Was wir uns manchmal nicht klar machen: Als Mensch ist unsere gute Reichweite begrenzt. Soll heißen: Wollen wir sichergehen, dass wir mit unserem Tun „Gutes bewirken“, stoßen wir schnell an Grenzen unserer Reichweite. Ganz anders übrigens als bei der Reichweite unseres schlechten Wirkens auf unsere Mitmenschen und unsere Welt. Das Verhältnis unseres guten und unseres schlechten Einwirkens auf unsere Welt ist in Sachen Reichweite sehr asymmetrisch. Aber dazu weiter unten mehr.

Reichweiten-Ausweitungen: Ungute Illusionen

Was unsere guten Wirkungen auf unsere Mitmenschen angeht, kann man die Reihe unserer Handlungsmöglichkeiten einfach durchgehen, um zu sehen, dass wir ein Reichweite-Problem haben:

Wir können z.B. etwas Neues erfinden. Aber wie das, was wir erfunden haben, sich auf andere auswirkt, wie es genutzt wird, darüber haben wir keine Kontrolle. Bei vielen „guten“ Erfindungen ist es nach einer Weile schwer zu sagen, ob sie mehr Fluch oder mehr Segen sind, was ihre Auswirkungen angeht.

Wir können politisch mächtig werden und mit dieser Macht Entscheidungen treffen und durchsetzen. Aber hier greift das Gleiche wie bei Erfindungen: Ob die Auswirkungen auf unsere Mitmenschen wirklich so gut sind wie wir sie uns denken, dass wissen wir nicht, das denken wir uns eben nur. Und oft werden wir grade durch unsere Macht selbst zum Problem: Weil wir mächtig sind, traut sich kaum einer mehr, offen mit uns zu sprechen, schon gar nicht über seine Gefühle und Bedürfnisse, die uns darüber informieren würden, was der andere wirklich gerade braucht, was wir aber wissen müssten, um „gute Entscheidungen“ treffen zu können. So handeln die meisten Mächtigen „schlecht informiert“, ohne dass das ihre persönliche Schuld wäre. Denn Positionen der Macht und Desinformiertheit gehen eine strukturelle Ehe ein. Die Figur des guten Königs ist mehr ein verzweifelter Traum aller möglicher Beteiligter als eine Realität.

Wir können auch ein Unternehmen gründen. Aber selbst wenn wir die übergroßen Probleme abziehen, die heute bestehen, die Kontrolle über das von einem selbst gegründete Unternehmen zu wahren (und seine Auswirkungen auf Mitmenschen und Mitwelt), so ist auch bei unternehmerischem Tun die Kontrolle über die Güte der eigenen Auswirkungen wiederum auf die Unmittelbarkeit begrenzt. Wir können uns auch durch unternehmerisches Handeln nicht in unserer „guten Wirksamkeit“ ausweiten. Wir können nur davon träumen, dass es so wäre. In Wahrheit bleiben wir immer begrenzt, was unseren Einfluss angeht: Auf unseren Nahbereich, auf unsere unmittelbare Kommunikation, auf unsere unmittelbaren Interaktionen mit anderen Menschen. – Was darüber hinausgeht: Darüber haben wir keine sichere Kontrolle.

Wir können auch reich werden, und uns dann als generöse Spender, Stifter und Mäzene gebärden, wie etwa ein Bill Gates oder ein George Soros. Aber auch hier sind die Auswirkungen unseres Tuns begrenzt gut, weil wir eben nur in unmittelbarer Interaktion mit anderen Menschen Kontrolle darüber haben, wie sich unsere großzügigen Spenden in Wirklichkeit (und nicht: in meinen Träumen) auf andere Menschen auswirken. – Und auch hier greifen die Begrenzungen der Macht: Man ist weniger ehrlich zu mir, eben weil ich reich bin. Und ich komme mit den meisten Menschen gar nicht mehr in unbelasteten, unbefangenen Kontakt, eben weil mein Reichtum zwischen ihnen und mir steht. Um so mehr meine Macht wächst, um so mehr schwindet mein natürlicher, menschlicher Einfluss. Und das in beide Richtungen: Andere haben dann weniger Einfluss auf mich. Und ich habe weniger Einfluss auf andere. – Viele sehr mächtige Menschen sind zugleich die einflusslosesten Menschen, die es auf dem Planeten gibt. Macht macht vielleicht nicht unbedingt einsam. Aber sie macht einflussarm. Sie begrenzt extrem den natürlichen Kommunikationsfluss, die natürliche Interaktion zwischen uns Menschen. Jenen Austausch, der, um „gut“ zu sein, offenen Austausch der Gefühle und Offenbarung der eigenen, vorhandenen Bedürfnisse braucht. Stattdessen entstehen „im Angesicht der Macht“ oft höhere schauspielerische Leistungen, die um so ungesünder für uns sind, um so mehr sie sich verstetigen.

Wir können auch bestimmte Texte und Bilder verbreiten, so wie z.B. diesen hier, den Sie gerade lesen. Auch hier greift das gleiche Prinzip: Wir träumen mehr die Auswirkungen, die das auf andere Menschen haben soll, als das wir Kontrolle über die vermeintlich „guten Auswirkungen“ hätten, die mediale Kommunikation haben soll. In Wirklichkeit deutet jeder Worte und Bilder aus seiner momentanen Situation, Stimmung und Prägung, aus seinem sehr unterschiedlichen sozialen und psychologischen Kontext heraus. Und was auf wen was für eine Wirkung hat: Das wissen wir nicht. Und schon gleich überhaupt gar nicht, ob es eine mehr gute oder eine mehr schlechte Wirkung hat. Und das trotz oft bester Absichten. Aber gute Absichten machen eben noch lang keine gute Wirkung. Nicht bei medialer Kommunikation und anderen Versuchen menschlicher „Fernwirkung“.

Menschliche Unmittelbarkeit als Grundbedingung guter Wirkungen

Um sichere gute Wirkungen auf andere Menschen zu haben, brauchen wir Nähe und Unmittelbarkeit. Wir müssen den anderen unmittelbar sehen, hören, fühlen, vielleicht sogar riechen können. Seine Reaktionen verfolgen können, seine Regungen, in das natürliche Ping-Pong der „Interaktion“ eingebettet. Auf solche Nahwirkung sind wir eingestellt, dafür „sind wir gemacht“.

In einem Gespräch, in einem Austausch, in einer unmittelbaren Zusammenarbeit kann ich sicherstellen, dass ich „gute Wirkungen auf andere habe“: Weil ich ihre Reaktionen wahrnehme, die oft körpersprachlich sind. Und erst diese körpersprachliche Information vereindeutigt unseren Austausch, koordiniert uns in Richtung „gute Kooperation“: Eine unwillkürliche Bewegung, eine Veränderung der Tonlage, ein Ausatmen, ein Lächeln, ein nervöses Anzeichen von Anspannung, Augen, die feucht werden, eine Veränderung der Haltung, ein Wegrücken, ein Sich-Vorbeugen, und vieles anderes mehr. Verbale Sprache und Bilder können viel leichter „lügen“ (und mit ihr kann man sich auch viel leichter selbst betrügen). Unsere Körper sind auf eine sehr produktive Weise „ehrlich“. Deswegen gelingen Interaktionen, gerade solche unter hohem Druck, Stress und mit starken Emotionen, so viel besser, wenn guter unmittelbarer Austausch möglich ist. Ich weiß dann, wie ich Dir helfen kann, wenn ich Dir helfen will. Und ich kann Dich um Hilfe bitten, so dass Du verstehst, was ich eigentlich möchte, selbst dann, wenn ich mich gerade ungeschickt ausdrücke. Und wenn es mal nicht so ist, so können wir sehr leicht nachfragen. Und unsere Körper „verifizieren“ das ganze. Sie stützen unseren Austausch, so dass Missverstehen sehr viel schwerer möglich ist. Unsere Körper „synchronisieren“ sich ganz natürlich, wenn sie gemeinsam in einem Raum sind.

Das alles heißt natürlich nicht, dass unmittelbare Kommunikation, Interaktionen der Nähe automatisch gelingen und immer zu Gutem führen. Es heißt nur, dass Fernkommunikation oder Interaktion ohne Nähe über kurz oder lang zu überaus frustrierenden Erlebnissen bei allen beteiligten Menschen führt: Weil ein wichtiges Moment fehlt. Weil Missverständnisse entstehen müssen. Und das selbst bei den allerbesten Absichten.

Ganz anders sieht es jedoch mit unseren negativen Auswirkungen auf unsere Mitmenschen und Mitwelt aus: Hier können wir ganz leicht unseren „natürlichen Wirkkreis“ verlassen. Wir können leicht ganz weit entfernte Orte mit unserem Müll und unseren Abfällen vergiften. Manchmal auf Jahrhunderte hinaus. Wir können leicht Entscheidungen treffen, mit deren Folgen dann Menschen an ganz anderen Orten zu kämpfen haben. Menschen, die wir niemals getroffen haben noch die wir jemals persönlich treffen werden. Und die doch unangenehm, manchmal tödlich berührt werden von jenen Entscheidungen, die wir getroffen haben. Auch Worte und Bilder können leicht andere Menschen schädigen, die wir gar nicht kennen. Mit denen wir „eigentlich“ in gar keiner Beziehung stehen. Unsere Fernkommunikation kann sich wie ein Gift auswirken auf unsere Gesellschaft, sie kann verletzen, spalten, ängstigen, Wut auslösen, Stress, frustrieren, Verzweiflung hervorrufen, Neid, und noch vieles andere mehr. Es gibt auch kommunikativen Müll, emotionalen Müll. Und all das verbreitet sich ganz leicht und schnell auch medial.

Wollte man also andere Menschen schädigen oder den Planeten als unbewohnbare Wüste zurücklassen, so hat man – reichweitentechnisch – ganz andere Möglichkeiten als mit dem Wunsch, gute Wirkungen auf seine Umgebung zu haben.

Der Mensch ist – im Guten, Konstruktiven – ein Wesen mit begrenzter Reichweite.

Im Schlechten, Destruktiven wachsen wir hingegen „leicht über uns hinaus“.

Begrenzter Einfluss, unbegrenzte Macht

Das ist der Unterschied zwischen Einfluss und Macht: Einfluss habe ich nur in Beziehungen, die diesen Namen auch verdienen, in dichter, aufmerksamer Interaktion, unter Nutzung meiner natürlichen „körperlichen Möglichkeiten“. Macht hingegen kann ich weit über meine Person hinaus akkumulieren. Macht kann ich anhäufen. Macht ermöglicht Fernwirkungen, nur eben keine guten.

Da Einfluss an unseren Körper gebunden bleibt, ist er begrenzt und gewissermaßen „demokratisch verteilt“. In diesem Sinne ist die menschliche Welt überaus „gerecht“: Alle Träume, sich über sich selbst hinaus zu dehnen, alle welterlösenden Machtfantasien sind eben tatsächlich das: Träume. Wir bleiben in unseren guten Wirkungen begrenzt.

Und wahrscheinlich ist genau das ein sehr schöner Aspekt unserer Menschlichkeit. Er zwingt uns zurück in unseren Wirkkreis, den wir mit unseren menschlichen Mitteln überschauen, nachhören, empfinden können. Er verweist uns auf Zwischenmenschliche, auf’s Unmittelbare, auf unsere Beziehungen, auf das, was wir wirklich gestalten können, wobei wir uns sicher sein können, dass „es gut ist“, was wir tun und lassen, weil wir die Wirkungen unseres Handelns unmittelbar wahrnehmen können und ständig zurückgemeldet bekommen.

Wir Menschen sind auf menschengemäßes Feedback angewiesen. Auf Rückkopplungsschleifen auf unsere Entscheidungen und Handlungen, auf Regelkreise, Steuerungsformen, die wir erfassen können, bei denen wir uns nichts vormachen können, die eben „unmittelbar“ sind.

Es gibt für uns kein Überschreiten der recht engen Grenzen unserer Körperlichkeit, wenn wir sicher sein wollen, dass aus unserem Handeln nicht mehr Unglück als Glück entspringt.

Im Zeitalter des Virtuellen, des Digitalen, des vermeintlich körperlosen Geistes wird das möglicherweise noch einmal auf ganz andere Weise deutlich für uns. Erst im Horizont der Negation alles Körperlichen wird der Wert der Körperlichkeit für uns erfassbar.

Wer heute „gutes tun“ möchte, tut gut daran, sich auf seine Nahbeziehungen zu konzentrieren: Auf die Menschen, die ihm alltäglich begegnen. Dort ist am meisten zu machen, dort kann man seine eigenen Auswirkungen unmittelbar wahrnehmen. Körper haben eine Ehrlichkeit, der wir in unseren Träumereien nur all zu leicht ausweichen können.

Das Problem der Großgesellschaft

Für die Politik als Meta-Sphäre der Gesellschaft, die gute Selbststeuerung und Koordination ermöglichen soll, ist diese begrenzte gute Reichweite des Menschlichen eine echte Herausforderung. Bislang wird von uns darauf allein mit der Erfindung der Bürokratie geantwortet: Sobald eine Gesellschaft die Zahl von ca. 150 Menschen überschreitet, halten „bürokratische Prozesse“ Einzug, weil Koordination über unmittelbaren Austausch aller mit allen als nicht mehr möglich erscheint.

Es gibt jedoch durchaus eine alternative Lösung für das gleiche Problem („wie können sich Großgesellschaften gut koordinieren?“). Diese Lösung besteht darin, das gesellschaftliche Beziehungsgeschehen „gleichmäßiger über die Gesellschaft zu verteilen“. Anders als in der bürokratischen „Lösung“ wird dann nicht auf Unmittelbarkeit verzichtet, sondern es werden gezielt neue und andere Unmittelbarkeiten zwischen uns hergestellt. Weil man realisiert, dass „Politik auf Distanz“ einfach keine guten Auswirkungen auf uns hat. Dass sie schlicht nicht funktioniert.

Gute gesellschaftliche Koordination braucht die Politik. Aber Gesellschaft braucht Politik in einer Form, in der Unmittelbarkeit des Austauschs, der Begegnung und wechselseitigen Beratung noch stattfindet und nicht einfach suspendiert ist. Dazu muss sichergestellt werden, dass wir als Wesen mit begrenzter guter Reichweite uns regelmäßig begegnen und austauschen. Gerade auch in einer Großgesellschaft, in der man sich sonst all zu gut aus dem Weg gehen kann, obwohl man – im Schlechten – allerlei Wirkungen aufeinander hat, von denen man dann bequemerweise gar nichts mitbekommt.

Aber der Frust, die Wut, die Verzweiflung und die Angst: Die wachsen dabei nebenher in den Himmel. Nur weil wir die negativen Folgen unseres Handelns und Nicht-Handelns in einer Großgesellschaft nicht unmittelbar mitbekommen, heißt das leider nicht, dass sie nicht da wären und dass sie keine mittelbaren Folgen für uns hätten (die wir uns dann so gar nicht erklären können, woher die nun eigentlich kommen). – Als Opfer des Handelns/Nicht-Handelns unserer Mitbürger wissen wir das sehr genau. Als Täter an unseren Mitbürgern dagegen vergessen wir unsere eigenen Wirkungen auf sie nur all zu gerne.

Gesellschaft braucht menschliche Unmittelbarkeit.

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