Was sind in der Modernen Gesellschaft überhaupt die Möglichkeiten, Menschen in einem Raum zusammen zu bringen?

Ich meine die Frage ganz buchstäblich, physisch. Es ist also nicht unbedingt eine „freundliche Frage“, sondern eher eine sachliche. Auch eine „strenge“, philosophische Frage.

Mir fallen 4 grundsätzliche Arten an, wie das geschehen kann, dass in unserer Modernen Gesellschaft Menschen in einem Raum zusammen kommen. Und das heißt auch: Das Folgende hat den Anspruch auf Vollständigkeit. Es kann jeder für sich prüfen, ob ihm Fälle, Vorgänge, Situationen einfallen, die durch keine der 4 folgenden abgedeckt sind.

1) Durch Gewalt

Wir können die grundsätzliche menschliche Verletzlichkeit ausnutzen, um Menschen in einem Raum zusammen zu bringen. Wir können sie bedrohen.

Unter modernen Bedingungen eines existierenden staatlichen Gewaltmonopols bedeutet das entweder, dass wir „rechtsfreie Räume“ ausnutzen, Nischen, Schlupflöcher, failed states, etc. Oder es bedeutet, dass wir die Staatsgewalt selbst einsetzen. Wobei dann die Frage ist, was das für ein Staat ist, der seine eigenen Bürger zu etwas zwingen muss, dass sie nicht von sich aus tun würden.

2) Durch „schmeichlerische Verführung“

Wir können die grundsätzliche menschliche Bedürftigkeit ausnutzen, um Menschen in einem Raum zu sammen zu bringen. Wir können ihre Notlagen ausnutzen und ihnen Dinge in Aussicht stellen, versprechen, die sie dringend brauchen, um ein gutes Leben zu haben oder um überhaupt am Leben zu bleiben, wenn sie kommen. Dinge, an die sie sonst nicht oder sonst nur sehr viel schwerer herankämen.

Das sieht nach außen „freundlicher“ aus als die Androhung nackter Gewalt. Aber die Frage ist, ob es das wirklich ist. Im Grunde nutzen wir hier nur die Gewalt aus, die bereits da ist, ohne sie selbst anwenden zu müssen. Wir können uns selbst dabei besser fühlen. Wir können das „in aller Unschuld“ tun. Aber in jedem Fall ist auch hier Gewalt und Unfreiheit am Werk.

3) Private Freiheit

Wir können uns auch um Dinge und Aktivitäten und Themen versammeln, „die uns interessieren“ und mit denen wir uns aus freien Stücken beschäftigen wollen.

Das ist unsere private Freiheit. Sie betrifft immer nur einige von uns, da es kaum etwas gibt, das uns alle interessiert. Unsere Interessen führen uns zusammen. Und zugleich führen unsere Interessen uns auseinander. Beim interessegeleiteten Zusammenkommen werden sich manche Menschen niemals gemeinsam in einem Raum wiederfinden. – Und viele von uns finden das auch ganz gut so.

Die private Freiheit ist die Freiheit, ganz bestimmen Menschen auch nicht zu begegnen. Nämlich jenen, „mit denen uns nichts verbindet“.

4) Politische Freiheit

Wir können uns auch um Dinge versammeln, „die uns alle angehen“. Hier steht dann nicht etwas im Raum, worauf ich unmittelbar Lust empfinde, mich damit zu beschäftigen. Das wäre weiterhin eine private Zusammenkunft.

Die politische Freiheit, um die es dann geht, hat eine merkwürdige private Unfreiheit an sich: Weder werden wir fremdbestimmt, indem etwa ein bestimmter Anderer über uns bestimmen würde, dass wir zusammen zu kommen hätten (wie im Fall der Gewaltandrohung oder der Schmeichlerischen Verführung). Noch ist es so, dass es unsere Lust ist, unser Interesse, die uns zur Zusammenkunft trägt. Es ist in der Politischen Freiheit vielmehr der Zufall, der uns auswählt und zusammenbringt.

Und diese Form von Zusammenkunft mündet in ein ganz eigentümliches Freiheitserleben, das man vielleicht schon einmal gekostet haben muss, um es nachvollziehen oder sich vorstellen zu können.

Freiheit durch Zufall? – Die Paradoxie der politischen Freiheit

Dass es eine Form von Freiheitsverzicht gibt, durch den wir uns alle freier fühlen, als ohne diesen Freiheitsverzicht, ist die Paradoxie der politischen Freiheit. Von einem privatistischen Freiheitsverständnis her ist sie kaum zu verstehen. Denn aus einer privatistischen Perspektive betrachtet, ist jede Form von Zusammenkunft, die nicht aufgrund von „Interessen“ erfolgt, entweder erzwungen oder „angereizt“. Das heißt, wir bedrohen oder belohnen Menschen dafür, zusammen zu kommen. Und wir überlassen das Feld des Politischen denjenigen, die private Lust auf „Politik“ verspüren.

Die Folge davon ist, dass nur sehr wenige von uns in den Genuss des Politischen kommen. Nur wenige, wenn überhaupt irgendeiner, erleben dann die Freude der politischen Auseinandersetzung miteinander.

Es ist kurz gesagt die Negation der politischen Lust, die besagt, dass es nur 3 grundsätzliche Arten der Zusammenkunft in der Modernen Gesellschaft geben könne.

In der politischen Freiheit sind es keine „Themen“, die es uns zusammenbringen und die uns gerade besonders interessieren (und motivieren zu kommen). Sondern es sind „Wir“, die das Thema sind. Und es ist keine sonderlich gute Idee, dieses Thema einigen wenigen von uns zu überlassen. Also denjenigen von uns, die gerade Lust auf dieses Thema haben.

Die politische Freiheit lebt mehr vom Prinzip: „Der Appetit kommt beim Essen“. Was uns keinen Grund gibt, gerade dieses gemeinsame Mahl lustlos zu gestalten. Ganz im Gegenteil:

Und wenn wir Politik derart appetitanregend gestalten, dann ist „die Lust an der Politik“ sehr leicht zu entfachen und nur sehr schwer wieder zum Verlöschen zu bringen.

Denn wir Menschen wollen auch unsererseits berühren können, was uns unweigerlich berührt.

Freundlich und uns alle entlastend gesprochen: Es ist ein sehr gesunder Zustand, heutzutage keinerlei Lust auf Politik zu verspüren. Und gleichzeitig wird Politik um so lustvoller und attraktiver, um so mehr Menschen sich an ihr beteiligen.

Die politische Freiheit dürfte einer jener Vorgänge sein, bei dem wir uns selbst aus freien Stücken ein Stück Wahlfreiheit nehmen (nämlich die Wahl, uns auch als vollkommen unpolitische Wesen zu verstehen) und dadurch an Freiheit gewinnen. Das aber ist nur dann nicht paradox, kein reiner Mindfuck oder völliger Selbstbetrug, wenn uns klar ist, dass alle Freiheiten, die wir Menschen kennen, „Freiheit in Beziehung“ sind.

Dass die Zusammenkunft über die Methode des Zufalls keine Unfreiheit stiftet, sondern eine andere Art von Freiheit als wir sie im Privaten pflegen, ist nur dann einleuchtend, wenn uns klar ist, dass wir bereits alle miteinander in Beziehung sind. Die Entscheidung für oder gegen die Zufallsauswahl ist also keine Entscheidung zwischen Freiheit und Unfreiheit. Sondern sie ist eine Entscheidung zwischen besseren und schlechteren Beziehungen, die wir miteinander pflegen.

Denn als Menschen, die auf einem sehr begrenzten Raum mit sehr begrenzten Ressourcen zusammen leben, stehen wir bereits unweigerlich miteinander in Beziehung. Die Wahl, keinerlei Beziehung zueinander zu haben, haben wir nicht. Nur ob das eine bessere oder eine schlechtere Beziehung ist, das können wir versuchen, miteinander bewusst zu gestalten. Der Zufall und die ganz besonderen Zusammenkünfte und die ganz besondere Beziehungsform die er stiftet: Eben die politische Beziehung, das ist Mittel zum Zweck. Und der Zweck ist: Gut miteinander auszukommen.

Gewissermaßen bringt die „Politische Freiheit“ uns nicht in einem Raum zusammen, sondern sie erkennt nur an, dass wir schon die ganze Zeit über bereits in einem gemeinsamen Raum zusammen leben. – Und dass wir daher unweigerliche „Probleme“ miteinander haben, die wir vielleicht besser ganz bewusst miteinander regeln sollten.

Dass die Politik uns via Zufallsauswahl in einem Raum zusammen bringt, ist eine Anerkennung der Tatsache, dass wir bereits in einem gemeinsamen Lebensraum zusammen sind. Obwohl wir uns das nie ausgesucht haben. Obwohl wir im Privaten aus guten Gründen beständig wählen, einander ganz überwiegend aus dem Weg gehen.

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