Wenn wir zu weit weg sind von bestimmten Menschen, dann vereinfachen wir sie uns. Wir tun das einfach deswegen, weil dieses Vereinfachen auf Distanz all zu einfach ist für uns: Wir spüren dann beim Vereinfachen keinerlei Widerstand. Die eigentliche Komplexität, Vielschichtigkeit und Gleichzeitigkeit des Menschlichen stellt sich „auf Distanz“ unserer mentalen Faulheit nicht hinreichend entgegen. – Mittlerweile ist ja nachgewiesen, dass unser Gehirn ein Organ ist, das sehr ökonomisch operiert, weil es sehr ökonomisch operieren muss.

„Denkfaulheit“ ist daher kein sinnvoller Vorwurf. Denkfaulheit ist nachweislich eine menschliche Daseinsbedingung. Als ein Organ, das in seinem Energieverbrauch vergleichsweise „kostenintensiv“ ist, ist unser Gehirn darauf angewiesen, sparsam zu operieren, damit wir alle nicht bei der erstbesten Hungersnot kollektiv draufgehen. – Und so wird dann eben jedes Denkeinsparungspotential von unserem Gehirn dankbar genutzt. Wenn uns Menschen all zu fern sind, ist es all zu verführerisch für unsere „Denkschubladen“, sich selbst unangetastet zu lassen und aus realen, in-sich-komplexen Menschen stattdessen wunderbar einfache Klischees zu machen. Vorurteile über Menschen haben den einen großen Vorteil: Sie sind ökonomisch. Sie kommen unserem natürlich faulen Gehirn entgegenen.

Es ist daher kein sinnvoller Vorwurf an uns selbst, dass wir Vorurteile haben. Wir können lediglich die Bedingungen kritisieren (und verändern), die es für uns all zu verführerisch machen, unserem natürlichen menschlichen Hang zur Bildung und Bewahrung von Vorurteilen übereinander zu erliegen.

Das gilt auch für ganze „Epochen“ oder „Kulturen“. Die geschilderte Problematik ist also nicht für unseren heutigen innergesellschaftlichen Umgang miteinander gegeben, sondern auch ein Problem der Geschichtsschreibung und der Ethnologie: Was uns all zu fern ist, ist für uns zu wenig widerständig, um daraus nicht ein bequemes Klischee zu machen. (Außer man ist Hans-Georg Gadamer, dann glaubt man, dass sich Gegenstände von ganz allein gegen ihre Übervereinfachung wehren können…)

Wenn wir aber umgekehrt zu nah dran sind an Menschen, neigen wir ebenfalls zur Vereinfachung, allerdings aus einem ganz anderen Grund: Wir halten dann die Komplexität von Menschen nur schwer aus. Sie strengt uns an. Wir wollen für die tägliche Interaktion mit diesen Menschen „Eindeutigkeit“, „Widerspruchsfreiheit“, „Entscheid Dich mal…!“

Das gilt auch für den Menschen, der wir selber sind. Und es gilt auch für die Gesellschaft, die „die unsere“ ist. Übergroße Nähe sorgt ebenfalls für Übervereinfachung. In quasi-symbiotischen Beziehungen wird der eine Mensch nach und nach zu einer stabilen Unterfunktion des anderen, und umgekehrt der andere Mensch zu einer stabilen Unterfunktion des einen. – Und auch unsere Fähigkeiten zur Selbst-Distanznahme sind begrenzt, weswegen wir immer mal wieder freundliche „Fremde“ mit ihrem annehmbaren „Blick von Außen“ brauchen, um uns selbst überhaupt in den Blick zu bekommen oder unser Bild von uns selbst gerade zu rücken.

Menschliche Komplexität stehen zu lassen, auszuhalten, auch: genießen zu können, ist daher verbunden mit Verfahren der Distanz-Gewinnung und des Nähe-Ermöglichens, wo immer sie jeweils gerade nötig sind. Übergroße Distanz und übergroße Nähe werden erwartbar immer dazu führen, dass wir aus einander etwas Allzueinfaches machen, „das wir nicht wirklich sind“.

Das Wahrnehmen menschlicher Komplexität ist verbunden mit Lust auf menschliche Komplexität. Doch damit wir diese Lust überhaupt haben und ihr nachgehen können, müssen wir uns die nötige menschliche Nähe und die nötige menschliche Distanz leichter verschaffen können als bisher.

Das ist, wie immer, ein Ruf nach der Reform unserer Institutionen. Unsere Institutionen sind dazu da, es uns zu erleichtern, unseren Bedürfnissen zu dienen. Und wo unsere Institutionen das gerade mal nicht ganz so gut leisten, da gibt es eben institutionellen Reformbedarf.

Wem also unsere Menschen-Vereinfacherei auf die Nerven geht, wer unter ihr leidet, wer der vorhandenen menschlichen Komplexität Aufmerksamkeit verschaffen will, tut gut daran, uns nicht für unsere natürliche Klischee-Bildung zu beschimpfen, bedrohen und bestrafen, sondern die Bedingungen zu verändern, die Klischee-Bildung wahrscheinlich macht.

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