Gestern Abend habe ich eine für mich spannende Erfahrung gemacht: Unser Sohn übernachtete zum ersten Mal seit längerem nicht bei uns zu Hause sondern bei einem seiner Freunde. Als ich spätabends durch den Gang ging, zu dem auch sein Kinderzimmer eine Tür hat, bemerkte ich plötzlich, dass ich mich besonders leise bewegte. Bis zu diesem Zeitpunkt unbewusst. Erst die Abwesenheit meines Sohnes machte für mich spürbar, in welchem Ausmaß seine Präsenz mein Verhalten bestimmte. Genauer: Mein Wissen über seine Abwesenheit. – Denn äußerlich war alles wie immer. Mein Sohn schläft ja sonst schon längst um diese Zeit. Es gab keinen sichtbaren, hörbaren Unterschied.

Das mag eine sehr spezielle Situation sein, mit einer sehr speziellen Bedeutung für mich. – Ich denke aber, dass es nicht zu gewagt ist, von hier aus zu verallgemeinern: Jeder Mensch macht in seiner Anwesenheit/Abwesenheit für jeden anderen Menschen einen Unterschied. Genauer: Viele, viele Unterschiede.

Wir spüren das manchmal in Meetings, wenn jemand den Raum verlässt. Wir spüren es aber auch bei Menschen, mit denen wir uns – vermeintlich – in keinerlei Gespräch oder anderer Interaktion befinden.

Die Wirkung der Präsenz von Menschen auf uns ist gewaltig. Und so dann eben auch ihre Abwesenheit.

Zwar gibt es zu diesem Thema den fiesen Spruch: „Da wo Du sitzt, kann ich mir auch gut eine Zimmerpflanze vorstellen!“ als Ausdruck für einen Menschen, bei dem das angeblich anders sei, für jemanden, der eben keinen Unterschied für uns macht.

Aber das ist nur Schein: so ein Verhältnis bedeutet nur, dass die 10.000 Unterschiede, die jener Mensch für uns macht, für uns unsichtbar und von uns unbemerkt bleiben.

Und schon lange Jahre coache ich mich an Menschen ab, deren Superpower in Unternehmen genau darin besteht: Dass ihre oft tatsächlich entscheidenden Beiträge zum gemeinsamen Unternehmen von ihren Kollegen weitgehend unbemerkt bleiben. Frei nach dem Motto: Wie Sie merken, merken Sie nichts. – Das sind oft Menschen, die ganz bestimmte Arbeiten machen. Oder die ihre Arbeiten auf eine ganz bestimmte Weise machen. Sie agieren vorausschauend. Sie denken mit. Sie sorgen dafür, „dass nichts runterfällt“. Ihre Leistungen sind die Störungen, die niemals auftreten. Sie sorgen dafür, „dass es läuft“.

Verlassen diese Menschen dann ihr Unternehmen, heißt es oft: „Was ist denn hier nur auf einmal los!? Das hat doch IMMER funktioniert! Völlig reibungslos! Wir verstehen gar nicht, warum wir auf einmal so große Probleme haben…“

Dass alle Menschen für alle Menschen Unterschiede machen, ob sie da sind oder ob sie nicht da sind, ist eine Einsicht aus dem Bereich der Beziehungsdynamik, die wir als Gesellschaft bisher vermeiden voll und ganz anzuerkennen.

Denn würden wir das tun, hätten wir voll und ganz begriffen, wie wichtig menschliche Präsenz/Absenz für uns ist, dann würden wir diese Einsicht auch in unseren entscheidenden Institutionen berücksichtigen.

Wir können nicht nicht in Beziehung gehen, wenn wir uns mit anderen Menschen im gleichen Raum befinden. Daher macht es für uns viele Unterschiede, ob jemand da ist oder nicht, gleich wer dieser jemand ist.

Und das ist zugleich auch der Grund, warum Städte für uns einen so großen sozialen Stress bedeuten: Wir sind dort ständig miteinander in Kontakt – ohne miteinander in Kontakt zu sein.

Die immer weiter fortschreitende Verstädterung unserer Gesellschaft ist daher ein weiterer Grund, aus dem heraus wir heute dringend eine Begegnungs-Demokratie brauchen. Mit Demokratie als einer Form, als einem Verfahren, das wir nutzen, um uns immer wieder neu miteinander vertraut zu machen.

Denn der reine Mitmensch ist eine ständige Stressquelle für uns. Für den durch Demokratie zum Mitbürger gewordenen Mitmenschen gilt das allerdings nicht mehr im gleichen Ausmaß. Beide – der Mitmensch wie der Mitbürger –  machen für uns Unterschiede. Nur gibt es für uns eben sowohl überaus unangenehme wie überaus angenehme Unterschiede, die andere Menschen für uns machen können. Der Mitbürger ist jener Mitmensch, mit dem wir es gut aushalten können. Mit dem gemeinsam wir gut „einen Staat machen“ können.

Menschen berühren uns, ob wir wollen oder nicht. Mittels Demokratie können wir gemeinsam sicherstellen, dass unsere angenehmen Berührungen unsere unangenehmen Berührungen bei Weitem überwiegen.

Ein Ausgangspunkt von Demokratie ist daher: Wir können uns nicht nicht berühren. Wir sind gegenwärtig, wir machen Unterschiede füreinander. – Ob wir es nun gerade bemerken oder nicht.

Die Demokratie macht für uns nur diejenigen menschlichen Unterschiede greifbar, die ohnehin im Raum sind, die schon die ganze Zeit über uns in unseren Lebensvollzügen beeinflussen, ob wir sie nun ausblenden oder nicht. Die anderen sind „da“. Sie tun und lassen Dinge, die es uns ermöglichen oder erschweren, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Und das wiederum hat eine Rückwirkung auf die anderen: Was wir tun oder lassen macht wiederum für sie Unterschiede. Doch all diese wechselseitigen Abhängigkeiten voneinander bleiben oft indirekt, unbemerkt, „unsichtbar“. Sie werden von uns bisher nicht „offiziell anerkannt“. Sie finden keine systematische Berücksichtigung in unserer Politik miteinander.

Wir leben zusammen, als könnten wir auch einfach aneinander vorbei leben. Als seien wir unverbunden. Als sei „Gesellschaft“ nur eine Art Zweck-WG, in der man mit den meisten anderen möglichst wenig zu schaffen haben will, aber sich halt nun mal leider einen Planeten teilen muss. Eine Zweck-WG, in der es reichen würde, bürokratisch das Notwendigste zu regeln. Und in der man sich ansonsten einfach aus dem Weg gehen könne. In der wechselseitiges Sich-abstimmen unnötig sei.

Doch auch diese Unverbundenheit ist nur Schein: In Wahrheit machen alle anderen für uns Unterschiede und wir für sie. Sehr reale, sehr wirksame Unterschiede. Dass es Menschen möglich sei, einfach nur unabgestimmt nebeneinander her zu leben, jeder nach seiner Façon, ganz ohne Politik: das ist die große Illusion des Privatismus. Diese Illusion wird regelmäßig von der Realität der Politik heimgesucht. Dann nur leider in höchst unproduktiver Form: Indem Tyranneien entstehen, die jene Probleme lösen sollen, die der Privatismus durch seinen konsequenten Politikverzicht erzeugt hat. Die verdrängte politische Dimension des menschlichen Lebens drängt dann mit Gewalt in unser Leben, das so oder so ein Zusammenleben ist.

Demokratie ist die Vergegenwärtigung unserer wechselseitigen Abhängigkeit voneinander, unserer unentrinnbaren menschlichen „Interdependenz“. – Und so, in unserer durch Demokratie hergestellten Gegenwart, können wir beginnen, gut mit uns, gut miteinander umzugehen.

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