Wir Menschen sind schon lustige Wesen: In beinahe allen Dingen sind wir die Neugier in Person, nur was uns selbst angeht, da wollen wir es lieber nicht so genau wissen, da machen wir uns liebend gerne Illusionen.

Das hat fast eine tragische Note. Denn Gesellschaften, die „Aufklärung“ stabilisieren und nicht zurückfallen wollen in Traditionalismus, müssten als nächste Stufe ihrer Aufgeklärtheit eine psychologische Aufklärung institutionalisieren; eine Aufklärung über uns selbst, darüber wie wir funktionieren, was wir brauchen, was wir beim Umgang mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen tunlichst beachten sollten, weil Nicht-Beachtung eben meist tragische Folgen für uns hat. – Und wahrscheinlich antworten mir diese aufgeklärten, post-traditionalen Gesellschaften auf diesen meinen frommen Wunsch: „Können vor lachen!“

Was wir uns manchmal nicht klar machen: Wir sind nicht die erste „aufgeklärte Gesellschaft“ in der Menschheitsgeschichte. Es gibt mehrere Vorläufer, die sich ebenfalls vom Traditionalismus des „wir machen es so, weil wir es immer schon so gemacht haben“ gelöst haben. Am prominentesten vielleicht die griechische Antike zur Zeit des athenischen Klassizismus. Auch dort wurde das Tradierte brüchig. Und auch dort war das Fraglich-Werden der Traditionen gekoppelt mit dem Aufscheinen einer demokratischen Alternative zur sonst fraglosen Herrschaft von Aristokraten.

Doch diese Aufklärung konnte sich nicht halten und kippte zurück in einen neuen Traditionalismus. Gleichzeitig verschwanden die bereits stabil etablierten demokratischen Formen und Institutionen. Im neuen Traditionalismus war dann von Demokratie keine (positive) Rede mehr. Und das über Jahrhunderte hinweg. Chance vertan.

Die griechische Antike kannte keine psychologische Aufklärung. Und das nicht ohne Grund: Es gab aristokratische Vorurteile über das Menschliche, die noch so stabil waren und allgemein fraglos geteilt wurden, dass es keine psychologische Aufklärung geben konnte. Ein aristokratisches Menschenbild, das bis in die Ausbildung der Demokratie selbst hineinwirkte, verhinderte, dass sich Aufklärung und Demokratie dauerhaft stabilisieren konnten.

Doch wie sieht es heute aus? – Heute gibt es in der Psychologie zahlreiche Einsichten, von denen aus wir unsere gesellschaftlichen Institutionen im Grunde völlig anders gestalten könnten und müssten, wenn wir diese Einsichten in ihrer Konsequenz ernst nehmen würden. Doch stattdessen führt die Psychologie ein gesellschaftliches Nischen-Dasein: Sie kümmert sich um Menschen, „wenn sie nicht mehr funktionieren“. Anstatt ihre folgenreichen Einsichten, „wie Menschen funktionieren“ in institutionelle Formen zu übersetzen, bleibt die Psychologie stehen und schraubt jeweils an einzelnen Menschen herum. Sie scheut sich, das zu werden, was sie längst ist: „Systemisch“.

Um nur zwei von unzähligen Einsichten unserer heutigen Psychologie zu nennen, aus denen wir „eigentlich“ institutionelle Konsequenzen ziehen müssten:

Wir wissen heute, durch zahlreiche Studien belegt, dass stabile gesellschaftliche Machtpositionen unser Empathievermögen errodieren lassen. Menschen in Machtpositionen können kaum empathisch mit anderen Menschen bleiben. Und das hat Folgen. Üble Folgen. Für uns alle. – Institutionell wäre das leicht lösbar. Wir müssten nur ernst nehmen, was unsere Psychologie längst weiß. „Macht“ müsste unter uns gleicher verteilt und flexibilisiert werden. Und dafür sind zahlreiche institutionelle Lösungen denkbar. Nur damit wir das tun, müssten wir „als Gesellschaft“ das Problem halt überhaupt sehen, dass unsere Psychologie deutlich vor Augen hat. – Psychologische Aufklärung tut not.

Zudem weiß unsere Psychologie heute, dass wir in gemeinsamer Arbeit, in gemeinsamem Handeln, in gemeinsamer Ausrichtung auf ein gemeinsames Projekt Vorurteile und Gegensätze zwischen uns am besten überwinden. – Aber tut unsere Gesellschaft etwas, um aus dieser psychologischen Einsicht institutionelle Konsequenzen zu ziehen? Ich kann das bisher nicht erkennen. Die Grundlegende Forschung zu diesem Thema stammt aus den 1950er-Jahren. – Projekte, die ganze Gesellschaft gezielt zusammenzubringen, über Teilgruppen-Identitäten hinweg und sie gemeinsam an der gemeinsamen Gesellschaft arbeiten zu lassen, sucht man vergebens. Stattdessen frönen wir in der Politik munter weiter der „Idiotie von Parteien“. – Auch hier tut psychologische Aufklärung not. Aber im Grunde eben nicht nur Aufklärung, sondern ein Ummünzen des vorhandenen psychologischen Wissens über uns selbst in bessere politische Verfahren und bessere politische Institutionen.

Wie gesagt: Das sind nur die beiden erstbesten, gut abgesicherten psychologischen Erkenntnisse, die mir persönlich einfallen, wenn man anfängt danach zu fragen, ob eine aufgeklärte Psychologie nicht auch Folgen für den institutionellen Zuschnitt einer Gesellschaft haben müsste: Für ihre Gesetze, Institutionen und Verfahren, für ihre Verfassung. – Sicher gibt es zahlreiche weitere Dinge, „die wir heute über uns selber sicher wissen“, die eigentlich institutionelle Konsequenzen nach sich ziehen müssten, die wir bisher aber geflissentlich ignorieren. So als wollten wir gar nicht SO genau wissen, „wer wir wirklich sind“. Die Gesellschaft der Aufklärung möchte – in institutioneller Hinsicht – lieber erst einmal unaufgeklärt bleiben. Sie möchte so tun als ob wir Menschen ganz anders ticken als uns unsere Psychologie sagt, dass wir es tun. Wir leisten uns eine institutionelle Ignoranz gegenüber unserem psychologischen Wissen, die so entschieden und hartnäckig ist, dass man das an uns fast auch schon wieder bewundern kann.

Die antike griechische Aufklärung ist an ihrer beschränkten Psychologie gescheitert, sie konnte – aus Gründen ihrer Tradititionen, ihrer Denkkategorien über „das Menschliche“ – ihren Traditionsbruch nicht stabilisieren. Die antike Aufklärung stürzte, als ihr ihre Traditionen brüchig wurden, in einen Relativismus, in eine ethisch-politische Haltlosigkeit, in der sie zunächst in der platonischen Philosophie und später, als sich die Philosophie als wenig gesellschaftstauglich erwies, in einem neuen Traditionalismus Halt suchte. Eine neues „weil wir es immer schon so gemacht haben“ entstand. Eines, das wir geerbt haben und gegen das sich dann „unsere“ moderne Aufklärung wendete.

Wollen wir heute nicht den gleichen Weg gehen, tun wir gut daran, aus unseren heutigen psychologischen Einsichten „in unser eigenes Wesen“ institutionelle, politische, verfassungsmäßige Konsequenzen zu ziehen.

Denn eine Gesellschaft, die nicht im Menschlichen Orientierung zu finden vermag, wird über kurz oder lang dann immer wieder in beliebigen Dogmen und Traditionen Orientierung suchen. – Bis zum nächsten Ausbruch und Aufbruch. Bis zur jeweils nächsten Aufklärung.

Damit doch einmal eine Aufklärung stabil wird, muss Psychologie sich in menschengemäßere Institutionen ummünzen. Vielleicht sind wir ja heute sogar schon soweit, dass uns dies gelingen kann.

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