Ein Teil der Moderne scheint überzeugt zu sein, dass die Würdigung der menschlichen Individualität sich nur im Privaten abspielen könne. Das ist jener Teil, der – völlig zu Recht – die individuellen Freiheitsrechte hochhält und einfordert.

Dass es auch eine politische Würdigung der menschlichen Individualität geben könne, scheint ein Teil der Moderne jedoch völlig auszublenden.

Allenfalls bei Denkerinnen wie Hannah Arendt findet man Ansätze zur politischen Anerkennung der Individualität, und dort in fast schon verschämten, schwachen Ausdrücken wie „Multiperspektivität“. Das scheint mir – bei allem Respekt –  der „Sache“, um die es dabei geht, noch bei Weitem nicht angemessen.

Die Moderne: Von der eigenen Komplexität überrascht

Dass die Individualität: Dass wir alle eine ganze Welt sind, oder vielmehr eine Welt von Welten, und dass keiner von uns „im anderen aufgeht“, kann nämlich vor allem im Politischen Anerkennung finden, während das im Privaten nur sehr schwer möglich ist.

Schon die Grenzen unserer Begegnungsfähigkeit im Privaten sprechen stark dagegen, dass es eine „private Anerkennung unserer Individualität“ überhaupt in ihrer ganzen Schönheit und Fülle geben kann. Wie sollen wir die menschliche Individualität als Privatpersonen würdigen, wenn wir ihr als Privatpersonen gar nicht in ihrer ganzen Pracht begegnen?

Unsere moderne Gesellschaft, so wie wir sie bisher gestaltet haben, kann geradezu als offensive „Anerkennungsverweigerung“ verstanden werden, wenn wir darauf schauen, wie wir unserer Individualität in unseren politischen Institutionen begegnen (nämlich so gut wie gar nicht).

Es wirkt fast so, als wäre die Moderne Gesellschaft selbst etwas überrascht und überfordert von derjenigen menschlichen Vielfalt und Komplexität, die sie selber hervorgebracht hat. – Und als würde sie sich daher schwer tun, im Grunde nun schon über zwei Jahrhunderte hinweg, eine angemessene politische Antwort auf sich selbst zu finden.

Das hat fast etwas Komisches, weil die Antwort eigentlich gar so einfach wäre, weil diese Antwort gar so einfach ist.

Fast könnte man auf den Gedanken kommen, dass diese Antwort uns Modernen einfach deswegen kaum einfällt, WEIL sie uns viel zu einfach ist. So als könnten wir kaum glauben, dass unsere gewaltigen politischen Probleme miteinander so einfach doch nun wirklich nicht auflösbar sein können. – „Das darf doch einfach nicht wahr sein!“ – „Das Problem ist komplex, da muss doch auch die Lösung kompliziert sein!“

Philosophisch gesehen ist dieses Missverständnis ein recht guter Witz. Denn in der Philosophie haben wir ja schon immer gelernt, dass Vielheit und Einfachheit einander wechselseitig bedingen. Es ist sozusagen der Witz der modernen Demokratie, der modernen Anerkennung der in ihr möglichen menschlichen Individualität, dass sie vom Prinzip her einfach sein muss, um der heutigen Komplexität der Menschen, der heutigen Komplexität des menschlichen Miteinanders gerecht zu werden.

In der Kompliziertheit kann die Komplexität kein Land gewinnen.

Einheit durch Individualität

Und es ist als Menschheit ja auch nicht unser allererstes Rodeo. Es gab auch vor unserer Moderne schon menschliche Gesellschaften mit einer starken Tendenz zur Individualisierung und großen Komplexitätsgraden, die daher vor ähnlichen Problemen standen. Vor allem vor dem Problem, wie sich in einer so großen menschlichen Vielheit und Verschiedenheit überhaupt noch Einheit herstellen ließe.

Das Spannende war, dass man die Antwort darin fand, dass man nicht GEGEN die gegebene Individualität, sondern mit ihr und durch sie zur politischen Einheit fand. Ja mehr noch: Dass man realisierte, dass man NUR NOCH durch die Anerkennung der gegebenen menschlichen Individualität zu einer wirklichen Einheit finden konnte.

Und wenn wir genauer nachfragen: Wer zur Hölle denn da überhaupt in der Politik „die menschliche Individualität anerkennen oder würdigen“ kann? Wer ist denn das Subjekt in „politische Würdigung“, „politische Anerkennung“ heutiger Individualität? – Dann ist ja völlig klar, dass die Antwort nur lauten kann:

Wir selber.

Wir selber können unsere Verschiedenheit und Vielfalt anerkennen und würdigen. Indem wir uns selbst politische Institutionen einrichten, in denen wir unserer Verschiedenheit und Vielfalt überhaupt erst in ihrer ganze Fülle und ihrem ganzen Reichtum begegnen.

Indem wir uns handelnd mitteilen, dass jeder Einzelne von uns aktiv an unserem Staat beteiligt sein und ihn mitgestalten muss, teilen wir uns zugleich mit, dass es jeden von uns in seiner ganz eigenen Indvidualität braucht, um das Ganze, dass wir gemeinsam bilden, rund zu machen.

In der Anerkennung der Unverzichtbarkeit des aktiven Staatsbürgertums jedes Einzelnen liegt die eigentliche Würdigung der Individualität. Auch in der Moderne.

Die Würde des Einzelnen = Die Würdigung des Staates / Die Würde des Staates = Die Würdigung des Einzelnen

Ob unsere Individualität, unsere Unverzichtbarkeit und Unersetzlichkeit von uns politisch anerkannt wird oder nicht, hat für die gleichen menschlichen Individuen sehr weitreichende Folgen, die noch weit über unser übliches Denken von „Mitbestimmung“ oder „Beteiligung“ hinausgehen.

„Stolzes Staatsbürgertum“ drückt sich nicht nur darin aus, dass man stolz ist, zum großen Ganzen und Gemeinsamen immer wieder beizutragen. Es drückt sich auch ganz genauso darin aus, dass dieses Große und Ganze einen selbst, in seiner völligen Eigenheit und Eigenartigkeit bejaht und bestätigt. Dass unser Staat jedem Einzelnen mitteilt, dass er stolz ist, dass dieses, genau dieses Individuum in seinem ganz besonderen So-Sein ein Teil von ihm ist.

Und das ist eine „Mitteilung“, die sich nur in der nachdrücklichen Einladung zur wirksamer Partizipation ausdrücken kann. Und „wirksam“ heißt dabei: die ganz spezielle Individualität jedes Einzelnen fließt vorsätzlich in das Staatliche ein. Der demokratische Staat immunisiert sich selbst nicht gegen den Einfluss der verschiedenen individuellen Erfahrungen seiner Bürger, sondern er will und fordert diesen Einfluss. Er stellt ihn sicher.

Der wirklich demokratische Staat ist ein Staat, der zu jedem Einzelnen – für diesen unmittelbar spürbar – „Ja!“ sagt.

Es gibt hier also eine absolute Wechselseitigkeit: Nur ein Staat, der die Individualität aller anerkennt und bejaht, wird auch seinerseits von allen seinen Individuen bejaht. Das ist „recht altes Wissen“, das wir bisher gewohnheitsmäßig ignorieren.

Man könnte in diesem Zusammenhang auch von „Gerechtigkeit“ sprechen: Jeder Staat bekommt genau die Form der Anteilnahme seiner Bürger an ihm, die er verdient. Weil „der Staat“ die Form der Anteilnahme seiner Bürger an ihm ist. Die Bürger in der Art und Weise ihres Teilnehmens am Staat machen den Staat.

Ein Staat, der von uns als „unserer würdig“ empfunden wird, ist damit zugleich ein Staat, der eine ständige Würdigung der Individualität von uns allen darstellt.

Im Staat, im Politischen würdigen wir uns selbst in unserer Vielfalt, in unserer Verschiedenheit. Wir feiern die Komplexität zwischen uns, die wir selbst, aus uns heraus, miteinander geschaffen haben. Und jeden Tag auf’s Neue erschaffen.

Aus diesem Grund ist „Staatsbürgerschaft“ auch eine laufende, fortgesetzte Tätigkeit. Und nicht ein paar Buchstaben auf einem amtlichen Dokument.

 

 

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