Um so öfter ich sie mir anschaue, um so mehr finde ich, dass diese beiden Videos mit Uwe Lübbermann zum internen Umgang miteinander bei Premium Cola den Kern dessen, worin Demokratie besteht und was für sie unverzichtbar ist, auf den Punkt bringen. Schöner kann man das kaum zusammenfassen. Besser kann man das kaum praktizieren.

Demokratie bedeutet demzufolge eine erhöhte Konfliktfähigkeit, ein viel höheres Beziehungsinvestment und auch ein ganz anderes Zugehörigkeitsverständnis als wir es sonst meist gewohnt sind.

Und Demokratie bedeutet die Anerkennung aller an ihr beteiligten Menschen: dass wir zwar alle, jeder einzelne von uns, wichtig und unverzichtbar ist, dass aber zugleich keiner von uns wichtiger ist als irgendein anderer.

Und das wiederum bedeutet, dass wir offene oder verkappte Aristokratie zwischen uns nicht dulden. Wann immer sich irgendwer von uns „erhöht“, kann er in einer Demokratie mit großer Sicherheit darauf verlassen, dass er durch seine Mitbürger – freundlich – von seinem kleinen Ego-Höhenflug wieder heruntergeholt wird.

Privat und politisch: Verschiedene Ordnungen, verschiedene Gesetzmäßigkeiten, verschiedene Beziehungen

Dieses Alle-Sind-Gleich-Wichtig ist jedoch im Privaten nicht dauerhaft durchhaltbar. Mehr noch IM PRIVATEN ist es sogar unmenschlich.

Denn ganz natürlich sind uns (als einzelne) einige Menschen wichtiger als andere. Und ganz natürlich nehmen wir auch einige Menschen wichtiger als andere.

Auch das Lübbermann-Beispiel macht dieses Verhältnis ja sehr deutlich, wenn am Ende in einigen, sehr wenigen Fällen eben doch die Trennung steht.

Man muss an dieser Stelle vielleicht noch einmal daran erinnern, dass alles Berufliche und Unternehmerische zum Bereich des Privaten gehört. Zumindest dann, wenn wir einen klaren Politikbegriff haben, demzufolge das Politische eine vom Privaten klar getrennte Sphäre ist, in die eben prinzipiell wir alle eingeschlossen sind und in der wir alle gleichwertig sind. Mögen wir auch als Privatpersonen in tausenderlei Hinsicht „ungleich“ sein. Als „Polites“ (Bürger) sind wir gleich.

Im Politischen sind wir also „unkündbar“ und untrennbar. – Im Privaten können wir uns hingegen aussuchen, mit wem wir uns zusammen tun wollen und mit wem nicht. Wir gehen freie „Verträge“ ein. Und diese Verträge können durch eine gemeinsame Willenserklärung auch wieder gelöst werden. Oder durch einseitige Nicht-Erfüllung.

Das Politische ist daher der Raum der unbedingten Beziehungen, während das Private der Raum der bedingten Beziehungen ist.

Dementsprechend kann man „Politik“ auch auffassen als das unbegrenzte Gespräch aller mit allen. Während das Private durch das begrenzte Gespräch Bestimmter mit Bestimmten gekennzeichnet ist.

– Das ist derzeit leider nur wenigen klar, weil wir in einer weitgehend entpolitisierten Gesellschaft leben, die das Private in seinen Möglichkeiten überschätzt und die zugleich das Politische geringschätzt.

Aufgrund der Wucht der Allgemeinheit (keiner ist ausgeschlossen aus dem Staat) und der Unbedingtheit (keiner kann ausgeschlossen werden aus dem Staat), die dem Politischen zu eigen ist, ist der Raum des Politischen für uns nur zeitlich begrenzt, sozusagen nur „in Maßen“ erträglich. Wollte man Vollzeit Politiker sein, wäre das eine vollkommene Überforderung. Als ausschließlicher „Lebensraum“ ist das Politische nicht menschen-gemäß. Wir brauchen unser „Privatleben“, ganz genauso wie wir alle ein politisches Leben brauchen.

Versteht man beides so, wie es sich ursprünglich einmal von selbst verstanden hat:

Die Demokratie in ihrem fundamenalen Gegensatz zur Aristokratie

und

Das Politische in seinem fundamentalen Gegensatz zum Privaten

dann wird auch deutlich, warum die klare Trennung des Politischen vom Privaten so entscheidend für die Möglichkeit von Demokratie ist. Erst die Abtrennung des Politischen als einer eigenen Sphäre, mit ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten, macht es dauerhaft möglich, sich im Politischen „als Freie und Gleiche“ zu begegnen.

Das Private und das Politische halten sich gegenseitig – solange wir sie klar trennen

Anders ausgedrückt: Das Politische ist durch das von ihm klar abgetrennte Private so entlastet, dass wir Demokratie im Politischen durchhalten können. Ohne diese klare Trennung geraten wir mit unseren berechtigen demokratischen Ansprüchen an uns selbst in eine Überforderung.

Indem wir im Privaten die Freiheit genießen, und nach Lust und Laune zu verbinden und auch wieder voneinander zu entbinden, können wir im Privaten durchaus „Aristokraten“ sein („Aristokratie“ = „Herrschaft der Besten“). Wir können es uns in der durch das Politische begrenzten Sphäre des Privaten herausnehmen, „das Beste“ für uns zu wollen und zu realisieren. – Und das bezieht sich dann eben auch und vielleicht sogar vor allem auf unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Darauf, auf wen wir uns einlassen wollen oder nicht. In unseren privaten Beziehungen können wir danach streben, was das Beste für uns scheint.

Die beiden Sphären: Das Private und das Politische begrenzen und entlasten sich also wechselseitig. – Auf eine für uns Menschen höchst produktive und wohltuende Weise.

Für Demokratie bedeutet das, dass wir sie automatisch zerstören, wenn wir – aus einem Selbstmissverständnis heraus – behaupten, das Private sei irgendwie politisch und das Politische sei irgendwie privat.

Wir verkennen bei einem solchen Kollaps zugleich beides:

Unsere menschlichen Grenzen.

Und unsere menschlichen Möglichkeiten.

Das Glück des Menschen: Wenn er BEIDES sein kann, politisches UND privates Wesen

Mir persönlich ist die Klarheit darüber, dass es höchst produktiv und auch notwendig ist, das Politische vom Privaten strikt zu trennen, zum ersten Mal bei Richard Rorty begegnet. In „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ setzt er sich von beiden Seiten her mit dem Kollaps auseinander, der sich ereignet, wenn Privates und Politisches willkürlich vermischt werden. – Mich hat das damals nicht auf Anhieb überzeugt. Aber über die Jahre, und vor allem über die Auseinandersetzung mit den Formen der Demokratie im antiken Athen, erscheint mir diese Trennung mittlerweile als ganz natürlich. Ja, ich kann heute das Politische gar nicht mehr anders denken, als in seiner fundamentalen Entgegensetzung zum Privaten. Ohne seine Unterscheidung vom Privaten macht das Wort „Politik“ für mich keinerlei Sinn.

Die klare Getrenntheit der beiden Sphären war zugleich die Grundlage, auf der Demokratie überhaupt entstanden ist. Wie der Historiker Christian Meier nicht müde wurde zu zeigen, wäre die erste Demokratie der Menschheitsgeschichte niemals möglich geworden, hätte im antiken Athen über die prinzipielle Getrenntheit von Privatem und Politischen nicht Klarheit und Konsens bestanden.

Und an dieser Grundlegung, an dieser grundlegenden Bedingung von Demokratie hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert. Die Unvollständigkeit unserer derzeitigen Demokratie hat auch mit unserer Unklarheit zu tun, mit der wir die Trennung zwischen Privatem und Politischem gestalten. Man muss ganz hart sagen: So, in unserer ständigen Vermischung von Politischem und Privatem, kann das nichts werden mit einem Fortschritt der Demokratie hin auf ihre Vervollständigung.

Ich möchte sogar behaupten, dass wir heute wahrnehmen können, dass die klare Trennung des Politischen vom Privaten für uns, für die gegenwärtige Möglichkeit von Demokratie sogar noch wichtiger ist, als sie es bereits für die Menschen der antiken Polisgesellschaften war. Denn mehr noch als jene ersten Erfinder der Demokratie sind wir heute Menschen, die im Privaten kaum noch verbunden sind. Und weit mehr noch als sie sind wir in der Lage, alle Menschen ins Politische aktiv einzubinden und tatsächlich Demokraten zu sein, solange wir uns in der Sphäre des Politischen aufhalten und miteinander beraten.

Die Demokratie ist jene Staatsform, jene Verfassung, die alle Menschen in ihre Kraft bringt. Jene politische Ordnung, mittels derer wir uns alle groß sein lassen, anstatt nur einige wenige von uns.

Doch die Demokratie kann das nicht leisten, solange wir sie nicht klar vom Privaten abtrennen. Und auf der Grundlage dieser Trennung dann uns alle ins Politische hineinholen. Als aktive Bürger.

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