„Es ist keine Frage: Die attischen Bürger mussten den Anforderungen ihrer politischen Ordnung in ganz unerhörter Weise gewachsen […] sein. Nicht nur, dass jeder für nahezu jedes Amt geeignet sein sollte, er musste es sogar auf Anhieb sein. Über keinerlei eigene Erfahrung konnte verfügen, wer zum ersten Mal vor der schwierigen Aufgabe stand, eine Sitzung des Rats oder der Volksversammlung zu leiten; denn wenn er es einmal getan hatte, konnte er es höchstens Jahre später noch ein zweites Mal tun; öfter bot sich ihm die Gelegenheit keinesfalls. Selbst die Ratsschreiber, die für die Protokollierung der Sitzungen, die Ausfertigung der Beschlüsse von Rat uns Volksversammlung und deren Archivierung zuständig waren, konnten diese Tätigkeit nur eine Prytanie, also einen guten Monat lang ausüben; danach wurden sie abgelöst. Offenkundig war alles darauf angelegt, dass die Personen auswechselbar waren. Freilich, sie erledigten ihre Pflichten verschieden, und wer sie schlecht besorgte, konnte abgesetzt oder bestraft werden, gute Amtsführung wurde nicht selten mit Ehren belohnt. Das mochte dann anderen als Beispiel dienen.

Das Volk herrscht, heißt es bei Euripides, indem einer den anderen ablöst. Aristoteles sollte später den Wechsel von Regierenden und Regierten als Grundmerkmal der Demokratie erkennen. Und >>der Idee nach<< war >>die souveräne Bürgerschaft eine Substanz, von der jeweils aufs Geratewohl jedes Quantum herausgegriffen dieselbe Beschaffenheit und Mischung aufweist, wie das Ganze<<, formuliert Karl Reinhardt in Hinblick auf Rat, Prytanie und Volksgericht.

[…]

Gewiss mag die Führung mancher Ämter dadurch erleichtert worden sein, dass man auf Sekretäre zurückgreifen konnte, aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass auch die nicht lange, vermutlich kaum länger als ein oder höchstens zwei Jahre, in der gleichen Position bleiben durften. Sie hatten also nur allgemeine, keine besondere Geschäftskenntnis. Auch sie sollten so wenig Einfluss haben wie möglich.

Gewiss waren die Aufgaben klar umrissen. Schon die Bestimmung der Pflichtenkataloge war vermutlich daraufhin bemessen worden, dass die Ämter von jedermann bekleidet werden konnten; zur Not konnte man den Kreis derer, die zur Losung zugelassen waren, beschränken, wie bei den Schatzmeisterämtern, deren Inhaber aus der obersten Schatzungsklasse genommen wurden. Trotzdem sollte das Ausmaß an Intelligenz, Einarbeitungsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft, das die attischen Durchschnittsbürger aufzuwenden bereit und in der Lage waren, nicht unterschätzt werden.“

(Christian Meier, Athen, S. 484 f.)

Der Blick auf die attische Demokratie und ihre politischen Gewohnheiten und Institutionen zeigt uns heute klar, was eine Gesellschaft braucht, die wirklich auf Demokratie, d.h. auf eine vorsätzliche Entprofessionalisierung von Politik setzt:

Sie darf nicht, wie wir das in der Moderne bisher tun, uns als Bürger vorsätzlich unterfordern. Sondern sie muss uns sowohl einiges zutrauen als auch einiges abverlangen.

Sie setzt auf einen viel viel höheren Beteiligungsgrad. Auf einen politischen Beteiligungsgrad, der so hoch ist, dass jeder Bürger fest damit rechnen kann, mindestens einmal in seinem Leben, wenn nicht mehrmals „politisch engagiert zu werden“ (anstatt sich selbst aufzuraffen und aus privater Initiative heraus engagieren zu müssen).

Eine Demokratie, die sich selber als solche ernst nimmt, macht aus allen Bürgern Politiker. Und dafür hat gerade die Moderne Gesellschaft noch ein paar mehr Gründe als die vergleichsweise homogene, männerbündische antike Polisgesellschaft.

Wir haben lange „Professionalisierung“ als etwas positives, erstrebenswertes betrachtet. In der attischen Demokratie werden wir mit einer durch und durch demokratischen Staatsform konfrontiert, die uns zweifeln machen kann, ob diese positive Bewertung von professionalisierter Politik wirklich so klug war, wie sie uns zunächst erschienen ist.

Natürlich kann man fragen, welche politischen Ämter unter modernen Bedingungen, in einer hochdifferenzierten Großgesellschaft klugerweise entprofessionalisierbar sind (und natürlich habe auch ich dazu eine Meinung). Aber wenn man die Vorteile einer Entprofessionalisierung von Politik überhaupt erst einmal verstanden und nachvollzogen hat, wird man wahrscheinlich auch die Bereitschaft erworben haben, über die politische Kompetenz geloster Laien ein klein wenig großzügiger und vertrauensvoller zu denken als bisher.

Egal wie „vorsichtig“ oder „mutig“ man bei der Demokratisierung unseres heutigen Gemeinwesens und seiner politischen Institutionen ist: In jedem Fall kann sich Demokratie nur dann erhalten, wenn sie ihre Bürger als Bürger in die Verantwortung nimmt, anstatt sie durch ein in mehr als nur einer Hinsicht faules „Lass das doch einfach mal die Profis machen!“ von ihrer politischen Verantwortung zu entbinden.

Die Demokratie braucht ihre Bürger. Nicht nur in Wahlkabinen. Sondern in der Realpolitik. Mit echter Verantwortung. Mit viel mehr Amtswechseln. Demokratie und Entprofessionalisierung der Politik sind Synonyme. Demokratie als Staatsform steht und fällt mit der Behauptung, dass „politische Laien“ ein Staatswesen betreiben können und dass das besser für uns alle ist als ein Staat der von Politprofis gemanagt wird.

Dass man politische Ämter nicht so zuschneiden und so mit Ressourcen versorgen kann, dass sie jederzeit von einem „politischen Laien“ übernommen werden können, das widerlegen gerade unsere heutigen Berufspolitiker beinahe täglich, indem sie von einem Tag auf den anderen völlig neue Aufgaben übernehmen und verantworten. Und während wir in ihrem Fall so gut wie niemals fragen „wie das denn möglich sein kann?“, sind wir gegenüber „dem einfachen Bürger“ hochgradig skeptisch, „ob er das denn wirklich kann?“ Als ob Berufspolitiker als Menschen irgendwelche magische Fähigkeiten hätten, die allen anderen Menschen fehlen würden.

Diese Bigotterie beim Thema politische Kompetenz zeigt deutlich: Es geht nicht um ein Nicht-Können. Es geht um ein Nicht-Wollen. Durchgehend professionalisierte Politik ist einfach scheißbequem für alle Beteiligten. Und wie heißt es so schön?: „Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit Bequemlichkeiten“.

Es wird Zeit, dass wir es uns in der Demokratie deutlich unbequemer machen als bisher, indem wir dafür sorgen, dass unser Staat uns politisch engagiert. Uns alle. Und nicht nur ein paar immergleiche „chosen few“ unter uns.

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