Soweit ich erkennen kann, pflegen wir heute meist einen Begriff von Intelligenz, der sich nicht weit von dem Begriff von Klugheit unterscheidet, denn z.B. auch Thomas Hobbes im 1651 erschienen „Leviathan“ benutzt. – Unser Begriff von Intelligenz scheint sich also über die Jahrhunderte nicht sonderlich weiterentwickelt zu haben.

„Intelligenz“ sei demzufolge die Fähigkeit, Dinge zu berechnen, logische Kausalketten zu bilden, Ursache und Wirkung in einer möglichst langen, möglichst umfangreichen Reihenfolge nachzugehen. Oft auch in überprüfbarer, reproduzierbarer Form, die „zutreffende Prognosen“ ermöglicht.

Wer besser rechnen kann, wer längeren Kausalketten folgen kann, ist demzufolge „intelligenter“.

Dabei spielt die Wichtigkeit der berechneten Dinge keinerlei Rolle. Intelligenz ist damit befreit von „Wesentlichkeit“. Auch jemand, der die Ursachen für die Entstehung der besonderen Geschmacksqualitäten von Ohrenschmalz bis in die hintersten Winkel des Universums verfolgen kann, ist in jenem Sinne „sehr intelligent“.

Beruflich begegnen mir immer wieder mal Menschen mit einem „IQ“ von jenseits von Gut und Böse. Menschen, die nach allem, was ich wahrnehmen kann, deutlich intelligenter sind als ich selber.

Einige dieser Menschen haben massive Probleme mit ihrem eigenen Leben. Sie kommen nur schwer mit sich selber und mit anderen klar. – Es wäre natürlich leicht, diesen Umstand darauf zu schieben,

a) dass Lösungskompetenzen immer auch Probleme von entsprechendem Ausmaß anziehen. „Wo Lösungsfähigkeiten sind, entstehen entsprechende Probleme fast ganz von allein“.

oder b) dass sozusagen „die anderen“ das Problem seien, die diese ach so intelligenten Menschen einfach nicht verstehen, sie beneiden, ihnen Steine in den Weg legen. – Man kann also Nietzsches Übermenschen-Mythos kaufen, wenn man glaubt, dass einen das auf anregende Weise unglücklich macht.

Meine Einschätzung geht in eine etwas andere Richtung: Da Intelligenz uns nur wenig bis gar nicht dabei hilft wahrzunehmen, was wichtig ist, weder für einen selbst noch für andere Menschen, sondern eine schlichte Rechenleistung ist, die sich auf alles mögliche beziehen kann, steigert Intelligenz unsere Dissoziationsfähigkeit. Und damit das Potential, sich recht weit von dem zu entfernen, was man eigentlich gerade braucht.

Frei nach dem Motto: „Wir wussten zwar nicht die Richtung, dafür verdoppelten wir unsere Anstrengungen, dorthin zu gelangen“, können wir auf sehr intelligente Weise vollkommen verblöden. Gewissermaßen steigern ganz bestimmte Formen von Intelligenz die Fähigkeit zu ganz bestimmen Formen von Verblödung.

Es ist also wohl eher nicht die schuld „der anderen“, wenn Menschen mit besonders ausgeprägten Rechenleistungen auffällig häufig ganz besonders unglücklich wirken. Und es mag zwar stimmen, dass mit steigenden Fähigkeiten die Herausforderungen größer werden, die einem zuwachsen. Doch ob das Herausforderungen sind, in denen man sich überhaupt befinden will oder befinden müsste, ist damit nicht gesagt.

Denn höchstwahrscheinlich gibt es intelligentere und weniger intelligente Formen, von einer ganz ordentlichen Rechenleistung Gebrauch zu machen. Das Ausmaß einer Fähigkeit bestimmt noch lange nicht die Gegenstände, auf die sie angewandt wird.

Zumindest begegnen mir immer wieder Menschen, die nicht durch einen unglaublichen Wahnsinns-IQ herausstechen, sondern dadurch, dass sie die kognitiven Fähigkeiten, die sie haben, „zu friedlichen Zwecken“: zur Befriedigung sowohl eigener Bedürfnisse wie der von anderen Menschen einsetzen. Und in diesem Sinne wesentlich „erfolgreicher“ sind als so manch ein Anderer mit einer überaus beeindruckenden Rechenleistung, mit der er aber leider irgendwie so gar nichts Befriedigendes anzufangen weiß.

Auch wenn man die Thematik „intelligenter Gebrauch unserer Intelligenz“ also zu einer individuellen Angelegenheit machen kann, hindert uns das nicht wahrzunehmen, dass uns zugleich auch gesellschaftliche, intersubjektive Zugänge zum selben Thema möglich sind:

Also z.B. was wir gemeinsam für wichtig halten und was wir gemeinsam für weniger wichtig halten.

Oder wie wir uns selber verstehen und wie wir daher unser Miteinander gestalten.