Bekanntlich besteht Demokratie zentral aus einer gezielten, vorsätzlichen Entprofessionalisierung von Politik.

Da dieser Impuls aus der Antike kommt, also von der Wurzel der Demokratie her, stellt sich für uns heute damit unmittelbar die Frage, welchen Teil unseres Staatswesens wir gut entprofessionalisieren können und bei welchem Teil das eine weniger gute Idee ist.

Denn unter modernen Bedingungen dürfen wir voraussetzen, dass ein Staat existiert im Sinne von: ein Bürokratieapparat, professionelle Beamte oder Angestellte des Staates. Wir können diesen Professionalisierungsgrad unserer Politik heute nur schwer in Frage stellen. – Außer natürlich wir verspüren alle große Lust darauf, für eine minimale Aufwandsentschädigung einen großen Teil unserer Zeit als Sachbearbeiter im Einwohnermeldeamt, Arbeitsamt oder Finanzamt, als Laienrichter, in unseren zahlreichen Aufsichtsbehörden oder ähnlichem zu verbringen. Nicht als Beruf wohlgemerkt, sondern in unserer Funktion als Bürger, wobei solche Tätigkeiten dann zu unseren selbstverständlichen Bürgerpflichten gehören, die wir turnusmäßig wahrnehmen. Dieses unser „politisches Engagement“ ginge dann jeweils zulasten unserer Zeit als Privatmenschen. Unser Privatleben würde unter einer solchen allgemeinen Entprofessionalisierung von Politik derart leiden, dass sie zumindest mir unter modernen Bedingungen als unvorstellbar erscheint.

Nach meinem Dafürhalten ist es für eine Demokratie unter modernen Bedingungen (im Unterschied zur griechischen Antike, die keinen „Staat“ oder keine „Bürokratie“ im heutigen Sinne kannte) aber auch keineswegs nötig, sämtliche Staatsämter zu entprofessionalisieren. Dafür, dass wirklich eine Demokratie entsteht, ist es lediglich nötig, dass die zentrale Kontrolle über den gegebenen staatlichen Apparat nicht in den Händen einiger weniger von uns, sondern in den Händen aller Bürger gleichermaßen liegt.

Offenbar braucht Demokratie in der Moderne, dass geloste Bürgergremien die zentrale Kontrollmacht über die Staatsgewalt ausüben. Da der Staatsapparat in sich selbst hierarchisch organisiert ist, mit Weisungsbefugnis, Einstellungsbefugnis, Versetzungsbefugnis, Kündigungsbefugnis etc., ist es nötig, die Demokratie „ganz oben“ in diesem Apparat zu etablieren, um ein demokratisches Gemeinwesen, einen demokratischen Staat zu bekommen.

Ganz organisch orientiert sich der Beamtenapparat dann „am Gemeinwohl“, d.h. an allen Bürgern gleichermaßen, wenn eben diese Bürger alle gemeinsam diesem Apparat gegenüber in einer Macht- und Weisungsposition befinden.

Mir persönlich ist kein anderes Verfahren bekannt, das eine Garantierung dieser Gemeinwohlorientierung des Staates leisten könnte, außer eben dem demokratischen Losverfahren wie wir es aus der antiken Demokratie in Athen kennen.

Anders als in der Antike ist es aber nicht nötig, dass wir alle einen Großteil unserer Zeit als aktive Politiker verbringen. Es ist lediglich nötig, dass wir gelegentlich zentrale Entscheidungsmacht ausüben, um zu gewährleisten, das unser Staat wirklich demokratisch ist. Eben immer dann, wenn das Los auf uns fällt. Und diese Macht üben wir auch nicht alleine, also despotisch aus. Denn das wäre gegenüber unserem gegenwärtigen, bereits erreichten Demokratisierungsgrad kein Fortschritt.

Diese Kontrollausübung von uns allen, als Bürgern, führen wir vielmehr gemeinsam aus, in einem miteinander abgestimmten und informierten Zustand. Es wird also gleichsam erst ein „gemeinsamer Bürgerwille“ ausgeformt, bevor dieser Wille auf den armen Staatsapparat (und damit auf uns alle als Privatmenschen) losgelassen wird. – Nach allem, was wir bisher über solche Verfahren wissen, wirkt sich eine solche Ordnung extrem verträglich, integrativ und sogar innovativ auf unsere Politik und unseren Staat aus.

Nach meiner Einschätzung wäre eine solche Weiterentwicklung unserer Verfassung zugleich eine Entlastung für uns alle, also für alle am Staat beteiligten Menschen, in gleich welcher Rolle.