Wir haben es ja zu einer allgemeinen schlechten Gewohnheit gemacht, dass wir uns selbst geringschätzen. Zwar sprechen wir immer mal wieder so: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, doch zugleich tasten wir selbst unsere Würde gewohnheitsmäßig an.

Wir tun das, indem wir z.B. so denken, so sprechen, so handeln: „Wir dienen der Institution XYZ.“ Oder indem wir von anderen Menschen erwarten, sie sollen bitteschön „der Institution XYZ dienen“.

In diesem Verständnis des Verhältnisses zwischen Menschen und Institutionen, also zwischen uns selbst und unseren Institutionen, entsteht viel unnötiges Leid, das wir leicht auflösen können, wenn wir die Dinge wieder ins Lot bringen und ein sinnvolles Verhältnis zwischen uns und unseren Institutionen etablieren.

Institutionen und Menschen – Wer dient wem?

Das geht damit los, dass wir uns klar machen, dass unsere Institutionen uns helfen, einander besser zu dienen. Wechselseitig. Nicht als hierarchiebegründendes Verhältnis zueinander, sondern als ein empathienutzendes und empathieförderndes Verhältnis miteinander.

Institutionen „dienen“ sozusagen unserem wechselseitigen Dienen.

Aber wir „dienen“ niemals Institutionen. Weder „Ländern“, noch „Unternehmen“, noch anderen technischen Artefakten.

Dinge, die wir uns schaffen, um uns unser (Zusammen-)Leben zu erleichtern, sind Instrumente, die stets darauf überprüft werden können und müssen, ob sie uns noch gut dienen.

Oder ob es bereits andere Techniken, Instrumente, Institutionen zur Verfügung stehen oder herstellbar sind, mit denen wir einander noch einmal deutlich besser dienen können, als mit den bereits von uns geschaffenen.

Verstehen wir das Verhältnis zwischen uns selbst und unseren Institutionen auf eine Weise, die uns gut tut, dann stehen immer unsere Institutionen zur Disposition, niemals wir selbst, niemals unsere Gefühle und Bedürfnisse. Vielmehr nehmen wir aus unseren Gefühlen und Bedürfnissen den Antrieb zu ständigen sinnvollen Reformen unserer Institutionen. Die Antriebe und zugleich die Kriterien. Es sind unsere eigenen, körperlichen Zustände und Impulse, an denen sich unsere Institutionen messen lassen.

Setzen wir dagegen unsere gegebenen Institutionen absolut, entziehen sie also der Möglichkeit sinnvoller Reformen, dann passiert folgendes: Wir dienen plötzlich nicht mehr einander, indem wir dabei unsere Institutionen nutzen, sondern wir dienen plötzlich unseren Institutionen. Es kommt zu einer metonymischen Sinnverschiebung. Was eben noch reines Mittel war, ist nun Zweck. Was eben noch Zweck war…

…ist nach den ewigen Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie plötzlich aus unserem Fokus verschwunden. Wir sind nur noch darauf fokussiert, einer Institution zu dienen. Wir verlieren uns in einer abstrakten, absolut gesetzten, hirn- und vor allem empfindungslosen „Pflicht“. In absoluten, losgelösten Aktivitäten, die niemand braucht. In Tätigkeiten, die niemandem nutzen, aber vielen schaden.

Es ist spürbar schlecht für uns, wenn wir bei unseren Tätigkeiten den unmittelbaren Bezug zueinander verlieren. Und wir leisten diesem Bezugsverlust Vorschub, indem wir Redeweisen einführen, wir würden unseren eigenen Institutionen „dienen“, die wir selbst aus uns als Hilfsmittel hervorbringen. Unser gedanklicher Fokus verschiebt sich auf diese Weise weg von uns und weg von unseren Mitmenschen, hin zu künstlichen Artefakten und ihrer Funktionsweise und Funktionsfähigkeit.

Das Ergebnis einer solchen Verschiebung ist: Wir machen uns selbst zu Artefakten unserer Artefakte. – Das kommt manchmal subtiler zum Ausdruck, manchmal weniger subtil. Z.B. wenn wir in Zusammenhang mit unseren Unternehmen davon sprechen, es gäbe „Stellen zu besetzen“, so ist das Bild vom Verhältnis zwischen Institution und Mensch ganz offensichtlich das Bild von einer großen Maschine, für die nun ein passendes Menschenschräubchen gesucht wird, das sich bitte reibungslos in das fraglos unverändert bleibende Gebilde einfügen soll. – Der Mensch steht in seinem So-Sein zur Disposition, die Institution nicht.

Doch das für uns deutlich bessere Verhältnis ist genau umgekehrt: Institutionen sind immer instrumentell, Mittel zu menschlichen Zwecken, sie sind austauschbar. Und sie begründen, je nach Bauart, bessere oder schlechtere Beziehungen zwischen uns. Beziehungen, in denen wir uns jeweils besser dienen können oder eben schlechter.

„Dienst an Institutionen“ ist daher schlimmer Unsinn, der zu einer Ontologisierung unserer austauschbaren Institutionen führt, und damit zu einem dauerhaften Sinn- und Beziehungsverlust für uns.

Wir stellen dann nicht mehr unser eigenes Wohlergehen miteinander an erste Stelle, sondern beliebige Dinge, die ursprünglich nur experimentelle, immer-vorläufige Hilfsmittel unseres Wohlergehens waren.

Die Folge ist ein unmenschlicher Nihilismus: Eine allgemeine Entfremdung von dem, was wirklich wichtig für uns ist.

Unsere Institutionen werden so Zwecke für uns, anstatt das zu bleiben, was sie besser bleiben sollten: Mittel für uns.

Sinnlosigkeitserleben und Sinnerleben mittels Institutionen

Wenn sich unser alltägliches Leben heute immer wieder „sinnlos“ anfühlt, dann deswegen, weil wir „Institutionen dienen“ anstatt einander wechselseitig behilflich zu sein.

Wir lassen durch diese Redeweise, durch dieses Denken unsere eigenen Institutionen zwischen uns treten. Wir unterbrechen dadurch den inneren Kontakt, unsere tätige Verbundenheit miteinander. Und eben so erzeugen wir ein starkes Sinnlosigkeitserleben in uns. – Denn unmittelbares Behilflich-Sein erleben wir Menschen als sinnvoll. Es belebt uns, anderen etwas Gutes zu tun und diese „Wohltat“ emotional gespiegelt zu bekommen. Noch der letzte Techniker und Manager träumt heimlich von Sinn, nicht von Macht oder ewigem Nachruhm. Er träumt davon, dass das, was er tut, für andere Menschen echte Bedeutung hat. Und echte Bedeutung hat es eben, wenn das, was einer macht, etwas (wohltuendes) mit einem anderen macht.

Die Lösung für das Problem der zwischenmenschlichen Entfremdung, die in der Moderne allgemein geworden ist, besteht in einer strikten Sinnkopplung aller unserer Institutionen: In einer ständigen Überprüfung, ob uns unsere Institutionen wirklich noch dienen. Ob unsere Institutionen uns wirklich helfen, einander behilflich zu sein. Oder ob wir andere Institutionen hervorbringen können, die wir als wohltuender für uns erleben. Die es uns erleichtern statt erschweren, aufeinander bezogen zu sein.

Diese ständige Überprüfung unserer Institutionen kann als eine Operationalisierung des Satzes verstanden werden: Die Würde des Menschen steht für uns über allem. Die Würde des Menschen ist in all unserem Tun und Handeln enthalten.

Und wir tun gut daran, unseren Instrumenten und Hilfsmitteln dabei nicht mehr Würde einzuräumen als uns selbst. Keine Institution steht „über“ auch nur einem einzelnen Menschen. Jeder Mensch kann jede Institution in Frage stellen, wenn er den Eindruck hat, es seien bessere Institutionen möglich: Institutionen, die ihm oder anderen Menschen besser dienen.

Wir können jedes Mal, wenn wir selbst oder andere wider einmal vom „Dienst an Institution XYZ“ sprechen, uns diese Redeweise freundlich übersetzen in:

„Ich halte diese Institution hier für zweckmäßig und aufrechterhaltungswürdig. Oder kennst Du vielleicht doch eine NOCH bessere?“

Und wenn wir den Eindruck haben, „uns sei besseres möglich“, dann werden wir in ein freundliches, kooperatives Gespräch miteinander eintreten. In ein freundliches Gespräch darüber, welche Institution welchen unserer Bedürfnisse besser dient. Und welche menschlichen Bedürfnisse wir überhaupt gerade als besonders dringlich und wichtig empfinden.

Und das ist eine niemals endende, ewige Aufgabe, die solange bestehen wird, solange es Menschen gibt.