Bei Wittgenstein konnte man schon immer gut Floskeln klauen. In diesem Fall geht der Satz in zwei Richtungen, in die Breite genauso wie in die Tiefe:

„Die Grenzen meiner Beziehungen sind die Grenzen meiner Welt“ bedeutet zum einen, dass mir meine begrenzte Beziehungsfähigkeit den Zugang zu jenen Welten verschließt, den mir nur andere Menschen öffnen könnten. Menschen, zu denen ich aber keine Beziehungen habe und mitunter auch gar keine Beziehungen aufbauen kann. Vielleicht, weil sie dafür einfach zu weit weg sind. Vielleicht, weil bei mir keine Restzeit und Restenergie dafür übrig ist, die aber nötig wäre, damit „Beziehung“ entstehen kann. Vielleicht, weil es Menschen sind, zu denen ich prinzipiell keine Beziehungen aufbauen kann oder will, so wie ich selber nunmal bin oder lebe.

Der gemeinsame Nenner bleibt, unberührt von den Gründen meiner spezifischen Beziehungsunfähigkeit oder -unwilligkeit: Manche Welten bleiben mir verschlossen. Und das dürften ziemlich viele sein. Da draußen sind viele menschengemachte Planeten, die ich in diesem Leben niemals betreten werde. Planeten, von denen ich nicht einmal weiß, dass sie überhaupt existieren. Planeten, die ich mir nicht einmal vorstellen kann. – Das einzige „Raumschiff“, das mich zu ihnen schippern könnte, wären eben Beziehungen zu ganz bestimmten Menschen, die ich aber nunmal leider nicht haben will. Es ist viel Welt heutzutage, die uns verschlossen bleibt. Die heutige menschliche Vielfalt macht’s möglich.

„Die Grenzen meiner Beziehungen sind die Grenzen meiner Welt“ gilt aber eben auch noch in einer ganz anderen Dimension: Auch in meinen gegebenen Beziehungen zu anderen Menschen bleiben mir ganze Welten verschlossen. Geschichten, die mir andere niemals erzählen werden. Ereignisse, die ich niemals erahnen werde, dass sie da sind. Gefühle und Bedürfnisse, die sie mir niemals zeigen werden. – Und das alles aus gutem Grund: Weil ich dafür nicht vertrauenswürdig genug bin aus der Wahrnehmung derjenigen Menschen, die die „Träger“ jener Geschichten, Ereignisse, Gefühle und Bedürfnisse sind. Sie bräuchten Zutrauen in mich, um „sich zu öffnen“, um mit diese ihre Welten zu eröffnen. Aber das haben sie eben nicht. Nicht in hinreichendem Ausmaß.

Natürlich kann man solches Zutrauen auch hervorrufen, pflegen, in es investieren. – Oder das genaue Gegenteil tun. Niemals werde ich vergessen, wie mir Kollegen bei einem Weiterbildungsträger sagten: „Wir sind eigentlich ganz froh, dass wir hier einen Dresscode haben, der uns als Männer zu Anzug und Krawatte und als Frauen zum Bussiness-Kostüm zwingt. Denn die Klientel die wir hier verarzten, fühlt sich davon derart abgeschreckt, dass sie intuitiv auf Distanz gehen. Das ist mir persönlich ganz recht.“ – Oft verhalten wir uns mit Vorsatz so, dass wir wenig vertrauenswürdig sind und uns unsere Mitmenschen daher mit ihren ekligen Geschichten und Gefühlen vom Hals bleiben. „Das will ich alles so genau gar nicht wissen.“ – „Desinteresse“ ist dafür das falsche Wort. Eher könnte man von „Gezielter Abschreckung“ sprechen. Ich nehme an, dass auch viele andere Menschen in (situativen, institutionellen) Machtpositionen so einen Habitus zulegen. Eben genau dafür: Damit sie „unbelästigt“ bleiben. So eine Aura von „Sprich micht nicht an, bringt eh nix, das wird sowieseo nur super frustrierend für Dich!“ ist schon recht praktisch, wenn man seine Ruhe haben und sich „auf seinen Job“ (oder sein Privatleben) konzentrieren können will.

Es bleiben uns also viele Welten verschlossen. Manche aus Zufall, manche aus fehlender Gelegenheit, manche aus den Grenzen unserer Kraft, manche aus Ahnungslosigkeit, manche aus Vorsatz und völlig anderen Prioritäten (als der Bereisung fremder menschlicher Planeten). Und manchmal wohl auch, weil die Welt der anderen uns zu sehr mit eigenen Sphären in Berührung bringen würde, die wir mal lieber ganz fest verschlossen halten, und bei denen wir besser so tun, als seien diese Bereiche, Gedanken, Wünsche, Gefühle, Bedürfnisse aber sowas von überhaupt gar nicht in uns vorhanden, lalalalala…

Die Grenzen unserer Beziehungsfähigkeit sind die Grenzen unserer Welt.

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