangt.

Im Grunde leistet das demokratische Losverfahren das, was Quotenregelungen leisten, nur eben ohne Quotenregelung. Und eben nicht nur für Menschen einer ganz bestimmten unterrepräsentierten Gruppe, sondern für alle Menschen. Der Zufall ist gerecht, weil er – anders als wir selber – für alle Privilegien blind ist. Statt mit Quoten gegen Privilegien zu kämpfen, können wir durch ein rein sachliches Verfahren: durch die Zufallsauswahl die Privilegiertheit selbst aus dem politischen Prozess ausschließen.

Das mag nicht für alle Arten von politischen Ämtern sinnvoll sein. Und vielleicht führt man es zunächst erst einmal für beratende Bürgergremien ein, bei politischen Themen, die uns ganz besonders polarisieren und bei denen es für gewählte Politiker keinen Blumentopf zu gewinnen gibt. Bei denen sich gewählte Personen oder Parteien so oder so nur in die Nesseln setzen können.

Aber bei solchen Ämtern, „von denen die Macht ausgeht“, die „Gesetze beschließen“ und die „die Exekutive kontrollieren“, werden wir wohl langfristig in der modernen Gesellschaft nicht ohne Einsatz des Losverfahrens auskommen. Denn das Losverfahren ist schlicht eleganter als alle Quotenregelungen der Welt. Und es sorgt – anders als die Quote – für eine gewisse Fraglosigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der dann alle Bürger am Politischen beteiligt sind. Politik wird dadurch normalisiert. Weil Normalos politisiert werden.

Diese unaufgeladene Auswahl, „ohne Ansehung der Person“, denke ich, würde der Politik, würde uns allen ziemlich gut tun. Auch sie würde am Anfang wohl skandalisiert werden („schau an, wer da jetzt alles dabei ist, und wer da nun alles über uns alle entscheidet“). Aber das würde sich deutlich schneller geben als bei Quotenregelungen, die stets angreifbar bleiben, stets ideologisch aufgeladen, stets parteiisierbar. Es ist gerade die Nüchternkeit und Sachlichkeit der Zufallsauswahl, ihre stupide Gerechtigkeit, die es wahrscheinlich macht, dass das Losverfahren schon nach kurzer Zeit deutlich mehr gesellschaftliche Akzeptanz erfährt, als es irgendeine Quotenregelung jemals erreichen kann: „Wieviel Prozent genau?“ und „Für welche Gruppe noch?“ und „Warum nicht auch für diese und jene gesellschaftliche Gruppe, die doch bisher ebenfalls benachteiligt wird?“

Die Debatten gegen die Zufallsauswahl dürften sich nach der ersten Einführung legen. Die Debatten gegen Quotenregelungen werden niemals ein Ende nehmen.

Advertisements