Ich neige ja dazu, mich dem Menschlichen zu nähern als sei ich eine Art Alien: Staunend im Angesicht des mir völlig Fremden.

Mit diesem Abstand kann man einige recht abstrakte Fragen stellen, z.B. auch die, wofür Menschen andere Menschen überhaupt brauchen? Immerhin hat ein Mensch so ziemlich alles an sich, um auch irgendwie alleine klar zu kommen, Robinson Crusoe lässt grüßen. Wozu, zur Hölle, brauchen wir einander also eigentlich?

Neben dem, was man an naheliegenden Antworten auf diese Frage finden kann…:

1. Arbeitsteilung: Was Du gern machst und ich ungern mache, was ich gern mache und Du ungern machst, lässt „Tauschhändel“ zu, bei denen wir beide froh sind, „einander zu haben“

2. Zusammenschluss als Schutz vor Bedrohungen, wobei heutzutage die meisten Bedrohungen in völlig gleich gearteten Zusammenschlüssen anderer Menschen bestehen.

3. Vieles, was Menschen Spaß und Freude macht, kann man deutlich besser zusammen machen. Manches davon würde in einer Welt aus sich zellteilenden Solipsisten auch einfach überhaupt nicht zustande kommen.

…Kann man als Alien noch zwei weitere abstrakt formulierbare menschliche Menschenbedarfe erkennen, die in unserer gegebenen Gesellschaft etwas seltener artikuliert und bewusst gemacht werden:

4. Menschen brauchen andere Menschen, um ihre Innenzustände passend gespiegelt zu bekommen, weil wir uns ohne eine solche passende Spiegelung selbst nicht richtig wahrnehmen können. Werden wir über einen längeren Zeitraum nicht angemessen von anderen Menschen gespiegelt, werden wir automatisch „seltsam“, entwickeln wir Spleens, verfangen wir uns in den unzähligen Fäden unseres eigenen neuronalen Netzes. Wir können uns selber nur durch andere Menschen „richtig spüren“. Die lustvolle Komponente von Wettkampfsportarten geht auf einen ähnlichen Effekt zurück. – Die Basisfunktion des Menschlichen ist die Gefühlsäußerung, auf die bessere oder schlechtere menschliche Reaktionen erfolgen. „Die Hölle“, das sind nicht „die anderen“. Die Hölle für intelligentes Leben besteht darin, wenn es kein anderes intelligentes Leben gibt.

5. Menschen brauchen andere Menschen, um nicht verloren zu gehen in unendlichen Handlungsmöglichkeiten, die einem Wesen von der Bauart „Mensch“ offen stehen. – Oft hat man in vergangenen Reflexionen über „den Menschen“ gesagt, es handele sich bei uns um ein vergleichsweise „instinktarmes“ Wesen. Indem wir für alles, was wir tun, denken, fühlen, äußern nach mitmenschlicher Bestätigung, Verurteilung oder Nicht-Darauf-Eingehen Ausschau halten, begrenzen wir die Überfülle unserer Handlungsmöglichkeiten. Wir tun das selbst noch in der „Rebellion“. Es ist daher sicher nicht ganz falsch, „Gesellschaft“ als Komplexitätsreduktion aufzufassen. – Wir haben gemeinsam nicht nur deutlich mehr Handlungsmöglichkeiten als für uns alleine. Sondern zugleich auch deutlich weniger Handlungsmöglichkeiten. Es gibt eine heimliche oder unheimliche Sehnsucht im Menschen danach, von etwas, das ihm ähnlich ist, „erzogen“ zu werden. Und vielleicht hängt ein Großteil unseres Lebens mit der Frage zusammen, in welcher Art und Weise diese „Erziehung“ erfolgt oder eben ausbleibt.

Denkt man sich die Absurdität eines Wesens ab einem gewissen Intelligenzgrad, das zugleich solipsistisch ist, dass völlig alleine lebt, finden wir in dieser Vorstellung kein „freies Wesen“, sondern ein haltloses Wesen, das keine Erfüllung finden kann, weder in sich selbst, noch in der Welt. Es fehlt diesem Wesen dann zu sehr an Resonanz, an sinnvollem Austausch, um irgendwie halbwegs sinnvoll „orientiert“ zu sein.

Das steht in keinem Widerspruch zur Wahrnehmung, dass Beziehungen Menschen ziemlich unfrei machen können. Vielmehr liegt jener Vorstellung und dieser Wahrnehmung der gleiche Mechanismus zugrunde.

Aus solchen Überlegungen kann man dann direkten Weges ableiten, dass jegliches intelligente Leben zwingend „Politik“ braucht. Und dass intelligentes Leben nicht nur unweigerlich Politik braucht, sondern ebenso zwingend Demokratie.