Woran Menschen leiden, die sich dauerhaft in Machtpositionen befinden, kann leicht missverstanden werden.

Häufig denken wir zum Beispiel: Das Problem an Machtpositionen ist die Konkurrenz. Dass jemand „an unserem Stuhl sägt“, dass wir ständig kämpfen und uns behaupten müssen, dass jemand uns stürzen will. Oder dass ständig die verschiedensten kleinen und großen Ansprüche an uns herangetragen werden, denen wir trotz unserer Macht kaum gerecht werden können.

Das mag alles so sein.

Ich denke nur, es gibt noch ein sehr viel unmittelbareres Leiden an der Macht, das sich selbst dann einstellt, wenn wir uns sehr gut behaupten können und wenn wir dem merkwürdigen Ideal des „guten Königs“ recht nahe kommen.

Dieses Leiden an der Macht besteht im Kern in Feedbackentzug. Das ist natürlich kein absichtsvoller Vorgang, sondern weitaus eher ein „Systemeffekt“. Menschen in Machtpositionen bekommen kaum mehr authentisches Feedback. Sei es aus Angst ihrer Mitmenschen vor ihrer Macht. Sei es, weil ihre Mitmenschen glauben, in jener gottgleichen Position bräuchten sie so etwas eben gar nicht. Dauerhafte Macht bedeutet für uns zugleich immer auch dauerhafte emotionale Isolation.

Warum aber ist Feedbackentzug so fatal für uns? Wie wirkt er sich aus? Warum sollte das zu einem „Leiden“ führen?

Bekommen wir kein passendes Feedback mehr zu unserem Verhalten und Auftreten, dann können wir uns schon nach kurzer Zeit selber nicht mehr richtig wahrnehmen. Es geht also zwar auch, aber nicht nur darum, was wir aus unserer Machtposition heraus bei anderen Menschen anrichten, ohne das noch richtig mitzubekommen. Es geht auch darum, dass wir nicht mehr wirklich mitbekommen, was mit uns und in uns selbst los ist. Wir verlieren also zugleich mit dem Kontakt zu unserer menschlichen Umwelt auch den Kontakt zu unserer eigenen menschlichen Innenwelt. Gewissermaßen „entmenschlichen“ Machtpositionen uns.

Das Leiden an der Macht hat seine Wurzel vor allem in diesem „Sich-selber-nicht-mehr-Spüren“. Dauerhaft in einer Machtposition zu sein, bedeutet vielleicht keinen völligen Verlust menschlicher Spiegel. Es bedeutet aber sehr zuverlässig, dass sich all die menschlichen Spiegel um uns herum eintrüben oder zu monströsen Zerrspiegeln werden, die uns uns selbst anders zeigen, als wir sind.

Unser Leiden an unserer Macht vollzieht sich also über folgende Schritte: Wir verlieren zunächst den Kontakt zu unserer menschlichen Umwelt. Und als Folge davon verlieren wir den Kontakt zu uns selbst, zu dem, was wir selber brauchen. Wir mögen alle Mittel der Welt zur Verfügung haben, doch unsere soziale Position macht uns „innerlich orientierungslos“: Wir wissen nichts mehr mit diesen Mitteln anzufangen. Zumindest nichts, was uns selbst befriedigen könnte.

Das ist der Grund, warum Menschen, die sich dauerhaft in Machtpositionen aufhalten, oft so merkwürdig abgehoben, ahnungslos und verloren auf uns wirken.

Das ist zugleich der Grund, warum das Bild vom „guten König“ eine reine Fantasie ist und immer bleiben wird.

Und das ist der Grund, warum Demokratie sich so heilsam auf uns auswirkt, gerade auch dann, wenn wir selber dauerhaft Machtpositionen in unserer Gesellschaft bekleiden: Sie bringt uns wieder in guten Kontakt mit uns selbst und unseren Mitmenschen. Genauer: Sie bringt uns wieder in guten Kontakt mit unseren Mitmenschen und dadurch wieder in guten Kontakt mit uns selbst. Wir bekommen dann wieder jenes authentische Feedback, auf das wir vorher so lange verzichten mussten.

Kurz gesagt: Gerade auch Menschen, die sich in dauerhaften Machtpositonen befinden, tut es überaus gut, wenn es demokratische Institutionen gibt, in denen sie immer wieder vom ungleich mächtigeren Mitmenschen zum gleich mächtigen Mitbürger werden können.

Und dabei haben wir über ganz bestimmte Formen des zwischenmenschlichen Feedbacks noch gar nicht gesprochen, auf die Menschen in Machtpositionen sehr weitgehend verzichten müssen.

 

 

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