Manche behaupte ja, der Mensch sei „das lügende Tier“. Und vielleicht müsste man genauer sagen: Der Mensch ist das sich selbst belügende Tier. Das einzige Tier, dass sich selber in einem Ausmaß selber etwas vormachen kann, dass es beginnt, sich mit seiner eigenen schauspielerischen Darbietung dauerhaft zu identifizieren.

Wenn es also auch stimmen mag, dass die Lüge keineswegs eine menschliches Alleinstellungsmerkmal ist, so stimmt es auch weiterhin, dass der Mensch wohl bisher das einzige Wesen ist, dass vergessen kann, dass es schauspielert, während es schauspielert, so dass die eigene Inszenierung uns zu einer handfesten Realität werden kann, aus der es für uns nicht mehr ohne Weiteres ein Entkommen gibt.

Da wir soziale Wesen sind, reagieren andere Menschen auf unsere „Lügen“, auf unsere Schauspielerei, stellen sich auf sie ein und stellen dann – via sozialer Rückkopplung – auch uns selbst auf unser Schauspiel ein. Alle Hochstapler der Welt nutzen diesen sozialen Kopplungsmechanismus. Was weniger anerkannt ist: In diesem Sinne sind wir alle beinahe ständig „Hochstapler“.

Dennoch ist es in den allermeisten Situationen keine wirklich gute Idee, das Schauspiel des Mitmenschen, mit dem man konfrontiert ist, einfach zu übergehen. Also „die Wahrheit“ einfach direkt anzusprechen, worin auch immer sie gerade bestehen mag.

Auch unsere schauspielerische Leistung will respektiert und beachtet sein. Gerade dann, wenn sie uns zur zweiten Natur geworden ist; wenn wir also vergessen haben, dass wir das gar nicht „sind“, was wir darstellen; wenn wir unsere eigene Schauspielerei nicht mehr wahrnehmen können.

Menschen, die voll auf der Höhe ihres eigenen Tuns sind, sind selten. Und selbst dann handelt es sich um vorübergehende Zustände. Es ist einfach sehr aufwändig, um nicht zu sagen: anstrengend, sich selber stets voll im Blick zu behalten. Daher täuschen wir uns immer wieder über uns selbst und brauchen dann andere Menschen, um aus unserer angenommenen Rolle wieder aussteigen zu können und unsere Freiheit zu offenem Selbstausdruck oder anderem Schauspiel zurückzugewinnen.

Paradoxerweise kann uns „das Soziale“: können unsere Mitmenschen uns sowohl unfrei machen als auch von unserer selbst mit verursachten Unfreiheit befreien. Wir brauchen andere Menschen dazu, nicht in unserem Uns-Selbst-Belügen unterzugehen. Aber wir gehen in jeder einzelnen Interaktion das Risiko ein, dass uns andere auch bei unseren Selbstlügen bestärken können. Und sei es, weil sie uns unser aus dem Moment heraus entstandenes, spontanes, situatives Schauspiel abgekauft haben. Frei nach dem Uralt-Witz: „Aus Spaß wurde Ernst. Ernst ist jetzt 5 Jahre alt.“

Das ist auch der Grund, warum wir uns in der Beziehung zu uns völlig fremden Menschen oft „freier fühlen“ als in Beziehungen zu viel vertrauteren Menschen. Beziehungen, in denen sich die wechselseitige Schauspielerei bereits aufeinander eingepegelt hat und es manchmal kaum mehr ein Entkommen aus fixierten, uns einengenden „Rollen“ zu geben scheint.

Doch im Kern ist jede einzelne unserer Interaktionen miteinander für alle beteiligten Menschen eine Chance: Eine Chance, ein anderes Rollenangebot zu bekommen; das eigene Rollenrepertoire zu erweitern; oder Rollen zu spielen, die wir schon lange nicht mehr eingenommen haben. Wir können unser soziales Miteinander verstehen als ein einziges großes, nur vermeintlich „chaotisches“ Improvisationstheater.

In diesem Theater des Lebens sagt mir die Rolle, die mein menschliches Gegenüber gerade einnimmt: „Geh auf mich ein. Beachte die Rolle, die ich gerade gebe – und nimm Rollen ein, die dazu irgendwie passen.“ – Doch indem das Ganze spielerisch bleibt, indem nicht vergessen wird, dass es sich im Grunde um Theater handelt, können die Rollenwechsel beschleunigt werden. – Unser Leben wird dadurch „abwechslungsreicher“.

Es wäre absurd anzunehmen, dass dieses Theater im Alltag völlig „unbeschwert“ sein kann; dass es keinen menschlichen Begrenzungen und Restriktionen ausgesetzt wäre; dass wir völlig ungebunden wählen könnten, was wir gerade wollen und brauchen.

Und es ist genauso absurd zu ignorieren, wie Schauspiel-begabt wir Menschen als Menschen sind.

Den ausdrücklichen Willen von Menschen zu beachten, bedeutet daher, die Rolle, die gerade auf seiner Bühne ist, zu achten. Und genauso das dahinter: Die Bedürfnisse zu achten, die sich hinter der Rolle verstecken, die in ihr nicht zur Geltung kommen. Oder die Bedürfnisse, die zwar zur Geltung kommen, aber auch durch ganz andere Rolleneinnahmen zur Geltung kommen könnten.

Es bedeutet, dass wir „mitspielen“. Im Bewusstsein, dass es ein „anders“ und ein „dahinter“ des momentan von uns beiden gemeinsam aufgeführten Stückes gibt.

Das ist wie erwähnt relativ aufwändig. Und unser Hirn ist aus guten Gründen ein recht faules Organ, das sich ökonomisch zu verhalten versucht.

Bei der offensiven Schauspielerei anstatt beim Vergessen der eigenen Schauspielerei und der Schauspielerei seiner Mitmenschen wird man daher nur bleiben, wenn man sie überaus lustvoll gestalten kann.

Das gilt für unsere privaten Beziehungen ganz genauso wir für unsere politischen Beziehungen miteinander.

So will in allen zwischenmenschlichen Interaktionen im Grunde immer beides beachtet sein: Die momentane Inszenierung und die menschliche Möglichkeit, das Miteinander auch völlig anders zu gestalten.

Unser Wollen ist in eine Rolle eingeflossen. Dieser menschliche Wille gibt der Rolle ihre Kraft und ihre Würde. Da aber das menschliche Wollen stets sehr viel in sich differenzierter ist, als die momentane Rolle glauben macht, sind wir genauso dankbar, wenn unsere Mitmenschen nach einem kurzen Kotau vor unserem Rollenspiel „ganz andere Seiten“ von uns adressieren. Also erst in unsere Inszenierung einsteigen und dann wieder aus unserem Spielangebot aussteigen und uns ganz neue Inszenierungen unserer Selbst anbieten.

Das menschliche Wollen verfängt sich gern in sich selbst. Was gestern noch gut und nützlich für uns war, ist heute unser selbsterschaffenes Gefängnis, in dem wir aus lieber Gewohnheit zugrunde gehen.

Friedliche Gefängnisausbrüche bewundern die großartig und kunstvoll gebauten Mauern ganz genauso wie die vielen Risse, undichten Stellen, lockeren Gitter, Versorgungskanäle, durch die wir uns selbst entkommen können. – Hinein ins nächste Gefängnis unserer Selbst.

Das Leben als gemeinschaftliche Ausbrecherkönige ist wirklich großartig. Und überaus achtungs- und respektvoll gegenüber dem menschlichen Wollen.

Ständige Ausbrüche aus diesem sehr speziellen Gefängnis: aus dem menschlichen Bewusstsein, sind nach meiner Auffassung nur in freundschaftlich-liebevollen Beziehungen möglich. Wir brauchen dazu andere Menschen, die uns unsere Lieblingsinszenierungen nur teilweise abkaufen. Die unsere schönen, mit viel Herzblut errichteten Mauern nicht direkt attackieren, also nicht etwa mit Brechstangen und Dynamit an uns herantreten, sondern die uns zu immer neuen und anderen Spielen einladen.

Mit Mut zur Lücke.