Die Demokratie lebt von einer Erfahrung bzw. Vorstellung, die unserer unmittelbaren Intuition widerspricht:

Dass nämlich die gleichen Menschen („Elemente“) etwas völlig anderes ergeben, wenn man sie auf andere Weise zusammenmischt, wenn sie auf andere Weise zusammenkommen.

Demokratie geht also davon aus, dass nicht „die Menschen sich ändern müssen“, sondern „nur“ die Rahmenbedingungen ihres Zusammenkommens. Bzw.: Demokratie baut darauf auf, dass wir uns von ganz alleine verändern, dadurch, dass und wie wir uns begegnen. Das heißt auch: In der Demokratie vertrauen wir uns selbst.

Demokratie kann damit als „soziale Alchemie“ verstanden werden. Und ähnlich wie der Alchemie der (nicht-menschlichen) Stoffe haftet ihr die Unglaubwürdigkeit an. Nur dass im Fall der Demokratie eben tatsächlich anderes passiert, wenn wir anders zusammenkommen.

Die Demokratie baut damit auf auf einer ganz allgemeinen menschlichen Eigenheit: Je nach sozialem Kontext sind wir andere. Wir „verwandeln uns“, je nachdem in was für einem sozialen Raum wir uns gerade aufhalten. In unerfreulichen Fällen ist uns diese unsere Wandelbarkeit auch meist voll bewusst. – Von erfreulichen Fällen wollen wir aber oft gar nicht so viel wissen. Wir trauen unserer eigenen Wandelbarkeit nicht.

Demokratie lebt also ganz zentral davon, wie genau „wir uns selbst zusammenpuzzeln“. Wie genau wir aus unserer Vielheit und Verschiedenheit „ein Ganzes machen“.

Demokratien: Gesellschaften, die sich selbst bewusst gestalten können

Ich vermeide den Begriff des „social engineering“ meistens. Und das aus guten Gründen: Das (platonische) Bild des Ingenieurs, der die Gesellschaft formt, nährt die Annahme, es gäbe überhaupt eine souverän-absolute Position außerhalb der Gesellschaft, von der aus sie – eben von außen – geformt werden könnte.

Demokratie ist das gerade Gegenteil: Hier formt sich die Gesellschaft selbst. „Aus sich heraus“.

Die großen Einsichten, die Solon und Kleisthenes menschlichen Gesellschaften mitgegeben haben, bestehen darin, dass sie die „Social Engineering“-Position zwar angenommen, aber zugleich sofort wieder aufgelöst haben: Sie haben die Formung der Gesellschaft der Gesellschaft zurückgegeben und nicht eine „Tyrannen-Position“ auf Dauer gestellt, also institutionalisiert. Vor allem in den Reformen des Kleisthenes finden wir eine große Klarheit darüber, dass es für menschliche Gesellschaften einen gewaltigen Unterschied macht, wie sich die Bürger untereinander begegnen, das heißt: wie „Bürgerschaft“ institutionalisiert wird.

Entgegen der auch in der griechischen Antike verbreiteten Meinung kann man in den Kleisthenischen Reformen einen Ausdruck der Einsicht sehen, dass die gewalt- und kampffreie Zusammenkunft der Bürger Bürgerschaftlichkeit überhaupt erst nährt und begründet. Und eben auch überhaupt eine Einsicht darin, dass wir Menschen uns regelmäßig in freundschaftlichem Rahmen begegnen und gemeinsam tätig sein müssen, um einander vertraut zu sein, um einander vertraut zu werden.

Die Einsichten hinter den Kleisthenischen Reformen und der Entwicklung Athens zu einer Demokratie decken sich sehr weitgehend mit unseren modernen Erkenntnissen über uns selbst („die menschliche Psyche“) und die freundliche Gestaltung unseres Miteinanders („die menschliche Gesellschaft“). – Schaut man auf heutige Demokratieprojekte und ihre institutionellen Formen und Verfahren, so kann man sich vielleicht sogar darin versteigen zu behaupten, dass noch ein paar Einsichten hinzugekommen sind, die wir aus unseren spezifischen, modernen Erfahrungen mit uns selbst ziehen.

Alchemie mag also Unsinn sein. Soziale Alchemie ist es nicht. Denn wir sehen an konkreten Beispielen, „dass sie funktioniert“. Dass wir uns von „egoistischen“ und „unterinformierten“ Privatleuten in zugewandte, informierte, verständige Bürger verwandeln, die gemeinsam gute Entscheidungen treffen.

Democracy: Social engineering of the people, by the people, for the people

Ähnliches können wir auch über „social engineering“ sagen: Denn social engineering ist sicher Unsinn, wenn nicht sogar verheerend für uns alle, wenn es von einigen Experten betrieben wird, die sich selber für erleuchtet halten oder von anderen dafür gehalten werden. Wir brauchen keine durchdrehenden Gesellschafts-Alchemisten, die an uns allen herumdoktoren, die die Gesellschaft als ihr Laboratorium betrachten, von dem sie aber selbst kein Teil sind, das sie selbst nicht betrifft, von dem sie selbst „abgehoben“ sind.

Wird die bewusste Gestaltung der eigenen Gesellschaft aber nicht die Hände einiger weniger, sondern in die Händer aller gelegt, treten „Formender und Geformtes“ nicht personell auseinander, sondern sind die im Grunde identisch, dann ist der Begriff des „Social Engineering“ unproblematisch. Er entspricht dann ganz klassischen Definitionen von „Demokratie“, denenzufolge in der Demokratie die Herrschenden und die Beherrschten die exakt gleichen Menschen sind.

In der Demokatie sind wir selbst sowohl Herrschende als auch Beherrschte. Wir sind das dort nur in jeweils „verschiedenen Zuständen“: Wir herrschen über uns als politische Wesen und wir werden (von uns selbst) beherrscht als private Wesen. Unsere „alchimistische Verwandlung“ von privaten in politische Wesen ist für Demokratie zentral.

Am Ende ist Demokratie eine „Technik“, ebenfalls im ganz klassischen Sinne des Wortes. Sie mag eine anspruchsvolle Technik sein, eine die die aktive Beteiligung aller Bürger an ihr erfordert, eine, die wir in großer Achtung vor uns selber betreiben. Aber: Gute Politik ist herstellbar. Durch wirkliche Demokratie.

Wenn es nicht so wäre, dann hätten wir alle ein Riesenproblem. Ein völlig unlösbares Problem. Dann wäre es unser unabwendbares Schicksal, dass wir uns immer und immer wieder zerfleischen. Gegenseitige Gewalt, Verletzung, Demütigung, Folter, Vernichtung wären dann erwartbar. Etwas, auf das wir uns geradezu verlassen könnten. Dann hätte Thukydides vollkommen Recht mit seiner Sicht auf die Welt, mit seiner Sicht auf die Gesellschaft, mit seiner Sicht auf uns Menschen.