Manchmal ist die Nahmenswahl einfach treffend. Der Titel des von Wolfgang Scheffler und Kooperationspartnern betriebenen Projekts „Meeting Democracy“ zum Beispiel scheint mir ziemlich passend. Gerade in seinem Doppelsinn. – „Meeting Democracy“ kann ja beides bedeuten:

A) Die Gelegenheit, einmal echte, unmittelbare Demokratie kennenzulernen.

B) Eine Demokratie, die ganz wesentlich darin besteht, dass man einander begegnet.

Und bei der anstehenden Demokratisierung unserer Gesellschaft und unserer Institutionen geht es genau darum: Eine Begegnungskultur fest zu etablieren, in der wir nicht mehr nur rein medial miteinander zu tun haben, sondern unmittelbarer. Unsere Demokratie braucht Begegnungen. Und das nicht nur mal, gelegentlich. Sondern beständig, als Regelfall.

Bei dieser Begegnungs-Demokratie geht es auch gar nicht in erster Linie darum, dass „Politiker Bürger begegnen“. Das schon auch, ja. – Aber viel wichtiger ist, dass sich die Bürger wechselseitig begegnen. Und das ist weitaus weniger selbstverständlich, als wir mit unseren derzeitigen Verfahren und Institutionen anzunehmen scheinen. Dass wir uns einfach so, aus privater Initiative regelmäßig als Bürger begegnen, das gibt der Alltag einer modernen Großgesellschaft nicht (mehr) her. Wir können die Notwendigkeit regelmäßiger Zusammenkünfte daher nur noch schlecht unserem Alltag, unserem Privatleben überlassen.

Wir können heute nicht mehr so tun, als ob wir im Privatleben doch schon irgendwie alle zusammenkämen, trotz der sozialen Welten, die uns faktisch trennen. Trotz der zahlreichen Verpflichtungen und Reize, die unser Privatleben heute für uns bereit hält. Für jeden von uns. Stattdessen müsste heute eigentlich unsere Politik einspringen und genau das leisten und institutionalisieren: Politische Begegnungen, Begegnungen von Bürger zu Bürger. Denn privat werden diese Begegnungen nicht mehr zustande kommen. Es ist daher gewissermaßen „naiv“, das Bestehen einer solchen privaten Begegnungskultur auch heute noch einfach vorauszusetzen, wie wir das bisher tun.

Bevor also Bürger und Politiker interagieren, müssen zunächst die Bürger untereinander interagieren, damit eine „gute Demokratie“ entstehen kann.

Wenn wir mit Blick auf die Institutionen und Verfahren der antiken Demokratie von „bürgerlicher Gegenwärtigkeit“ sprechen und uns fragen, wie wir das in die Moderne Gesellschaft übersetzen können, dann geht es vor allem darum:

Dass der Bürger als Bürger seinem Mitbürger als Bürger regelmäßig begegnet und mit ihm politisch gehaltvollen Austausch hat. – Nicht irgendwelche Bürger mit irgendwelchen Bürgern. Also nicht die übliche, bereits im Privaten vorhandene „Grüppchenbildung“. Nicht Treffen unter „Seinesgleichen“. Nicht kochen im eigenen Saft. Sondern beständige Begegnungen aller Bürger mit allen Bürgern.

Erst das macht die Qualität der Demokratie aus: Dass alle Bürger im Dialog mit allen Bürgern stehen. Dass wir uns alle regelmäßig begegnen, ganz gleich aus welcher „Ecke“ der Gesellschaft wir gerade zufällig kommen. In konstruktiven Formaten von Politik.

 

 

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