Es hat mich immer mit am meisten fasziniert, wie stark und wie schnell sich Menschen unter ganz bestimmten Umständen wandeln können.

Es ist beinahe so – pathetisch formuliert – dass wir die Wunder dieser Welt immer „da draußen“ im „Außermenschlichen“ gesucht hätten. Und es ist ja auch viel Wundersames dort zu finden. Und zugleich kommt es mir so vor, als wären die allergrößten Wunder „in“ uns zu finden, oder vielleicht besser gesagt: zwischen uns.

Doch die Bewusstwerdung über die wundersame Wandelbarkeit des Menschen wird oft zugleich zu einer Hypothek: Sie führt zu Erwartungen, dass Menschen sich schnell und einfach und stark und nachhaltig ändern sollen, weil wir wissen, dass Menschen sich schnell und einfach und stark und nachhaltig ändern können. – Die Sehnsucht nach dem Menschlichen wird sich selbst zu einem Problem.

Das Sollen, die Fremdbestimmung, ist ein Faktor in sich selbst. Und er greift die Würde des Menschlichen an, indem er der wundersamen Wandelbarkeit der menschlichen Substanz von außen vorschreiben möchte, welche Gestalt sie anzunehmen hätte.

Die Paradoxie des menschlichen Wunders ist jedoch, dass es nur zur Entfaltung kommt, wenn es kein Sollen gibt. Denn wer sollte „Träger“ jenes Sollens sein? Sollen ohne ein Subjekt, das sagt: „Hier soll etwas anders sein. Hier ist etwas nicht gut. Hier muss etwas anders werden als es ist!“ macht keinerlei Sinn. Und in unserer menschlichen Welt kommen jeweils nur Menschen dafür in Frage, Träger eines solchen Sollens zu sein. Es läuft also darauf hinaus, dass Menschen Menschen Vorschriften zu machen versuchen. – Und unter solchen „Bedingungen“ kommt das menschliche Wunder nunmal nicht zum Tragen. Es braucht die Freiheit der Beziehung, nicht verkappte oder offene Bevormundung und Herrschaft.

Freiheit in Beziehung ist außerordentlich voraussetzungsreich. Viel voraussetzungsreicher als wir manchmal ahnen. Nach meinem Dafürhalten auch viel politischer.

Denn wenn wir uns fragen, was wir dafür eigentlich brauchen, um „freie Beziehungen“ miteinander aufbauen und unterhalten zu können, dann führen diese Fragen mittenhinein ins Politische: In die Frage nach der aktiven, gemeinschaftlichen Gestaltung der Rahmenbedingungen unserer alltäglichen Beziehungen, in denen sich dann menschliche Wunder ereignen können (oder eben nicht).

Oftmals glauben wir heute nicht daran, dass es so eine freie aktive gemeinschaftliche Gestaltung von Gesellschaft geben kann. Wir glauben nicht wirklich, dass Demokratie möglich ist. Wir befürchten „Tyrannei“ (allgemeine Sklaverei und Vernichtung der menschlichen Würde), wenn wir das politische Feld mit Hoffnung aufladen und befrachten. Einer Hoffnung, die nach unseren Annahmen zwangsläufig enttäuscht werden wird. Einer Hoffnung, die unsere Politik, so wie wir sie kennengelernt haben, nicht einlösen und nicht tragen kann.

Und doch ist der moderne Staat ein Fakt. Irgendjemand herrscht. Ganz unvermeidlich und zwangsläufig. Irgendwer macht die Gesetze. Irgendwer entscheidet über den Einsatz des staatlichen Gewaltmonopols. Irgendwer entscheidet über den Einsatz der gemeinsamen, bürgerschaftlichen, staatlichen Mittel. So dass die Frage „wer herrscht“? ebenso unvermeidlich und zwangsläufig ist. – Die Demokratie gibt darauf die Antwort: Alle herrschen, als Gleichrangige, Gleichwürdige, Gleichwichtige, Gleichbeteiligte. Auf dass niemand fremdbeherrscht sei, sondern alle sich als von sich selbst beherrscht erleben können. – Und das ermöglicht, überraschenderweise, eine allgemeine Freundschaftlichkeit zwischen uns als Bürgern.

Wenn ganz realistischerweise niemand von uns mehr befürchten muss, fremd beherrscht und fremd bestimmt zu werden, wenn keiner von Außen mit Sollen konfrontiert wird, weil sein eigenes Wollen im Staat sicher enthalten ist, dann wird das menschliche Wunder zu einer Alltäglichkeit.

Ohne Politik, ohne Demokratie bleibt die menschliche Wunderlichkeit meist im Verborgenen. Sie ist kein Thema. Sie wird völlig übersehen, von unseren Mitmenschen genauso von uns selbst. Wir glauben dann: „Wir sind nunmal so.“ Wir werden zu Objekten. Wir glauben zu „sein“, anstatt zu wissen, weil wir ständig erleben, was wir alles werden können.

Die Verwirklichungen des menschlichen Wunders haben also viel damit zu tun, ob wir glauben, dass ein vollkommen demokratischer Staat möglich sei. Und damit auch gemeinschaftliche Selbstbestimmung und nicht nur individuelle.

Aus einer politischen Perspektive betrachtet, ist auch jene „individuelle Selbstbestimmung“ nur Anschein. Eine Freiheit, die sich etwas vormacht, weil sie die Bedingungen unter denen sie ihre privaten Entscheidungen trifft, nicht politisch mitbestimmt hat.

Das menschliche Wunder braucht Freiheit. Es braucht jene vollständige Freiheit, die nur im Politischen erreichbar ist, in der Mitbestimmung über die Institutionen der Gesellschaft, durch die wir wiederum uns bestimmen: Unsere aktuellen Möglichkeiten und unsere aktuellen Grenzen.

Das alles genügt vielleicht als Andeutung, warum ich glaube, dass Demokratie und menschliche Selbsterkenntnis untrennbar miteinander verknüpft sind. Verknüpft nicht mit jener einsamen Selbsterkenntnis, die sich uns Menschen als asoziale Wesen denkt. Sondern verknüpft mit jener Form von Selbsterkentnnis, die nur im Zwischenmenschlichen zustande kommt, die die gemeinsam-aktive Gestaltung des Zwischenmenschlichen braucht, um sich ereignen zu können.

Wer sich fortgesetzt über „die Menschen“, über seine Mitmenschen, über sich selber wundern möchte, der braucht dafür Demokratie.

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