Politik braucht menschliche Nähe, um zu funktionieren. Und auch der Grund für diesen „Nähe-Bedarf“ von Politik ist ein menschlicher: Wir können die Bedürftigkeit und die Vernunft anderer Menschen nicht auf Distanz wahrnehmen. Auf Distanz passiert es uns all zu leicht, dass wir den anderen entweder in die Position des „Deppen, der nichts versteht“ oder „des unbedürftigen Halbgottes, der selber nichts braucht, darum könnte der doch einfach…“ verschieben. Oder beides.

Menschliches Verständnis ist also auf Distanz erwartbar unerwartbar. Erwarten wir, dass auf Distanz Verständnis entstehen soll, so bewegen wir uns im Raum der menschlichen Überforderung oder der Fantasien von Übermenschlichkeit.

Die Vernunft und die Bedürftigkeit anderer Menschen ist deutlich schwerer zu übersehen, wenn man mit anderen in einem Raum ist. Und das vor allem dann, wenn dieser Raum ein Raum ist, der Verhältnisse auf Augenhöhe zwischen uns etabliert. Denn Hierarchie hat in der Kommunikation beinahe die gleichen Effekte wie Distanz: Wir können in hierarchischen Beziehungen die Bedürftigkeit und die Vernunft anderer Menschen („der Menschen auf der anderen Seite“) kaum noch wahrnehmen. Stattdessen grassieren dann Fantasien von der Bösartigkeit und Dummheit der „anderen“. Denn man sieht ja deren Verhalten und die Folgen von deren Verhalten für einen selbst. Und mangels der Möglichkeit, dieses Verhalten nachvollziehen zu können, macht man sich eben so seinen Reim darauf.

Ferndiagnosen liegen so gut wie immer falsch und können dasjenige Verständnis, das nur in Gesprächen auf Augenhöhe entstehen kann, nicht ersetzen.

Warum ist es aber gerade für Politik so wichtig, dass wir die Vernunft und die Bedürftigkeit unserer Mitbürger wahrnehmen? Warum ist gute Politik auf unsere Möglichkeit zur realistischen Wahrnehmung anderer Menschen angewiesen?

In der Politik werden Entscheidungen getroffen, die alle betreffen, manche unmittelbarer, andere mittelbarer. Die Gesetze, die Anwendung der Gesetze, die Verwendung staatlicher Mittel hat Folgen für alle. – Aber nicht für alle auf die gleiche Weise. Die gesellschaftliche Vielfalt und Unterschiedlichkeit des Menschlichen wird von jeder einzelnen politischen Entscheidung anders „betroffen“. Werden diese Entscheidungen nun „unverbunden“, „menschlich uninformiert“ und ohne Verständnis für Bedürftigkeit und Vernunft derjenigen getroffen, die ihnen danach ausgesetzt sind, wird Politik zum Gegenteil von dem, was sie sein soll: Anstatt die Gesellschaft zu befrieden, wird Politik selbst zu einem ständigen Konfliktherd. Denn sie nutzt weder die vorhandene Vernunft der Bürger, noch würdigt sie deren unterschiedliche Formen von aktueller Bedürftigkeit. – Eine solche Politik führt dazu, dass alle, ohne Ausnahme, sich „von der Politik unverstanden fühlen“. Politik ist dann für niemanden befriedigend. Sie stiftet Unfrieden. Und es hilft wenig, dagegen den schalen Satz anzuführen, „dass Politik nunmal in Kompromissen besteht“, wenn die Kompromisse, die eine solche Politik zustande bringt, eben völlig unverständig sind: Verstehen hat nicht stattgefunden, weil Verständnis menschliche Nähe braucht und in menschlicher Distanz gar nicht entstehen kann.

Wie immer: Das ist kein individuelles Versagen von irgendwem, sondern eine institutionelle Fehlkonstruktion. Sie ruft nicht „nach der Ablösung/Berufung von dem und dem“, sondern sie ruft nach institutionellen Reformen, nach einer Verfassungsreform, die die Unmöglichkeit auflöst, dass in der Politik Verständnis entstehen kann. Reformen, die den Nähe-Bedarf von Politik würdigen und Abhilfe schaffen.

Politik hat in der modernen Gesellschaft per se ein „distanziertes Verhältnis zum Menschlichen“. Das hat viel mit der schieren, zahlenmäßigen Größe moderner Gesellschaft zu tun (aber nicht nur damit allein).

Ist einer Großgesellschaft deutlich, dass wir Menschen nicht für Politik über riesige Distanzen gemacht sind, wird sie politische Verfahren und Formate schaffen, die die modernen Distanzen zwischen den Bürgern auflösen und sie in einem Raum zusammenbringen; in Verfahren und Formaten, bei denen Verstehen möglich und wahrscheinlich ist und nicht künstlich erschwert wird. In solchen Verfahren erlebt man, was man aufgrund eigener Erfahrungen mit „Politik auf Distanz“ fast schon für unmöglich halten muss: Menschen ändern einfach ihre Meinungen, auch emotional aufgeladene oder langgehegte Meinungen, und das auf höchst vernünftige Weise. Aber sie tun das, weil ihnen das nicht mehr fehlt, was in einer Politik auf Distanz immer fehlt: die Beziehungsgrundlage für politische Meinungsänderungen und die erlebte Sicherheit, auch selbst gehört und verstanden worden zu sein.

Ohne Verstehen, ohne menschliche Nähe kann Politik nur auf „Kämpfen“ hinauslaufen. Und das ist dann, zumindest nach meinem Verständnis, überhaupt keine Politik, sondern immer nur rhetorische Vorbereitung des jeweils nächsten Krieges.

Politik wurde ursprünglich geschaffen, um innergesellschaftliche Kriege zu beenden. Nicht, um sie am Leben zu halten und sie künstlich anzuheizen. Kennt man den Ursprung von Politik, dann weiß man dass eine Politik auf Distanz völlig überflüssig ist. Denn das, was Politik auf Distanz leistet, gibt es auch schon ohne eine solche Politik zu Genüge.

Politik stellt menschliche Nähe, stellt bürgerliche Gegenwärtigkeit her. Tut sie das nicht, hat sie den Namen „Politik“ nicht verdient. Was die moderne Gesellschaft sich bislang angewöhnt hat „Politik“ zu nennen, ist im Grunde ein bitteres Zeugnis ihres Unverständnisses, was wir Menschen brauchen, um miteinander gut auszukommen und gute Regelungen treffen zu können: Regelmäßige Nähe, Zusammenkünfte auf Augenhöhe, in denen Verständnis entstehen kann; Zusammenkünfte, in denen Verständnis in dem Ausmaß kultiviert wird, wie es für uns nötig ist.

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