Die antike Tugend der Megalopsychia (Magnanimitas, ins Deutsche auch mit Großmut übersetzbar) ist etwas, das ich in unserem heutigen Alltag, bei meinen heutigen Mitmenschen, bei mir selber sehr vermisse.

Diese Tugend ist über die Jahrhunderte ziemlich auf den Hund gekommen. Soweit, dass wir oftmals völlig vergessen, dass es zwischen dem Kleinmut und dem Hochmut/Übermut noch ein Mittelding gibt: Eben den Großmut.

Ich habe mit diesem Phänomen in meiner beruflichen Praxis täglich zu tun. Und mehr noch in meinem eigenen, persönlichen Leben.

Beruflich habe ich ständig mit Menschen zu tun, denen ich versuchen darf, ihren gewohnheitsmäßigen Kleinmut auszutreiben, mit der sie ihre eigenen Ziele sabotieren. Es handelt sich aus meiner Sicht keineswegs um einen Kleinmut, der „ihre Schuld“ ist. Sondern um einen Kleinmut, der benennbare gesellschaftlichen Gründe hat. Denn Menschen, die nicht immer wieder auch unmittelbar erleben konnten, dass sie gesellschaftliche bestimmend sind, rutschen nach und nach immer weiter in den Kleinmut. Sie entwickeln „Sklaven-Geist“.

In ihrem Alltag vor die ungute Wahl gestellt, ob sie beständig Herrschende oder beständig Beherrschte, ständig Täter oder ständig Opfer sein wollen, entscheidet sich ein Großteil von uns sehenden Auges für die Sklaven-Position in einem solchen Geschehen.

Die Arbeit als Coach prädestiniert einen möglicherweise ganz besonders dafür, das Fehlen von Großmut in unserer Gesellschaft zu bemerken. Denn als Coach ist es ja sozusagen ein zentraler Bestandteil der eigenen „job description“, von Menschen größer zu denken als sie von sich selbst denken.

Arbeitet mit heutigen Menschen beinahe täglich daran, sich ihrer eigenen Selbstwirkamkeit wieder stärker bewusst zu werden, ist man mit interessanten Phänomenen konfrontiert. Z.B. auch damit, dass viele von uns eine ganz unglaubliche Angst davor haben, hochmütig zu wirken, zu anspruchsvoll zu sein, arrogant zu werden, etc.

Viele, so einen Eindruck kann man bei meiner Arbeit gewinnen, würden sich eher die Zunge abschneiden als etwas Gutes über sich selbst zu sagen. Oder sich eher das Gehirn lobotomieren als von sich selber in irgendeiner Hinsicht groß zu denken. Die allermeisten glauben, dass sie automatisch arrogant werden, wenn sie auch nur einen Hauch größer von sich denken. Sie pflegen innere Abwehr-Bilder à la: „so wie der … will ich auf keinen Fall werden!“ und nehmen an, schon kleinste Bewegungen in Richtung einer etwas großmütigeren Meinung von sich selbst würde aus ihnen solche Monster machen. Das führt zu lustig-tragischen Konstellationen, in denen Menschen, die immer noch überaus brav und bescheiden sind, ernsthaft von sich selber glauben, sie seien bereits bösartige Narzissten. Die Verwechslung von Großmut mit Hochmut ist also weit verbreitet, um nicht zu sagen: allgemein. Die Hasenherzigkeit in unserer Gesellschaft hat gewaltige Ausmaße.

Und über meine eigene, wahrscheinlich noch einmal überdurchschnittliche Hasenherzigkeit, über meine tausend Ängstlichkeiten und meinen Kleinmut, über all das schweige ich hier lieber.

Der Mangel an Großmut bei uns heute lebenden Menschen hat möglicherweise auch etwas mit unserer Gesellschaftsordnung zu tun: Die meisten von uns müssen sich in ihrem Alltag ständig Regeln beugen, auf deren Form sie faktisch so gut wie gar keinen Einfluss haben. Es ist für uns „normal“ geworden, in beinahe jedem Aspekt unserer Lebensvollzüge mit Fremdbestimmung zu tun zu haben. Und Menschen, die sich daran gewöhnt haben, fremdbestimmt zu sein, sind eben tendenziell kleinmütig. Wir nennen es dann zwar freundlicher: „bescheiden“, „demütig“, „unaufgeregt“. Aber dieser Etikettenschwindel ändert nichts daran, dass wir emotional gedimmt sind und in vielerlei Hinsicht nicht die Herrscher über unser eigenes Leben. Es ist keine Interpretationsfrage, sondern ein hard fact, dass wir die meiste Zeit über keine freien Menschen sind.

Ich habe lange mit der Entdeckung gehadert, dass die Demokratie ursprünglich aus einem aristokratischen Motiv heraus entstanden ist: Die Bürgerschaft wollte zum Adel aufschließen, wollte sich auf Augenhöhe mit ihm messen. Die Selbst-Aristokratisierung des Demos ist sehr wahrscheinlich das stärkste Motiv hinter der Erfindung sowohl der Politik als auch der Demokratie bei den antiken Griechen gewesen.

Mein Hader mit dieser historischen „Entdeckung“ kommt daher, dass ich gelernt habe, „Demokratie“ ganz wesentlich in ihrer Entgegensetzung gegen „Aristokratie“ zu verstehen: Hier alle, die gemeinsam die Formen ihres Zusammenlebens bestimmen. Dort einige wenige „irgendwie besondere“ Menschen, denen magische Fähigkeiten zugeschrieben werden, die sie exklusiv dazu befähigen, für die ganze Gesellschaft formgebend zu sein.

Dass die Demokratie aus dem Bestreben der Bürger entstand, „so zu sein wie der Adel“, ist vor diesem Hintergrund zunächst eine schwer zu schluckende Pille. Zumindest empfinde ich das so.

Mit Blick auf das, was es mit uns Menschen macht, was es aus uns Menschen macht, wenn wir:

a) beherrscht werden

b) andere beherrschen

c) uns selbst beherrschen,

ist dieses „aristokratische Motiv“ hinter der Demokratie jedoch wesentlich leichter nachzuvollziehen: Es ist nicht mehr und nicht weniger als das Streben nach Freiheit, einer Freiheit, die man den Aristokraten der eigenen Gesellschaft irrtümlich zuschreibt. Denn die Aristokraten in einer Aristokratie sind selbst nur scheinbar frei. Und sie verfügen auch nur scheinbar über Großmut. In Wirklichkeit fallen sie auf der anderen Seite der Tugendklippe hinunter: Sie fallen in den Hochmut bzw. Übermut. Wie könnte es auch anders sein? Wer herrscht, ohne beherrscht zu werden, kann sich nicht in der Mitte zwischen den Extremen bewegen; er kann nicht zu einer Mitte finden, die zugleich kein Kompromiss ist, sondern vielmehr eine Steigerung gegenüber den Extrempunkten. An den Extrempunkten: Als unbeherrschte Herrscher genauso wie als beherrschte Untertanen, verlieren wir einen Teil unserer Menschlichkeit.

Die Demokratie ist eine Gesellschaft, in der alle ihre Bürger großmütig werden, in der die Bürger durch ihre allgemeine und gleiche Beteiligung an der Politik davor geschützt sind, sich in Menschen zu unterscheiden, die ganz unvermeidlich kleinmütig oder hochmütig werden müssen.

Die Demokratie ist jene Gesellschaftsform, in der die Megalopsychia allgemein wird: In der alle Menschen selbstbewusst ihr Leben leben können.

Unsere Gesellschaft, die Menschen in ihr, wir alle können eine große Portion Nachschlag in Sachen „Mut“ vertragen. Auf der Ebene unserer Verfassung.

Die Demokratie ist jener institutionelle Rahmen, den wir uns geben, in dem wir uns alle regelmäßig als angemessen groß erleben können. In dem wir uns weder künstlich klein, noch künstlich groß machen müssen. Und in dem vor allem meine Größe Dich nicht klein macht, noch Deine Größe mich klein macht.

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