Es gibt da dieses eine, häufig wiederholte Missverständnis, nachdem „Emanzipation“ darin bestünde, das nun auch Frauen Kriege führen, morden, foltern und verletzen sollen. Teilhabe von Frauen an einem „Privileg“, das in manchen Gesellschaften über lange Zeit exklusiv uns Männern vorbehalten war.

Viele neuere Filme und Serien fassen „Emanzipation“ z.B. so auf: Eingliederung aller Menschen, nicht mehr nur von Männern, in eine Kriegerkultur, die selbst dabei nicht in Frage gestellt wird. Eintrittskarte: Abtrainieren von Eigenempathie genauso wie von Empathie mit anderen Menschen. Erwerb der Fähigkeit, sich selbst und andere Menschen schlecht zu behandeln – und das auch noch gut und richtig zu finden.

Worin besteht Emanzipation? Worin gesellschaftlicher Fortschritt?

Mir fällt es schwer darin einen gesellschaftlichen Fortschritt zu erkennen, dass nun Menschen gewalttätig werden, die es vorher nicht oder weniger waren.

Gesellschaftlicher Fortschritt besteht für mich im systematischen Rückgang zwischenmenschlicher Gewalt, darin, dass immer mehr Menschen einander immer weniger schlimme Dinge antun.

Fasst man „Männlichkeit“ als ein universelles Konzept auf, das prinzipiell allen Menschen (sogar: allem intelligentem Leben) offen steht, als ein Konzept, das in einem vorsätzlich betriebenen Anti-Empathie-Training besteht, das der Gesellschaft hinreichend viele hinreichend unempathische Mitglieder zur Verfügung stellt, dann kann man sich im Grunde nur den Rückgang von „Männlichkeit“ als Fortschritt vorstellen. Und nicht ihre Zunahme.

Das bedeutet nicht, dass wir nun alle XY-Chromosom-Träger verteufeln (einschließlich meiner Wenigkeit) oder die Segnungen und Flüche des Testosteron. Es bedeutet auch nicht, dass Frauen „die besseren Menschen sind“. Das wäre allein schon deswegen absurd zu denken, weil in der traditionellen Geschlechterzurichtung ja auch die Menschen, die als Frauen angesehen werden, ihren ganz besonderen Hau weg kriegen.

Es bedeutet nur, dass es nichts zu bejubeln gibt, wenn Menschen mit XX-Chromosom in das Konzept der Männlichkeit einsteigen und sich nun ebenfalls ihre Empathieneigungen austreiben lassen. Wir brauchen nicht NOCH mehr kriegerische „Amazonen“. Denn die gab es ja schon in der überaus kriegerisch aufgestellten Antike.

Wenn hingegen immer weniger Menschen Lust auf offene oder rituelle Kriege haben, wenn wir unsere Institutionen so wandeln, dass unsere Gewalt mit diesen Veränderungen immer weiter abnimmt, und das gilt auch für strukturelle Gewalt, dann können wir das als deutlichen gesellschaftlichen Fortschritt wahrnehmen.

Das Problem ist dabei auch, dass wir eine Gesellschaft geschaffen haben, in der wir es uns leicht machen, unsere eigene Gewalttätigkeit auszublenden. Und das auf allen 3 gesellschaftlichen Ebenen: Die Normalisierung von Gewalt im Umgang mit uns selber, die Normalisierung von Gewalt in unserem alltäglichen Umgang miteinander und der Normalisierung der Gewalt auf der politischen, gesetzgeberischen, institutionellen Ebene. Wie viel Gewalt uns und unseren Alltag bestimmt, ist für uns gewissermaßen „unsichtbar“. Wir können das sehr gut verdrängen oder – wenn’s hochkommt – in andere hineinprojizieren. Wir selbst halten uns „normalerweise“ für friedfertig. Schlimme Dinge tun andere. Zugleich gibt es Anzeichen dafür, dass es uns immer schwerer fällt, diese Illusionen über uns selbst und unsere Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Die Spiegelfunktion, die Beziehungen für uns Menschen haben, sorgt dafür, dass wir uns selbst mit der Verbesserung unserer Beziehungen immer besser selbst wahrnehmen können. Und dadurch gewinnen wir auch immer mehr an Gefühl für unsere eigene, „normale“ Gewalttätigkeit. Unsere soziale, mitmenschliche Welt ist ein immer noch besserer Spiegel für uns selbst, dem wir immer noch weniger ausweichen können. Viele Menschen sind heute immer weniger mehr bereit, Gewalt als „normal“ oder „notwendig“ zu verklären. Weder bei anderen, noch bei sich selbst.

Es mag Menschen geben, die diesen Wandel der Welt in Richtung mehr Verbundenheit und angemessenerer Reaktionen auf gegebene Gefühle und Bedürfnisse als nicht wünschenswert empfinden. – Ich denke dennoch, dass traditionelle Männlichkeit nach und nach aussterben wird, schlicht, weil sie ihre gesellschaftliche Funktion verliert, ihren „Sinn“. Vorübergehende „Flashbacks“ eingeschlossen. Die Gesamtentwicklung menschlicher Gesellschaft deutet jedoch in eine ganz andere Richtung.

Natürliche Aggression, künstliche Kriegerzucht

Zugleich kann mann leicht nachvollziehen, dass eine Rückaneignung natürlicher, offener Aggressivität für traditionell zurechtgestutzte Frauen ein emanzipativer Akt sein kann. Ein wichtiger Akt. Ein zentraler Akt der Rückgewinnung der eigenen Menschlichkeit. – Der Unterschied zwischen männlichem, weiblichem und menschlichem Verhältnis zu Aggressionsverhalten ist exakt der Unterschied zwischen aggressiv sein müssen, nicht aggressiv sein dürfen und aggressiv sein können. Nur im letzteren Fall, in der Menschlichkeit bleibt beides intakt: Die eigene Fähigkeit zu aggressivem Verhalten und die eigene Fähigkeit zu empathischem Verhalten.

So hatte natürliche, alltägliche Aggression noch nie etwas mit künstlich gezüchteter Aggression zu tun, wie man sie allein dafür braucht, gegeneinander erbarmungslose Vernichtungskriege zu führen. Alltägliche Aggression und Empathie stehen in keinerlei Widerspruch zueinander. Aggressionsverhalten kann sogar aus einem empathischen Impuls heraus erfolgen.

Jene künstliche Aggressivität, um die „Männlichkeit“ kreist, hatte hingegen von Anfang bis Ende etwas mit der systematischen Eindämmung unserer universellen menschlichen Empathiefähigkeiten zu tun. Menschliche Gesellschaften brauchten Krieger.

In einer Welt, in der wir miteinander nicht in konstruktiven Austausch treten können, mag das zwar traurig, aber zugleich auch nachvollziehbar und sinnvoll sein. Glücklicherweise leben wir immer weniger in einer solchen Welt. Die Vernetzung unter uns nimmt immer weiter zu und kann durch sinnvolle Institutionen zusätzlich angeschoben und unterstützt werden.

Und das bringt uns ganz zwangsläufig zu der Frage, wozu genau wir eine künstlich herbeierzogene Männlichkeit heutzutage noch brauchen? – Vor allem da die „Kollateralschäden“ traditioneller Männlichkeit heute immer mehr wahrgenommen werden. Und wir immer weniger bereit sind, diese Schädigungen von Menschen einfach so hinzunehmen, weil sie ja immer noch „notwendig“ seien. Jene Nöte, auf die künstliche Männlichkeit Antwort war, gehen immer noch weiter zurück. Die Probleme, die künstliche Männlichkeit in einer Gesellschaft erzeugt, bleiben hingegen bestehen und werden zunehmend als eine Belastung für alle empfunden.

Die Frage nach der „Männlichkeitserziehung“ hat auch schon die erste Demokratie der Menschheitsgeschichte erkennbar beschäftigt. – Also eine Gesellschaftsform, die nicht zuletzt an ihrer unvollständigen politischen Emanzipation gescheitert ist.

Fortschritte in Sachen Demokratie und ungebrochenes Kultivieren menschlicher Gewalttätigkeit vertragen sich auf die Dauer einfach schlecht. Eine Gesellschaft, die in Kriege investiert, wird am Ende immer zurück zur Aristokratie tendieren. Zwischen Kriegerkulturen und Aristokratie als Verfassungsform besteht ein struktureller Zusammenhang. „Männliche“ Zurichtung zur Kriegsfähigkeit und Aristokratie als Grundordnung der Gesellschaft stützen sich gegenseitig.

Und das ist zugleich der Grund, aus dem heraus unser Verständnis von „Emanzipation“ eine so große Bedeutung für gesellschaftliche Entwicklungen hat. Je nachdem, wie wir Emanzipation verstehen, ist uns mehr oder weniger Demokratie möglich.

 

 

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