Es ist eine sehr naive Annahme, wenn wir glauben, dass es immer Politik gibt. Dass es Politik immer gegeben habe und immer geben wird. Es ist eine Annahme aus einem Politikbegriff heraus, den man überflüssig nennen kann.

Die einfache Wahrheit über Politik ist: Wir machen Politik alle zusammen. Oder es gibt keine Politik. Schon der Ausschluss eines einzigen Bürgers – so plausibel uns die Gründe für diesen Ausschluss auch scheinen mögen – zerstört den politischen Raum. Politik ist das einzige, was wir „alle gemeinsam“ tun müssen. Wenn wir denn überhaupt Politik miteinander haben wollen.

Und es gibt auch gerade heutzutage deutliche Hinweise darauf, dass wir Menschen Wesen sind, die Politik dringend brauchen. Das macht die Passivierung einzelner von uns, also dass wir sie zu reinen Objekten von Politik machen und nicht zugleich auch zu Subjekten von Politik, zu einer ziemlich dummen Idee. Der Klarheit halber müssen wir eigentlich sagen: „Zu Objekten von Herrschaft machen“. Denn nur in einer Herrschaft sind die einen von uns reine Subjekte und die anderen reine Objekte von gesellschaftlicher Macht. Dort, wo Politik endet, beginnt automatisch Herrschaft. Politik braucht die aktive Beteiligung aller Bürger an ihr, um überhaupt zu existieren. Alles andere wird über kurz oder lang zu einem einzigen großen Spiel um Sieg und Niederlage, um Herrschaft und Untertanentum.

Politik nicht als Machtkampf, sondern als Selbstbefreiung von ansonsten unvermeidlichen Machtkämpfen

Der ursprüngliche Sinn von „Politik“ war es, künstlich einen Raum zu schaffen, in dem wir uns für eine begrenzte Zeit von allen Macht- und Statusfragen entlasten. – Und möglichst aus diesem „machtfreien Raum“ heraus Gesetze und allgemeine staatliche Maßnahmen zu bestimmen.

Unsere außerpolitischen Versuche, miteinander Probleme zu klären, auf unsere gleichzeitig vorhandenen Bedürfnisse einzugehen, sind durchzogen von Macht- und Statusfragen, die die Bedürfnisklärung blockieren. Es wird nicht „sachlich“ (und das heißt in diesem Fall paradoxerweise: bedürfnisbezogen) gesprochen und gehandelt, sondern es wird vor allem auf Statusabsicherung geachtet. Und dieser Fokus auf eigene Statusabsicherung bzw. Statusverbesserung führt zu einem völlig anderen Reden und Handeln.

Ohne Politik sind solche Machtdynamiken, die produktive zwischenmenschliche Lösungen blockieren, nicht auflösbar. Das ist niemandes Schuld. Es ist kein individuelles Problem. Niemand „macht etwas falsch“. Niemand ist „böswillig“. Niemand ist „dumm“. – Es handelt sich schlicht um einen Systemeffekt, der viel mit den Folgen des Faktums zu tun hat, dass wir intelligente, antizipierende Wesen sind.

Diese Art von Problemen wären also nur durch kollektive Lobotomie aus der Welt zu schaffen. Anders gesagt: Nur Götter und Tiere brauchen keine Politik. Götter nicht, weil sie – per definitionem – unbedürftig sind. Tiere nicht, weil ihre Antizipationsfähigkeit nicht ganz an die unsere herankommt. – Aus den gleichen Gründen bin ich auch fest überzeugt, dass die Artificial Intelligence, die wir erschaffen politikfähig ist. Oder korrekter: Politikbedürftig. Denn sie erfüllt ebenfalls beide Kriterien: Sie hat als materielle Entität zwangsläufig Bedürfnisse. Und sie ist ab einem bestimmten Komplexitätsgrad ihrer Selbstbezüglichkeit antizipationsfähig, was sie Handlungen ihrer menschlichen Interaktionspartner angeht. Und damit entstehen ganz zwangsläufig Statusfragen. Statusfragen, die guten, wechselseitigen Bedürfnisklärungen im Weg stehen. Wechselseitiges Wohlwollen errodiert ohne politische, ohne machtfreie Räume ganz von allein. Zwangsläufig.

Politik, wenn wir sie richtig verstehen und institutionalisieren, gibt uns hingegen die Möglichkeit, uns einander zuzuwenden, ohne zugleich die Stärkung/den Verlust von Machtpositionen im Hinterkopf zu haben. – Unsere Angst „den kürzeren zu ziehen“, „untergebuttert“ oder „über den Tisch gezogen“ zu werde, wird durch den Raum des Politischen strukturell beseitigt.

Daran, dass wir heute „Politik“ ganz anders empfinden, erleben und einschätzen, können wir ablesen, dass wir in Wahrheit derzeit gar keine Politik haben.

Keine Politik erzeugt keine Politik erzeugt keine Politik erzeugt…

Politik ist also das Zur-Verfügung-Stellen einer sozial angstfreien Struktur, eines angstfreien Kontexts, eines angstfreien Raums. – Wir selbst werden dadurch zu „doppelbödigen Wesen“, den wir sind dabei doppelt aktiv, auf zwei verschiedenen Ebenen: Wir sind es selbst, die diesen Raum zur Verfügung stellen. Und wir sind zugleich auch die, denen dieser Raum zur Verfügung gestellt wird, die also „in ihm“ agieren. Wir stellen uns Politik selbst zur Verfügung, als „Erholung“ von den niemals endenden Machtdynamiken im Privaten.

Politik ist derjenige Raum, in dem das allgemeine Ringen um Status und Anerkennung für eine begrenzte Zeit Pause hat und von uns zum Erliegen gebracht wird.

Aus der Erfahrung eines fortdauernden Politikmangels heraus wird es für viele von uns unvorstellbar, dass es überhaupt einen Zustand gibt, in dem Statusfragen gerade einmal keine Rolle zwischen uns spielen; in dem durchgängig von allen Beteiligten konstruktiv, zugewandt und lösungsorientiert gesprochen und gehandelt wird.

Politiklosigkeit erzeugt bei uns die Annahme, dass so etwas wie Politik völlig möglich ist. Und natürlich erscheint uns dann auch die Vorstellung völlig absurd, man könne den politischen Raum systematisch erzeugen. – Denn das hieße zugleich: Dass wir im Grunde alle selber schuld sind an dem Leid, das wir aneinander erfahren. Nicht individuell, als einzelne. Sondern kollektiv, als Gesellschaft.

Die Annahme, dass wir selbst etwas tun können, obwohl wir Ohnmacht erleben, ist in der Regel mit einem Sinnlosigkeitsgefühl verbunden. Das heißt: Es vergrößert zunächst unser empfundenes Leid. Denn sich in etwas Unabänderliches zu fügen ist immer noch leichter als die Annahme, man hätte auch schon früher etwas ändern können.

Die Möglichkeit von Politik erscheint uns also als „irreal“. Und sie erscheint uns auch erst recht nicht „machbar“. – Und das ist ja auch in soweit nicht ganz falsch, als es uns sicher unmöglich ist, unser ganzes Leben im politischen Raum zu verbringen. Doch für eine begrenzte, wiederholbare Zeit ist Politik sehr wohl herstellbar. Und das immer. Umständeunabhängig. Hinzu kommt, dass jedes bedürftige, antizipationsfähige Wesen „politikfähig“ ist. Auch das bestreiten wir ja gerne aus einem politiklosen Zustand heraus, weil es uns in jenem Zustand eben anders erscheint.

Krieg und Innovation, Politik und Innovation

Wir können Politik folgendermaßen verstehen: Kein Kämpfen, sondern eine gesellschaftliche Erholung vom allgemeinen Kämpfen. – In dieser von uns künstlich herbeigeführten „entspannten Atmosphäre“ besteht für uns die Möglichkeit uns unserer Bedürftigkeit gefahrlos zuzuwenden.  Und von dort aus, von diesem Ort der Zugewandtheit her, gemeinsam neuartige Lösungen zu entdecken. Lösungen, die uns im vor- und außerpolitischen Raum niemals einfallen würden oder von dort aus gesehen als unrealisierbar erscheinen.

Die Innovativität des politischen Raums hat sehr viel mit der erwähnten Angstfreiheit zu tun, die er künstlich etabliert. Neue soziale Lösungen werden in der Politik deswegen möglich, weil die Statusfragen in der Politik ausgeschaltet sind. Diese Abwesenheit von Statusfragen lässt kollektive Kreativität entstehen. Das weiß und nutzt man heutzutage z.B. auch in einigen unserer Unternehmen.

Wir entscheiden in der Politik aus einer allgemeinen Verbundenheit heraus, die wir im Privaten so nicht kennen. Und dort ja auch gar nicht kennen können.

Privat lässt sich der allgemeine Kampf um Anerkennung nicht zum Erliegen bringen. Politisch ist das möglich. Mehr noch: Das ist der Kern, die eigentliche Aufgabe von Politik. Und wir sollten aufhören, etwas „Politik“ zu nennen, das dieser Aufgabe nicht einmal ansatzweise gerecht wird.

Wir sehen das auch historisch, an der Herausbildung von Politik. Vielleicht erkennen wir den Sinn von Politik mit Blick auf ihren Entstehungsort sogar leichter als mit dem Blick auf irgendeinen anderen Sachverhalt: Wie wir Menschen ohne Politik miteinander umgehen, wie wir darüber ganz unvermeidlich in tausend Krisen miteinander geraten, und dass Politik ursprünglich erfunden wurde, um diese soziale Ausweglosigkeit dauerhaft aufzulösen. – Mit überraschendem Erfolg.

Es ist für uns nahezu unmöglich, unsere eigene Bedürftigkeit und die unserer Mitmenschen gleichzeitig wahrzunehmen, solange Machtfragen im Raum stehen. Denn solange unser Status relativ zu dem unserer Mitmenschen ein Thema ist, wird jede Bitte um Zugewandtheit zu einem Schachzug in einem Spiel, in dem es letztlich um die Maximierung des eigenen Status‘ in der Gesellschaft geht. Jeder „Sieg“ zahlt ein in die weitere eigene Ausgangsposition in einem niemals endenden Krieg. Und genauso jede „Niederlage“. – Und Menschen, die freundlich und zugewandt in einen solchen Kontakt gehen, sind beinahe automatisch die Verlierer in jenem „großen Spiel“. Menschen wie z.B. Donald Trump verstehen das sehr genau und ziehen ihre ganz eigenen Schlüsse aus jenem Sachverhalt.

Doch natürlich verlieren wir alle in einem solchen nicht-kooperativen Spiel. Allerspätestens seit Thomas Hobbes ist das Wissen darüber in einer überaus detaillierten und klar ausformulierten Form verfügbar. Denn ein solches Spiel, in dem sich für uns alles ständig um Gewinnen und Verlieren drehen muss, können wir nur dadurch gewinnen, dass wir uns gezielt von unseren gegebenen, menschlichen Bedürfnissen abwenden. Gute Krieger sind schlechte Empathen. Und umgekehrt.

Gesellschaft als einziger großer Kampf um Statusgewinne hat den Effekt, die Empathie mit uns selbst und miteinander so weit wie nur möglich zu minimieren. Erst durch Politik, die uns selbst von unserer eigenen Statusfrage frei stellt, ermöglichen wir uns einen Ausstieg aus dieser allgemeinen Empathiereduktion. Im politischen Raum beginnen wir, uns neu und anders wahrzunehmen. – Wir entdecken Neues an uns selbst.

Das Strategische, das in Kämpfen wichtig und entscheidend ist, hat einmal seine Ruhe. Und genau durch diesen Wechsel von strategischer Kommunikation zu authentischer Kommunikation kommt Neues zwischen uns ans Licht.

Die heute sehr verbreitete Vorstellung, gesellschaftliche Innovationen entstünden v.a. aus Krieg, d.h. aus zwischenmenschlichem Unverständnis füreinander, ist psychologisch naiv.

Nur mangels psychologischer Klarheit glauben wir, es seien v.a. Krieg, Kampf und strategisch geführter Konflikt, aus denen Innovationen hervorgingen. In unserem Alltag merken wir hingegen ganz unmittelbar, wie solche Verhältnisse jenen natürlichen Informationsfluss zwischen uns weitgehend zum Erliegen bringen, der für sinnvolle Innovationen unverzichtbar ist.

Der schlechte Zustand niemals endender Machtkämpfe wird sich schön gedacht, indem man ihm solche „positiven Aspekte“ andichtet. Solche Verklärungen nehmen wir immer dann vor, wenn wir annehmen, dass wir etwas Schlechtes ohnehin niemals beenden können. Wir wollen uns dann in unser vermeintlich unvermeidliches Schicksal fügen und es uns in diesem Unguten gedanklich so bequem wie eben möglich einrichten.

Darüber wird aber verdrängt: Aus Zugewandtheit entstehen nicht nur mehr Innovationen denn aus sich-selbst-blockierendem Konflikt, aus Zugewandtheit entstehen auch qualitativ bessere Innovationen.

Politik, wenn sie Politik ist, schafft Veränderungen, die wir unmittelbar als sinnvoll erleben. Die nicht Veränderung als Selbstzweck sind. Und auch keine bloßen Schachzüge in einem endlosen Krieg aller gegen alle.

In der Politik befruchten sich die Bürger wechselseitig mit ihrem zuvor informellen Wissen. Sie ist die Geburtsstätte sozialer Innovationen nicht aus Zufall, sondern aus aufrichtiger Verbundenheit miteinander, die wir ganz bewusst zwischen uns herstellen.

Politik entsteht aus Entschluss zur Politik. Ich würde ja sagen: Sie entsteht aus Einsicht in unsere eigene Natur.