Demokratie bringt viel Gutes für uns mit sich. Eines dieser Güter, die eine funktionierende Demokratie mit sich bringt, wenn sie in regelmäßigen, bestimmenden Begegnungen und Gesprächen der Bürger miteinander besteht, ist eine Stärkung des Selbstwertempfindens bei uns allen.

Dieser Aspekt der Demokratie – so kommt es mir zumindest vor – bekommt bisher manchmal noch zu wenig Beachtung von uns.

Denn was „sagt“ die Demokratie unserer Psyche? Was ist die Botschaft, die Demokratie unserem Unbewussten vermittelt?

Meiner Auffassung nach können wir die psychische Bedeutung der Demokratie ungefähr folgendermaßen in Worte fassen:

„Ganz gleich wie viel Geld Du hast oder nicht hast, ganz gleich über welche (privaten) Beziehungen Du verfügst oder nicht verfügst, ganz gleich wie mächtig oder ohnmächtig Du Dich in Deinem Alltag gerade erlebst – DU BIST WICHTIG. – Du bist wichtig für Deine Gemeinschaft, für die Gesellschaft. Du bist wichtig und wert mitzureden, mitzuberaten, und mit bestimmend zu sein.“

Umgekehrt bedeutet ein Ausfall oder Fehlen von Demokratie die genau umgekehrte Botschaft für unsere Psyche und damit auch für die Verfassung, in der wir in unserem Alltag durch die Gegend laufen:

„Nur wenn Du reich bist, wenn Du die richtigen Leute kennst, wenn Du mächtig bist, bist Du wertvoll. Nur dann bist Du wert, bestimmend zu sein. Nur dann darfst Du mitreden, wenn es um Gesetzgebung und staatliche Maßnahmen geht. Sonst nicht!“

Das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein demokratischer Institutionen macht also möglicherweise für unseren psychischen Zustand einen weitaus größeren Unterschied als wir manchmal meinen. Denn die Demokratie beantwortet die Frage nach dem Wert jedes Menschen auf der politischen Ebene im Unbedingtheitsmodus, während aristokratische und tyrannische Gesellschaftsformen NUR bedingten Selbstwert kennen: Im Privaten wie im Politischen.

Undemokratische Gesellschaften sind mithin Gesellschaften, mittels derer wir einander unter permanenten Stress stellen, „gut genug“ zu sein. Es sind entschieden hierarchische Gesellschaften, die starke Unterschiede hinsichtlich unserer Wertigkeit erzeugen.

Solche Wertigkeits-Unterschiede entstehen zwischen uns im Privaten, in unserem Alltagsleben ohnehin. Die Frage ist, ob wir sie auch im Politischen noch einmal, also zusätzlich brauchen.

Die Demokratie beantwortet diese Frage nämlich mit einem entschiedenen „Nein!“

Und trägt damit höchstwahrscheinlich zu einer sehr grundlegenden Entspanntheit der ganzen Gesellschaft bei. Denn Menschen, die ihre eigene Wertigkeit kontinuierlich in politischen Prozessen gespiegelt bekommen, die auf eine gewisse Fraglosigkeit in ihrem Selbstwertempfinden zurückgreifen können, weil man gemeinsam diese Spiegelungen beständig praktiziert, solche Menschen sind deutlich entspannter, offener, gelassener, auch innovativer.

Soviel Küchenpsychologie, soviel Selbstverständnis können wir uns im Politischen erlauben.