Die Aristokratie, die Männlichkeit, der Krieg lieben die Härte. Härte ist nötig, um schnell voranzukommen. Härte ist nötig, um sich zu messen. Härte ist nötig, um tief in feindliches Gebiet einzudringen. Härte ist nötig, um feindliches Eindringen in den eigenen Körper auszuhalten und kampffähig zu bleiben. Wenn gehärteter monumentaler männlicher Stahl auf gehärteten monumentalen männlichen Stahl trifft, erweist sich, wer ein „wahrer Mann“ ist und wer die Bewunderung seines aristokratischen Gemeinwesens verdient hat. Darum geht es: Stets danach zu streben, der Beste zu sein, der Erste, der Härteste.

Kleine Jungen erwerben ihren Körperpanzer meist im Laufe des Grundschulalters. Irgendwann zwischen 7 und 10 lernen sie, dass „cool sein“, „keine Schwäche zeigen“, „sich nichts Gefallen lassen“, „der Beste sein“ ein zwingendes Erfordernis ihrer „Jungs-Identität“ zu sein hat. Daran haben wir alle einen Anteil: Mediale Darstellungen, Mütter und professionelle Erzieher ganz genauso wie Väter und die gleichaltrige peer-group. Letztere beiden sind m.E. allerdings ganz besonders wirksam beim täglichen Schmieden und Härten des männlichen Körperpanzers.

Dabei ist dieses Sich-Abhärten zunächst durchaus lustvoll. Wenn wir jung sind, ist unser Körper ja tatsächlich voller überbordender Kraft, die angewandt sein will, die sich spüren will, die sich messen will, die „raus“ will. Man ist wagemutig und übermütig. Man erwirbt ständig neue Fähigkeiten. – Doch all das wendet sich bei „Männlichkeit“ sehr schnell vor allem in Verbote: Es geht bei Männlichkeit eben nicht um das Neue, das man plötzlich tun kann, sondern um all das, was man nach und nach nicht mehr tun darf. Und dazu gehört jede Form von Weichheit. Männlichkeit besteht zentral aus einem Set klarer Verbote, die im Verbot von Weichheit ihren Zusammenhang finden. Männlichkeit ist ein Sich-Abtrainieren von derjenigen Weichheit, in der Gefühlswahrnehmungen noch möglich sind und in der Gefühlswahrnehmungen eine Rolle bei der eigenen Handlungssteuerung spielen.

Der abgehärtete männliche Köperpanzer ist das äußerliche Anzeichen dafür, dass die Umstellung von Orientierung durch Empfindungswahrnehmungen auf Orientierung anhand von Regeln erfolgreich war. – Der „gute Mann“ ist immer auch ein „guter Soldat“, der sich gut in die Schlachtreihen einfügt, weil er gelernt hat zu ignorieren, was er fühlt (bei sich und bei anderen Menschen), und der stattdessen gelernt hat, Regeln zu befolgen.

Wir finden das heute – im Zeitalter der Unternehmenskriege – auch viel bei Frauen, die dann allerdings mit einem sehr speziellen Double Bind fertig werden müssen, der mit ihrer eigenen, speziell „weiblichen“ sozialen Zurichtung in der Kindheit zu tun hat. Einer Zurichtung, die sich mit den „männlichen“ Imperativen in unseren Unternehmensarmeen bricht. Weibliche Verbote, die sich mit anderen, männlichen Verboten schlecht vertragen. Unsere Unternehmen sind ganz überwiegend noch so gebaut, dass „Frauen“ in ihnen eigentlich gar nicht vorgesehen sind.

Wird ein Mensch dazu gebracht, sich „männlich“ zu machen, wird er dabei auf sehr spezielle Weise bedürftig. Diese Bedürftigkeit zeigt sich interessanterweise vor allem auch beim Sex. Obwohl wir nahezu alle damit Erfahrungen machen, werden diese Erfahrungen beständig ignoriert, weil sie nicht zum etablierten Bild von „Männlichkeit“ passen. Unser Bild vom Mann-Sein schafft es immer wieder, unsere unmittelbaren Erfahrungen mit Männlichkeit aus unserem Bewusstsein weg zu filtern. Männlichkeitserfahrungen haben kaum Bewusstsein, kommen kaum zur Sprache. Im Grunde weiß kaum jemand, „wie es Männern wirklich geht“: Weder professionelle Menschenbehandler, noch Frauen, noch die Männer selbst. Wenn über Männlichkeit gesprochen wird, dann nur, um die Verbote, die Männlichkeit herstellen und sicherstellen sollen, zu erneuern und zu stabilisieren.

Es scheint ein Horror davor zu bestehen, was passieren könnte, wenn Männlichkeit nach und nach abnimmt. Es herrscht eine allgemeine Angst vor „Verweichlichung“.

Meines Erachtens steht hinter dieser Angst die „historische Erfahrung“ menschlicher Gesellschaften, dass Gesellschaften, die keine „Männlichkeit“, kein „Kriegertum“ kultivieren, Opfer von anderen menschlichen Gesellschaften werden, die das tun. Das historische Standardvorgehen war ja auch lange: Dass kriegerischere Gesellschaften weniger kriegerische Gesellschaften besiegt, erobert, unterworfen, ermordet, vergewaltigt und versklavt haben. In einer Art Gefangenendilemma waren Gesellschaften dazu gezwungen, künstlich Krieger zu züchten, damit sie nicht von außen „verheert“ werden. – Und diese Angst ist auch dann noch im Schwange und wird gehegt und gepflegt, wenn die reale historische Situation bereits eine völlig andere ist.

Wir züchten also nach wie vor kleine Krieger, nur so „für den Fall der Fälle“, obwohl möglicherweise längst der Fall eingetreten ist, dass unsere ausgewachsenen Kriegerneigungen selbst zu einem gewalt(tät)igen Problem geworden sind. Unsere angstgesteuerte, gewohnheitsmäßige Kriegerzucht macht Kriege schlicht wahrscheinlicher, als sie es in der mittlerweile gegebenen Situation wären. Wenn man Kriegerfähigkeiten unter schmerzhaftem Gefühlsverzicht aufgebaut hat, möchte man sie halt schon auch gerne nutzen. Das erbrachte Opfer der eigenen Menschlichkeit soll sich schon auch lohnen. Männlichkeit braucht Kriege, und seien es rituelle, in denen „mann sich beweisen kann“.

Gesetzt, es ist überhaupt eine gute Idee, wenn unsere heutige Gesellschaft „wieder weicher wird“, stellt sich die Frage, wie ein solches Entkrampfen überhaupt vor sich gehen kann, da gesellschaftlich alles auf das Vorhandensein von Männlichkeit und regelmäßigem Schlachten eingestellt ist?

Immerhin haben viele Männer bereist viel investiert, auf viel verzichtet, um so zu werden, wie sie heute dann eben sind: „Gute Krieger“, für kaum etwas zu gebrauchen als eben für den Krieg. – Und auch unsere Reflexe im Umgang mit Kindern sind darauf ausgerichtet, aus ihnen „gute Mädchen“ und „gute Jungen“ zu machen, sprich: Sie darauf vorzubereiten, dass die Männer, die sie später sind, irgendwann in den Krieg ziehen werden und (wenn überhaupt) verwundet, aber stolz zurückkehren, während die Frauen, die sie später sind, zu Hause bleiben, den gesamten Haushalt schmeissen und dabei „nebenher“ die Kinder großziehen. Das ist dann eben auch die Essenz einer kriegsförderlichen „Weiblichkeit“: Immer für andere da seiend, sich selber nicht so wichtig nehmend, an die eigenen Bedürfnisse zuletzt denkend.

Ja, Gesellschaft ist derzeit wie gemacht dafür, uns Männer hart zu machen (während wir Frauen zugleich einfach nicht zu viel vom Leben erwarten sollen), so dass es fraglich bleibt, ob Gesellschaft überhaupt jemals wieder weicher werden kann. – Viel zu riskant erscheint das ja, angesichts der vielen bösen „Völker“ da draußen. Viel zu eingespielt sind unsere Zurichtungen, unsere Reflexe, unsere Sprache, unsere Institutionen, unsere Gewohnheiten.

Und Männer, die für sich alleine jenen Weg zu gehen versuchen: „Wieder weicher zu werden“, haben nichts Gutes zu erwarten. Sie knicken allesamt wieder ein auf diesem Weg, denn „Weicheier“ behandelt unsere Gesellschaft derart schlecht, sie trazt sie, triezt sie, beschämt sie, verletzt sie, sondert sie aus von allen Ressourcen und aller Beziehungswürdigkeit, dass man heute keinem Mann guten Gewissens raten kann, den eigenen Körperpanzer auf eigene Gefahr abzustreifen. – Gesetzt, das ginge überhaupt.

Wieder weich zu werden scheint eine weitaus größere Herausforderung zu sein, als wir manchmal annehmen. Gesellschaft ist derzeit die Härte. Eine Härte, die sich selbst füttert, schmiedet, herstellt, am Leben erhält. Und die man als Einzelner nur auf die Gefahr hin, schmerzhaft zerschmettert zu werden, in Richtung von mehr Empathie verlassen kann. Als „Märtyrer der Weichheit“ sozusagen. Denn „weiche Männer“ werden gemeinhin für das ekligste gehalten, das überhaupt denkbar ist. Und „weiche Männer“ sind ja auch eine contradictio in adiecto.