Der Mitbürger ist ähnlich wie der Verwandte ein Mensch, den man sich nicht aussuchen kann. Viele machen ja heute den Eindruck, sie hätten gern „Wahlmitbürgerschaften“, die dann etwas ähnliches wie „Wahlverwandtschaften“ sein sollen:

Man bildet nur mit Menschen zusammen ein Staatswesen, „mit denen man das auch will“.

Und so ist ein Großteil unserer heutigen öffentlichen Kommunikation eine einzige, performative Ausbürgerung, und das wechselseitig. Was wir uns gegenseitig sagen, lässt sich in den einen, immer gleichen Satz übersetzen:

„Mit Dir möchte ich eigentlich gar nicht in einem Staat zusammenleben! Mit Dir zusammen möchte ich eigentlich gar keinen Staat machen! Warum nur, warum nur exisitierst Du überhaupt und bist mein Mitbürger!?“

Aber so läuft der politische Hase eben nicht. Und in unserem ganzen Klagen über unsere ach-so-unmöglichen Mitmenschen ist zugleich eine Verwechslung enthalten:

Dass ein Mitmensch automatisch ein Mitbürger sei.

Dazu kann man einerseits sagen: „Schön wär’s!“

Andererseits darf man vielleicht feststellen: Es braucht halt doch ein wenig politische Praxis dafür, damit aus Mitmenschen Mitbürger werden.

Unser Bürger-Begriff ist bedenklich Praxis-leer. Bedenkt man mit, dass nicht jeder Mitmensch automatisch ein Mitbürger ist, dann kommt man aus dem eigenen Verdruß über den eigenen, lieben Mitbürger nicht durch einen privatistischen Dekretismus heraus, durch den man „beschließt“, dieser oder jener Mensch sei ab sofort (nicht mehr) mein Mitbürger. Sondern nur durch eine gemeinschaftliche Praxis, die uns einander regelmäßig als Freie und Gleiche begegnen lässt, abseits unserer privaten Lebensvollzüge, Verhältnisse und Beziehungen zueinander.

Auch in einer solchen politischen Praxis können wir uns unseren lieben Mitbürger nicht einfach aussuchen. Das wäre eine Übertragung des privaten Denkens hinein in den politischen Raum; ein Kategorienfehler, der das Politische unweigerlich zerstört, indem er das Gemeinschaftliche, das überhaupt erst entsteht, von vornherein unserer privaten Willkür, unserem vorpolitischen Meinen unterwirft. Wer Bürger nur mit dem ist, der ihm privat lieb ist, ist kein Bürger, sondern eine Privatperson. Solche Privatverbünde sind natürlich völlig legitim. Sie haben aus guten Gründen ihr Eigenrecht. Sie sind nur nicht politisch.

Wir machen uns von Mitmenschen zu Mitbürgern nicht durch unsere Vorlieben für oder Aversionen gegen bestimmte Menschen, sondern durch Zusammenkünfte, in denen wir uns rein politisch begegnen: Bewusst NICHT geleitet von unseren Präferenzen, „mit wem wir da gern reden würden“, „wen wir dort gerne als Mitbürger antreffen würden“ – und wen nicht.

Politische Verbindungen, wenn sie so verstanden werden, sind zwischen allen Menschen möglich. Nur entstehen sie nicht von allein, sondern durch beständige politische Tätigkeit. Und enden die politischen Zusammenkünfte, endet auch die poltische Verbindung und damit das Mitbürgertum.

Was uns den Mitmenschen zum Mitbürger macht, und was im „Mitbürgertum“ für uns eine relative Verbesserung und Steigerung gegenüber Mitmenschentum ist, ist also nicht, dass wir uns den Mitbürger aussuchen könnten, den Mitmenschen aber nicht.

Der Mitbürger ist der Mitmensch, den wir uns via Politik erträglich oder sogar interessant und wertvoll machen. Weil wir ihn dort, im Politischen, auf eine ganz andere Weise kennenlernen als wir das im Privaten jemals könnten.

Privat stehen dieser Art des Kennenlernens unsere persönlichen Vorlieben und Aversionen im Weg. Da sich das Politische aber nicht über diese persönlichen Vorlieben ins Leben bringt, sondern über den Zufall, ist es von den Grenzen unserer zufälligen Gewordenheit nicht beeinträchtigt. Über die Zufallsauswahl kommt die Politik ins Spiel. Der Politik steht das Persönliche nur deswegen nicht im Weg, weil es nicht das Persönliche benutzt, um Zusammenkünfte, um Gemeinschaft zu stiften.

Interessanterweise, merkwürdigerweise fühlt sich genau deswegen das Politische für uns Menschen „freier“ an als das Private. Gerade dadurch, dass unsere persönlichen Vorlieben, was andere Menschen angeht, ausgeschaltet sind im Raum des Politischen, gerade dadurch erleben wir eine ganz andere, einzigartige Form von Freiheit mit diesen Menschen.

Es ist die Paradoxie des Mitbürgertums, dass der Mitbürger, obwohl wir uns ihn genausowenig aussuchen können wie den Mitmenschen, uns politische Freiheit erleben lässt.

Während wir uns gegenüber dem Mitmenschen oft unfrei fühlen, ist der Mitbürger derjenige Mensch, den wir uns nicht ausgesucht haben, mit dem es uns aber gelungen ist, uns immer wieder neu anzufreunden.

Über eine andauernde, regelmäßige, die Zufallsauswahl nutzende Praxis.

Eine freundliche Praxis, die uns trotz ihrer Unfreiwilligkeit Freude bereiten kann.

Dass uns etwas Spaß machen kann, was wir uns nicht selbst ausgesucht haben, und was wir uns wohl auch niemals selbst ausgesucht hätten, wenn man uns die Wahl gelassen hätte, das ist nicht so ganz leicht nachvollziehbar, mit unseren begrenzten, privaten Gehirnen.

Paradoxerweise besteht die Freiheit des Politischen in ihrer Unfreiwilligkeit. Das Politische entsteht aus der Entdeckung, dass es Veränderungen gibt, die wir niemals von uns aus wählen würden, von denen wir aber rückblickend sagen, dass es gut war, dass sie stattgefunden haben. Das Politische ist eine gemeinsame Praxis, bei der wir uns selbst verändern und bei der daher unsere eigene Wahl voher und nachher verschieden ausfällt. Als vorpolitische Menschen sind wir andere wie als nachpolitische Bürger.

Das transformative Moment, durch das aus einem uns beängstigenden Mitmenschen, den wir uns nicht ausgesucht haben, ein lieber Mitbürger wird, den wir uns ebenfalls nicht ausgesucht haben, ist gerade das, worauf in der Politik alles ankommt.

 

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