Emotionale Beteiligung in Gesprächen

Alle guten Gesprächsführer, die ich kennen lernen durfte, haben eine Praxis gemeinsam: Sie achten vor allem anderen auf die kleinen und großen Signale emotionaler Beteiligung ihrer Gesprächspartner.

UND sie achten zugleich auch auf ihre eigenen, inneren Signale emotionaler Beteiligung, die an ihr Bewusstsein klopfen und bei ihm Beachtung erbitten.

Warum tun sie das? Warum ist emotionale Beteiligung so wichtig? – Man kann vielleicht die Wortwurzel von „Emotion“ bemühen, in der „motion“ und damit „movere“ (bewegen) vorkommt. – Es geht darum, wovon jemand im Gespräch bewegt wird, und es geht darum, wann sich etwas bewegt.

Will man Gespräche, in denen sich nichts bewegt, führt man am besten Gespräche mit völligem emotionalen Unbeteiligtsein bei allen am Gespräch Beteiligten.

Wir können also sagen: Es gibt Gespräche, „in denen nichts passiert“. Und es gibt Gespräche, „in denen jede Menge passiert“. – Und über die emotionale Beteiligung können wir pegeln, wie viel wir davon jeweils bekommen.

Das geht soweit, dass so manch guter Gesprächsführer emotionale Beteiligung geradezu „provoziert“, wenn sie sich nicht von alleine einstellt; vielleicht aus der Annahme heraus, dass ein Gespräch ohne emotionale Beteiligung ein Gespräch ist, dass nicht wert ist, geführt zu werden.

Freundlicher könnte man sagen: Sie führen das Gespräch auf für die Gesprächspartner Wesentliches, Bedeutsamens. Eben auf das, was sie bewegt. Und sie bleiben dabei. Sie können mit aufkommender Emotionalität umgehen und auf sie eingehen. – Das ist auch der Grund, warum „gute Rhetorik“ niemals eine reine „Technik“ sein wird, sondern immer eher eine Praxis ist. D.h. auch: Gute Gesprächsführer verändern sich vor allem selbst im Gespräch, sie führen keine Gespräche, die „das Ziel“ haben, den anderen zu verändern.

Wenn wir auf die emotionale Beteiligung im Gespräch achten, dann führt uns diese Achtung sehr direkt dahin, wo möglich wird, was uns gemeinsam bis eben gerade noch völlig unmöglich schien.

Und der schwierigere Teil ist für uns wohl die Achtung und Würdigung unserer eigenen emotionalen Beteiligung im Gespräch. Denn die Emotionen der anderen sind oft etwas, womit wir uns deutlich leichter tun, mit ihnen zu spielen.

Letztlich heißt das nichts anderes, als dass wir unseren Körpern die Gesprächsführung überlassen. Und das ist eine Vorstellung, die uns manchmal absurd, manchmal fremd und manchmal auch einfach urkomisch vorkommt.

Unserem „Bewusstsein“ die Gesprächsführung zu überlassen ist aus einem ganz bestimmten Grund eine nicht ganz so gute Idee: Nicht nur ist es stark vorgefiltert und oft „emotionsbefreit“. (- was nichts anderes heißt, als dass unsere Gefühle in ihm in „verschobener“, „maskierter“ Form vorkommen). – Unser Bewusstsein ist vor allem anderen ein Gefängnis. Und damit merkwürdig ereignislos und unbewegt.

Die langweiligsten und überflüssigsten aller Gespräche, Meetings, Beratungen usw., haben wir, wenn wir kreuzprofessionell sind und emotionale Beteiligung so weit wir nur können vermeiden.

Denn das sind Gespräche, in denen sich garantiert nichts tut. Das sind Gespräche, in denen wir uns garantiert nichts tun. – Außer vielleicht, uns noch den letzten Nerv zu rauben, zu töten, ihn mit Füßen zu treten und danach tief, tief zu versenken, wo er sich in seinem Grab bitte niemals mehr rühren möge. Gespräche mit jener Bombenstimmung, die wir auch von Beerdigungen kennen.

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Verstehen

Unsere öffentliche Kommunikation ist durchzogen von einer ziemlich unrealistischen Grundannahme:

Dass jeder von uns jederzeit artikulieren könnte, wie es ihm gerade geht, was er gerade braucht, will, wünscht und erhofft.

Angesichts der Komplexität unseres Innenlebens und der heutigen Gesellschaft ist die Erwartung, dass wir jederzeit sagen können, „was bei uns Sache ist“, eine reine Überforderung. Diese Erwartung erzeugt auch eine Illusion von Klarheit. Denn wenn wir gezwungen werden, uns öffentlich zu äußern, entsteht eine vermeintliche Klarheit über unseren „Standpunkt“, der unsere internen Ambivalenzen und Prozesse, die wir vielleicht gerade durchlaufen, völlig ignoriert.

In der Regel brauchen wir Zeit, um uns klar zu werden. Manchmal brauchen wir dazu einfach mehr Input und Information, plus Zeit, diese wiederum für uns zu sortieren und zu verarbeiten. Und wir brauchen oft auch „das Gespräch“ darüber, das heißt, wir brauchen ein oder mehrere Menschen, die uns Fragen stellen, die uns dabei aber nicht bedrängen oder gar das, was wir dann sagen, stark bewerten.

Öffentlicher Reflexionsraum ist aber in unserer Gesellschaft eine knappe Ressource. Einige von uns gehen dazu heutzutage extra zu einem Therapeuten oder einem Coach. Einige behelfen sich mit Selbsthilfegruppen zu einem bestimmten Thema, wo man idealerweise Menschen trifft, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie man selber.

Doch all das sind dann eben gerade keine öffentlichen, sondern hochgradig intime Räume. „Geschützte Räume“. Und das aus gutem Grund.

Dass es auch möglich ist, mit wildfremden Menschen, die noch dazu „ganz anders sind als man selber“, solche Räume des Verstehens zu haben, das ist eine Vorstellung, die uns heute völlig fremd ist.

„Die Öffentlichkeit“, das ist nach unserer Erfahrung ein Kampflplatz, auf dem man eben „Stellung beziehung“, „Positionen verteidigt“ – und daher dort dann auch notwendigerweise vereinseitigt, in einer vermeintlichen Klarheit, die man in Wirklichkeit gar nicht bei sich verspürt. Denn Krieg, das ist immer auch Komplexitätsreduktion. Und das gilt eben auch für den öffentlichen Krieg der Meinungen.

Die Dimension des Verstehens fehlt unserer Öffentlichkeit völlig. Sogar soweit, dass oft gar nicht mehr verstanden wird, was mit „Verstehen“ eigentlich gemeint ist und dass dieses Verstehen uns derzeit fehlt.

Verstehen ist ja ein zwischenmenschlicher Vorgang, der uns zuallererst hilft, uns selbst besser zu verstehen als wir es vor einem verständnisvollen Gespräch getan haben.

Ganz anders ist dagegen unsere derzeitige Vorstellung von öffentlicher Kommunikation gestrickt: Sie sieht vor, dass man zuerst etwas gründlich verstanden hat und sich dann öffentlich äußert. Und der „Krieg“ ist dann eine Auseinandersetzung darum, wer von diesen merkwürdigen Kampfparteien „gründlicher nachgedacht hat“.

Dass wir andere Menschen brauchen, den offenen, verständnisvollen Dialog mit ihnen, um uns selbst in unserer internen Komplexität und Vielschichtigkeit besser zu „begreifen“, das ist in unserer öffentlichen Kommunikation kaum vorgesehen. Zumindest gibt es kaum öffentliche Räume dafür, keine Institutionen, keine Verfahren.

Den Luxus, „sich selbst nicht zu kennen“, „auf sich selber neugierig zu sein“, „über sich selber gerade nicht gut Bescheid zu wissen“, das kann sich heute kaum jemand leisten, der sich „öffentlich äußert“. Denn er bezieht eine „schwache Position“. Am besten, er hält überhaupt die Klappe und äußert sich erst, „wenn er sich klar geworden ist, was er überhaupt meint“.

Will man eine Gesellschaft systematisch auf Empathiemangel aufbauen, auf einer künstlichen Verknappung der zwischenmenschlichen Ressource „Verstehen“, dann manchen wir alle zusammen gerade einen großartigen Job.

Wie anders sich wohl eine Gesellschaft anfühlt, in der öffentlich geäußertes, momentanes Unverständnis sich selbst gegenüber kein „Luxus“ ist, den man sich leisten können muss, sondern völlig üblich, weit verbreitet und normal?

Das wäre dann wohl eine Gesellschaft, die in ihren öffentlichen, politischen Veranstaltungen davon ausgeht, dass jeder von uns zunächst einmal NICHT weiß, was er will und was er denkt. – Und dass wir einander dabei behilflich sind, es herauszufinden.

Nicht etwa, indem wir dem anderen in vordemokratischer Manier vorschreiben oder vorsagen würden, was er zu wollen und zu meinen hätte, sondern indem wir uns selber als Verstehens-Ressource zur Verfügung stellen. Indem wir neugierig sind. Indem wir nachfragen, wo wir etwas nicht verstehen. Indem wir auch Gefühle ausdrücken, die das Gesagte bei uns auslöst. – Indem wir aber nicht in jener Form bewerten, was der andere uns offenbart, die sich übersetzen lässt mit: „Wenn Du aber SO denkst/ redest/ handelst, dann gehörst Du nicht mehr dazu! Dann will ich mit Dir nichts mehr zu tun haben!“

Dass Gesellschaft Räume zur Verfügung stellen kann, die GLEICHZEITIG öffentlich sind UND von uns als geschützte Räume empfunden werden, so dass wir unsere verletzlichen, ambivalenten und verwirrten Zustände anderen offenbaren (und dadurch für uns zu mehr Klarheit kommen), das ist die eigentliche Grundidee des Politischen.

Politik ist dann vor allem ein Prozess des wechselseitigen Verstehens. Und damit auch ein Prozess des Sich-Selbst-Besser-Verstehens.

Politik ist deswegen Veränderung, auch Selbst-Veränderung, weil „Verstehen“ ein Prozess ist, aus dem wir anders hervorgehen als wir in ihn hineingegangen sind.

Verständnislose Politik: Politik, die nicht zentral in Verstehens-Prozessen besteht, hat daher eigentlich gar kein Recht, überhaupt „Politik“ genannt zu werden. „Krieg mit Worten“ wäre der weitaus bessere Begriff für so etwas.

 

 

 

Fehlende Beteiligung

Unsere Gespräche über fehlende politische Beteiligung haben nach meinem Empfinden oft eine starke Schlagseite: Wir tun in ihnen so, als ob mehr Beteiligung ein idealistisches Projekt sei. Als ob es um eine moralische Verpflichtung gehe. – Und nicht um ein Projekt mit praktischen Konsequenzen, nicht um etwas, wodurch wir das Leben für uns selber unmittelbar, qualitativ besser machen.

Für mich als ethischen Konsequentialisten ist das ein ziemliches Ärgernis. Denn laufen Gespräche über politische Beteiligung in eine solche Richtung, dann werden die praktischen Folgen von mehr Beteiligung einfach weggewischt. Sie tauchen dann in unseren Gesprächen schlichtweg gar nicht erst auf.

Dabei kann ich für mich sogar 3 Dimensionen finden, in denen unsere Gesellschaft (das heißt: wir selber) von mehr Beteiligung profitieren würde:

1.) Fehlendes Wissen der Politik

Zum einen gibt es da den großen Irrtum, die Bürger wüssten ja eigentlich nichts politisch entscheidendes zu den jeweils zu verhandelnden Themen. Wir tun so, als würde dem politischen Gespräch gar nichts fehlen, wenn bestimmte Bürger an ihm nie oder so gut wie nie teilnehmen.

Dabei verfügen Bürger sogar über ZWEI Wissensformen, die unseren politischen Beratungen fehlen, wenn bestimmte Bürger an ihnen gar nicht erst teilnehmen:

Zum einen ist das das Wissen „über die äußeren Dinge“. Bürger haben aufgrund ihrer eigenen Lebensvollzüge, aufgrund ihrer Berufserfahrungen, ihrer persönlichen Erfahrungen, ihrem Lebensort, usw. Zugang zu praktischem Wissen und zu Zusammenhängen, zu denen auch viele wissenschaftliche Experten keinen Zugang haben. Sie wissen also – potentiell – wichtiges, das nur über ihre Beteiligung am politischen Gespräch Eingang in die Politik finden kann. Fehlen Bürger, fehlt dem politischen Gespräch Information. Die Politik bleibt unterinformiert.

Zum anderen handelt es sich bei dem Wissen der Bürger um Wissen über „innere Dinge“. Das heißt darüber, was es heißt, an dieser Stelle in der Gesellschaft zu leben. Nur die Bürger selber wissen, was ein Mensch erlebt, erfährt, erleidet und auch an erfreulichen Dingen mitnimmt, der sich gerade an genau dieser Stelle in der Gesellschaft befindet. – Bürger sind, kurz gesagt, Experten ihres eigenen Lebens. Mehr noch: Sie sind die EINZIGEN Experten, die es in dieser „Sache“ überhaupt geben kann! Denn keine soziologische oder psychologische Expertise kann DIESES Wissen kompensieren. Es fehlt der Politik in genau dem Ausmaß, in dem Bürger nicht aktiv an Politik teilnehmen. – Auch „Meinungsumfragen“ können dieses Manko nicht kompensieren.

2.) Fehlende innere Beteiligung

Die zweite Dimension, die unserer Politik mangels allgemeiner bürgerschaftlicher Beteiligung an ihr entgeht, betrifft das emotionale Engagement.

Auch hier gibt es einen weitverbreiteten Irrtum in unseren Gesprächen über Politik. Wir tun oft so, als sei ein „kühler“ politischer Diskurs für uns irgendwie von Vorteil. Die Vorstellung davon ist die der „Irrationalität“ von Gefühlen. Wir glauben, Politik könne irgendwie „überhitzen“, wenn sie „zu emotional“ würde. – Hinter all diesen Glaubenssätzen steckt noch die antike, vormoderne Psychologie, mit ihren Irrtümern über die internen Funktionsweisen der menschlichen Psyche.

Aus diesem ideologisch verzerrten Bild von uns selber heraus finden wir es dann gut, wenn politische Gespräche in DESENGAGIERTER Form geführt werden, d.h.: vom Geist der Bürokratie durchtränkt sind, dem am Ende völlig gleich ist, ob so oder so entschieden wird. Und eben auch: Ob in die verbindliche politische Entscheidung überhaupt die Multiperspektivität heutiger Gesellschaft wirklich eingeflossen ist. Der Bürokratie fehlt da nichts, weil es die Natur und der Sinn von Bürokratie ist, dass ihr nichts fehlen kann, als eindeutige Strukturen und saubere Dokumentation.

Politik und Bürokratie sind einander jedoch wechselseitig wesensfremd. Beide werden von uns benötigt, aber es verdirbt beide, wenn man sie vermischt. Wenn wir sie also gleichzeitig betreiben wird sowohl Politik als auch Bürokratie zu einem Übel für uns, anstatt zu dem, was sie ursprünglich sein sollten: Sinnvolle Instrumente, mit denen wir unser Leben gemeinsam besser gestalten können.

Was passiert in Wirklichkeit, wenn mehr INNERE BETEILIGUNG im politischen Gespräch gegeben ist: Kurz gesagt machen die Menschen dann „den Mund auf“, wenn sie etwas stört. Sie schlucken es nicht runter, was sie einzubringen und zu sagen haben. Sie unterdrücken ihr Wissen nicht, sondern lassen es in das politische Gespräch, die Beratungen, die Entscheidungen einfließen. Wir haben dann inneren Druck, uns verständlich zu machen. Genauer: Wir nehmen dann den inneren Druck, den wir ohnehin die ganze Zeit über haben, erstmals selbst genauer wahr. Und das lässt uns politisch aktiv werden. Es ist also die allgemeine Anerkennung der Notwendigkeit politischer Aktivität aller Bürger, die die Bürger überhaupt erst für sich selber wahrnehmen lässt, dass sie ja etwas politisch wichtiges, manchmal: entscheidendes zu sagen haben!

In jedem Fall ist also eine „self-fulfilling prophecy“ am Werk: Die selbsterfüllende Prophezeiung, dass politische Beteiligung ja gar nicht so wirklich wichtig und notwendig sei, führt zu einem innerlichen Desengagement der Bürger. Und die selbsterfüllende Prophezeihung, dass politische Beteiligung aller Bürger für unseren gemeinsamen politischen Prozess unerlässlich und wichtig ist, führt zu einem ganz anderen innerlichen Kontakt und Sprachfähigkeit. – Es sind unsere Vorstellungen von uns selbst und von der Politik, mittels derer wir den Informationsfluss zwischen uns zum Fließen bringen oder ihn eben zum weitgehenden Erliegen bringen.

In einer desengagierten Form von Politik, wie wir sie heute haben und für völlig normal und unproblematisch halten, passiert – aus psychologischen Gründen, über die wir NICHT verfügen können! – ganz zwangsläufig folgendes: Wichtige Gefühle und Bedürfnisse werden gar nicht erst artikuliert (alle sind ja cool, es ist ja egal, ob ich etwas sage oder nicht…). Die vorhandenen Gefühle und Bedürfnisse sind dadurch aber keineswegs einfach „verschwunden“. Nur für die Politik sind die nun „weg“. Die Politik nimmt damit gar nicht erst wahr, was sie nicht wahrnimmt. Ihr fehlt daher auch zunächst einmal nichts.

Doch dabei bleibt es eben aus psychologischen Gründen nicht: Das, was da aus dem Politischen verdrängt wurde mittels bürokratischer Coolness, bricht nun „von außen“, mit Gewalt wieder „ins Politische ein“. Und die Politik fragt sich dann verwundert: „Woher kommt denn das? Sind die alle völlig durchgedreht?“

Die Wahrheit dieser Dimension fehlender Beteiligung ist: Die Politik selber, wenn sie von uns in derart unbeteiligter Form betrieben wird, macht uns politisch verrückt.

Es braucht die innere Beteiligung, die „Betroffenheit“ im politischen Austausch, in den Beratungen, in den Entscheidungen.

Das zu tun, wofür wir uns bisher entscheiden: Die Betroffenheit soweit wie möglich von der Politik zu entfernen, aus Angst vor „zu viel Emotion“, das ist genau das, was unsere natürliche Emotionalität überhaupt erst unproduktiv werden lässt.

Im Grunde handelt es sich um ein sich selbst bestätigendes Vorurteil: Gefühle werden nicht wahrgenommen und anerkannt. Daraufhin gehen die Gefühle in den „Untergrund“ oder „Widerstand“ und machen sich von nun an nur noch auf unproduktive Weise bemerkbar. Und daraus wird dann wieder geschlossen, dass Gefühlsäußerungen keinen produktiven Beitrag leisten könnten und in der Politik nichts verloren hätten.

Und so weiter, und immer so weiter…

Menschliche Emotionalität hat in der Politik ein Eigenrecht. Wir haben gar nicht die Wahl, ob Politik „mehr oder weniger“ emotional abläuft. – Wer das glaubt, weiß nicht, was Gefühle überhaupt sind und welche Funktion sie für uns Menschen haben. – Wir haben nur die Wahl, ob wir sie in unproduktiver Form oder in produktiver Form in die Politik einfließen lassen.

Mangelnde Beteiligung ist ganz eindeutig die unproduktive Form.

3.) Fehlendes Selbstwirksamkeitserleben, fehlende Selbstidentifikation mit der „eigenen“ Politik

Die dritte Dimension fehlender politischer Beteiligung, die große Auswirkungen hat, betrifft das reine Selbstwirksamkeitserleben in der Politik.

Je nachdem, ob ich den Eindruck habe, „dass ich mitbestimme“ oder eben nicht, erlebe ich die Politik, den Staat als meinen oder eben nicht.

Dabei helfen Postulate wenig. Es hilft wenig, dass die Theorie erklärt, wir würden ja bereits in einer Demokratie leben, wenn wir eben kein Beteiligtsein erleben, sondern die Politik gefühlt „ganz weit weg“ ist.

Die bisher dafür gerne benutzten Instrumente, um die Distanz zwischen „der Politik“ und „den Bürgern“ zu überbrücken, sind völlig untauglich, um dieses Erleben von Beteiligtsein zu ermöglichen.

Da unsere Politik bisher geleitet ist von einem fundamentalen Misstrauen in „den Bürger“, sind unsere verfassungsmäßigen Organe eben auch wenig offen dafür, den Bürger selbst ins Zentrum politischer Verfahren zu stellen und ständige wirksame Beteiligung großer Teile der Bürgerschaft zuzulassen. Die Distanz und der erhebliche Aufwand, den es für jeden von uns bedeutet, bis wir „politische Wirksamkeit“ erleben, ist kein Nebeneffekt, sondern diese großen Politikdistanzen wurden von uns mit voller Absicht geschaffen.

Die Frage ist nur, ob diese Absicht nicht immer schon von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen sind: Nämlich davon, der Bürger sei grundsätzlich dumm, egoistisch und könne nicht in kürzester Zeit in einen Zustand politischer Informiertheit, Klugheit, Besonnenheit und Vernunft gebracht werden.

An einer Reduzierung des Aufwands für politische Wirksamkeit der Bürger in ihrer Politik gibt es daher bisher auch nur wenig Interesse. Technisch wäre so eine Aufwandsreduzierung bei gleichzeitiger Wirksamkeit aller Bürger durchaus möglich. Allein: Der Wille zur Demokratisierung fehlt bisher. Man hat noch viel zu viel Angst davor, „den Staat“ denjenigen in die Hand zu geben, denen er bereits heute pro forma gehört: Den Bürgern selber. – Auch und vor allem die Bürger selber haben übrigens diese Ängste. Auch sie unterschätzen ihre eigene demokratische Kompetenz auf’s Gröbste.

Doch der Preis für diese systemische Unterschätzung und Geringschätzung des Bürgers ist hoch: Die Politik MUSS auf diese Weise den Bürgern fremd bleiben. Sie sind heute weit entfernt davon ihre Politik eben als das zu empfinden: Als „ihre“. Stattdessen bleibt für sie die Politik immer „die Politik der Politiker“. Eigene politische Verantwortung kennen heutige „Bürger“ nicht. Wie sollten sie auch? Die gegebenen politischen Prozesse sind ja gerade dafür gemacht, sie von jeglicher politischen Verantwortung so weit weg zu halten wie nur möglich. Wir genießen unseren Zustand völliger politischer Verantwortungslosigkeit, der nur leider, leider fest gekoppelt ist mit einem Zustand völliger politischer Unmündigkeit.

Solange aber der Mut zu einer Entprofessionalisierung der Kernbestände unserer Politik fehlt, solange „Laienpolitik“ für uns einen reinen negativen Klang für uns hat und wir ihre heilsamen Wirkungen nicht einmal ahnen, solange die Bürger zwanghaft von ihrer Politik ferngehalten werden, solange leben wir eben in dem, was wir kennen: Im Zustand politischer Entfremdung. Politik ist uns fremd und Politik bleibt uns fremd. Es ist eine von uns allen, eine allgemein gewollte Fremdheit.

Dass diese unsere Politikentfremdung gewaltige Rückwirkungen auf die Qualität unserer Politik selber hat, das jedoch blenden wir bequemerweise aus.

Konsequenzen

Was sind nun aber die Konsequenzen aus all dem? Was, wenn uns bereits völlig klar ist, dass wir die Beteiligung aller in der Politik brauchen, in ganz bestimmten, konstruktiven Formen, damit unsere Politik an Qualität gewinnt und dass dieser Gewinn an politischer Qualität zugleich einen riesigen Gewinn für unser ganzes Leben mit sich bringt, auch für unsere privaten Lebensvollzüge?

Wenn wir also bereits entschlossen sind, deutlich mehr und deutlich regelmäßigere Beteiligung an der Politik zu ermöglichen, dann kommen rein technische Fragen auf: Wie genau wollen wir das bewerkstelligen, „deutlich mehr Beteiligung“?

Die relativ beste Antwort, die ich darauf bisher für mich finden konnte, diese Antwort findet sich hier.

Jeder Mensch macht einen Unterschied – macht Unterschiede

Gestern Abend habe ich eine für mich spannende Erfahrung gemacht: Unser Sohn übernachtete zum ersten Mal seit längerem nicht bei uns zu Hause sondern bei einem seiner Freunde. Als ich spätabends durch den Gang ging, zu dem auch sein Kinderzimmer eine Tür hat, bemerkte ich plötzlich, dass ich mich besonders leise bewegte. Bis zu diesem Zeitpunkt unbewusst. Erst die Abwesenheit meines Sohnes machte für mich spürbar, in welchem Ausmaß seine Präsenz mein Verhalten bestimmte. Genauer: Mein Wissen über seine Abwesenheit. – Denn äußerlich war alles wie immer. Mein Sohn schläft ja sonst schon längst um diese Zeit. Es gab keinen sichtbaren, hörbaren Unterschied.

Das mag eine sehr spezielle Situation sein, mit einer sehr speziellen Bedeutung für mich. – Ich denke aber, dass es nicht zu gewagt ist, von hier aus zu verallgemeinern: Jeder Mensch macht in seiner Anwesenheit/Abwesenheit für jeden anderen Menschen einen Unterschied. Genauer: Viele, viele Unterschiede.

Wir spüren das manchmal in Meetings, wenn jemand den Raum verlässt. Wir spüren es aber auch bei Menschen, mit denen wir uns – vermeintlich – in keinerlei Gespräch oder anderer Interaktion befinden.

Die Wirkung der Präsenz von Menschen auf uns ist gewaltig. Und so dann eben auch ihre Abwesenheit.

Zwar gibt es zu diesem Thema den fiesen Spruch: „Da wo Du sitzt, kann ich mir auch gut eine Zimmerpflanze vorstellen!“ als Ausdruck für einen Menschen, bei dem das angeblich anders sei, für jemanden, der eben keinen Unterschied für uns macht.

Aber das ist nur Schein: so ein Verhältnis bedeutet nur, dass die 10.000 Unterschiede, die jener Mensch für uns macht, für uns unsichtbar und von uns unbemerkt bleiben.

Und schon lange Jahre coache ich mich an Menschen ab, deren Superpower in Unternehmen genau darin besteht: Dass ihre oft tatsächlich entscheidenden Beiträge zum gemeinsamen Unternehmen von ihren Kollegen weitgehend unbemerkt bleiben. Frei nach dem Motto: Wie Sie merken, merken Sie nichts. – Das sind oft Menschen, die ganz bestimmte Arbeiten machen. Oder die ihre Arbeiten auf eine ganz bestimmte Weise machen. Sie agieren vorausschauend. Sie denken mit. Sie sorgen dafür, „dass nichts runterfällt“. Ihre Leistungen sind die Störungen, die niemals auftreten. Sie sorgen dafür, „dass es läuft“.

Verlassen diese Menschen dann ihr Unternehmen, heißt es oft: „Was ist denn hier nur auf einmal los!? Das hat doch IMMER funktioniert! Völlig reibungslos! Wir verstehen gar nicht, warum wir auf einmal so große Probleme haben…“

Dass alle Menschen für alle Menschen Unterschiede machen, ob sie da sind oder ob sie nicht da sind, ist eine Einsicht aus dem Bereich der Beziehungsdynamik, die wir als Gesellschaft bisher vermeiden voll und ganz anzuerkennen.

Denn würden wir das tun, hätten wir voll und ganz begriffen, wie wichtig menschliche Präsenz/Absenz für uns ist, dann würden wir diese Einsicht auch in unseren entscheidenden Institutionen berücksichtigen.

Wir können nicht nicht in Beziehung gehen, wenn wir uns mit anderen Menschen im gleichen Raum befinden. Daher macht es für uns viele Unterschiede, ob jemand da ist oder nicht, gleich wer dieser jemand ist.

Und das ist zugleich auch der Grund, warum Städte für uns einen so großen sozialen Stress bedeuten: Wir sind dort ständig miteinander in Kontakt – ohne miteinander in Kontakt zu sein.

Die immer weiter fortschreitende Verstädterung unserer Gesellschaft ist daher ein weiterer Grund, aus dem heraus wir heute dringend eine Begegnungs-Demokratie brauchen. Mit Demokratie als einer Form, als einem Verfahren, das wir nutzen, um uns immer wieder neu miteinander vertraut zu machen.

Denn der reine Mitmensch ist eine ständige Stressquelle für uns. Für den durch Demokratie zum Mitbürger gewordenen Mitmenschen gilt das allerdings nicht mehr im gleichen Ausmaß. Beide – der Mitmensch wie der Mitbürger –  machen für uns Unterschiede. Nur gibt es für uns eben sowohl überaus unangenehme wie überaus angenehme Unterschiede, die andere Menschen für uns machen können. Der Mitbürger ist jener Mitmensch, mit dem wir es gut aushalten können. Mit dem gemeinsam wir gut „einen Staat machen“ können.

Menschen berühren uns, ob wir wollen oder nicht. Mittels Demokratie können wir gemeinsam sicherstellen, dass unsere angenehmen Berührungen unsere unangenehmen Berührungen bei Weitem überwiegen.

Ein Ausgangspunkt von Demokratie ist daher: Wir können uns nicht nicht berühren. Wir sind gegenwärtig, wir machen Unterschiede füreinander. – Ob wir es nun gerade bemerken oder nicht.

Die Demokratie macht für uns nur diejenigen menschlichen Unterschiede greifbar, die ohnehin im Raum sind, die schon die ganze Zeit über uns in unseren Lebensvollzügen beeinflussen, ob wir sie nun ausblenden oder nicht. Die anderen sind „da“. Sie tun und lassen Dinge, die es uns ermöglichen oder erschweren, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Und das wiederum hat eine Rückwirkung auf die anderen: Was wir tun oder lassen macht wiederum für sie Unterschiede. Doch all diese wechselseitigen Abhängigkeiten voneinander bleiben oft indirekt, unbemerkt, „unsichtbar“. Sie werden von uns bisher nicht „offiziell anerkannt“. Sie finden keine systematische Berücksichtigung in unserer Politik miteinander.

Wir leben zusammen, als könnten wir auch einfach aneinander vorbei leben. Als seien wir unverbunden. Als sei „Gesellschaft“ nur eine Art Zweck-WG, in der man mit den meisten anderen möglichst wenig zu schaffen haben will, aber sich halt nun mal leider einen Planeten teilen muss. Eine Zweck-WG, in der es reichen würde, bürokratisch das Notwendigste zu regeln. Und in der man sich ansonsten einfach aus dem Weg gehen könne. In der wechselseitiges Sich-abstimmen unnötig sei.

Doch auch diese Unverbundenheit ist nur Schein: In Wahrheit machen alle anderen für uns Unterschiede und wir für sie. Sehr reale, sehr wirksame Unterschiede. Dass es Menschen möglich sei, einfach nur unabgestimmt nebeneinander her zu leben, jeder nach seiner Façon, ganz ohne Politik: das ist die große Illusion des Privatismus. Diese Illusion wird regelmäßig von der Realität der Politik heimgesucht. Dann nur leider in höchst unproduktiver Form: Indem Tyranneien entstehen, die jene Probleme lösen sollen, die der Privatismus durch seinen konsequenten Politikverzicht erzeugt hat. Die verdrängte politische Dimension des menschlichen Lebens drängt dann mit Gewalt in unser Leben, das so oder so ein Zusammenleben ist.

Demokratie ist die Vergegenwärtigung unserer wechselseitigen Abhängigkeit voneinander, unserer unentrinnbaren menschlichen „Interdependenz“. – Und so, in unserer durch Demokratie hergestellten Gegenwart, können wir beginnen, gut mit uns, gut miteinander umzugehen.

Jeder Mensch ist eine Störung, jeder Mensch ist ein Rebell

Vor einiger Zeit hab ich ja mal hier allen Ernstes behauptet, gute Organisationen bräuchten keine Rebellen. – Dem wird gern mit dem Hinweis widersprochen, auch gute Organisationen würden verkrusten. Das sei ohne äußerliche Impulse ganz unvermeidlich.

Ich glaube, dass wir, wenn wir auf diese Weise von Menschen und Organisationen denken, noch nicht verstanden haben, was „gute Organisationen“ sind. Ich glaube auch, dass wir dann noch nicht verstanden haben, was „Demokratie“ eigentlich ist, was sie zu leisten im Stande ist und wie sie im Detail funktioniert. – Und ich glaube, dass wir dann auch noch (heimlich) einem sehr stark verkürzenden, undemokratischen Bild von uns selber anhängen. Einem Bild von uns selbst, das den psychologischen Mechanismen hinter den schönen, einfachen Oberflächen des Menschlichen kaum Beachtung schenkt.

Denn Demokratien nutzen ganz bewusst das Störpotential, das JEDER Mensch qua Menschsein ist. Denn jeder von uns ist ein ganzes Bündel von ständigen, immer wieder auftretenden Störungen für JEDE Art von sozialem System. Diese Störungen tauchen daher auch in allen Arten von Organisation zuverlässig auf und treiben jede Art von „Management“ systematisch in den Wahnsinn. Management/Demokratie als Gegensatz ist hier ein Sinn machender Begriff. Denn es schaffen eben nur „gute“, demokratische Organisationen, dieses Störpotential auch systematisch und konstruktiv für sich zu nutzen. Management kann alle möglichen wunderbaren Wunderdinge, aber DAS kann es nicht leisten. DAS kann wirksam und dauerhaft nur Demokratie.

Demokratien nutzen es gezielt aus, dass jeder Mensch der „Gesellschaft“ oder der „Organisation“ äußerlich ist.

Wie schaffen Demokratien selbst jenes „Unmögliche“, jenes „Ungeheure“? Aus uns allen, aus uns Störern, die wir wir sind, ein hochgradig funktionsfähiges „Gemeinwesen“ zu bilden, das alles andere als sich-selbst-blockierend ist? Ein Gemeinwesen, das alles andere ist als „ein reiner Debattierclub, bei dem am Ende ja sowieso nichts heraus kommt“?

Die Zaubermittel der Demoratie sind zweierlei: Gezielte Einrichtung von zeitlich und örtlich begrenzten Räumen der Machtgleichheit. UND die Möglichkeit für alle menschlichen Störungen, sich in diesen „politischen“ Räumen wirksam Gehör zu verschaffen. – Durch die Kombination aus BEIDEN Mitteln wird „die Störung zum System“: werden die menschlichen Störungen in die sozialen Systeme „eingespeist“ und zum Vehikel einer beständigen Selbstreform, eines Systems der Systembrüche.

Darum brauchen Demokratien auch keine „externen Berater“. Denn ALLE Menschen sind diesen Gesellschaften „externe Berater“.

Oder anders gesagt: Jeder Mensch ist ein Rebell. Einfach aus seinem Mensch-Sein heraus.

Und gute Organisationen, Demokratien, sind jene Gesellschaften, die dieses natürliche, allgemeine, menschliche Rebellentum für sich gezielt zu nutzen verstehen.

Demokratien erwecken den Rebellen in JEDEM zum Leben, indem sie das Problem der ungleichen Macht institutionell ausschalten und indem sie zugleich allem Menschlichen eine politisch wirksame Stimme geben. Sie sehen „Politik“ als allem übergeordneten Koordinationsraum, der die natürlichen menschlichen Resonanzfähigkeiten gezielt für Organisation und Reform von Organisation nutzen kann. Für eine begrenzte Zeit, in einem begrenzten Raum. Immer wieder.

Die persönliche Atmosphäre

Es ist fast zu banal, um darüber zu schreiben. Es scheint kaum der Rede wert zu sein:

Wenn wir das Gleiche mit zwei verschiedenen Menschen tun, ist es für uns nicht das Gleiche.

Mir als kreuzmonogam veranlagtem Menschen fällt das vor allem auf, wenn ich z.B. mit zwei verschiedenen Freunden in das gleiche Café gehe: Das betreffende Café scheint sich zu verwandeln. Es scheint gar nicht mehr das gleiche Café zu sein.

Oder wenn ich mit zwei verschiedenen Menschen wandern gehe, angeblich die gleiche Strecke: Es scheint sich um zwei völlig verschiedene Wanderrouten zu handeln.

Und dann gab es eine Zeit, in der ich gemeinsam mit vielen meiner Kunden den Augenhöhe-Film über verschiedene Unternehmenswelten angeschaut habe. Und, was soll ich sagen? – Je nachdem, mit wem ich da zusammensaß, fielen mir an dem Film völlig verschiedene Dinge auf. Es ist vielleicht übertrieben zu sagen, „es war ein völlig neuer Film für mich“. Aber es war doch z.B. so, dass mir erst beim ca. siebten Anschauen auffiel, wie entspannt die Mitarbeiter in den verschiedenen Unternehmen des Films allesamt auf mich wirken. Und dass mir das überhaupt auffiel, das hatte auch etwas mit meinem Co-Zuschauer zu tun. Ich schwör!

Jeder Mensch, jeder von uns scheint seine eigene Atmosphäre mitzubringen. In ein Zusammensein, in eine Beziehung miteinzubringen. Und damit verwandeln sich die Dinge für uns. Auch in diesem Sinne sind andere Menschen „Welten für uns“. Auch in diesem Sinne „öffnen sie uns Tore“. Manchmal zu für uns ganz Neuem.

Während das oft völlig banal und alltäglich für uns ist, wenn es darum geht, wie andere Menschen auf uns wirken (und damit zugleich die Dinge für uns einfärben und verwandeln), wird dieses „persönliche-Atmosphäre-Ding“ überhaupt erst so richtig produktiv für uns, wenn wir uns zu fragen beginnen, mit was für Atmosphären wir selber die Dinge dieser Welt für unsere lieben Mitmenschen umhüllen, einfärben. Welchen „Spin“ unsere Anwesenheit der Welt für die anderen gibt.

Welche persönliche Atmosphäre erschaffen also wir selbst? Welche Erfahrungen machen andere mit uns? Welche können sie vielleicht eher mit anderen machen, aber eben nicht mit uns?

Denn gesetzt, wir haben nicht nur eine Seite, dann können wir davon ausgehen: Wir haben in Sachen Atmosphäre-Erzeugung durchaus eine gewisse „Wahl“.

Unsere individualethische Frage ließe sich dann dahingehend modifizieren:

a) Welche Atmosphäre wollen wir denn, dass andere mit uns erleben? Was für eine Atmosphäre soll uns und die Dinge um uns herum umgeben? Was für eine Atmosphäre wollen wir mit uns führen? Welche wollen wir in unsere Begegnungen mit einbringen?

Oder, vielleicht noch sinnvoller:

b) Welche Atmosphären fallen uns leicht zu erzeugen? Welche würden wir gerne mal ausprobieren? – Welche schließen wir aus, dass wir dazu in der Lage seien? – Welche wollen wir wo verbreiten? Welche in welcher Beziehung?

Die Bereitschaft, sich selbst und das, was wir mit uns führen, aus den Augen der anderen zu betrachten, also unsere persönliche Atmosphären-Erzeugung in Augenschein zu übernehmen, kann uns auch überfordern.

Heute kommentierte z.B. ein guter Freund, der selber zwei erwachsene Töchter hat, die von mir geäußerten väterlichen Ambitionen mit meinem eigenen Kind: „One definition of ‚hell‘ is to think that there is such a thing as a ‚good parent‘ in the world.“

Wir sind alle keine Götter. Und zugleich bringen wir unsere Atmosphären mit uns. Unsere menschlichen Atmosphären. Unsere zwischenmenschlichen Atmosphären. Jeder von uns. Unweigerlich.

 

 

 

Die Negation der eigenen Persönlichkeit

Vielen scheint klar zu sein, vielen aber auch überhaupt nicht, dass „Persönlichkeit“ vor allem etwas Negatives ist:

„Persönlichkeit“ entsteht dadurch und besteht darin, dass wir etwas ganz grundsätzlich und prinzipiell aus uns selber ausschließen: Niemals würden wir dieses oder jenes tun. Auf gar keinen Fall sind wir so oder so. Und überhaupt gar nicht interessiert und dies oder das.

„Charakter“ nennen wir das manchmal. Oder „Ecken und Kanten“.

Das ist ja alles auch ganz wunderbar, trägt zur menschlichen Vielfalt bei – und das sogar in mehr als nur einer Hinsicht – und gibt so unserem Leben die richtige Würze und jene „Reibung, die Wärme erzeugt“ ( – Dass „Ficken“ ursprünglich „Sich-aneinander-reiben“ bedeutet, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt).

Was wir dagegen oft vergessen: Viele von uns sind mitten in Prozessen zugange, in denen sie vorhaben oder hinter sich haben, dass sie Bestandteile ihrer eigenen Persönlichkeit negieren.

Für durch Philosophie verdorbene: Das heißt dann wohl, dass wir uns oft in höchst subjektiven Prozessen vom Typ „Negation der Negation“ befinden.

Idealerweise führen diese Prozesse zu einer Erweiterung unserer Verhaltensmöglichkeiten und unseres Handlungs- und Persönlichkeitsspektrums. Manchmal führen diese Prozesse uns sogar zu einer Erweiterung der „öffentlichen Person“.

Vorhaben

Wenn ich eine solche Negation meiner Negation vor (mir) habe, dann rede ich meist viel in eine Richtung, von der mein ganzes menschliches Umfeld meist überdeutlich wahrnehmen kann, dass ich da eben (noch) nicht bin. – Und damit gehe ich diesem Umfeld dann meist tierisch auf die Nerven.

Das geht dann oft in die Richtung: *Augenroll* „Ach, der Jonas! Der redet immer über den Weltfrieden! Dabei ist doch gerade er selber der Oberaggro vor dem Herrn!“

Oder: „Mei, die Roberta! Hält ständig lange Vorträge über Lebensglück. Dabei hat man nur selten einen Menschen gesehen, der noch unglücklicher und unzufriedener ist als sie!“

Was dabei von uns übersehen wird: Die meiste Rhetorik ist zuallererst Selbstüberredung. Und die allermeisten von uns sind irgendwo mit sicher selber „im Prozess“. Wir benutzen dann gerne und gewohnheismäßig einander wechselseitig für unsere jeweils eigenen, höchst subjektiven Negationsprozesse. Und eben auch für die Negation der Negation: Für die Erweiterung unserer eigenen Persönlichkeit.

Was da also für uns andere gerade so schrecklich „unauthentisch“ daherkommt (um nicht zu sagen: verlogen), ist nicht ganz selten Teil eines Versuchs, einen abgespaltenen Teil des eigenen Selbsts zurückzugewinnen. – Also an Persönlichkeit zu verlieren und an Möglichkeiten zu gewinnen.

Hintersichhaben

Und dann gibt es da noch jene Zustände, in denen wir bereits ein kleines Stück unseres Weges gegangen sind: Wir haben Teile unserer Negationen negiert. Wir haben Negationen unserer Negationen hinter uns.

Wir waren z.B. mal schrecklich schüchtern, haben uns weiterentwickelt und nun „merkt man uns das gar nicht mehr an“. Oder wir waren mal schrecklich friedfertig, haben uns weiterentwickelt und nun ist für andere nicht ganz selten ein scheinbar völlig unbeschwerter Oberrambo zu sehen, der keinerlei Probleme damit hat, gelegentlich Omas wertvolles Porzellan zu zerdeppern. Oder wir waren mal völlig verrückt, Hans-Dampf-in-allen-Gassen, das verrückte Huhn, der Betrunkendste auf jeder Party, für jeden Mist zu haben, haben uns weiterentwickelt und nun genießen wir in vollen Zügen die Ruhe in unserer kleinen Welt, mag sie nun aus einem kleinen Appartement, einer südländischen Veranda, aus superspießigen Kleinfamilienritualen oder aus einer einsamen Insel bestehen. Unsere Ruhe und Gelassenheit wird bewundert. Vom großen Zampano, der wir mal waren, scheint nichts mehr übrig zu sein. Ja, die meisten, die uns heute kennen lernen, können sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, „wie wir mal drauf waren“.

Man hält auch hier das „momentane Sein, das einem entgegentritt“ für „das ganze Sein dieses Menschen“. Und auch hier liegt man natürlich im Irrtum. Man sieht nicht den Prozess, der gerade abläuft, der schon abgelaufen ist, der noch ablaufen wird oder der ablaufen könnte.

Dieses Hintersichhaben gibt es in zwei Formen: In einer noch unsicheren Form, in der die Negation der Negation noch sehr aktiv ist. Man bemerkt sie oft an unserer starken Wertung, an unserem Moralismus, an der starken emotionalen Ladung.

Der Grund für diese „Geladenheit“ ist: Wir kämpfen immer noch einen Zwei-Fronten-Krieg: Wir kämpfen gegen eine Macht in unserem Inneren und gleichzeitig gegen Trigger, die uns „im Außen“ (i.e. in der Regel: bei anderen Menschen) begegnen. Und indem wir das Gleiche bei anderen abwerten, versuchen wir selbst „mit Gewalt“ anders zu werden; ein Anderer zu werden.

„Überkompensation“ nennen wir das manchmal und haben dafür den alten Spruch bereit: Die schärfsten Kritiker der Elche/ waren früher selber welche.

Und es gibt die schon etwas gelöstere Variante, in der man uns eben gar nicht mehr anmerkt, was für ein – doppeltes – Thema wir mit einem Thema mal hatten: Was wir ursprünglich negiert haben in unserem Leben, an uns selbst. Und was wir dann später „gegen-negiert“ haben in unserem Leben, an uns selbst.

Die Neigung zu starken Wertungen nimmt dann in der Regel ab. Wir werden freier.

Pfadabhängigkeiten des Seins

So haben wir an Persönlichkeit verloren, aber an Freiheit gewonnen. Und manchmal (oder meistens?) bleiben von solchen Prozessen „Reste“ oder „Rückstände“, an denen spürbar ist (für uns, für andere), welchen Weg wir gegangen sind und was wir bereits alles hinter uns haben.

Denn Prozesse hinterlassen Spuren. Der Weg war wichtig. Er ist „irgendwie bei uns geankert“. Dass wir nicht „schon immer so waren“ oder „schon immer AUCH SO sein konnten“, das macht für uns selber keinen kleinen Unterschied. Denn die Wege, die wir gegangen sind, hatten in der Regel ihre Preise für uns: Wir mussten, um sie zu gehen, einiges investieren. Und wir mussten, um sie gehen zu können, auf einiges verzichten.

Es ist eben der Unterschied zwischen jemandem, der bereits reich geboren ist, und jemandem, der seinen Reichtum erworben hat. Zwischen jemandem, der schon immer aggressiv war, und jemandem, der sich die Fähigkeit zur Aggressivität mühevoll erarbeitet hat. Zwischen jemandem, dem die Gabe der Rede „in die Wiege gelegt worden ist“ und jemandem, der durch Einiges hindurch musste an Ängsten, Tränen, Freuden, um heute so reden zu können, wie er es heute eben kann.

Und vielleicht ist auch das eine andere Form von „Persönlichkeit“. Ob diese Form von Persönlichkeit dann noch „negativ“ ist, das vermag ich nicht sicher zu sagen.

Und vielleicht ist das dann auch gar nicht (mehr) so wichtig.

Sich um andere kümmern, sich um sich selber kümmern

Vielleicht wird mir ja eines schönen Tages mal irgendjemand in aller Ruhe, Länge und Breite erklären, was der Widerspruch zwischen diesen beiden Aktivitäten sein soll. Warum sie sich wechselseitig ausschließen, warum sie sich nicht gut miteinander vertragen und warum beides gleichzeitig völlig unmöglich ist.

Denn wir kommt es so vor, als sei gerade das Gegenteil wahr: Um so mehr ich mich um andere kümmere, um so besser kann ich mich auch um mich selber kümmern. Und um so besser ich mich um mich selber kümmere, um so besser bin ich für andere da.

¯\_ツ_/¯

Demokratie ist Liebe

Wenn Liebe eine Tätigkeit ist, bei der wir unsere Arme öffnen und alles von Herzen annehmen was da ist, wie einige von uns behaupten, dann können wir sagen: Democracy takes love to the next level.

Denn in der Demokratie kommen wir mit allen Menschen, die da sind, zusammen. Statt die meisten Menschen von uns wegzustoßen, wie wir das im Privaten ganz natürlich tun, in einer liebevollen Bejahung unserer menschlichen Grenzen. – Ja, auch und vor allem diese Bejahung der eigenen Grenzen ist Liebe!

Das Politische, wenn es wirklich verstanden wird, ist die zeitweise Aufhebung dieser für uns wichtigen Grenzen des Privaten. Wir kommen dann wirklich ALLE zusammen. Das Wegstoßen und Sich-Einigeln endet für die Zeit, in der wir uns im Raum des Politischen aufhalten. Wir kommen nicht nur mit dem uns unmittelbar Angenehmen und Vertrautem zusammen, nicht nur mit dem, „was uns ähnlich sieht“; sondern mit ALLEM Menschlichen, was da ist.

Das, was uns die ganze Zeit „irgendwie“ umgibt, umgibt uns dann bewusst. Im Politischen findet die Allgemeinheit Zugang zu unserem Bewusstsein.

Unser politisches Bewusstsein ist daher ein anderes als unser privates Bewusstsein. Wir selbst sind in der Politik andere als die, die wir als Privatmenschen sind.

So werden aus Mitmenschen, mit denen wir in einer Zweck-WG namens „Welt“ leider, leider zusammenleben müssen, so eine Scheiße!, Mitbürger, mit denen wir uns wirklich vereint fühlen und gerne zusammen sind, wundervoll!

Diese Transformation, die wir mit dem Politischen, die wir mittels Demokratie bei uns selbst bewirken, ist in von Anfang bis Ende ein Akt der Liebe. Wenn wir manchmal sagen: „Nur die Liebe kann uns verwandeln“, so dürfen wir feststellen: „Demokratie ist Liebe“.

Deswegen ist es so wichtig, dass wir unsere Abwehr, unseren Abscheu und unseren Hass nicht hinein in das Politische tragen. Parteien sind im Herzen der Demokratie am falschen Platz. Das spricht nicht im geringsten gegen die Bildung von Parteien an sich. Es spricht nur dafür, dass Parteien am rechten Fleck zur Geltung kommen und nicht dort, wo wir uns mit ihnen selbst schädigen. Die Demokratie ist ein Vorgang des Zusammenkommens und der Einigung, nicht des Auseinandertretens und der Entzweiung.

Nur wenn unsere demokratischen Prozesse uns Offenheit für „alle anderen“ ermöglichen, passiert, was nur im Politischen und nur durch Demokratie passieren kann: Wir gehen anders aus unserem bürgerschaftlichen Zusammenkommen hervor als wir in diese Zusammenkünfte hinein gegangen sind. Wir betreten das Politische so wie wir sind. Und betreten dann wieder das Private nach unseren wiederholten Kurz-Aufenthalten in der Politk, noch mehr wie wir sind.

Ob wir realisieren, dass Demokratie eine Pflege unserer Liebe ist (anstatt ein Kampfplatz unserer Ängste und Eitelkeiten), hängt daher ganz wesentlich von „Design“ unserer politischen Verfahren und Institutionen ab. Bei allem, was „Haltung“ durchaus bewirken kann: Wenn wir uns mit unseren Institutionen einen liebevollen Umgang miteinander all zu sehr erschweren, wird Empathie, wird Liebe zu einer Überforderung. Und unser Fordern von Liebe kippt dann gerne in ihr genaues Gegenteil. Wo wir Liebe, Verständnis und Einigung wollen, entsteht Streit, Hass und Zwietracht.

Politik und Demokratie sind, so schwer das heute für uns zu begreifen ist, Miteinander ohne Gegeneinander.

Miteinander als Zusammenspiel von Miteinander und Gegeneinander, das haben wir bereits im Privaten. Dafür brauchen wir Politik und Demokratie nicht.

Eine kleine Paradoxie unserer heutigen Zeit, in der wir die Chance haben, erneut eine Demokratie als unsere Verfassung zu realisieren, besteht daher in der Frage, ob Liebe nur aus Liebe enstehen kann, oder ob Liebe auch aus Nicht-Liebe enstehen kann. Und so mancher Philosoph redet sich bei dieser Frage heraus auf ein: „Ich weiß es nicht und will DAS auch gar nicht wissen.“

Klischees ausbeuten

Klischees sind besser als ihr Ruf. Unser Gehirn ist nunmal ein sehr faules Organ, soviel ist mittlerweile wissenschaftlich nachgewiesen. Und Klischees sind die breit ausgelatschten Abkürzungs-Trampelpfade im Gehirn.

Das mag ärgerlich für uns sein, wann immer wir von anderen in eine Schublade gesteckt werden, in die wir nicht gehören. Oder weil uns der Wind der Anderen immer dann besonders steif ins Gesicht bläst, wenn wir aus einer Klischeevorstellung ausbrechen, deren Ungebrochenheit den Anderen ihr eigenes Bequem-und-Ungestört-Weiterleben ermöglicht.

Aber die Klischees, die auf uns angewandt werden, haben zugleich auch große Vorteile für uns selber. Und darüber wird deutlich seltener gesprochen.

Sobald wir uns in Klischees ganz bewusst fügen, die uns leicht übergestülpt werden können (und nebenher nicht vergessen, dass wir gerade ganz bewusst, aber eben auch ganz bequem schauspielern), wird das Leben mit unseren lieben Mitmenschen erschreckend leicht:

Das geht bei den guten alten Mann/Frau-Klischees los. Dabei geht es natürlich nicht nur um uns Männer, die qua Klischee nach wie vor karrieretechnisch gewaltig von Mann-Zuschreibungen profitieren. Wir dürfen die Show halt nur nicht dadurch versauen, dass wir unsere vorhandene „weibliche Seite“ all zu deutlich auf die Bühne lassen. Wir können also im Beruf absolute Diven sein, so richtig schön empfindliche Primeln. Wir dürfen uns das dort halt nur äußerlich nicht anmerken lassen. Der „starke Max, der immer ganz genau weiß, wo’s lang geht“ ist für uns Pflicht, wollen wir das Klischee für unsere Zwecke ausbeuten. Und genauso kann ich als Frau nach wie vor durch die zahlreichen möglichen Variationen der Prinzessinnen-Rolle einiges bekommen, das auf kaum einem anderen Weg erreichbar wäre. Frauen, die das „Huch, ich liege hier mit meinem Kleidchen im Schlamm und weiß mir gerade aber auch sowas von gar nicht zu helfen! Mag mir denn kein strahlender Ritter auf dem weißen Pferd aufhelfen und mir mit seinen starken Armen genau das, aber haargenau das bringen, was mir gerade eingefallen ist, dass ich das unbedingt möchte…?“ beherrschen, samt gut getimten, zartem Augenaufschlag, haben in zahlreichen „Männerbuden“ leichtes Spiel. Und auch hier heißt es: Die Rolle immer schön durchziehen. Auf keinen Fall zeigen, dass man in Wahrheit deutlich besser weiß als der liebe Herr Ritter, wo der Hammer hängt, wo der Bartl den Most holt und wie man einen Schlagbohrer korrekt bedient.

Aber damit hört es ja noch lang nicht auf: Menschen mit ausländischem Akzent und genauso Menschen mit etwas zurückhaltenderem Kommunikationsstil werden oft irrtümlich für deutlich dümmer gehalten als sie sind. – Und so mancher „Zugroaste“ hat, als es ihm zu blöd wurde mit irgend so einem daherglafnen Kreizkrippi, davon profitiert, dass er sich auf sein „Ich nix verstehn“ rausreden konnte. – Und man ihm das natürlich, Klischee, Klischee, abkaufte.

Und der in natürlich ausnahmslos allen Situationen überaus zurückhaltende „Introvertierte“ kann sich vor lästigen Vortragsaufgaben drücken, indem er – natürlich erwartungsgemäß dezent – auf seine angeborene Schüchternkeit hinweist. Ist seine persönliche Darstellung gekonnt und ausgefeilt genug, wird er auch das gar nicht nötig haben: Man wird in seinem Umfeld ganz automatisch „an ihm vorbei denken“, wenn es um ganz solche Aufgaben geht. So erspart man sich auch manch lästiges Gespräch beim Kunden.

Dafür kann dann der lässige, weltläufige Vertriebler sich erfolgreich vor so manchem Bericht, vor Auseinandersetzungen mit technischen Details und ähnlichem lästigen Quark drücken, der aber nunmal leider von irgendwem gemacht werden muss. Er ist als professioneller Menschenverzauberer eben ein „halber Künstler“, der halt nur leider für Aufgaben aus dem Bereich Management, Buchhaltung, Berichtswesen und IT absolut unbegabt ist. Das ist bei ihm genetisch. Aber was verzeihen wir einem solchen Menschen nicht alles!?

Viele Menschen mit asiatischem Background haben mir davon berichtet, wie elend sie einige Asia-Film-Klischees anöden, mit denen sie hierzulande immer und immer wieder konfrontiert sind. Es sei zum Kotzen (was so ein höflicher Asiate natürlich nie im Leben so sagen würde, versteht sich). – Aber wenn so jemand in eine leicht bedrohliche Notlage gerät, braucht er sich nur in irgendeine Bruce-Lee-Jackie-Chan-Jet-Li-Pose zu werfen – und prompt wird dem meisten von uns sofort anders. Denn wer könnte sicher ausschließen, dass er nicht wirklich einen heimlichen Wan-Tan-Meister im 18. Dan mit silberstahlblauem Gürtel vor sich hat, der jahrelang von einem der letzten lebenden Meister der Lao-Duck-Tradition in die Mangel genommen worden ist und einem nun mit absoluter Leichtigkeit und austrainierter Todeskralle die Fresse polieren wird? Lang lebe die Bruceploitation!

Beim Bewerben ebenfalls sehr hilfreich: Wenn ich bereits ein etwas älteres Semester auf dem Arbeitsmarkt bin, kann ich auf nahezu alle Fragen nach meinem Können locker mit „Kein Problem. Kann ich.“ antworten. Sehr viel mehr braucht es nicht. Vielleicht noch eine kurze Geschichte, dass ich was sehr Ähnliches schon mal bei Firma XY gemacht habe. – Denn Kompetenz wird mir kraft meiner „Seniorität“ einfach unterstellt. Aber eben nur dann, wenn ich das nützliche Klischee nicht durch langatmige Rechtfertigungsgeschichten mutwillig zerstöre. Denn dadurch wecke ich als alter Sack Hunde, die bei mir als altem Sack bis gerade eben noch tief und fest geschlafen haben…

Oder umgekehrt: Sie sind jung und faul? Das Berufsleben spielt bei ihnen nicht die erste Geige, sondern allerhöchstens eine Triangel, die im Gesamtkunstwerk ihrer Existenz überaus ökonomisch zum Einsatz kommt? Und sie müssen sich leider dennoch bewerben? – Kein Problem! – Kraft ihrer relativen Jugend wird ihnen „Motiviertheit“ qua Klischee einfach unterstellt. Wippen sie dynamisch hinein, erzählen sie mit durch leichte Atemlosigkeit vorgetäuschtem Enthusiasmus, dass sie bei ihrem neuen Traumarbeitgeber „richtig was reissen wollen“ – und machen sie sich ihren faulen Arbeitslenz spätestens nach Ablauf der Probezeit!

Mir selber kommt z.B. mein Intello-Klischee sehr zupass. Ich bin ein relativ groß gewachsener, zaundürrer Schlacks mit dazu passender Brille, ein paar unzähmbaren Wirbeln im Haarschopf und kann bei Bedarf reihenweise lateinische und altgriechische Fremdworte in meinen Duktus einstreuen. – Auf diese Weise gehe ich auch in Gebieten, auf denen ich von Tuten und Blasen keinerlei Ahnung habe, als „Experte“ durch. Auch wenn ich mir selber gerade schrecklich dumm vorkomme, bietet mir die großartige Welt meiner lieben Mitmenschen an, einen auf Schlaubi-Schlumpf zu machen. – Damit kann man gut andere beeindrucken und seine eigene Unsicherheit kaschieren. Es wird einem eher zugehört und man kann damit sogar Geld verdienen. – Dass ich lange leidenschaftlicher 60-er-Fan war, mit der meisten Schöngeisterei rein gar nix anfangen kann, dass mein Lieblingsessen irgendwas zwischen „Schnitzel mit Pommes“ und „Spaghetti Bolognese“ ist und Def Leppard meine Lieblingsband, das verschweige ich in den entsprechenden Situationen natürlich. Ich will ja mein Klischee ausbeuten, nicht crashen!

Klischees sind fette, breite, 8-spurige Einladungen zur Schauspielerei zum eigenen Vorteil.

Natürlich nerven sie. Aber warum sich über sie aufregen, wenn man sie auch so wunderbar ausbeuten kann? Wenn man mit ihnen so viel Spaß hat und in den weitgehend mühelosen Genuss unglaublicher Vorteile kommt? – Wir können so ein wahnsinniges, einfaches Leben haben, sobald wir die Klischees, die man uns anbietet, offensiv zu bespielen beginnen…

Klischees sind eigentlich nur dann nachteilhaft für uns, wenn wir in einer Beziehung dann gar nicht mehr aus der Rolle fallen dürfen. Und das geschieht natürlich deutlich schneller als uns lieb ist. Andere Menschen gewöhnen sich an unsere schauspielerischen Darbietungen. Klischeehafte Rollen werden uns angeboten, wir nehmen das „Engagement“ in dieser Rolle offensiv an – und dann will man uns eben nicht mehr aus dieser Rolle entlassen. Das wär ja auch noch schöner! Unsere Darstellung war einfach viel zu gut dafür! Wir werden in dieser unseren Rolle für alle Zeit gebraucht, geliebt, gewohnt.

Es ist ganz so wie in diesem einen Loriot-Cartoon: Hast Du den richtigen Gesichtsausdruck (schiefes Lächeln, Moustache, …) einmal gefunden, kommt alles darauf an, ihn fortan in allen Lebenslagen und um jeden Preis beizubehalten! Keinesfalls darf er jemals wieder verändert werden! Das würde die eigene Umwelt nur überfordern und unvorhersehbare Reaktionen bei ihr hervorrufen!

Aber ganz ehrlich? Auch dafür gibt es Lösungen.