Ich bin ja mittlerweile überzeugt, dass dieses kleine Video hier alles Wesentliche auf den Punkt bringt, was wir brauchen, um sowohl unsere heutige politische Situation zu verstehen, als auch um alle möglichen politischen Situationen zu verstehen, die zwischen menschlichen Wesen immer wieder entstehen:

Diese kurze Darstellung macht es uns leicht nachzuvollziehen, was die Folgen von Aristokratie/Oligarchie sind und warum in ihrer Nachfolge immer wieder Tyranneien/Diktaturen auftreten.

Und warum umgekehrt diese Tyranneien/Diktaturen keinen dauerhaften Bestand haben und ihrerseits wiederum von Aristokratien/Oligarchien abgelöst werden.

Es werden – gleich zu Anfang – auch die Kernpunkte der „griechischen Besonderheit“ benannt, aus der nach dem Ende des Bronzezeitalters die Demokratie entstehen konnte: eine ganz besondere Präferenz für das „Private“,  für „das Sich-Persönlich-Hervortun“, ein ganz besonders entschiedener „Aristokratismus“, der dazu führte, dass es in den griechischen Städten keine Erbmonarchien gab, wie beinahe überall sonst zu dieser Zeit auf der Welt. – Auch der Althistoriker Christian Meier weist in aller Deutlichkeit auf diese Besonderheit hin. Die antiken Griechen, zumindest diejenigen, die soweit den Ton angaben, dass die Geschichte uns etwas über sie überliefert hat, waren salopp ausgedrückt: asoziale Narzissten. Und sie fanden sich ziemlich gut dabei, denn sie bestätigten sich wechselseitig, dass ihr asozialer Narzissmus eine ziemlich gute Lebenseinstellung war. Ob das Inseldasein dazu beitrug oder was auch immer, ist wahrscheinlich weniger wichtig als der Umstand, dass sie sich in dieser Form längere Zeit gegenüber verschiedenen Großreichen behaupten konnten, dass dieser aristokratische Stolz auf das eigene „Selbstsein“ nicht politisch gebrochen wurde.

Die ganz besondere aristokratische Neigung der antiken Griechen in ihren Stadtstaaten  und ihre damit verbundene Leidenschaft für „Autarkie“ (Selbständigkeit, Unabhängigkeit) war ganz offenbar die Voraussetzung dafür, dass zu dieser Zeit Demokratien entstanden. Denn einerseits konnten sich dadurch anders als anderswo keine Monarchien stabilisieren; konnten auch nicht Tyranneien, die auch die Griechen durchaus kannten, dauerhaft werden. Und andererseits erzeugten auch die Aristokratien selbst keinen befriedigenden Zustand, der sich selbst stabilisieren konnte: Große Teile der Bürgerschaft verarmten und gerieten in Leibeigenschaft. Bürgerkrieg (stasis) wurde zum Dauerzustand. Und der schlechte Zustand der Bürgerschaft war für einzelne Aristokraten eine ständige Verlockung, die damit verbundene Unzufriedenheit auszunutzen, sich mit den Unzufriedenen, Verarmten und Verbannten zu verbunden – und sich selbst zum Tyrannen über die jeweilige Stadt aufzuschwingen.

Es entstand eine Aporie: Ein Nicht-so-und-nicht-so-bleiben-können. Aus diesem Druck, aus dieser dauerhaften Unbefriedigung heraus entstand „der demokratische Impuls“, der sich dann über die Reformen von Solon –> Kleisthenes –> Themistokles –> Perikles umsetzte und zu jener Staatsform führte, die dann später rückblickend „Demokratie“ genannt wurde.

Beschäftigt man sich mit der weiteren Geschichte, insbesondere mit unserer „jüngeren“ Geschichte seit den französischen und amerikanischen Revolutionen, dann kann man immer weider das gleiche Grundmuster wiederfinden, das auch in Athen zur Entstehung der Demokratie führte: Ein Schwanken zwischen einer entschiedenen Aristokratie, die aber – wohl aus rein technischen Gründen – stets instabil bleibt, und Versuchen, Diktaturen zu errichten, die lösen sollen, was aristokratische Verhältnisse nicht lösen können. Die „Ordnung schaffen“ sollen. Doch auch diese Diktaturen bleiben instabil, vor allem aber richten sie derartige Verheerungen an, das schon nach kurzer Zeit Tyrannenmörder auf den Plan treten. Diese Tyranneien sind derart unattraktiv, das man immer nur ganz kurz, aus dem unmittelbaren Druck der höchst unbefriedigenden Aristokratien heraus, vergessen kann, dass sie keine Optionen für uns sind.

Die Lösung, die das antike Athen in dieser Situation fand: Allgemeine Beteiligung aller Bürger an der Politik, um sowohl der aristokratischen Unordnung als auch der tyrannischen Unterdrückung dauerhaft den Garaus zu machen, ist eine offene Flanke in der Modernen Gesellschaft.

Offenbar ist der Verdruss an unserer aristokratischen Anarchie, an der sich-selbst-blockierenden Unordnung in unserer Politik noch nicht groß genug, um zu dieser Lösung zu kommen. Also um zu begreifen, dass es ohne Demokratie: ohne systematische Beteiligung aller an der Politik, einfach immer so weiter gehen wird.

Denn was wir heute beobachten können: Dass bei Bewusstwerdung, dass wir ein Verfassungproblem haben, dass unsere derzeitigen politischen Institutionen und Verfahren dysfunktional sind, eher nach einer Diktatur gerufen wird als nach einer Demokratisierung unserer Verfassung – Das bedeutet, dass wir die Grundregeln des Politischen noch immer nicht überreißen.

Dass die Demokratie eine Lösung ist, um weder in aristokratischem Dauer-Streit, Selbst-Blockade, politischem Chaos und Verarmung und Selbst-Versklavung breiter Schichten der Bevölkerung zu landen, noch sich in einer Diktatur wiederzufinden, die letztlich für alle unerträglich drückend ist, auch wenn sie zunächst wie die erlösende Zerschlagung des gordischen Knotens der aristokratisch-anarchischen Zustände wirkt, ist derzeit kein gedankliches Gemeingut. Dabei spielt der große Etikettenschwindel am Ende des 18. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle, als wir anfingen, etwas „Demokratie“ zu nennen, was in keiner Weise diese Bezeichung verdient hat: Weder beteiligen sich in unseren „Demokratien“ alle Bürger regelmäßig als Aktive an der Politik. Noch wird durch verfassungmäßige Verfahren sichergestellt, dass politische Gleichheit zwischen den Bürgern herrscht.

Unsere sogenannten „Demokratien“ sind Mogelpackungen, durch die wir vor uns selbst verbergen, dass wir faktisch in einer aristokratischen Anomie leben. Mit all den typischen Merkmalen aristokratischer Anomie: Weitgehender Verzicht auf wirksame Politik, Privatismus, Wettbewerbs-Präferenz, eine immer noch weiter gehende Verarmung weiter Bevölkerungsschichten und eine asoziale Psychologie, die „Eigenverantwortung“ auf eine völlig absurde Spitze treibt. – Das alles ist heute keinen Deut anders als im antiken Griechenland vor den Solonschen Reformen.

An der Stelle, an der wir begreifen, dass wir die aristokratische Unpolitik einfach immer so weiter laufen lassen wollen, dass wir aber auch nicht die katastrophalen faschistischen und kommunistischen Experimente immer und immer wieder wiederholen wollen, werden wir vielleicht – vielleicht – offen dafür, dass wir eine Demokratie brauchen, die diesen Namen auch verdient hat: Offen dafür, uns alle gemeinsam, uns alle gleichermaßen mit politischer Verantwortung zu belasten.

Ich weiß nicht, ob in der Moderne so eine allgemeine Begeisterung für Politik, wie sie unter den attischen Bürgern durch die genannten Verfassungsreformen nach und nach entstand, überhaupt möglich ist. – In jedem Fall ist allgemeine Beteiligung aller Bürger an der Politik voraussetzungsreich.

Demokratie ist etwas, das entstehen kann, wenn unser Verdruss an aristokratischer Unordnung und tyrannischer Überordnung so groß geworden ist, dass die Entwicklung „von ganz allein“ in diese Richtung geht.

Sieht man in der Vor-Solonschen Entwicklung der griechischen Gesellschaft ein allgemeines Grundmuster, das sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder einstellen und wiederholen wird, solange es keine Demokratie gibt, dann kann es uns zuversichtlich machen, dass unsere heutige Präferenz für Hierarchie abnimmt und unsere Präferenz für aristokratische Unabhängigkeit zuzunehmen scheint.

Ähnlich wie die antiken Griechen sind wir Menschen der Moderne heute immer weniger bereit, einen Unterordnung verlangenden Staat über uns zu dulden, wenn dieser Staat nicht wirklich demokratisch ist. – Lieber noch stürzen wir uns in eine katastrophale Anomie, in der „der Wettbewerb“ zwischen uns (mithin: das Prinzip der Aristokratie) alles regeln soll. Unsere moderne Devise lautet immer mehr: „Lieber gar kein Staat als ein Staat, der von uns als reine Unterdrückung erlebt wird! Als ein Staat, der uns völlig fremd bleibt! Als ein Staat, der von außen auf uns zukommt und von uns irgendwelche Dinge verlangt! Als ein Staat, der zwar behauptet durch uns legitimiert zu sein, nur leider fühlt sich das überhaupt kein Bisschen danach an! Als ein Staat, der nur beim Kaschieren wirklich großen Aufwand betreibt, beim Kaschieren, dass er uns kein bisschen dient! Lieber kein Staat als ein Willkürstaat! Lieber kein Staat als ein solch einziges, großangelegtes Attentat auf unsere Freiheit! Lieber gar kein Staat als so ein verlogener Staat, wie wir ihn derzeit erleben!“

An diesem immer weiter gehenden Rückbau des Staates sind wir alle in verschiedener Form beteiligt. Wir Menschen der Moderne sind also zunehmend diejenigen aristokratischen Anarchisten, die auch im antiken Griechenland den Takt der gesellschaftlichen Entwicklung vorgaben.

Doch die Aristokratie, der nackte, staatenlose Wettbewerb, kann die Probleme, die wir miteinander gemeinsam haben, eben leider leider nicht lösen. Aristokratische Anomie, Politikverzicht ist für uns Menschen keine tragfähige Lösung. Wenn jeder von uns einfach das macht, was er als Privatmensch will, wenn es also keinerlei sinnvolle Koordination zwischen unserem Tun und Lassen gibt, ist das Ergebnis ganz zwangsläufig eine einzige große humanitäre Katastrophe.

Doch der Weg in „diktatorische Lösungen“ ist uns modernen Anarchisten, die wir allesamt sind (auch wenn wir uns selbst anders nennen), durch unsere Präferenz für Autonomie verstellt. Wir verspüren wenig Lust auf Diktatur. Diktaturen entstehen heute nur noch – ganz wie bei den antiken Griechen – aus Verlegenheit. Wir sehen sie nicht als Lösungen. Wir empfinden die Diktatur als Peinlichkeit, die uns in unseren menschlichen Möglichkeiten allzu sehr einengt, klein macht und mindert. Das ist, wie man gerade in Europa noch viel zu wenig wahrnimmt, mittlerweile ein globales Phänomen.

Das alles lässt uns heute genauso wie annodunnemals die Griechen Athens nur einen einzigen Ausweg: Die konsequente Demokratisierung unserer Gesellschaft. Die gezielte Politisierung der gesamten Bürgerschaft, um sowohl aristokratischen Verwerfungen als auch tyrannischen Unterwerfungen zu entgehen.

Meines Erachtens kann das oben eingebettete Video helfen, diese unsere Situation ein wenig besser zu verstehen.

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